Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem Gegenstand, der bisher innerhalb der Musikwissenschaft leider nur sehr wenig Beachtung gefunden hat. Dabei ist das Klavierwerk Franz LISZTs – zumindest quantitativ – in erster Linie durch dessen Bearbeitungen geprägt.
Es wird versucht, etwas Licht in ein klavieristisches Verfahren zu bringen, mit welchem im 19.Jh. erhebliches Aufsehen erregt wurde. Zu keiner anderen Zeit innerhalb der Musikgeschichte hat nicht originale Klaviermusik, sondern Übertragungen von Orchester- und anderer Musik aufs Tasteninstrument das öffentliche (!) Interesse aufgerüttelt. Daß hierzu gerade die Werke LISZTs für Klavier zu zwei Händen Hauptgegenstand der Untersuchung sind, liegt auf der Hand – stehen sie doch als die bekanntesten und spektakulärsten, aber auch auf größtem künstlerischen Niveau stehenden Stücke beispielhaft für die gesamte Epoche. Und durch Vergleiche mit den Bearbeitungsverfahren anderer Komponisten soll die LISZTsche Bearbeitungstechnik ein- und abgegrenzt werden, um so auch die Gesichtspunkte herauszuarbeiten, die überhaupt für das Bearbeitungsverfahren im 19.Jh. üblich waren, und wie sie sich geändert haben.
So wurden speziell ausgewählt
- im Falle der Bearbeitung von Opernmusik das Finale von WAGNERs „Tristan“ (LISZT, v.BÜLOW);
- im Falle der Bearbeitung von Orchestermusik die Einleitung zum 1. Satz der 7. Sinfonie von BEETHOVEN (LISZT, BEETHOVEN, BRANDTS-BUYS);
- im Falle der Bearbeitung von Klavierliedern die „Forelle“ von SCHUBERT (LISZT, HELLER);
- im Falle der Bearbeitung von vierhändiger Klaviermusik die „Deux marches charaktéristiques“ von SCHUBERT (LISZT);
- im Falle der Bearbeitung von zweihändiger Klaviermusik SCHUBERTs Walzer (LISZT); und
- im Falle der Bearbeitung von Violin-solo-Musik die PAGANINI-Capricen (LISZT, SCHUMANN, BRAHMS).
Außerdem wurden noch andere Musikstücke zum Vergleich herangezogen, nämlich Bearbeitungen von GRIEG, BRAHMS und Johann Sebastian BACH.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Klavierauszug, Opernfantasie und –paraphrase
Der „eigentliche“ Klavierauszug LISZTs
Liedtranskription
Aus vier mach’ zwei!
Umarbeitung von Klaviermusik
„Ihr sollt euch eben üben, gleichviel um welchen Preis“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Klavierbearbeitungstechnik von Franz Liszt im 19. Jahrhundert, indem sie diese durch vergleichende Analysen ein- und abgrenzt. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie Liszt die Transformation von Orchester- und Opernmusik auf das Klavier gestaltete und inwieweit seine virtuose Bearbeitungspraxis musikalisch-inhaltlich fundiert war, anstatt lediglich als rein virtuoser Selbstzweck zu dienen.
- Analyse der Klavierbearbeitung als spezifisches Genre des 19. Jahrhunderts.
- Vergleich der Lisztschen Technik mit zeitgenössischen Bearbeitungsverfahren (u.a. Bülow, Beethoven, Brahms, Grieg).
- Untersuchung verschiedener Gattungen wie Opernfantasien, Liedtranskriptionen und Orchesterübertragungen.
- Beleuchtung des Spannungsfeldes zwischen Partiturtreue und pianistischer Neugestaltung.
- Kontextualisierung von Liszts Schaffen innerhalb der bürgerlichen Musikkultur und des Musikverlagsgeschäfts der Zeit.
Auszug aus dem Buch
Klavierauszug, Opernfantasie und –paraphrase
In GRUNSKYs Buch ist das Tristanfinale vollständig abgedruckt, und zwar nicht in BÜLOWs Originalfassung, sondern in von GRUNSKY „verbesserter“ Form. Wenn also im Folgenden von BÜLOWs Auszug die Rede ist, so ist dies mit der Einschränkung von GRUNSKYs Änderungen verbunden. Zwar geht GRUNSKY im Textteil auf verschiedene geänderte Takte ein (indem er z.B. BÜLOWs Fassung im Notenbeispiel zitiert), doch ist mit Sicherheit anzunehmen, daß es nicht die einzigen sind.
So dürften wohl gleich in den ersten Takten des „Liebestods“ die Akkorde in der linken Hand bei BÜLOW mit Tremolo auszuführen gewesen sein. GRUNSKY neigt dazu, womöglich alle Tremoli durch normal angeschlagene und gehaltene Akkorde zu ersetzen, da sie ihm als pianistische Zutat erscheinen, die offenbar dem Partiturklang nicht gerecht werde:
Dem gebildeten Laien ist das Tremolo längst zu einer ungelösten Frage geworden; er bemerkt, daß der Eindruck, als tremoliere Wagners Orchester „in einem fort“, mitverschuldet ist von der aufdringlichen Art, wie sich im Auszug das Tremolo zu ungunsten einer gediegenen Stimmen- und Harmoniefolge vordrängt. Unverständige Hereinnahme des Tremolos schädigt überhaupt den Genuß der Wiedergabe eines Auszugs.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Diese Arbeit analysiert die bislang musikwissenschaftlich wenig beachtete Technik der Klavierbearbeitung bei Franz Liszt und ordnet diese in den musikgeschichtlichen Kontext ein.
Einleitung: Dieses Kapitel verortet das Klavierschaffen Liszts im Kontext der gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts sowie der Arbeitsteilung im bürgerlichen Musikbetrieb.
Klavierauszug, Opernfantasie und –paraphrase: Anhand von Wagners „Tristan“ wird die Lisztsche Bearbeitungstechnik mit der von Hans von Bülow verglichen, wobei die unterschiedlichen Ansätze bezüglich Werktreue und Orchesterklang thematisiert werden.
Der „eigentliche“ Klavierauszug LISZTs: Dieses Kapitel behandelt die Bearbeitungen von Beethovens Sinfonien und analysiert Liszts Bestreben, den gesamten Orchesterklang auf das Klavier zu übertragen.
Liedtranskription: Hier wird am Beispiel der Schubertschen „Forelle“ aufgezeigt, wie Liszt die Liedmelodie virtuos und interpretatorisch in den Klaviersatz integriert.
Aus vier mach’ zwei!: Dieses Kapitel untersucht die Bearbeitung von vierhändiger Klaviermusik für zwei Hände, illustriert am „Reitermarsch“ von Schubert.
Umarbeitung von Klaviermusik: Am Beispiel der „Soirées de Vienne“ wird Liszts Vorgehensweise bei der Umgestaltung bestehender Klavierkompositionen analysiert.
„Ihr sollt euch eben üben, gleichviel um welchen Preis“: Die abschließende Untersuchung widmet sich den Paganini-Etüden und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen virtuosem Anspruch und didaktischem Nutzen.
Schlüsselwörter
Franz Liszt, Klavierbearbeitung, Musikgeschichte 19. Jahrhundert, Transkription, Paraphrase, Opernfantasie, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Richard Wagner, Virtuosität, Orchesterklang, Klavierauszug, Musikverlag, Konzertwesen, pianistische Technik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Klavierbearbeitungstechnik von Franz Liszt im 19. Jahrhundert und beleuchtet, wie er Orchester- und Vokalwerke für das Klavier transkribierte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Opernfantasien und Transkriptionen, das Verhältnis von Virtuosität zu musikalischem Gehalt sowie die Rolle von Liszts Bearbeitungen im bürgerlichen Musikleben.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu zeigen, dass Liszts Bearbeitungspraxis eine fundierte, inhaltlich motivierte Auseinandersetzung mit der Musik darstellt und nicht bloß dekorativer Selbstzweck ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt vergleichende Analysen durch, indem er Liszts Notentexte direkt mit den Originalpartituren und Bearbeitungen anderer Komponisten (z.B. Bülow, Brahms, Grieg) gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Fallbeispiele, darunter Opernbearbeitungen wie „Tristan und Isolde“, Beethovens Sinfonien, Lieder von Schubert und die Paganini-Etüden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Franz Liszt, Klavierbearbeitung, Virtuosität, Orchesterklang, Transkription und das bürgerliche Konzertwesen des 19. Jahrhunderts.
Wie unterscheidet sich Liszts Ansatz in der „Tristan“-Bearbeitung von dem von Hans von Bülow?
Während Bülows Fassung eher einer strengen, „notengetreuen“ Partiturübertragung folgt, zielt Liszts Bearbeitung darauf ab, den komplexen Orchesterklang und die psychologische Stimmung des Werkes durch den Einsatz pianistischer Mittel „al fresco“ erfahrbar zu machen.
Inwiefern spielen gesellschaftliche Faktoren bei Liszts Bearbeitungen eine Rolle?
Die Arbeit beleuchtet, wie Liszts Bearbeitungen in einem Kontext von Musikverlagen, die auf populäre Arrangements angewiesen waren, und einem bürgerlichen Publikum, das Musik für den Salon suchte, als Vermittler hochwertiger Musik fungierten.
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- Manfred Schwenkglenks (Author), 2009, Studien über die Klavierbearbeitung bei Franz Liszt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132954