Evangelischer Kirchenbau zwischen Sakralgebäude und Mehrzweckraum


Examensarbeit, 1996

45 Seiten, Note: 1


Leseprobe

EINFÜHRUNG

In Stuttgart-Asemwald baut die evangelische Kirchen- gemeinde ein »richtiges Kirchlein« zum bestehenden Gemeindezentrum hinzu. Einst hatte man programma- tisch daran gedacht, die kirchlichen Funktionen ganz in die dortigen Wohnblocks zu integrieren. Dann wurde aber doch 1972 ein selbständiges ökumenisches Ge- meindezentrum mit Kindergarten gebaut, der Gottes- dienst fand im Mehrzweckraum im ersten Stock statt. Schließlich führte der beständige Wunsch nach einem eigenen gottesdienstlichen Raum trotz finanzieller Dürre- zeit zum Projekt »Kapelle im Asemwald«.

Im Frühjahr 1996 wurde in Heilbronn-Böckingen die Versöhnungs-»kirche« eingeweiht, auch sie trat zum Gemeindehaus hinzu. Und in Schorndorf hat man kürz- lich den Gottesdienstraum im Paulus-Gemeindezentrum immerhin »sakralisiert« durch Auszeichnung eines Chor- raumes, fixierten Altar, Buntglasfenster und Kreuz, weil der früher geplante Kirchbau nicht zu finanzieren war.

Diese drei Beispiele aus Württemberg belegen, dass - wo überhaupt - wieder »Kirchen« gebaut werden. Weite- re Beispiele auch aus der Schweiz und Finnland bis hin zum monumentalen Kathedralbau im französischen Evry unterstreichen diese Tendenz, die insgesamt als »Re- naissance des Sakralbaus« bezeichnet werden kann.

Dabei schien um 1970 das »Ende des Kirchenbaus« gekommen. Der Sakralbau war theologisch bestritten worden und der Mehrzweckraum als einzig vertretbare Aufgabe für den Bau evangelischer Kirchenräume be- stimmt worden.

Und nun machen nicht nur die württembergischen Bei- spiele deutlich, dass mit dem Bau von »Kirchen« die Absichten früherer Jahre, die von den vorhandenen Ge- meindezentren erfüllt wurden, korrigiert werden. Wie ist dieser Wechsel möglich? Wie stellen sich die Verände- rungen im Spiegel der Kirchenbaudebatte dar?

Zum Thema dieser Arbeit

Im Titel dieser Arbeit werden zwei Gebäudetypen als Extrempositionen im Kirchenbau benannt: Das Sakral- gebäude markiert zur einen Seite hin den eigenen, von der Umwelt abgegrenzten und herausgehobenen Solitär, der unvermischt ausschließlich gottesdienstlicher Nut- zung vorbehalten bleibt. Das andere Extrem bildet der Mehrzweckraum, der ununterschieden und gleichberech- tigt in einen sozialen Baukomplex eingebunden wird und der unter anderem gottesdienstliche Nutzungen erfährt.

Die mit den Polen »Sakralgebäude« und »Mehrzweck- raum« bezeichnete Spannung bezieht diese Arbeit auf die Grundlegung evangelischen Kirchenbaus. Die “Frage nach dem sakralen oder profanen Raum des evange- lischen Gottesdienstes” bildet ein “Grunddilemma christ- lichen Kirchenbaues überhaupt”1.

Man hat vorgeschlagen, in der Kirchenbaudiskussion ganz auf den Begriff des »Sakralen« zu verzichten, da er so sehr unterschiedlich verstanden werde, dass eine babylonische Sprachverwirrung eingetreten sei2. Ande- rerseits hat er sich allen solchen Versuchen gegenüber als resistent erwiesen, und das zeigt, dass an einer Ver- ständlichkeit des Begriffs jeweils nicht gezweifelt wird. Dem schließt sich diese Arbeit vorläufig an. Am Ende des Durchgangs soll dann eine Begriffsbestimmung für die gegenwärtige Diskussion unternommen werden.

Die Frage nach dem Wesen des evangelischen Gottes- dienstraumes ist die »theologischste« Frage zum Kir- chenbau. Dies legt die hier zu Grunde gelegte Begren- zung auf die theologische Debatte nahe; außerdem auf protestantische Theologie, weil die verschiedene konfes- sionelle Basis bei diesem Gegenstand zu unterschiedli- chen Debatten führen muß. Schließlich will die Arbeit hauptsächlich von Überlegungen im Blick auf Neubauten ausgehen, weil dabei die hier verhandelte Grundfrage unabhängig bleibt von Notwendigkeiten aus dem Vor- handensein bestehender Räume. Die heute brennenden Fragen nach dem Umgang mit alten Kirchenräumen (Citykirchen-Mischnutzung, Einbauten, Profanisierung) bedürfen gerade an fundamentalen Punkten auch eines Bewußtseins gegenwärtigen Wollens, das nicht von Zwängen aus überkommener Bausubstanz diktiert wird.

Zur Kirchenbaudebatte und

zur praktisch-theologischen Bedeutung der Kirchen- baufrage

Die theologische Reflexion des Kirchenbaus hat ihren klassischen Ort im Rahmen der Liturgik und damit in der Praktischen Theologie. Andererseits ist der Kirchenbau aber seiner Natur nach ein interdisziplinäres Geschäft unter unmittelbarer Beteiligung der Architektur, verbun- den u.a. mit Kunstgeschichte und Sozialwissenschaften. Vielleicht ist der durch die Interdisziplinarität bewirkte Eindruck einer Randstellung dafür verantwortlich, daß sich nur wenige Theologen in der Kirchenbaufrage enga- gieren, die Behandlung der Kirchenbaufrage hat man in theologischen Nachschlagewerken öfter Architekten überlassen3.

Die meisten Beiträge zur Debatte stammen aus dem Kontext des Kirchenbautages, den seit 1953 Oskar Söhngen und dann seit 1972 Rainer Volp als Vorsitzende geprägt haben4. Dazu kommen Veröffentlichungen des »EKD-Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart« in Marburg, das

u.a. von den Direktoren Hans-Eckehard Bahr, Hans Graß, Rainer Volp und Horst Schwebel vertreten wurde, unter zeitweiliger Mitarbeit von Karl-Wilhelm Dahm, Peter Poscharsky u.a. Regelmäßig zu Wort gemeldet haben sich auch eine Reihe von Architekten, von denen Otto Bartning, Gerhard Langmaack, Otto Senn und Lothar Kallmeyer zu nennen sind, ferner die im ökumenisch offen geführten Gespräch mitbeteiligten katholischen Theologen, u.a. Günter Rombold, Clemens Richter und Herbert Muck. Für sie alle bildet die Zeitschrift »Kunst und Kirche« ein ökumenisches publizistisches Forum, ergänzt durch die katholische Zeitschrift »das münster«. Aus der wissenschaftlichen Theologie gibt es sonst meist nur gelegentliche Äußerungen zum Kirchenbau, die kaum Bezug nehmen auf die Beiträge des Kirchenbautages oder auf »Kunst und Kirche«.

Insgesamt scheint die Kirchenbaudebatte ein relativ geschlossenes Forum darzustellen. Die Beiträge dort verweisen fast gar nicht auf die gegenwärtige exegetische, dogmatische oder praktisch-theologische Forschung. Beim Kirchenbautag steht offenbar das Gespräch mit der Architektur im Vordergrund, die auch die meisten Teilnehmer stellt. Neuerdings treten vermehrt Soziologie und Kunst hinzu.

Die Kirchenbaudebatte wird schließlich formal davon geprägt, daß es sich bei den Beiträgen zum Kirchenbau vor allem um Vorträge, kürzere Artikel und Gelegenheitsäußerungen handelt. Größere systematische Grundlegungen fehlen, und außer den

bau- und kunstgeschichtlichen Darstellungen gibt es auch kaum Monographien. Eine Ausnahme bilden hier die Arbeiten von Christof M. Werner zur Sakralität.

Die Bedeutung des Kirchenbauproblems für die Praktische Theologie findet insgesamt wenig Beachtung. Kirchenbau kann theologisch nicht isoliert debattiert werden5. Daß im Kirchenbau die Grundfrage praktischer Theologie nach der Vermittlung von Theorie und Praxis in äußerst anschaulicher Weise gestellt wird, läßt die Kirchenbaufrage durchaus zu einem exemplarischen praktisch-theologischen Problemfeld werden:

- Sie ist eine der äußersten Konkretionen des Theorie- Praxis-Problems, da sich kaum eine Lebensäußerung von Kirche so handgreiflich, öffentlich und dauerhaft manifestiert.
- Sie bezieht sich (einerseits) auf exegetische, systematische (Gotteslehre, Hermeneutik) und historische Theorie.
- Sie ist (andererseits) Gegenstand menschlicher Erfahrung und Praxis (zu der jedermann unmittelbaren Zugang hat).
- Sie ist durch die geschichtlichen Monumente historisch dimensioniert und ihr Vollzug immer Umgang mit Geschichte.
- Sie ist nach Umfang und Art nicht Problem eines Einzelnen, sondern der Gemeinschaft und ihre Verantwortung daher eine Aufgabe der Kirchenleitung.
- Sie folgt als Theorie der Praxis6, was sich daran zeigt, daß Innovationen stets v.a. Sache der Architekten waren.
- Sie bezieht sich auf zentrale Lebensäußerungen der Kirche und des Glaubens (Gemeindegottesdienst und persönliche Andacht).
- Sie stellt sich als Kirchenbauarchitektur unmittelbar dem Vergleich mit anderen baulichen soziokulturellen Äußerungen.
- Sie ist notwendig interdisziplinär (Theologie, Architektur, Soziologie, Psychologie, u.a.).
- Sie hat - wie die gebauten Beispiele zeigen - noch nie eine allgemeingültige, aber stets - weil auf den Einzelfall bezogen - eine entschiedene Lösung gefunden.

Zum Aufbau der Arbeit

Die Arbeit steht vor der Schwierigkeit, daß systematische Grundlegungen für die verschiedenen Positionen in der Kirchenbaudebatte fehlen. So können zumeist nur die

einzelnen Bausteine aus einer größeren Zahl von Beiträgen in einer eigenen Systematik zusammentragen werden. Die hier vorgelegte Analyse der Kirchenbaudebatte bezieht die unterschiedlichen Positionen in der Kirchenbaudebatte zum Sakralen und Profanen auf fünf Grundströmungen (»Argumentationslinien«), die möglichst unter Bevorzugung einzelner Hauptvertreter von ihrem Sitz in der modernen Kirchenbaudebatte aus entwickelt werden sollen. Dabei soll auch - wofür in der Debatte selbst oft das Bewußtsein fehlt - ihr jeweiliger historischer Ort in der Theologiegeschichte bezeichnet werden.

Die hier darzustellende Kirchenbaudebatte in der Bundesrepublik Deutschland, die frühere Diskussionen fortsetzte, hatte ihre Zäsur in der Forderung nach einem

»Ende des Kirchenbaus« um 1970. Auf die dadurch bestimmte Zweiteilung bezieht sich die hier verwendete Bezeichnung als »ältere« bzw. »jüngere« Debatte.

In Teil I wird die Kontroverse der älteren Kirchenbaudebatte dargestellt, zuerst (A) die Kirchenbaukritik mit ihrer klaren Stoßrichtung, danach

(B) die Argumentation für den Sakralbau in diesen Jahren. Auf beiden Seiten werden dabei je zwei Argumentationslinien (1/2 und 3/4) unterschieden. Teil II wird (A) den Neuansatz der jüngeren Kirchenbaudebatte skizzieren und dabei eine zusätzliche Argumentationslinie (5) markieren. Dann werden (B) jüngere theologische Neuinterpretationen und die dabei erkennbare Modifikation der traditionellen Argumentationslinien zur Sprache kommen. Teil III wird versuchen, die gestellte Aufgabe auf dem Hintergrund der gesamten Debatte, und damit unter Würdigung der positiven Anliegen aller Argumentationslinien einer - soviel sei schon angedeutet - offenen Lösung zuzuführen.

T E I L I :

P R O F A N I T Ä T C O N T R A SAKRALITÄT

Die Kontroverse in der Kirchenbaudebatte bis etwa 1970

Die Darmstädter Kirchenbautagung 1969 erfuhr begleitenden Protest durch eine »Antibau-Ausstellung«7 von (Theologie-)Studierenden, die das »Ende des Kirchenbaus« forderten8. Tatsächlich nahm das Plenum der Tagung am Ende die Resolution einer autonomen Arbeitsgruppe der »evang. Jugend Darmstadts« an, nach der “[d]er schlichte Versammlungsraum [...] den Kirchengemeinden als sachgemäß für Neubauten vorgeschlagen werden”9 sollte. Der »Kirchen«-bau war in einer Krise. Architekt Kallmeyer, der selbst 1966 in einem Referat den Vorschlag des Mehrzweckraums unter Vorbehalten dem Kirchenbautag vorgestellt hatte10, konnte - wenn er dann auch versuchte, dieses Ergebnis zu relativieren und offenzuhalten - nur konstatieren: “Der Mehrzweckraum hat sich durchgesetzt”11.

Für dieses Ergebnis sorgte nicht nur, daß man in jener bewegten Zeit um des eigenen progressiven Selbstverständnisses willen der Jugend nicht widersprechen wollte, sondern auch, daß man theologisch keine Handhabe gegen die aufgestellten Forderungen hatte. Das theologische Stichwort war die

»Entsakralisierung«, die den Kirchenbau bei der - erst jetzt erfolgten - “Begegnung des evangelischen Kirchenbaus mit der Gegenwartstheologie”12 traf. Wirkungsvolle Beiträge zu diesem theologischen Einspruch gegen den Kirchenbau bildeten eine Tagung in Bad Boll 1965 (S chweizer , Simpfendörfer, u.a.) und der von Hans-Eckehard Bahr 1968 herausgegebene Band »Kirchen in nachsakraler Zeit« (Cox, Förderer, u.a.).

A. Kritik am Sakralbau und Mehrzweckraumforderung

Um die Durchschlagskraft der Sakralitätskritik verständlich zu machen, muß zunächst (1) die theologische Argumentationslinie kritischer protestantischer Tradition vorgestellt werden. Sie wurde in der Debatte (2) auf ethisch-politischer Argumentationslinie mit der Forderung nach einem Ende

des Kirchenbaus zugunsten des Mehrzweckraumes zu Ende gedacht.

1. Theologische Entsakralisierung (1. Argumentationslinie)

Kritik an der Aussonderung von Sakralräumen aus der Welt

Die Kritik am Sakralbau bezieht sich auf eine von der Bibel über die Reformation in die Gegenwart reichende Traditionslinie, der die folgende Darstellung im Spiegel der älteren Kirchenbaudebatte nachgeht.

Harvey Cox bestimmte den Ausgangspunkt der Desakralisierung in der Bibel: “Die jüdisch-christliche Tradition hat den sakralen Raum aufs schärfste in Frage gestellt”13. Protestantische Exegeten betonten immer wieder, daß Israels Erfahrung wegführte von einer Bindung Gottes an welthafte Phänomene14. Die manifest vorgestellte Einwohnung JHWHs im Tempel wird beispielsweise transzendentierend korrigiert durch die deuteronomistische Theologie (Bearbeitung von 1Kö.8)15. Heiligtum und Tempel wurden in der prophetischen Tempelkritik von Gott der Vernichtung überlassen (Mi.3,12 u.a.)16. Die Möglichkeit eines Gotteshauses wird zuletzt grundsätzlich bestritten: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (Jes.66,1)17.

Für das Neue Testament wird die Kritik an Orten, die für Gottes Gegenwart ausgesondert werden, noch stärker gesehen. Beiträge zum Kirchenbaufrage verweisen auf viele Stellen18, vor allem auch auf die Personalisierung der Gegenwart Gottes in Christus und in der Gemeinde:

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten](1Kor.3,16)19. Auf der Kirchenbau- Akademietagung in Bad Boll legte der Neutestamentler Eduard Schweizer dar, daß der Gottesdienst mit dem Alltag fest verbunden sei (Rö.12,1f; 2Pt.2,8ff). Auch zur Raumfrage gelte: “Nichts ist im Neuen Testament heilig im Gegensatz zu einem profanen Bezirk”20. Der

Gottesdienstraum solle, so eine seiner Folgerungen, “nicht grundsätzlich [...] verschieden”21 von Wohnräumen der Familie sein.

Im Blick auf die frühe Christenheit wird darauf hingewiesen, daß man sich zunächst nur in Privaträumen versammelte und von sich sagen konnte: “delubra et aras non habemus22. Mit der Basilika sei eine “religiös nicht prädisponierte Architekturform”23 verwendet worden zur Vermeidung des Tempeltypus mit seiner Konzeption von fanum und profanum.

Protestantische Äußerungen zur Sakralität des

Kirchengebäudes nehmen regelmäßig auf Martin Luther Bezug. Er begründete die Möglichkeit eines Verzichtes auf Kirchengebäude damit, daß Gott unabhängig von Gebäuden wohne, wo sein Wort sei24. Luther sagte: “alle stette [= Stätten] sind frei”25, in der Not “möcht man wol draussen beim Brunnen oder anders wo predigen”26. Wo kein Gottesdienst mehr stattfinde, “sollt man dieselben kirchen abbrechen, wie man allen andernn hewßern thutt”27. Traugott Koch resümiert: “Der Kirchenbau und die Kunst in der Kirche werden ent-sakralisiert”28. Dabei war die Notwendigkeit ordentlicher Versammlungsstätten für die Reformation klar. Man übernahm auch ohne Vorbehalte bestehende Kirchen, ja, man konnte, so Koch, damit sogar strategisch “deutlich [...] machen, daß auf diesem Gebiet der Äußerungsformen das Reformatorische [...] gerade nicht liegt”29.

Auch das Reformiertentum, beispielsweise Johannes Calvin, bejahte den Kirchenbau, aber nicht ohne nicht hinzuzufügen: “ne aut [...] propria esse Dei habitacula ducamus [...] aut secretam nescio quam illis affingamus sanctitatem”30.

Nach Hans-Eckehard Bahr ist “die Zweiteilung der Welt in eine sakrale und profane Sphäre endgültig aufgehoben”31. Bahr steht damit in der Tradition der dialektischen Theologie mit ihrer Betonung der Offenbarung im Wort, verbunden mit Kritik an aller natürlichen Religion (Barth) und Mythologie (Bultmann). Mit Bonhoeffer (“weltliche Interpretation”32 ) und Gogarten war die Säkularisation inzwischen positiv als notwendige Konsequenz protestantischen Denkens begriffen worden. Kurt Marti konnte folgern: “Jesus Christus ist das prinzipielle, das heißt theologische Ende jedes Sakralraums und jeder Möglichkeit dazu”33.

Mit dieser explizit theologisch argumentierenden Position (Argumentationslinie 1) wird jede sakralisierende Bedeutungszuweisung an einen Raum abgewiesen. Die Gefahr einer Sakralisierung erfordert in dieser Sichtweise deren ständige Kritik.

2. Ethische Politisierung (2. Argumentationslinie)

Die Forderung nach dem offenen Mehrzweckraum

Die Mehrzweckraumforderung nimmt die theologische Entsakralisierung zum Ausgangspunkt für politisch-

ethische Erwägungen. Ihre Durchschlagskraft liegt in einer einfachen Rechung: Ist der Sakralraumbau theologisch nicht zu begründen, so ist jede Mark dafür wertlos und kann für das Handeln der Kirche an anderer Stelle sinnvoller verwendet werden. Daher werden die positiven Argumente für den Mehrzweckraum schlagend, die auf eine Demokratisierung der Gesellschaft zielen34.

Die Betonung des reinen Wortes in der dialektischen Theologie schien einen Verzicht auf alle sinnlichen Äußerlichkeiten notwendig zu machen. Sakralräume, so glaubte man, erzeugten nur Bindungen des alten Adam35, die es abzulegen gelte um »Kirche für andere« und so dienende Kirche zu sein. Im Blick auf konkrete Not im weltweiten Horizont wurde dann beispielhaft aufgezeigt, wie viel Geld ein Projekt kosten sollte und welcher Betrag das doch für die Katastrophenhilfe sei36. Der Theologe Helmut Gollwitzer beantragte auf einer Kirchensynode 1968 einen “zweijährigen Baustopp für alle kirchlichen Bauten und die Verwendung der eingesparten Gelder für gezielte Projekte im Rahmen der kirchlichen Entwicklungshilfe”37. Theologisch gesehen war auch für mittlere Positionen klar, daß “der Dienst an Jesu geringsten Brüdern dem Bau von Räumen, in denen sich die Gemeinde dazu sammeln und senden läßt, vorgeordnet” bleibe38.

Die ökonomischen Analysen der Nutzungsprofile kirchlicher Gebäude ergaben immer wieder, daß der große Kirchenraum und große Säle nicht gleichzeitig, sondern höchstens abwechselnd genutzt wurden und darüber hinaus oft leerstanden. Ein Mehrzweckraum für allerlei Veranstaltungen wurde für viel billiger gehalten39 und zur logischen Konsequenz. Die Resolution des Kirchenbautages 1969 ergänzte ihre Mehrzweckraumforderung noch durch den Wunsch, Kirchtürme, Uhren, Glocken und Orgeln künftig nicht mehr zu finanzieren40.

Die Kirchenbaudebatte der 60er Jahre war ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit. Dazu sorgte die Kirchenbauarchitektur mit neoexpressionistischem Brutalismus41 für Anstoß42. Funktionalistische Gegenbewegungen in der Architektur regten den Mehrzweckraum ebenso an wie damalige Forschungen über die auch profane Vielzwecknutzung mittelalterlichen Kathedralen43.

Für Werner Simpfendörfer war eine grundsätzliche “Offenheit und Flexibilität des gottesdienstlichen

Lebens”44 an der Zeit, dem entsprach seine “Forderung nach dem Provisorium”45. Der Architekt Walter Förderer wiederum ging aus vom Problem einer durch konfessionelle Schranken aufgebauten “Schwellenangst”46 und forderte einen völlig neuen Gottesdienst mit “Möglichkeiten echter, welthafter Konfrontation”47. Er stellte die Frage, warum die Kirche nicht an einem Schulzentrum “partizipieren” sollte, dessen Aula und Räume sonntags “für den Gottesdienst frei”48 seien. Immer wieder diskutiert wurden die durch Hans Blankesteijn eingebrachten holländischen Beispiele einer “Agora”49, bei der die Kirche mit ihren Treffen an einem öffentlichen Forum teilhat, das von wechselnder Nutzung und ständigem Kommen und Gehen geprägt ist50.

Die Kritik an baulichen Aufwendungen für Sakralbauten war nicht neu. Theologische Aufbrüche begehrten immer wieder gegen Überfülle und Machtdemonstration auf. Die mittelalterlichen Bettelorden führten einen radikalen “Kampf [...] gegen jeden Aufwand”, der “die Aufmerksamkeit von der Betrachtung Gottes ablenken könnte51. Die Kritik Martin Luthers an der römischen Kirche begann in den Ablaßthesen mit der Kritik am Aufwand für den Bau des Petersdomes52. Erst wenn der letzte Arme wirklich Versorgung gefunden habe, dürfe man an Kirchenbauen denken53. Auch im Pietismus setzte man sich vom Sakralbau ab durch einen Saalbau, dessen - beispielsweise in Herrnhut - “schli chte Schönheit”54 auch mit Entsakralisierung einherging, wie der Verzicht auf einen Altar zeigt55. Die beginnende kirchliche Sozialarbeit führte auch zum Bedarf an zusätzlichen Gemeinderäumen und damit seit dem 19. Jh. zur Entstehung des »Gemeindezentrums« und zu einer Bewegung, die sich ebenfalls gegen den monumentalen Sakralbau wandte56.

[...]


1 Brennecke 1994,121.

2 Rombold 1990,18.

3 Z.B. Langmaack 1954 (Leiturgia I); Hampe/ Bartning 1959 (RGG3).

4 Vgl. Schwebel 1990,519.

5 Probleme der Entsakralisierung betreffen neben dem Raum auch die Zeit (Kirchenjahr), das Wort (Liturgie), das Bild (Symbol,Bilderstreitigkeiten), das Amt usw., vgl. z.B. Bartsch 1971.

6 Vgl. Rössler 1994,1.

7 Darmstadt 1969,5.

8 Schwebel 1991,33.

9 Darmstadt 1969,171.

10 Kallmeyer 1966.

11 Darmstadt 1969,171.

12 Schwebel 1996,139. 13. Cox 1968,97.

14 Schmidt 1996,77.

15 Janowski 1984,131.

16 Auch Jer.7,11f.14; 26,6; Jes.32,14; vgl. Schmidt 1996,299.

17 BHS 1990,777 (”Wo wäre ein Haus, das ihr mir bauen könntet?”).

18 Jh.4,20-24; Jh.2,19-21; Apc.21,3; Act.7,44-50; Mk.15,38par; u.a. (vgl. Schwebel 1969,90f.).

19 Nestle-Aland 1993,445 (“Ihr seid Gottes Tempel!”).

20 Schweizer 1965,2.

21 Schweizer 1965,13.

22 Minucius Felix (Octav. 32,1) nach Brandenburg 1990,421 (”Tempel und Altäre haben wir nicht”).

23 Schwebel 1996,135; anders aber Krautheimer 1965,47ff.

24 WA 31/I,179 (Auslegung des 118. Psalms 1529- 30); WA 24,499 (Über das 1. Buch Mose. Predigten 1527); u.ö.

25 WA 10/II,242 (Antwort deutsch auf König Heinrichs Buch 1522).

26 WA 49,592 (Predigt zu Torgau am 5.10.1544).

27 WA 10/I,252 (Kirchenpostille 1522). 28. Koch 1981,113.

29 Koch 1981,112.

30 Calvin 1559,340 (III,20,30; “daß wir nicht dafür halten, daß sie eigentliche Wohnorte Gottes seien [...] oder daß wir ihnen irgend eine verborgene Heiligkeit hinzudichten”).

31 Bahr 1961,246.

32 Bonhoeffer (1944) 1985,178.

33 EvTh 18(1958)372f., zitiert nach Söhngen 1961,185.

34 In der Debatte taucht die Position der

»erwecklich-missionarischen« Bewegungen (Freikirchen und religiöseGemeinschaften) garnicht auf: Dort wurde dieselbe Erwägung unter der Zielsetzung einer Missionierung der Gesellschaft angestellt.

35 Waßer 1965,101.

36 Beispiel bei Dahm 1971,6f.

37 Poscharsky 1969,8f.

38 Fischinger 1964,120. 39. Vgl. Dahm 1974(1),14.

40 Darmstadt 1969,171.

41 Vgl. Rombold 1980,2.

42 “10 Thesen gegen unsere Sakralbauten” mit der Spitzenaussage “Sakraler Baustil ist pathologisch” (Bachmann 1965,59) sorgten auch in Württembergs Pfarrerblatt füreine emotionale Diskussion. Vgl. dazu a&b 19(1965)101-103; 129f; 231-234;302-306;359f; 550f. Demnach trieb man auch im Lande das Sprichwort unter Pfarrern:“Eine Kirche (ver-) braucht einen Pfarrer” (Waßer 1965,101). “Also: [...] Wieviel Pfarrersind wegeneines Kirchenneubaus nichtmehr am Leben oder für den Rest ihres Lebens gezeichnet?” [102] .

43 Nach Rombold 1969,85: J.G. Davies: The Secular Use of Church Buildings, London 1968.

44 Simpfendörfer 1968,108.

45 Simpfendörfer 1968,112.

46 Förderer 1968,118.

47 Förderer 1968,127.

48 Förderer 1968,121.

49 Blankestejn 1969,2ff.

50 Zum äußersten Ende, nämlich einer völligen Aufgabe kirchlichen Bauens mit der Konsequen z, jeweils leihweise Räume für den Gottesdienst zu nutzen, ist die Kirchenbaukritik nicht ganz vorgedrungen. In diese Richtung geht aber der Vorschlag von Hauskirchen (vgl. Kallmeyer 1969,164).

51 Braunfels 1987,182.

52 Vgl. WA 1,602f. (Ablaßthesen 1517, Thesen 50f.86).

53 WA 1,598 (Resolutiones 1518). 54. Beck 1987,186.

55 Beck 1987,189.

56 Brennecke 1994,124.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Evangelischer Kirchenbau zwischen Sakralgebäude und Mehrzweckraum
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Praktische Theologie, Evang. Fakultät)
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
45
Katalognummer
V133
ISBN (eBook)
9783638100922
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit geht der Diskussion um den Kirchenbau im 20. Jahrhundert nach: Sakralgebäude oder Mehrzweckraum? Sind Kirchen heilige Orte oder einfach multifunktionale Treffpunkte für Menschen?
Schlagworte
Kirchenbau, Sakralbau, Praktische Theologie
Arbeit zitieren
Gunther Seibold (Autor), 1996, Evangelischer Kirchenbau zwischen Sakralgebäude und Mehrzweckraum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133

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