Die folgende Fragenstellung wird der Ausgangspunkt dieser Arbeit sein: Könnte der fehlende Busen wirklich ein Grund für die gewaltsame Auflösung des Kleist-Dramas sein und damit zur Folge haben, dass Penthesilea einfach nur ein gefühlloses Ungeheuer ist? Sind es wirklich nur Wut und Zorn, die Penthesilea bei ihrer brutalen Tat führen? Gibt es sonst nichts, was besondere Aufmerksamkeit verdient bzw. analysiert werden muss? Es wird der Versuch unternommen, diese Fragen zu beantworten.
Die Amazonengesellschaft besteht nur aus Frauen, die sich selbst verteidigen. Sie sind Kriegerinnen und werden schon als Kinder dazu ausgebildet, körperlich eminent mächtig zu sein. Dies war in der Vergangenheit nicht immer der Fall; Der Amazonenstaat basiert auf einer gewalttätigen und schmerzhaften Grundlage, die eine erotische Erfahrung mit einer blutigen Seite stark verbindet. Um dieser Punkt deutlicher zu machen, ist es wichtig, sich mit den Freud’schen Trieben „Eros“ und „Thanatos“ auseinanderzusetzten, die das Amazonenvolk so gründlich prägen. Der erste Kapitel widmet sich der Erklärung des Begriffspaars und gibt außerdem einen Überblick auf die Geschichte beider Termini in der Trieblehre Sigmund Freuds an. Danach werden beide Triebe in Zusammenhang mit dem Kleist’schen Stück gebracht. Es wird der Versuch unternommen, zu verstehen, inwiefern das uralte Trauma, das die Amazonengesellschaft erzeugt hat, sich zu einer blutigen Praxis zur Zeugung neuer Kriegerinnen entwickelt hat.
Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels dieser Arbeit steht das Mütterliche. Otrere, Penthesileas Mutter, spielt eine bedeutungsvolle Rolle bei der Bildung ihrer Tochter und sogar bei ihrer Leidenschaft für Achilles. Sie stellt einen Bruch zur Tradition des Amazonenstaates dar und ist damit für seine Tötung und Verstümmelung einigermaßen verantwortlich. Es wird hierbei der Versuch unternommen, die Gründe dafür zu verstehen. Die Natur der mütterlichen Bindung zwischen ihr und ihrer Tochter wird somit erklärt, indem auch Penthesileas Androgynität analysiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Eros“ und „Thanatos“
2.1. Eine Begriffserklärung
2.2. „Eros“ und „Thanatos“ in der Amazonengesellschaft
3. Das Mütterliche
3.1. Otreres Befehl
3.2. Die Liebe zur Mutter
3.2.1. Penthesileas Androgynität
3.2.2. Anti-Ödipuskomplex
4. Schlussbetrachtungen
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht das Drama „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist aus einer psychoanalytischen Perspektive, insbesondere unter Anwendung der Theorien von Sigmund Freud. Das primäre Ziel ist es zu hinterfragen, ob Penthesileas gewaltsames Handeln lediglich als gefühllos oder als direkte Folge ihres physischen Mangels zu deuten ist, oder ob tiefere psychologische Bindungen und gesellschaftliche Traumata der Amazonen als Lektüreschlüssel für das Drama fungieren können.
- Anwendung von Freuds Konzepten „Eros“ und „Thanatos“ auf die Amazonengesellschaft.
- Analyse der Mutter-Tochter-Bindung zwischen Penthesilea und Otrere.
- Untersuchung der Androgynität der Protagonistin und des sogenannten „Anti-Ödipuskomplexes“.
- Kritische Auseinandersetzung mit der These der „brustlosen“ Liebesunfähigkeit.
- Interpretation der Kannibalismus-Szene als Ausdruck eines psychologischen Wiedervereinigungsversuchs.
Auszug aus dem Buch
3.2.2. Anti-Ödipuskomplex
Genau in Penthesileas physischen Mangel können die Spuren eines Anti-Ödipuskomplexes – d.h. von einem umgekehrten Ödipuskomplex, bei dem die Tochter den Sohn in der Liebe zur Mutter ersetzt – anerkannt werden, der mit der in der Amazonengesellschaft existierenden Männerverdrängung und der daraus folgenden Tötung aller Söhne eng verbunden ist:
With the damage done to their sexuality and maternal function pertaining to their sons, the Amazons essentially ‚cut‘ their Selves from a triangulated structure to a pseudo-dyadic one. They flee their oedipality and hide in an anti-oedipal condition.
Um all das besser zu verstehen, ist es wichtig, der „traditionelle“ Ödipuskomplex in Betracht zu ziehen. Der Ödipuskomplex bildet für Freud „das Paradigma des männlichen Subjekts“ und steht für die frühkindliche Liebessehnsucht des Kindes gegenüber dem andersgeschlechtlichen Elternteil, während der gleichgeschlechtliche Elternteil, der als Rivale erlebt wird, Gegenstand feindseliger Gefühle ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung hinterfragt die etymologische und psychologische Deutung der „brustlosen“ Amazone und führt in die Fragestellung ein, ob Penthesileas Handeln primär durch Gewalt oder durch psychologische Traumata bestimmt wird.
2. „Eros“ und „Thanatos“: Dieses Kapitel erläutert Freuds Trieblehre und verknüpft die Konzepte von Lebenstrieb und Todestrieb mit der kriegerisch-schmerzhaften Entstehungsgeschichte des Amazonenstaates.
2.1. Eine Begriffserklärung: Es erfolgt eine theoretische Definition der Freud’schen Triebe und deren Bedeutung als Grenzbegriffe zwischen Seelischem und Körperlichem.
2.2. „Eros“ und „Thanatos“ in der Amazonengesellschaft: Die Analyse zeigt auf, wie die Notwendigkeit des Kampfes vor der Paarung die enge Verflechtung der beiden gegensätzlichen Triebe bei den Amazonen manifestiert.
3. Das Mütterliche: Im Fokus steht die außergewöhnliche Bindung Penthesileas zu ihrer Mutter Otrere im Vergleich zur sonstigen Amazonen-Ordnung.
3.1. Otreres Befehl: Es wird analysiert, wie Otreres letzter Wille Penthesilea dazu treibt, den Peleïden Achilles zum Ziel ihrer Leidenschaft zu machen.
3.2. Die Liebe zur Mutter: Die Besonderheit von Penthesileas Gehorsam gegenüber der Mutter wird als zentrales Element für ihr Handeln herausgearbeitet.
3.2.1. Penthesileas Androgynität: Dieser Unterpunkt befasst sich mit der kriegerischen, männlich gelesenen Stärke der Protagonistin und ihrer physischen Redimensionierung.
3.2.2. Anti-Ödipuskomplex: Hier wird dargelegt, wie Penthesilea durch den Ersatz des Sohnes in der triadischen Struktur eine spezifische, auf die Mutter fixierte psychische Konstellation entwickelt.
4. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass Penthesileas Mangel ein Lektüreschlüssel für das Drama ist und ihre Handlungen als Ausdruck ihrer Liebe zur verstorbenen Mutter zu verstehen sind.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Penthesilea, Heinrich von Kleist, Sigmund Freud, Eros, Thanatos, Ödipuskomplex, Amazonen, Mutterbeziehung, Otrere, Androgynität, Triebe, Literaturanalyse, Psychoanalyse, Tragödie, Weiblichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Drama „Penthesilea“ und hinterfragt die psychologische Motivation der Hauptfigur, insbesondere im Hinblick auf die „brustlose“ Identität der Amazone.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Psychoanalyse nach Freud, die Rolle des Amazonenstaates, Mutter-Tochter-Bindungen und die Verbindung von Liebe und Krieg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob Penthesileas gewaltsames Ende nur als gefühllose Aggression zu lesen ist oder ob psychologische Übertragungen, wie die Liebe zur Mutter, eine entscheidende Rolle spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt primär psychoanalytische Ansätze, insbesondere die freudsche Trieblehre und Konzepte wie den Ödipuskomplex, um das literarische Werk zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in „Eros“ und „Thanatos“, die Anwendung dieser Triebe auf die Amazonen sowie eine detaillierte Analyse der Mutter-Tochter-Beziehung und Penthesileas Androgynität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Penthesilea, Eros, Thanatos, Anti-Ödipuskomplex und die Mutterfigur Otrere.
Welche Rolle spielt die „fehlende Brust“ symbolisch?
Die fehlende Brust wird im Gegensatz zu anderen Interpretationen nicht nur als Zeichen für Liebesunfähigkeit gesehen, sondern als Verletzung der Weiblichkeit, die erst den Raum für eine maskuline Identität und den Anti-Ödipuskomplex öffnet.
Wie lässt sich der kannibalische Angriff auf Achilles psychoanalytisch deuten?
Der Angriff wird als verzweifelter Versuch interpretiert, Achilles mit der verstorbenen Mutter zu identifizieren und die mütterliche Liebe durch das Schmiegen an die Brust symbolisch wiederherzustellen.
- Arbeit zitieren
- Erika Maria Sottile (Autor:in), 2022, Freud'sche Interpretation der "Penthesilea" Heinrich von Kleists, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1330521