In der irrationalen Wahrnehmung der Steuerbelastung wie sie in der Allgemeinheit vorzufinden ist, kann nach 'objektiver' und 'subjektiver' Steuerbelastung unterschieden werden. Die 'objektive Steuerbelastung' steht für die tatsächlich durch Besteuerung verursachten Einkommenseinbußen, während die 'subjektive Steuerbelastung' (das sogenannte 'Steuerbelastungsgefühl') von psychischen Wahrnehmungsfiltern (z.B. die Merklichkeit und Dauerhaftigkeit der Steuer oder die eigene finanzielle Lage) beeinflusst wird. Objektive, tatsächliche Steuerlast und ihre subjektive Wahrnehmung fallen häufig auseinander. In ihrer Wahrnehmung wie auch in ihrem Handeln sind Menschen häufig von vielen psychologischen Neigungen geleitet. Dies wirkt sich jedoch nur selten zu ihrem Vorteil aus. Sie entscheiden kurzsichtig, ohne die letztendlichen Konsequenzen vollständig zu durchdenken und häufig irrational zu Lasten ihres eigenen oder des gemeinsamen Nutzens. Unter anderem beschäftigt sich die Verhaltensökonomik (Behavioral Economics) mit kognitiven Phänomenen als Ursache dieser Divergenzen. Überwiegend mit Hilfe empirischer Forschung wird versucht, Erklärungen für die Schwächen des Homo Oeconomicus – Modells zu finden und regelmäßige, vorhersehbare Abweichungen zu systematisieren.
Als zentrales Ergebnis der Arbeit soll gezeigt werden, dass das von psychologischen Verzerrungen beeinflusste Handeln der Wirtschaftssubjekte Allokation und Distribution so beeinträchtigt, dass Gerechtigkeit und Effizienz in eine Trade-Off Beziehung zueinander geraten können. Damit ist die Umverteilung nicht unabhängig von dem Anspruch nach effizienten Märkten, und die Forderungen nach Effizienz und Gerechtigkeit sind interdependent.
Für die reale Politik sind erhebliche Folgen durch verzerrte Wahrnehmung und psychologische Effekte feststellbar. Diese zeigen sich hinsichtlich der Ausgestaltung des Steuersystems sowie in der Entstehung von Widerständen in der Bevölkerung, ihrer Steuermoral und ihrer Steuermentalität.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Effekte der Verhaltensökonomik
2.1 Framing Effect
2.2 Loss Aversion (Verlustaversion)
2.3 Endowment Effect (Besitztumeffekt)
2.4 Status-Quo-Bias (Status-Quo-Bevorzugung)
2.5 Isolationseffekt
3. Weitere Verzerrungen in der Steuerwahrnehmung
3.1 Metric Effect
3.2 Strafaversion
3.3 Steueraversion
3.4 Hidden Tax Bias (Bevorzugung versteckter Steuern)
4. Auswirkungen und Reaktionen
4.1 Disaggregation Bias
4.2 Starve-The-Beast - Strategie
5. Die Bedeutung für das Steuersystem
5.1 Effizienz und Gerechtigkeit
5.2 Politik
6. Mögliche Lösungsansätze
6.1 Ökonomie in der Schule
6.2 Systemänderungen
6.3 Expertengruppen
6.4 Steuerwettbewerb
7. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss kognitiver psychologischer Verzerrungen auf die subjektive Steuerwahrnehmung der Bevölkerung und analysiert, wie diese Wahrnehmungsfehler zu einer Beeinträchtigung der volkswirtschaftlichen Effizienz und Gerechtigkeit führen können.
- Kognitive Anomalien der Verhaltensökonomik wie Framing, Verlustaversion und der Isolationseffekt.
- Mechanismen der Steuerillusion und die Bevorzugung versteckter Steuern.
- Auswirkungen verzerrter Wahrnehmungen auf politische Entscheidungen und staatliche Ausgaben.
- Konflikte zwischen dem Streben nach Steuergerechtigkeit und effizienten Marktergebnissen.
- Mögliche Lösungsstrategien wie ökonomische Bildung und institutionelle Reformen.
Auszug aus dem Buch
3.4 Hidden Tax Bias (Bevorzugung versteckter Steuern)
Vor dem Hintergrund der Steueraversion ist die Sympathie vieler Regierungen für versteckte Steuern und Abgaben leicht nachvollziehbar. Aber nicht nur die Politik sondern auch die Steuerzahler erliegen dem Wunsch nach versteckten Steuern. Es kann zwischen vollständig und teilweise versteckten Abgaben unterschieden werden. Der Unternehmenssteueranteil, der auf Verbraucher überwälzt wird, ist auch bei genauerem Hinsehen nicht exakt zu bestimmen und stellt eine komplett verdeckte Steuer dar. „Seit altersher besteht, vom fiskalischen Standpunkt betrachtet, der besondere steuerpolitische Vorzug der sogenannten indirekten Steuern… in ihrer relativen Unmerklichkeit, der Tatsache nämlich, daß der Steuerträger zwar in den meisten Fällen weiß oder wenigstens ahnt, dass in dem Preis einer von ihm nachgefragten Ware ein Steueranteil enthalten ist, dass er aber, da Preis und Steuer in einer Summe und einem Akt zu bezahlen sind, die seinem wirtschaftlichen Verhalten ein für allemal eingepflanzte Hemmung gegen das Geldausgeben nur einmal und noch dazu nicht gegenüber dem Finanzamt, sondern nur gegenüber seinem Verkäufer und angesichts der begehrten Ware zu überwinden braucht.“ Eine indirekte Steuer stellt dann lediglich den reduzierten Nutzengewinn aus einer Handelstransaktion dar. Zu den teilweise versteckten Steuern gehört der Arbeitgeberanteil an der Sozialversicherung. Er ist für den Einzelnen leicht herauszufinden und doch vor dem einfachen Anblick verborgen, da er nicht direkt vom Individuum gezahlt wird. Weil der Steuerzahler sein Einkommen auf den ersten Blick nicht sieht, geht ihm gefühlt auch nichts verloren. Es fällt ihm leichter etwas aufzugeben was er bewusst überhaupt nicht besessen hat, und der Endowment Effect verstärkt die Steueraversion gegen augenfällige Steuern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung definiert das Spannungsfeld zwischen objektiver und subjektiver Steuerbelastung und stellt die psychologischen Einflüsse auf das wirtschaftliche Handeln der Menschen heraus.
2. Effekte der Verhaltensökonomik: Das Kapitel erläutert grundlegende verhaltensökonomische Anomalien wie den Framing-Effekt, die Verlustaversion und den Status-Quo-Bias, die das menschliche Entscheidungsverhalten prägen.
3. Weitere Verzerrungen in der Steuerwahrnehmung: Hier werden spezifische steuerbezogene Verzerrungen wie der Metric Effect, Strafaversion und die Präferenz für versteckte Steuern detailliert analysiert.
4. Auswirkungen und Reaktionen: Das Kapitel untersucht die Konsequenzen dieser Wahrnehmungsverzerrungen für das Steuersystem, insbesondere den Disaggregation Bias und die politische Strategie "Starve-The-Beast".
5. Die Bedeutung für das Steuersystem: Es wird diskutiert, wie psychologische Präferenzen die Effizienz und Gerechtigkeit des Steuersystems beeinflussen und welche Auswirkungen dies auf die reale Politik hat.
6. Mögliche Lösungsansätze: Verschiedene Ansätze zur Reduktion der negativen Auswirkungen werden vorgestellt, darunter ökonomische Bildung in Schulen und strukturelle Systemänderungen.
7. Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassend wird die Bedeutung der empirischen Forschung in der Verhaltensökonomik gewürdigt und auf die Kontroversen in der Literatur verwiesen.
Schlüsselwörter
Steuerwahrnehmung, Verhaltensökonomik, Behavioral Economics, Steuerillusion, Framing Effect, Verlustaversion, Isolationseffekt, Steuergerechtigkeit, Allokation, Distribution, Finanzpolitik, Staatsausgaben, Wohlfahrtsverlust, Steuerwettbewerb, ökonomische Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie psychologische Wahrnehmungsfilter dazu führen, dass Menschen Steuern irrational beurteilen und welche Auswirkungen dies auf das gesamte Steuersystem hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Verhaltensökonomik, die Analyse kognitiver Verzerrungen im Steuerkontext sowie deren Auswirkungen auf die Gerechtigkeit und Effizienz staatlicher Finanzpolitik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass psychologische Verzerrungen die Entscheidungen von Wirtschaftssubjekten so stark beeinflussen können, dass ein Zielkonflikt zwischen Gerechtigkeit und ökonomischer Effizienz entsteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische und empirische Analyse, wobei sie auf existierende verhaltensökonomische Studien, insbesondere die Arbeiten von McCaffery und Baron, zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt diverse kognitive Anomalien, ihre Auswirkung auf die Steuerwahrnehmung, die politische Strategie des "Starve-The-Beast" sowie Lösungsansätze zur Verbesserung der steuerlichen Entscheidungsfindung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Steuerillusion, Verlustaversion, Framing-Effekt, Disaggregation Bias und das Spannungsfeld zwischen Effizienz und Gerechtigkeit.
Wie wirkt sich der sogenannte "Isolationseffekt" auf Steuern aus?
Der Isolationseffekt führt dazu, dass Steuerzahler einzelne Abgaben isoliert betrachten, anstatt die Gesamtwirkung des Steuersystems auf ihr Einkommen zu bewerten, was zu verzerrten Präferenzen führt.
Warum bevorzugen sowohl Politiker als auch Bürger versteckte Steuern?
Bürger bevorzugen versteckte Steuern, weil sie diese als weniger belastend wahrnehmen, während Regierungen dies nutzen, um Steuereinnahmen zu generieren, ohne auf starken gesellschaftlichen Widerstand zu stoßen.
- Arbeit zitieren
- Burkhard Heling (Autor:in), 2008, Informationsverzerrung in der Steuerwahrnehmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132981