Superfrauen 6 - Medizin

Biografien berühmter Ärztinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Stifterinnen


Fachbuch, 2013
251 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Weibliche Pioniere der Medizin

Die Namen von Elsa Brändström, des „Engels der Gefangenen“, der berühmten englischen Krankenpflegerin Florence Nightingale und von Mildred Scheel, der Gründerin der „Deutschen Krebshilfe“, hat fast jeder schon mal gehört. Aber wer kennt auch Aletta Jacobs, Elizabeth Blackwell, Dorothea Erxleben, Marie-Louise Bourgeois, Justine Siegemundin und Margarete Steinbach?

Das vorliegende Taschenbuch „Superfrauen 6 – Medizin“ will diesem Manko abhelfen: Es stellt 29 berühmte Hebammen, Krankenpflegerinnen, Ärztinnen und Stifterinnen aus der ganzen Welt in Wort und Bild vor. In den Biographien geht es nicht nur um das Werk der erwähnten Frauen, sondern auch um ihr Privatleben mit all seinen Höhen und Tiefen.

Die Lebensläufe der ersten Hebammen und Ärztinnen zeigen, wie schwer es diesen Frauen in einer von Männern dominierten Welt gemacht wurde, ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen. Lange Zeit konnten sie nur unter größten Schwierigkeiten Medizin studieren und später praktizieren. Gottlob sind diese Zeiten vorbei!

Elizabeth Blackwell

Amerikas erste Ärztin

Die erste Frau, die in den USA erfolgreich das Doktorexamen ablegte, war die aus England stammende Elizabeth Blackwell (1821–1910). Zu ihren Lebzeiten herrschte die Ansicht vor, nur Männer könnten Mediziner werden. Allen Schwierigkeiten zum Trotz verwirklichte sie ihren Berufwunsch. Amerikas erste Ärztin prägte den in der Krankheitsvorsorge berühmten Satz „Vorbeugen ist besser als Heilen“.

Elizabeth Blackwell wurde am 3. Februar 1821 als viertes von neun Kindern des Zuckerraffineurs Samuel Blackwell (1790–1838) und seiner Ehefrau Hannah Lane (1792–1870) in Counterslip bei Bristol in England geboren. Sie erhielt den Kosenamen „Bess“. Ihr Vater nannte sie „Little Shy“ („kleine Schüchterne“).

Als Elizabeth elf Jahre alt war, zerstörte nachts ein Feuer das Geschäft ihres Vaters. Dadurch verarmte die Familie und wanderte 1832 in die USA aus. In New York City stieg Samuel Blackwell erneut ins Zuckergeschäft ein, aber er wollte keinen Zucker verkaufen, der mit Hilfe von Sklaven hergestellt wurde. 1837 zog die Familie Blackwell nach Cincinnati in Ohio, wo der Vater im Jahr darauf starb.

Elizabeth verdiente anfangs als Lehrerin an der von ihrer Mutter betriebenen kleinen Privatschule für schwarze Kinder ihren Lebensunterhalt. Später gab sie Musikunterricht in Charleston, um damit ihr Medizinstudium zu finanzieren. Am 23. Januar 1849 bestand die 27-Jährige als erste Frau in den USA und als beste Studentin ihres Jahrgangs am „Geneva College“ in New York City das Doktorexamen. Damit war sie die erste Ärztin in Amerika, fand jedoch keine Stelle und reiste deswegen nach Europa.

In London begegnete Elizabeth Blackwell der britischen Krankenschwester Florence Nightingale (1820–1910). Anschließend ging sie nach Paris, um dort Arbeit zu suchen. Weil in Frankreich ihre Dissertation nicht anerkannt wurde, erwarb sie ein französisches Diplom für Geburtshilfe. Danach kehrte sie nach New York City zurück und plante, dort eine eigene Praxis zu eröffnen.

Als ihr in New York City kein Hausbesitzer Räumlichkeiten für eine Praxis vermieten wollte, nahm Elizabeth Blackwell ein Darlehen auf und erwarb ein Haus. Bald kamen so viele Patientinnen zu ihr, dass sich die Presse für sie interessierte und männliche Kollegen ihre Arbeit anerkannten.

Dank ihrer Einnahmen konnte Elizabeth Blackwell 1857 das erste Frauen- und Kinderkrankenhaus in New York City eröffnen. Ihre Schwester Emily (1826–1910), die am „Rush Medical College“ in Chicago Medizin studiert hatte, arbeitete für sie zunächst als Hebamme und leitete später zusammen mit der Polin Dr. Marie Zakrzewska (1829–1902) das New Yorker Krankenhaus. Diesem gliederte man später ein medizinisches Kolleg an, das Frauen die Ausbildung zur Ärztin erleichterte.

Bei einem ihrer Aufenthalte in England gründete Elizabeth Blackwell die „National Health Society“. In ihrem Geburtsland lernte sie auch Sophia Jex-Blake (1840–1912) kennen, die sich 1869 an der medizinischen Fakultät der Universität Edinburgh beworben hatte und anfangs abgewiesen wurde, weil es sich für eine einzelne Frau nicht schicke, an den Kursen teilzunehmen. Deshalb organisierte sie eine Gruppe von sieben Frauen, die dann studieren durfte.

Nach einem Jahr wollten Sophia Jex-Blake und die anderen Frauen den Anatomiekurs besuchen. Der Weg zum Hörsaal wurde für sie zur Qual. Männliche Studenten verbarrikadierten den Eingang, bewarfen sie mit Schmutz und beschimpften sie übel. Als sie endlich ankamen, präsentierte man den Frauen Schafe und erklärte, nun seien auch „niedrige Tiere“ nicht mehr von Hörsälen ausgeschlossen.

Nachdem man ihr auch das erreichte Diplom verweigerte, setzte Sophia Jex-Blake ihre Studien in New York City fort und wurde eine Schülerin von Elizabeth Blackwell. 1875 versuchte Sophia in England, Frauen aufgrund der Lizenz für Geburtshilfe in das Medizinregister eintragen zu lassen. Daraufhin trat die gesamte Prüfungsbehörde aus Protest zurück. Jex-Blake hatte damals in Edinburgh eine Medizinische Schule gegründet, an die sie auch Elizabeth Blackwell holte, die 1899 ihre New Yorker Schule schloss, weil das „Cornell University College“ von da an auch Medizinstudentinnen aufnahm.

Elizabeth und Emily Blackwell setzten sich bis zu ihrem Tod für die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und für den Ausbau der allgemeinen Krankenversicherung ein. Kritisch äußerten sie sich über den exzessiven Einsatz der Chirurgie und über die sexuelle Doppelmoral.

Am 3. Mai 1910 starb Elizabeth Blackwell im Alter von 89 Jahren in Kilmun (Schottland). Ihre Schwester Emily folgte ihr noch im selben Jahr ins Grab.

Auch andere Blackwell-Kinder waren im Berufsleben sehr erfolgreich. Samuel (1823–1901) und Henry (1825–1909) wirkten als Sozialreformer. Anna (1816–1900) arbeitete als Zeitungskorrespondentin, Ellen (1828–1901) als Schriftstellerin und Künstlerin. Samuel heiratete die erste amerikanische Pastorin, Antoinette Brown (1825–1921), und Henry die Frauenrechtlerin und Kämpferin gegen die Sklaverei, Lucy Stone (1818–1893).

Marie-Louise Bourgeois

Frankreichs berühmteste Hebamme

Zu den bekanntesten Hebammen des 17. Jahrhunderts in Europa gehörte die Französin Marie-Louise Bourgeois (1563–1636). Zu ihrem Ruhm trug vor allem das von ihr verfasste Hebammenbuch bei, das 1608 in französischer und 1626 in deutscher Sprache erschien. Zahlreiche Ärzte bestätigten ihr nach der Lektüre dieses Werkes brieflich, sie hätten daraus großen Nutzen gezogen.

Marie-Louise Bourgeois wurde 1563 als Tochter einer vornehmen Familie in Paris geboren. Als 20-Jährige heiratete sie den königlichen Armeechirurgen Martin Boursier. Ihr Mann war ein Schüler des Wundarztes Ambroise Paré (um 1510–1590) am Pariser Armenkrankenhaus „Hôtel Dieu“, von dem 1551 und 1573 zwei Abhandlungen über die Geburtshilfe veröffentlicht wurden.

Nach vierjähriger Ehe war Marie-Louise Bourgeois schon eine Witwe mit drei Kindern. Bevor sie sich entschloss, sich zur Hebamme ausbilden zu lassen, verdiente sie – mehr schlecht als recht – ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Stickereien. Ihre ersten Erfahrungen als Hebamme sammelte sie in den Armenvierteln von Paris, später bei Schwangeren des Großbürgertums. Bis 1609 trug sie .000 von ihr geleitete Entbindungen in ihr Hebammenbuch ein.

Bald genoss Marie-Louise Bourgeois einen so guten Ruf als Hebamme, dass die französische Königin Maria von Medici (1573–1642) sie an ihren Hof holte. Dort wirkte Marie-Louise an sieben Entbindungen der Königin mit. Ihr Honorar bei der Geburt eines Prinzen betrug .000 Dukaten, für eine Prinzessin dagegen nur 600.

Auf einem Kupferstich, der die Geburt des französischen Thronfolgers Ludwig XIII. (1601–1643) darstellt, präsentiert die Hebamme Marie-Louise Bourgeois den Neugeborenen dem Vater König Heinrich IV. (1553–1610) und weiteren Persönlichkeiten des Hofes. Bei diesem freudigen Ereignis hielten sich insgesamt 14 Personen in dem mit zahlreichen Polstermöbeln ausgestatteten Geburtszimmer auf.

Mit ihrem erwähnten Hebammenbuch löste Marie-Louise Bourgeois das von der ersten Ärztin Trotta (Trotula) von Salerno im elften Jahrhundert geschriebene Lehrbuch „Über die Leiden der Frau vor, während und nach der Entbindung“ ab. Nach ihr brachten die englische Hebamme Jane Sharp das Werk „Midwives Book“ (1671) und die deutsche Hebamme Justine Siegemundin (1636–1705) das Lehrbuch „Die Kgl. Preußische und Chur-Brandenburgische Hof-Wehemutter“ (1690) heraus.

Schwere Zeiten erlebte Marie-Louise Bourgeois, als nach jahrzehntelanger Hebammentätigkeit eine ihrer Patientinnen, eine angesehene Hofdame, am Kindbettfieber starb. Dies hatte Angriffe und Verdächtigungen ihrer Kollegenschaft zur Folge, gegen die sie sich temperamentvoll wehrte.

Die tüchtige französische Hebamme schrieb ihre Lebenserinnerungen in dem Buch „Récit véritable de la naissance des Enfants de France“ (1625, deutsch: „Wahre Erzählungen über die Geburt der Kinder Frankreichs“). Zuvor war ihr dreibändiges Werk „Observations diverses sur la stérilité“ („Betrachtungen zur Unfruchtbarkeit“) erschienen, das 1626 eine Neuauflage erfuhr und lange Zeit ein wichtiges Handbuch bildete. 1636 starb Marie-Louise Bourgeois in Paris.

Elsa Brändström

Der „Engel von Sibirien“

Große Verdienste bei der Versorgung deutscher und österreichischer Kriegsgefangener in Russland und bei ihrer Rückführung in die Heimat erwarb sich von 1914 bis 1920 die schwedische Abgeordnete des „Roten Kreuzes“, Elsa Brändström (1888–1948). Während ihrer segensreichen Arbeit kam sie in Lagern, Gefängnissen, Bergwerken und Lazaretten mit etwa 70.000 Gefangenen in Verbindung. Ihre dankbaren Schützlinge verliehen ihr den Ehrentitel „Engel von Sibirien“.

Elsa Brändström kam am 26. März 1888 als Tochter des schwedischen Generals Edvard Brändström, der als Militärattaché nach Russland kommandiert wurde, in Sankt Petersburg zur Welt. Sie verbrachte die ersten drei Jahre ihres Lebens in St. Petersburg und die nächsten 17 Jahre in Schweden, wo sie in Stockholm ein Lehrerinnenseminar absolvierte. 1908 wurde ihr Vater als schwedischer Gesandter an den Zarenhof nach Sankt Petersburg berufen.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 sah Elsa Brändström bei der Besichtigung des Nikolai-Hospitals in Sankt Petersburg erstmals die Not und das Elend deutscher und österreichischer Kriegsgefangener. Daraufhin meldete sie sich zusammen mit ihrer Freundin Ethel von Heidenstam (1881–1979) zum russischen Krankenpflegedienst. Ab 1915 traten die beiden Frauen in die Dienste des „Schwedischen Roten Kreuzes“.

Fortan arbeitete Elsa Brändström mit fast übermenschlich wirkender Energie für die Erleichterung des Loses ihrer Schützlinge. Als Delegierte des „Schwedischen Roten Kreuzes“ reiste sie durch ganz Russland und bis in die entferntesten Gegenden Sibiriens.

Beim ersten Besuch eines russischen Lagers in Sibirien bot sich Elsa Brändström ein Bild des Grauens. In für 500 Menschen gedachten Baracken vegetierten mehr als 800 deutsche und österreichische Soldaten dahin. Die Holzschuppen sind von früher her mit Flecktyphus infiziert gewesen, es gab keine Bademöglichkeiten. In der Krankenstation war der Boden mit Menschen übersät. Nur auf einigen Plätzen standen dort eiserne Bettstellen ohne Stroh, auf denen zwei Kranke lagen und oft noch zwei darunter. In der ganzen Station gab es keine einzige Decke oder ein Kissen. Jeder Gefangene erhielt nur einen Becher Wasser.

In anderen Lagern waren die Zustände nicht besser. Einmal erfuhr Elsa Brändström von einem Lagerbefehl, der das Heizen der Öfen verbot. Die Gefangenen sollten sich durch ihre eigene Wärme erwärmen, hieß es. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges kamen wegen der katastrophalen Zustände in den russischen Lagern mehr als 80 Prozent der deutschen und österreichischen Gefangenen durch Seuchen, Hunger und Kälte um.

Elsa Brändström linderte das Los der Kriegsgefangenen durch Lebensmittel, Decken, Medikamente, Geld und Zuspruch. Bei gleichgültigen und manchmal böswilligen Lagerverwaltungen setzte sie merkliche Verbesserungen durch. Mitunter redete sie mit pflichtvergessenen russischen Lagerkommandanten eine deutliche Sprache oder drängte erfolgreich auf ihre Ablösung. Der Lagerkommandant von Tobolsk in der sibirischen Tundra beispielsweise wurde abgesetzt, weil er deutsche und österreichische Gefangene ausgepeitscht hatte.

Den Kriegsgefangenen, die fern der Heimat und ohne Nachricht von ihren Verwandten unter harten Bedingungen in dumpfer Verzweiflung dahinlebten, erschien die hochgewachsene, blonde und blauäugige junge Schwedin, die mit tatkräftiger Hilfe zu ihnen kam, wie ein Engel. Als Elsa Brändström selbst an Flecktyphus erkrankte, beteten in den Lagern die Gefangenen für ihre Genesung.

Zur Zeit der bolschewistischen Revolution 1917 waren noch immer etwa 200.000 Kriegsgefangene in Sibirien völlig von der Welt abgeschnitten. Trotz der Warnungen des russischen Revolutionärs und Politikers Leo Trotzki (1879–1940) brach Elsa Brändström mit schwedischen und deutschen Schwestern nach Sibirien auf und wurde dort 1918 während des Aufstandes der Tschechen als Spionin verhaftet und ins Gefängnis geworfen.

Im Herbst 1918 wurde Elsa Brändström in Omsk ihre Arbeitserlaubnis entzogen. Bereits im Winter 1918/1919 erhielt sie eine erneute Legitimation. Vom Sommer 1919 bis zum Frühjahr 1920 hielt sie sich in Wladiwostock und Krasnojarsk auf. 1920 internierte man sie in Omsk, anschließend kehrte sie nach Schweden zurück.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges leitete der norwegische Polarforscher und Diplomat Fritjof Nansen (1861–1930) die Heimführung der Kriegsgefangenen aus Sowjetrussland und organisierte als Hochkommissar des „Völkerbundes“ („Nansenamt“, 1912–1930) von 1921 bis 1923 Hilfsaktionen für das hungernde Sowjetrussland. 1922 erhielt er den Friedensnobelpreis.

1920 kehrte Elsa Brändström über Stettin nach Schweden zurück. In ihrem Buch „Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien“ (1920) und in Vorträgen rief sie die schwedische Bevölkerung zu neuer Hilfe auf. Ein Teil der Spenden in Höhe von insgesamt zweieinhalb Millionen Kronen ging sofort nach Sibirien. Mit einem anderen Teil erwarb Elsa Brändström 1922 das Moorbad Marienborn-Schmeckwitz bei Kamentz in Sachsen und die Schreibermühle bei Lychen (Uckermark) nördlich von Berlin, das sie als Arbeitssanatorium für ehemalige Kriegsgefangene aus Sibirien einrichtete.

Auch den Kindern der in Kriegsgefangenschaft gestorbenen Väter galt Elsa Brändströms Sorge. 1923 sammelte sie während einer sechsmonatigen Vortragsreise in den USA rund 100.000 US-Dollar, mit denen sie in der Inflationszeit nach Deutschland zurückkehrte und ein Schloss bei Alt-Mittweida in Sachsen pachtete, das sie als Kinderheim für Kriegswaisen und Kinder ehemaliger Kriegsgefangener einrichtete. Dieses Heim bezeichnete sie als „Neusorge“.

Für ihre aufopfernde Arbeit verlieh die Universität Tübingen Elsa Brändström den Ehrendoktortitel. Der deutsche Diplomat Harry Graf Kessler (1868–1937) bezeichnete sie 1926 als „Die nordische Jeanne d’Arc“.

Nach einer Russlandreise heiratete Elsa Brändström 1929 den Dresdener Pädagogen Dr. Robert Ulich (1890–1977). Ihr Mann war als Ministerialreferent im „Sächsischen Ministerium für Volksbildung“ für die Hochschulen des Landes Sachsen zuständig und lehrte zugleich an der „Technischen Hochschule Dresden“ in der Kulturwissenschaftlichen Abteilung als Honorarprofessor für Praktische Pädagogik.

1931 verkaufte Elsa Brändström-Ulich die Schreibermühle Lychen und gab das Heim „Neusorge“ an den Leipziger Fürsorgeverein ab. Damals wurde die „Elsa-Brändström-Werbegemeinschaft der Frauen“, ein Fonds für Studiengelder ehemaliger Neusorger, gegründet. 1932 brachte Elsa ihre Tochter Brita zur Welt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 trat Robert Ulich, der seit 1919 der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) angehörte, aus dem Staatsdienst aus und legte auch seine Honorarprofessur nieder. In jenem Jahr erlebte Elsa Brändström-Ulich, dass die Biographie ihrer Freundin Elsa Björkman-Goldschmidt über den „Engel von Sibirien“ nicht gedruckt wurde, weil sie mit einem Sozialisten verheiratet war und dies nicht ins Verlagsprogramm passte.

Als das Ehepaar 1933 beschloss, mit seiner Tochter in die USA zu emigrieren, versuchte der Diktator Adolf Hitler (1889–1945), die berühmte Wohltäterin von diesem Schritt abzuhalten, und lud sie zu einer Unterredung auf den Obersalzberg ein. Die von Elsa Brändström-Ulich per Telegramm übermittelte Antwort lautete kurz und klar „Nein“. Im Januar 1934 folgte Professor Ulich einem Ruf der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und verließ zusammen mit Frau und Tochter Deutschland.

In Amerika unterstützte Elsa Brändström-Ulich deutsche Emigranten. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches setzte sie alle Hebel in Bewegung, um notleidenden Deutschen zu helfen. Die evangelische Kirche trat damals mit der Bitte an sie heran, ob sie in Deutschland die Arbeit in der Kinderfürsorge nach dem Vorbild des Heims „Neusorge“ wieder aufnehmen wolle. Doch die Besatzungsmächte verweigerten ihr den Pass.

Der Wunsch Elsa Brändström-Ulichs, Deutschland wiederzusehen, ging nicht mehr in Erfüllung. Sie wurde schwer krank und starb am 4. März 1948 im Alter von

59 Jahren in Cambridge (Massachusetts). Man setzte ihre Urne auf der elterlichen Grabstätte in Stockholm bei.

Charlotte Bühler

Die Wegbereiterin der humanistischen Psychologie

Zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendpsychologinnen der Welt zählte die aus Deutschland stammende Charlotte Bühler (1893–1974), geborene Malachowski. Sie beschäftigte sich mit dem Lebenslauf und mit den Lebenszielen des Menschen und gilt als Wegbereiterin für die humanistische Psychologie. Nach ihr wurde der von ihr entwickelte „Bühlersche Welt-Spiel-Test“ benannt, mit dem sie das Seelenleben von Kindern und Jugendlichen erforschte.

Charlotte Malachowski kam am 20. Dezember 1893 als ältestes von zwei Kindern des jüdischen Regierungsbaumeisters Hermann Malachowski und seiner Ehefrau Rose, geborene Kristeller, in Berlin zur Welt. Ihre Mutter, die unter ihrer eigenen mangelhaften Ausbildung litt, meldete sie für das Gymnasium an. Nach dem Abitur studierte Charlotte ab 1913 in Freiburg im Breisgau, Berlin, Kiel und München.

Zu Beginn ihres Studiums träumte Charlotte Malachowski von einer Universitätsprofessur. Falls dies nicht möglich sein sollte, wollte sie Gymnasiallehrerin werden. In Kiel besuchte sie das nahe der Universität liegende Lehrerinnenseminar und verlobte sich mit einem Studienkollegen. Doch nach einem fast nur aus Studenten bestehenden Regimentseinsatz an der Ostfront kehrte der Verlobte psychisch schwer gestört zurück, und es kam zur Trennung.

Im Herbst 1915 reiste Charlotte Malachowski für Studien zu ihrer geplanten Dissertation über „Denkprozesse“ nach München. Dort befasste sie sich vor allem mit den Arbeiten des aus Meckesheim in Baden stammenden Psychiaters

und Neurologen Karl Bühler (1879–1963), auf die sie 1914

in der Berliner Universitätsbibliothek aufmerksam geworden war. Einer Freundin sagte sie, dieser Mann wolle genau dasselbe wie sie, und sie wüsste gerne, wo er sei.

Charlotte ahnte zu jener Zeit nicht, dass Karl Bühler der Assistent ihres Münchener Universitätslehrers Oswald Külpe (1862–1915) und außerordentlicher Professor am Psychologischen Institut war, weil Bühler damals als Stabsarzt an der Front diente. Nach dem plötzlichen Tod Stumpfs am 30. Dezember 1915 wurde Bühler zurückberufen, übernahm vorübergehend die Leitung des Instituts und interessierte sich sehr für Charlottes Arbeiten.

Bereits zwei Wochen nach seiner Rückkehr hielt der 37-jährige Professor Karl Bühler auf dem Weg durch den Englischen Garten in München um die Hand der 22 Jahre alten Studentin Charlotte Malachowski an. Er blieb an einem großen Baum stehen, stellte die Milchkannen, die er trug, auf die Erde, und erklärte, sie sei genau jene, auf die er gewartet habe: eine Frau, die mit ihm seine Interessen teilen könne und die ihn als Mensch anzöge.

Am 4. April 1916 feierten Charlotte Malachowski und Karl Bühler ihre Hochzeit. Danach bezogen beide eine Wohnung in Schwabing und stellten dort ihre beiden Schreibtische im Wohnzimmer nebeneinander. 1917 kam die Tochter Ingeborg zur Welt.

1918 promovierte Charlotte Bühler mit „summa cum laude“ zum „Doktor der Philosophie“ und wandte sich der Kinder- und Jugendpsychologie zu. Im selben Jahr folgte Karl Bühler einem Ruf an die Technische Hochschule in Dresden, wohin auch seine Familie übersiedelte. 1919 schenkte Charlotte dem Sohn Rolf Dietrich das Leben.

Mit ihrer Arbeit „Entdeckung und Erfindung in Literatur und Kunst“ habilitierte sich Charlotte Bühler 1920 als erste Privatdozentin Sachsens an der Technischen Hochschule in Dresden. Dank der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern konnte sie eine Haushaltshilfe, Amme und später eine Gouvernante für ihre zwei Kinder beschäftigen.

Ab 31. August 1922 wirkte Karl Bühler als ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Wien. In der Folgezeit arbeiteten Karl und Charlotte am Psychologischen Institut, an der Lehrerakademie der Stadt Wien, wo ihnen ein Laboratium für ihre Forschungen offenstand, und in der Kinderübernahmestelle der Stadt Wien.

Nach ersten Kontakten zu Forschern in den USA wurde Charlotte Bühler 1924/1925 ein einjähriger Forschungsaufenthalt als Fellow der „Sarah Lawrence Rockefeller Foundation“ an der „Columbia University“ in New York City ermöglicht. Von 1930 bis 1938 wirkte sie als außerordentliche Professorin in Wien. 1935 folgte ein weiterer Forschungsaufenthalt in den USA.

In Wien betrieb Charlotte Bühler mit zahlreichen Schülern durch Auswertung von Tagebüchern Jugendlicher und durch Verhaltensforschung kinder- und jugendpsychologische Studien. Gemeinsam mit den Kinder- und Jugendpsychologinnen Hildegard Hetzer (1899–1991) und Lotte Schenk-Danzinger (1905–1992) entwickelte sie „Kleinkindertests“ (1932), die bis heute angewendet werden.

Während eines beruflichen Aufenthalts im März 1938 in London hörte Charlotte Bühler die Nachricht vom Anschluss Österreichs an das „Deutsche Reich“. Ihr Ehemann wurde nach einer Hausdurchsuchung durch die „Geheime Staatspolizei“ („Gestapo“) am 23. März 1938 in „Schutzhaft“ genommen und im April aus politischen und weltanschaulichen Gründen beurlaubt.

Mit Hilfe eines zum Nazi gewordenen Norwegers, der früher in Österreich Generalkonsul gewesen war, erreichte Charlotte Bühler nach sechseinhalb Wochen die Freilassung ihres Mannes aus dem Gefängnis. Im Oktober 1938 trafen sich ihr Gatte, ihre Tochter und sie in Oslo wieder. Als eine gemeinsame Berufung an die Fordham University in New York City für Herbst 1938 nicht zustande kam, ging Karl Bühler an eine andere Universität in den USA, während Charlotte vorerst in Norwegen blieb.

Noch 1938 übernahm Charlotte Bühler eine Professur an der Lehrerakademie Trondheim in Norwegen und zugleich an der Universität Oslo. 1940 bat Karl Bühler seine Frau per Telegramm dringend, sie solle möglichst bald zu ihm nachkommen. In den USA befürchtete man damals bereits den Einmarsch der Deutschen in Norwegen. Am 29. März 1940 verließ Charlotte Oslo, bald danach – am 10. April – wurde Norwegen von den Deutschen besetzt.

In den USA erhielt Charlotte Bühler eine Professur am „St. Catherine College“ von St. Paul in Minnesota, wo zuvor ihr Mann eine Stelle bekommen hatte. Das Ehepaar fühlte sich in seiner neuen Heimat nicht wohl. Für Karl Bühler war die erzwungene Emigration und die geistige Trennung von seiner früheren Wirkungsstätte unüberwindbar gewesen. Charlotte konnte lange Zeit von Wien nur mit Tränen sprechen.

1942 übernahm Charlotte Bühler die Leitung der psychologischen Abteilung des Zentralkrankenhauses von Minneapolis in Minnesota. 1945 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Von 1945 bis 1953 arbeitete sie als Chefpsychologin des „County General Hospitals“ in Los Angeles (Kalifornien) und von 1950 bis 1958 als Professorin für Psychiatrie an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles, an der auch ihr Mann lehrte

Charlotte Bühler schrieb zahlreiche Bücher und veröffentlichte viele Arbeiten über ihr Fachgebiet in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelwerken. Das Verzeichnis ihrer Publikationen umfasst 168 Arbeiten, von denen mehrere in 21 Sprachen übersetzt wurden.

Zu Charlotte Bühlers bekanntesten Werken gehören unter anderem „Das Märchen und die Phantasie des Kindes“ (1918), „Das Seelenleben des Jugendalters“ (1922), „Kindheit und Jugend“ (1928), „Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem“ (1933), ein Standardwerk der praktischen und experimentellen Psychologie, „From birth to maturity“ (1935), „Praktische Kinderpsychologie“ (1937), „Kind und Familie“ (1938), „Entwicklungsteste“ (1952) sowie „Kindheitsprobleme und der Lehrer“ (1952). Mit ihrem Band „Psychologie im Leben unserer Zeit“ (1962) erreichte sie Bestseller-Auflagen.

Am 24. Oktober 1963 starb Karl Bühler im Alter von 84 Jahren in Los Angeles. Obwohl er immer ein wenig im Schatten seiner Frau stand, war auch er ein bedeutender Psychologe gewesen. Er hatte als einer der ersten die geistige Entwicklung des Kindes mit Hilfe von Testverfahren untersucht. Außerdem war er erstmalig zu einer genauen Unterscheidung des durch „Dressur“ Angelernten und dem Lernen des Kindes durch selbstständiges „Sinnerfassen“ gelangt und hatte so Instinktmäßiges und Intellekt in der Entwicklung scharf voneinander abgegrenzt.

Anfang Juli 1964 sprach Charlotte Bühler vor Professoren und Studenten der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, wo sie die Patenschaft für die psychologische Arbeitsgruppe „Weg zum Kind“ übernahm, die ihren Namen erhielt. In einem stark beachteten Vortrag über den Ablauf des menschlichen Lebens stellte Charlotte Bühler „vier Grundtendenzen des Lebens“ heraus: Bedürfnisbefriedigung, selbstbeschränkende Anpassung, schöpferische Expansion und Aufrechterhaltung der „inneren Ordnung“. Letzteren Begriff prägte sie selbst.

Nach ihrer Emeritierung führte Charlotte Bühler bis 1971 eine private Praxis in Beverly Hills (Kalifornien), siedelte im selben Jahr nach Deutschland über und praktizierte bis zu ihrem Tod in Stuttgart, wo ihr Sohn Rolf Dietrich eine Professur an der Technischen Hochschule innehatte. Am 3. Februar 1974 starb sie im Alter von 80 Jahren in Stuttgart.

Veronica Carstens

Die Förderin der Naturheilkunde

Als Mitbegründerin der „Karl und Veronica-Carstens-Stiftung“ (1981) und der Fördergemeinschaft für Erfahrungsheilkunde „NATUR und MEDIZIN“ (1983) tat sich die Internistin und „First Lady“ der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Veronica Carstens (1923–2012), geborene Prior, hervor. Die von der Präsidentengattin und ihrem Mann aus der Taufe gehobenen Organisationen unterstützen wissenschaftliche Arbeiten zur Erforschung von Präparaten und Methoden der Naturheilkunde und Homöopathie.

Veronica Prior wurde am 18. Juni 1923 als jüngstes von vier Kindern des Diplom-Ingenieurs Willi Prior in Bielefeld (Westfalen) geboren. Nach dem in ihrer Heimatstadt absolvierten Abitur leistete sie im Kriegsjahr 1941 den obligatorischen Arbeitsdienst in einem Lager in Westrup (Westfalen) ab. Sie wurde in der Landwirtschaft zur Kartoffelernte und zum Fahren mit einem Ochsengespann eingesetzt.

Auf den Arbeitsdienst folgte ab 1942 ein Medizinstudium in Freiburg/Breisgau, obwohl Veronica Carstens ursprünglich Musik studieren wollte. 1943 verliebte sich die Medizinstudentin bei der Hochzeit ihrer Schwester Annette auf den ersten Blick in den aus Bremen stammenden Flakleutnant Karl Carstens (1914–1992). Im Anschluss an das Physikum arbeitete sie von 1944 bis 1945 als Rote-Kreuz-Schwester in einem Lazarett in Schobüll hinter dem Deich.

Im Dezember 1944 heiratete Veronica Prior in Berlin-Tegel den Leutnant Karl Carstens. Auf der Hochzeitsreise ins Riesengebirge hörte das Paar bereits den Kanonendonner der heranrückenden russischen Armee. Veronica Carstens erlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges in Heide (Dithmarschen), wo sie damals in der Krankenstation der Kaserne arbeitete. Sie versuchte, sich nach Bremen durchzuschlagen, ihr Mann strampelte mit dem Fahrrad nach Heide. In Hamburg haben sich beide wieder getroffen. Es war einer der schönsten Augenblicke ihres Lebens. Der Krieg beendet, der Mann trotz aller Gefahren gesund – und nun lag die Zukunft im hellen Licht vor ihnen.

In der Nachkriegszeit begnügte sich Veronica Carstens mit ihrer Rolle als Hausfrau, während sich ihr als Rechtsanwalt in Bremen und später als Bevollmächtigter der Hansestadt Bremen beim Bund tätiger Mann zunehmend in der Politik engagierte. Sie spielte Geige und besuchte Vorlesungen über Kunstgeschichte, um den Tag auszufüllen, kam sich aber ohne eine sinnvolle Tätigkeit zunehmend nutzlos vor.

Als sich herausstellte, dass die Ehe kinderlos bleiben würde, Karl Carstens seine Tätigkeit als Anwalt in Bremen aufgegeben hatte und nach Bonn in die Politik gegangen war, setzte Veronica Carstens 1956 auf den Rat ihres Gatten an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn ihr Medizinstudium fort, das sie 1960 mit Staatsexamen und Promotion abschloss. Es folgte ihre internistische Fachausbildung am „St. Josefs-Krankenhaus“ in Bonn-Beuel.

Zu Beginn der 1960-er Jahre gehörte Veronica Carstens zu den Gründerinnen des „Frauen- und Familiendienstes“ des „Auswärtigen Amtes“, in dem ihr Mann damals als Staatssekretär wirkte. Diese Organisation steht den Frauen und Familien bei dem häufigen Ortswechsel der Amtsangehörigen mit Rat und Tat zur Seite.

Veronica Carstens arbeitete von 1960 bis 1968 als Assistenzärztin, ehe sie 1968 in ihrem Wohnort Meckenheim unweit von Bonn eine eigene internistische Fachpraxis eröffnete, die vor allem auf die Biologische Medizin und die Homöopathie ausgerichtet war. Dabei handelte es sich um keine Starpraxis für Prominente, sondern um eine Kassenpraxis für alle Patienten. Zur Zeit der Praxiseröffnung war ihr Mann Chef des Bundeskanzleramtes.

1972 wählte man Veronica Carstens in das Presbyterium (Kirchenvorstand) der evangelischen Kirchengemeinde in Meckenheim. Ab 1973 fungierte ihr Mann in Bonn als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU. Erst ab dieser Zeit las Frau Carstens den politischen Teil der Zeitungen. Denn Politik hatte sie nie interessiert. Sie erschien ihr als eine Sache, die von entschlusskräftigen und dazu befähigten Männern und Frauen gestaltet und verantwortet wird.

Am 1. Juli 1979 wurde der CDU-Politiker Karl Carstens als Nachfolger von Walter Scheel (FDP) deutscher Bundespräsident. Seine Frau behielt ihre Meckenheimer Praxis und gab dort noch vier- oder fünf Mal in der Woche einen halben Tag lang Sprechstunden. Wenn ein Kind hohes Fieber hatte, machte sie auch einen Hausbesuch. Viele ihrer Patienten hatten die „Frau Doktor“ gebeten, sie nicht im Stich zu lassen.

Als „First Lady“ trat Veronica Carstens bescheiden und diszipliniert auf. Die Repräsentationspflichten als Gattin des Bundespräsidenten fielen ihr anfangs nicht leicht. Der Schritt aus der gutbürgerlichen Anonymität ins grelle Licht der Öffentlichkeit kostete sie einige Überwindung. Um mit ihrer neuen Funktion fertig zu werden und sich Mut zu machen, erinnerte sie sich oft an das indische Sprichwort: „Das, vor dem du Furcht hast, musst du tun.“

Der Wohnsitz des Bundespräsidenten, die „Villa Hammerschmidt“ in Bonn, ist Veronica Carstens und ihrem Mann eher fremd geblieben. Lieber hielten sich beide in ihrem 1973 in Meckenheim errichteten Einfamilienhaus auf. In der „Villa Hammerschmidt“ stand Veronica Carstens eine Sozialabteilung mit qualifizierten Mitarbeitern zur Verfügung. Dort gingen zahlreiche Briefe und Anrufe von Hilfe- und Ratsuchenden ein.

Als „First Lady“ war Veronica Carstens die Schirmherrin der „Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft“, der „Deutschen UNICEF-Hilfe“, des „Deutschen Müttergenesungswerks“ und Vorsitzende der „Deutschen Altershilfe“.

1981 gründeten Frau Carstens und ihr Mann die „Karl und Veronica-Carstens-Stiftung“ und 1983 die Fördergemeinschaft für Erfahrungsheilkunde „NATUR und MEDIZIN“, der jeder beitreten konnte und die bald mehr als 50.000 Mitglieder zählte. Veronica Carstens beklagte, viele gute Hausmittel, die sich bei Eltern oder Großeltern der jetzigen Generation zur Vermeidung und Behandlung von Krankheiten bewährt hätten, gerieten im technischen Zeitalter immer mehr in Vergessenheit. In den Industrieländern wüsste man noch viel zu wenig oder überhaupt nichts mehr über eine große Zahl von Heilpflanzen, die in anderen Kulturen erfolgreich angewandt würden.

Die Eheleute Carstens verfügten, die „Karl und Veronica-Carstens-Stiftung“ solle nach ihrem Tod ihr ganzes Privatvermögen erben. Durch die von ihr geförderten umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten trug die Stiftung erheblich zur Anerkennung der Naturheilkunde in Deutschland bei.

Der Arbeitstag von Veronica Carstens fing um 6.30 Uhr an. Ihr Lebensmotto lautete: „Wer genug Arbeit hat, bleibt im Gleichmaß“. Sie liebte die Literatur und die Musik, beherrschte selbst Geige und Bratsche, befasste sich aber auch mit Blumen und Garten. Mit ihrem Mann ist sie gerne gewandert. Am 30. Mai 1992 wurde Veronica Carstens Witwe.

Bei den Recherchen für sein Taschenbuch „Superfrauen 6 – Medizin“ (2000) hatte der Autor Ernst Probst kurz mit Veronica Carstens zu tun. Sie gab prompt und freundlich erbetene Auskünfte, überprüfte den Textentwurf für ihre Kurzbiografie, stellte kostenlos ein Porträtfoto von ihr zur Verfügung und signierte auf Bitte des Autors einige Exemplare. Damit unterschied sie sich sehr wohltuend von manchen anderen „Superfrauen“, mit denen Ernst Probst wegen seiner 14-bändigen Taschenbuchreihe zu tun hatte.

2009 zog sich die Mittsiebzigerin Veronica Carstens aus der Öffentlichkeit zurück. Zuletzt lebte sie in einem Sanatorium in Bonn. Am 25. Januar 2012 starb sie im Alter von 88 Jahren friedlich im Kreis ihrer engsten Weggefährten in Bonn. Sie hatte ihren Ehemann um fast zwei Jahrzehnte überlebt. Eine öffentliche Gedenkfeier erfolgte am 13. Februar 2012 in der Beethoven-Halle in Bonn.

In Nachrufen über Veronica Carstens hieß es, sie habe die Naturheilverfahren in Deutschland hoffähig gemacht. Ihr Einsatz habe einer menschlichen Medizin mit dem Patienten im Mittelpunkt gegolten. Als sie während der Präsidialzeit ihres Ehemannes das Thema „Naturheilkunde“ auf die Agenda gehoben habe, habe sie damit am Bild der technisierten Medizin gekratzt.

Gerty Cori

Die erste Medizinnobelpreisträgerin

Die erste Frau, die den „Nobelpreis für Medizin“ entgegennehmen konnte, war die aus der Tschechoslowakei stammende amerikanische Ärztin Gerty Cori (1896–1957), geborene Gerty Theresa Radnitz. Sie erhielt diese hohe Auszeichnung zusammen mit ihrem Mann, dem deutsch-amerikanischen Mediziner und Physiologen Carl Ferdinand Cori (1896–1984), und dem argentinischen Mediziner Bernardo Alberto Houssay (1887–1971).

Gerty Theresa Radnitz wurde am 15. August 1896 in Prag geboren, das damals noch zur österreich-ungarischen Monarchie gehörte. Ihr Vater Otto Radnitz leitete eine Zuckerfabrik. Gerty war die älteste von drei Töchtern, ihre jüngeren Geschwister hießen Lotte und Hilda. Bis zum Alter von zehn Jahren erhielt Gerty im Elternhaus durch Privatlehrer Unterricht, dann besuchte sie eine private Mädchenschule.

Mit 16 Jahren beschloss Gerty Radnitz, das Abitur – in Österreich „Matura“ genannt – zu machen und Chemikerin zu werden. Zwei Jahre lang lernte sie zu Hause Latein, Mathematik, Physik und Chemie, bevor sie 1914 am Tetschen-Realgymnasium in Prag die Reifeprüfung bestand. Noch im selben Jahr schrieb sie sich an der „Deutschen Universität“ in Prag ein und studierte Medizin.

Zur selben Zeit wie die rothaarige Gerty Radnitz begann auch ein blonder junger Mann, dessen Vater eine meeresbiologische Station in Triest leitete, sein Medizinstudium in Prag: Carl Ferdinand Cori. Ihn faszinierten der Charme, die Intelligenz, die Vitalität und der Sinn für Humor seiner Kommilitonin, die Wanderungen, das Skifahren und Bergsteigen liebte. Bald waren beide beim Studium und in der Freizeit unzertrennlich.

1917 wurde Carl Cori als Sanitätsoffizier in die österreichische Armee eingezogen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges konnte er 1918 sein Studium fortsetzen. Zu Beginn des Jahres 1920 promovierte Gerty Radnitz zum „Doktor der Medizin“, auch Carl Cori beendete damals sein Studium. Die beiden zogen nach Wien und heirateten.

Anschließend arbeitete Gerty Cori zwei Jahre lang als Kinderärztin am Karolinen-Kinderspital in Wien, wo sie an Schilddrüsenerkrankungen leidende Kinder untersuchte. Ihr Mann wirkte im Untersuchungslabor der Wiener Universitätsklinik. In der Freizeit unternahmen die Eheleute Skitouren und Kletterpartien in den österreichischen Bergen.

1922 trat Carl Cori eine Stelle als Biochemiker am „Staatlichen Krebsforschungszentrum“ in Buffalo am Eriesee im amerikanischen Bundesstaat New York an. Wenige Monate später folgte ihm seine Frau, die er als Assistentin am Krebsforschungszentrum unterbrachte. 1928 erhielt das Paar die amerikanische Staatsbürgerschaft.

1931 wurde Carl Cori als Pharmakologieprofessor an die „Washington University School of Medicine“ in St. Louis (Missouri) berufen. Seine Frau durfte zwölf Jahre lang für ein symbolisches Gehalt in seinem Forschungslabor mitarbeiten. Im Sommer 1936 kam Tom, der einzige Sohn des Ehepaares Cori, zur Welt.

In St. Louis erforschten Carl Ferdinand und Gerty Cori gemeinsam den Kohlehydratstoffwechsel und die Funktion der Enzyme in tierischen Geweben. Speziell interessierten sie sich für das Schicksal des Glukosemoleküls beim Aufbau und Abbau des Glykogens im tierischen Körper. Frau Cori erforschte und beschrieb eine Form der Glykogenspeicherkrankheit (so genannte Cori-Krankheit).

Ab 1943 war Gerti Cori „research associates professor“. 16 Jahre später als ihr Gatte erhielt auch sie 1947 eine volle Professur: Sie wurde 1947 zur „Professorin für Biochemie“ an der Washington University ernannt. Diese Funktion bekleidete sie ein Jahrzehnt lang bis zu ihrem Ableben.

Im Sommer 1947 fuhr das Ehepaar Cori nach Colorado in die Rocky Mountains zum Bergsteigen. Anders als sonst scheiterte Gerty diesmal am 4.300 Meter hohen Snow Mass: Sie litt unter Atembeschwerden, fühlte sich schwach und schwindelig. Es waren die ersten Anzeichen einer seltenen und unheilbaren Knochenmarkserkrankung namens Myelofibrose.

Das Ehepaar Cori wurde im Dezember 1947 für seine Forschungen über Kohlehydratabbau im Muskel mit dem „Nobelpreis für Medizin“ ausgezeichnet. Es teilte sich diese hohe Auszeichnung mit dem argentinischen Physiologen Bernardo Alberto Houssay, der für seine Arbeiten über die Bedeutung des Hypophysenvorderlappens für den Zuckerstoffwechsel ebenfalls den „Nobelpreis für Medizin“ erhielt.

Nach der Verleihung des Nobelpreises sagte Carl Cori in seiner Dankesrede: „Unsere Forschungen haben sich größtenteils ergänzt, und einer ohne den anderen wäre nie so weit gekommen, wie wir es nun geschafft haben.“ Vom Preisgeld in Höhe von 24.460 US-Dollar wünschte sich der elfjährige Sohn Tom eine Dampflok als seinen Anteil.

Ein mit den Coris befreundeter Journalist, schrieb einmal, die geistigen Prozesse der beiden Eheleute griffen ineinander, so dass sie gemeinsam denken und sprechen würden. Ohne seine lebhafte und begeisterungsfähige Frau mochte der eher zurückhaltende Carl Cori nicht arbeiten. Einmal bot ihm eine Universität einen gut dotierten Posten an, wollte aber seine Gattin nicht mitbeschäftigen, daraufhin schlug er das Angebot empört aus.

1950 wählte man Gerty Cori zum Direktor der „National Science Foundation“. Ihre folgende Forschungsarbeit führte 1952 zur Aufklärung der Molekularstruktur des Glycogen. Gerty Cori erlag am 26. Oktober 1957 im Alter von 61 Jahren einem Nierenversagen, das die Folge ihrer Knochenmarkserkrankung war, in St. Louis.

Leila Denmark

Die älteste Ärztin der Welt

Gleich mehrere Rekorde in der Welt der Medizin gehen auf das Konto der amerikanischen Ärztin Leila Denmark (1898–2012), geborene Daughtry. Weltweit war sie die älteste praktizierende Ärztin und Kinderärztin. Sie praktizierte noch im hohen Alter von 103 Jahren und war insgesamt fast 75 Jahre lang als Kinderärztin tätig.

Leila Alice Daughtry kam am 1. Februar 1898 in Portal (Georgia) zur Welt. Sie war das älteste von zwölf Kindern von Ellerbee Daughtry und dessen Ehefrau Alice Cornelia Daughtry, geborene Hendricks. Ihr Vater fungierte als Bürgermeister von Portal in Georgia und besaß eine große Farm, auf der Leila aufwuchs. Ihre Eltern galten als wohlhabend.

1922 machte Leila Daughtry auf dem „Tift College“ in Forsyth ihren „Bachelor of Arts“. Danach nahm sie ein Lehramt an und gab zwei Jahre lang Unterricht in Acworth. Die Arbeit als Lehrerin stellte sie aber nicht zufrieden.

Seit Kindestagen war der spätere Bankier John Eustace Denmark der Freund von Leila Daughtry. Als John im Auftrag des US-Außenministeriums nach Java geschickt wurde, schrieb sich auf Leila am „Medical College of Georgia“ in Augusta ein. Dort war sie unter 53 Studenten die einzige Frau. 1928 erhielt Leila als einzige Frau ihres Jahrgangs am „Medical College of Georgia“ ihren Doktortitel. Zudem war sie die dritte Frau überhaupt, die an diesem College den Doktortitel erworben hatte.

Am 11. Juni 1928 heiratete die 30 Jahre alte Leila Daughtry ihren langjährigen Freund John Eustace Denmark. Das Ehepaar zog nach Atlanta, wo Leila zunächst am „Grady Hospital“ arbeitete. Drei Monate später wechselte sie zum neu eröffneten „Egleston Hospital for Children“, wo sie die erste Medizinalassistentin war. 1930 brachte Leila ihre Tochter Mary Alice zur Welt, die ihr einziges Kind blieb.

Mit 33 Jahren eröffnete Leila Denmark 1931 im Stadtteil Virginia-Highlands von Atlanta eine eigene Arztpraxis. Nach dem Ausbruch einer Keuchhusten-Epidemie mit 75 Fällen erforschte sie ab 1932 diese gefürchtete Krankheit. Sie injizierte das Blutserum, das sie von einem an Keuchhusten erkrankten Erwachsenen gewonnen hatte, ihrer eigenen Tochter Mary Alice, die der Erreger ebenfalls infiziert hatte, worauf diese gesund wurde.

Leila Denmark sandte ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse an „Eli Lilly and Company“, die damit einen Impfstoff gegen Keuchhusten entwickeln konnten. 1935 erhielt Leila für ihre Leistungen auf diesem Gebiet dem „Fisher Award“. Ihre Forschungsergebnisse wurden unter anderem im „American Journal of Diseases of Children – „Studies in Whooping Cough: Diagnosis and Immunization“ (1936) und „Whooping Cough Vaccine“ (1942) – sowie zwischen 1932 und 1938 zweimal im „Journal of the American Medical Association“ veröffentlicht.

1945 zog Leila Denmark nach Sandy Springs, wo sie vierzig Jahre lang als Kindermedizinerin arbeitete. Anfang der 1970-er Jahre erschien ihr Buch „Every Child Should Have a Chance“, das bisher 14 Auflagen erreichte. Im Alter von 87 Jahren zog sie sich 1985 in ein altes Farmhaus in Alpharetta zurück. Unweit ihres Wohnhauses richtete sie eine neue Arztpraxis ein. 1990 starb ihr Ehemann im Alter von 91 Jahren.

Bis 2002 behandelte Leila Denmark täglich etwa 15 bis 25 junge Patienten. Noch mit 103 Jahren war sie als Kinderärztin aktiv. Erst als ihre Sehkraft sehr stark nachließ, schloss sie ihre Praxis. In der Folgezeit beriet sie Hilfe suchende Eltern gelegentlich noch telefonisch. 2006 erklärte sie, wenn sie noch einmal leben könnte, würde sie alles wieder genau so machen und auch denselben Mann wieder heiraten.

Für ihre engagierte und professionelle Arbeit hat Leila Denmark etliche Auszeichnungen erhalten. 1953 ehrte man sie als „Frau des Jahres“ in Atlanta. 1998 verlieh man ihr den „Health-Care Heroes Award“ und 2000 den Ehrendoktortitel in Naturwissenschaften der „Emory University“. Ab den 1930-er Jahren betätigte sie sich 56 Jahre lang ehrenamtlich für eine karitative Kinderklinik der „Presbyterianischen Kirche“.

Leila Denmark zählte zu den ersten Fachmedizinern, die Stellung gegen das Rauchen in der Nähe von Kindern bezogen. Außerdem riet sie öffentlich Schwangeren von Alkohol-, Tabak-, Koffein- und Drogenkonsum ab, um das Kind nicht im Mutterleib zu schädigen.

Leila Denmark starb am 1. April 2012 in Athens (Georgia) im hohen Alter von 114 Jahren und 60 Tagen. Laut „Guiness-Buch der Rekorde“ war sie weltweit der viertälteste Mensch. Sie soll Lachen und Humor als Schlüssel für ein langes Leben betrachtet haben. Ihr Enkel James Hutchinson erklärte, sie habe ihre medizinische Tätigkeit über alles geliebt.

Helene Deutsch

Die Kennerin der Frauenpsyche

Als Pionierin der Psychoanalyse ging die aus Galizien stammende Helene Deutsch (1884–1982), geborene Rosenbach, in die Annalen der Wissenschaft ein. Ihre Spezialität waren die Psychologie der Frau und die weibliche Sexualität. 1925 veröffentlichte sie das erste psychoanalytische Buch zur weiblichen Sexualität. Die Ausbildung junger Psychoanalyterikerinnen lag ihr sehr am Herzen.

Helene Rosenbach kam am 9. Oktober 1884 als Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Wilhelm Rosenbach und seiner Ehefrau Regina Fass-Rosenbach in Przemysl (Galizien) zur Welt. Ihr Geburtsort gehörte damals noch zu Österreich-Ungarn, später jedoch zu Polen. Ihre Mutter redete zu Hause deutsch, dagegen bevorzugten Helene, ihr Bruder und ihre beiden Schwestern die polnische Sprache.

Früh litt Helene unter dem gesellschaftlichen Ehrgeiz und Konformismus ihrer Mutter. Viel besser verstand sie sich mit ihrem Vater, den sie als stärkste Quelle ihrer Fähigkeiten empfand. Im Alter von 14 Jahren verließ Helene die Privatschule und bereitete sich in Privatstunden auf die Reifeprüfung (Abitur) vor.

Mit 14 wurde Helene Rosenbach die Geliebte des wesentlich älteren und verheirateten polnischen Strafverteidigers und Sozialistenführers Hermann Liebermann (1870–1941), der ihr Interesse für die Politik weckte. Die leidenschaftliche Affäre verzögerte ihr Abitur um fünf Jahre. 1907 bestand Helene die Prüfung für das Abitur, für die sie damals als Frau noch eine Sondergenehmigung benötigte.

Nach dem Abitur studierte Helene Rosenbach ab 1907 an der medizinischen Fakultät der Universität Wien. Im selben Jahr wurde Hermann Liebermann in Wien Abgeordneter. 1910 nahm Helene mit Liebermann am Kongress der „Sozialistischen Internationale“ in Stockholm teil. Im selben Jahr ging Helene zum Abschluss ihres Medizinstudiums nach München, wo sie bei dem Psychiater Emil Kraepelin (1865–1926) im Labor für experimentelle Psychologie ihre wissenschaftliche Arbeit begann.

1911 beendete Helene Rosenbach – offenbar nach der Abtreibung eines Kindes von Liebermann – die Liaison mit dem Sozialistenführer, der sich wohl auch aus Rücksicht auf seine Partei nicht scheiden lassen wollte. Während ihres letzten Studienjahres in München lernte Helene den Wiener Internisten Felix Deutsch (1884–1964) kennen und lieben. 1912 heiratete sie ihn und promovierte im selben Jahr zum „Doktor der Medizin“.

Von 1912 bis 1918 arbeitete Helene Deutsch als unbezahlte Assistentin an der Klinik für Psychiatrie von Julius Wagner von Jauregg (1857–1940) in Wien, der 1927 den „Nobelpreis für Medizin“ erhielt. Zu jener Zeit war die offizielle Daueranstellung einer Frau durch die österreichische Regierung noch nicht möglich. Wahrend des Ersten Weltkrieges (1914–1918) leitete Helene die psychiatrische Frauenabteilung.

Vorübergehend wirkte Helene Deutsch auch an der Klinik des Psychiaters Emil Kraepelin in München. Im Februar 1914 schrieb sie aus München an ihren Ehemann in Wien, sie habe ihrem Gehirn ein großes Herzopfer gebracht. Er wisse, wie sehr sie nach dem Wissen lechze. Wäre nicht der Geist seines großen Herzens und die grenzenlose Güte seines Verstandes gewesen, wisse sie nicht, ob die große innere Möglichkeit ihres gemeinsamen Glückes nicht durch sie vernichtet wäre.

1917 bekam Helene Deutsch ihr einziges Kind, den Sohn Martin. Es heißt, sie habe nun den häufig auftretenden weiblichen Konflikt zwischen der Mutterschaft und dem Frausein erlebt. Einerseits erschien ihr das Stillen des Säuglings als Gräuel. Andererseits reagierte sie eifersüchtig auf die enge Beziehung des jeweiligen Kindermädchens ihres Sohnes, das sie engagierte, um ihrem Beruf ausüben zu können.

1918 trat Helene Deutsch der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ als Mitglied bei. Um ihre Probleme zu lösen, begann sie im selben Jahr bei dem Wiener Nervenarzt Sigmund Freud (1856–1939) eine Analyse. Hierfür musste sie ihre Tätigkeit bei Julius Wagner von Jauregg, der Freuds bedeutender Gegenspieler war, aufgeben. Die Analyse endete 1919, weil Freud meinte, Helene sei nicht neurotisch, sondern eine arbeitsfähige Ehefrau und Mutter. In der Literatur liest man aber auch, Freud habe die Stunde von Helene für seinen später berühmten Patienten, den so genannten „Wolfsmann“, benötigt. Eine weitere Analyse bei Karl Abraham (1877–1925) wurde ebenfalls abgebrochen.

Sigmund Freud machte Helene Deutsch zu seiner Assistentin. Durch die Zusammenarbeit mit ihm entwickelte sie sich zu einer der bedeutenden Vertreterinnen der psychoanalytischen Schule. 1925 erschien ihr bedeutendes Werk „Zur Psychologie der weiblichen Sexualfunktionen“.

Helene Deutsch trug maßgeblich zum Aufbau des 1925 gegründeten „Wiener psychoanalytischen Lehrinstituts“ bei, das sie von Beginn an leitete. Als Sekretärin des Lehrinstituts arbeitete Anna Freud (1895–1982), die jüngste Tochter von Sigmund Freud. 1932 übernahm Helene auch die Leitung des behandlungstechnischen Seminars der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“.

Nach einer Vortragsreise in die USA löste sich Helene Deutsch 1934 aus dem Dunstkreis von Sigmund Freud und zog mit ihrer Familie nach Boston (Massachusetts). Dazu entschloss sie sich unter anderem aus Rücksicht auf ihren Sohn Martin, der aktiv an der Widerstandsbewegung gegen das Regime von Engelbert Dollfuß (1892–1934) teilgenommen hatte.

In Amerika wurde Helene Deutsch Mitglied des „Instituts der Bostoner Psychoanalytischen Gesellschaft“, in der sie sich vor allem der psychoanalytischen Ausbildung widmete. Außerdem arbeitete sie an der von Dr. Stanley Cobb (1887–1968) geleiteten psychiatrischen Klinik am „Massachusetts General Hospital“, an der ihr Mann Felix Deutsch eine psychosomatische Abteilung einrichtete, und wurde Professorin an der Boston University.

Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit war Helene Deutsch immens von der Anerkennung Sigmund Freuds abhängig. Offenbar schrieb sie alles, was sie publizierte, für Freud. Als sie Freud 1936 zum 80. Geburtstag gratulierte, antwortete er Helene mit einer Danksagungskarte für Glückwünsche und schrieb an den unteren Rand: „In Liebe, doch unversöhnt“.

Ende der 1930-er Jahre kauften die Eheleute Deutsch eine Farm, die sie nach einer polnischen Hexe auf den Namen „Babayaga“ tauften. 1944/1945 erschienen die zwei Bände von Helene Deutschs Werk „The Psychologie of Women“, 1948/1954 folgte die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Psychologie der Frau“.

Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit betätigte sich Helene Deutsch auch als politische Aktivistin und Frauenrechtlerin. In den USA nahm sie in den 1960-er und 1970-er Jahren an Protestmärschen gegen den Vietnamkrieg teil. Sie galt als kämpferische Frau, war aber in ihren Ansichten über die Psychoanalyse oder den Feminismus nie dogmatisch, was ihr trotzdem zahlreiche Anfeindungen ein-

trug.

Ab ihrem siebzigsten Lebensjahr schränkte Helene Deutsch ihre aktive Tätigkeit weitgehend ein, nahm aber noch Anteil an der Arbeit der psychoanalytischen Gesellschaft. Ihre Autobiografie ist zunächst unter dem englischen Titel „Confrontation with Myself“ (1973) und später in deutscher Sprache mit dem Titel „Selbstkonfrontation“ (1975) erschienen. Darin schrieb sie Intuition und Einfühlungsvermögen als besonders weibliche Eigenschaften den Frauen zu. Außerdem bedauerte sie, dass so wenig Frauen eine psychoanalytische Ausbildung anstrebten, denn sie halte die Psychoanalyse für einen Beruf, der Frauen hervorragend liege.

Helene Deutsch starb am 29. April 1982 im Alter von 97 Jahren in Cambridge (Massachusetts). Im gleichen Jahr erschien die Biographie „Freuds Liebling Helene Deutsch. Das Leben einer Psychoanalytikerin“.

Gertrude Belle Elion

Die Entwicklerin pharmakologischer Klassiker

Amerikas bedeutendste Pharmakologin und Biochemikerin war Gertrude Belle Elion (1918–1999). Für ihre Verdienste bei der Entwicklung von pharmakologischen Klassikern und für ihre langjährige Kreativität in der Arzneimittelforschung wurde ihr den „Nobelpreis für Medizin“ verliehen.

Gertrude Belle Elion kam am 23. Januar 1918 in New York City zur Welt. Sie besuchte das „Hunter College“ und erwarb dort 1937 den akademischen Grad „Bachelor of Arts“. Danach studierte sie an der „New York University“, die sie 1941 mit dem Grad „Master of Science“ verließ.

Erste Berufserfahrungen sammelte Gertrude Belle Elion als Laborassistentin an einer New Yorker Schwesternschule und 1938/1939 als Forschungsassistentin bei der „Denver Chem. Manufactoring Co.“ in New York City. Anschließend arbeitete sie bis 1942 als Lehrerin für Physik und Chemie an einer High School. 1942/1943 verdiente sie als Lebensmittelchemikerin bei der „Quaker Maid Co.“ in Brooklyn ihren Lebensunterhalt. Danach betätigte sie sich eine Zeitlang als Forschungsassistentin bei einem Unternehmen in New Jersey.

Erst 1944 erhielt Gertrude Belle Elion den bereits lange ersehnten biochemischen Forschungsplatz. Damals wurde sie von „Burroughs Wellcome“ (heute „Glaxo Wellcome“) in Tuckahoe (New York), einem britischen Pharmaunternehmen in den USA, angestellt und war Mitarbeiterin des Arzneimittelforschers George Hitchings (1906–1998). Von 1966 bis zu ihrer Emeritierung 1983 leitete sie dort die Abteilung für experimentelle Therapie.

1970 wurde Gertrude Belle Elion „Professorin für Pharmakologie und experimentelle Medizin“ an der „Duke University“. Ab 1973 wirkte sie zudem als Professorin in Chapel Hill (North Carolina). 1983 erhielt sie an der „Duke University“ eine Forschungsprofessur für Pharmakologie.

Frau Elion und Hitchings entdeckten bei ihren Forschungsarbeiten mit Thioguanin und Mercaptopurin zwei Substanzen, die das überschießende Wachstum weißer Blutkörperchen bei Blutkrebs hemmen konnten. Außerdem entwickelten beide Medikamente gegen Malaria, Gicht, Bildung der Harnsäure und Viruserkrankungen. Das Grundprinzip ihrer Arzneimittel ist stets die Hemmung der Nucleinsäurebildung. Dieses Prinzip führte auch zur Entwicklung von „AZT“, die das Virus der erstmals 1981 beschriebenen Immunschwächekrankheit „acquired immune deficiency syndrome“ („AIDS“) angreift. Daran waren Frau Elion und Hitchings allerdings nicht mehr beteiligt.

Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ haben George H. Hitchings und Gertrude Belle Elion folgende neue pharmakologische Wirkstoffe entwickelt:

1948: Diaminopurin, ein Zytostatikum

1950: Tioguanin, ein Zytostatikum

1951: Mercaptopurin, ein Zytostatikum zur Behandlung der Leukämie

1957: Azathioprin, das erste Immunsuppressivum für Organ-Transplantationen

1963: Allopurinol zur Behandlung der Gicht

1950: Pyrimethamin, ein Diaminopyrimidin zur Behandlung der Malaria

1956: Trimethoprim, ein Diaminopyrimidin zur Behandlung von bakteriellen Infektionen

1977: Aciclovir zur Behandlung von Herpes simplex

1985: Zidovudin zur Behandlung von AIDS

Für ihre segensreiche Arbeit erhielt Gertrude Belle Elion mehrere Auszeichnungen. 1983/1984 fungierte sie als Präsidentin der „American Association for Cancer Research“. 1988 wurden ihr und George Hitchings sowie Sir James W. Black aus Großbritannien der „Nobelpreis für Medizin“ verliehen.

George Hitchings, ein Pionier der biochemischen Pharmaforschung, war sich seines Wertes als Wissenschaftler bewusst. Nach der Entgegennahme des Nobelpreises schätzte er, seine Firma habe in ihn „500 Millionen Dollar investiert und zehn Milliarden netto herausbekommen“. Kollegen meinten, er habe mehr als einer Million Menschen das Leben gerettet.

Der damalige amerikanische Präsident George Bush zeichnete 1991 Gertrude Belle Elion mit der „Nationalen Wissenschaftsmedaille“ aus. Er würdigte sie mit den Worten, ihre Arbeit habe die Welt verändert.

In dem von Charlotte Kerner herausgegebenen Buch „Madame Curie und ihre Schwestern – Frauen, die den Nobelpreis bekamen“ (1997) wird auch Gertrude Belle Elion gewürdigt. Die Kurzbiografie aus der Feder von Birgit Sickenberger trägt die Überschrift „Die wahre Belohnung ist die Heilung von Patienten“.

Am 27. Februar 1998 starb der an der Alzheimer-Krankheit leidende George Hitchings in Chapel Hill. Knapp ein Jahr später – am 21. Februar 1999 – ist Gertrude Belle Elion im Alter von 81 Jahren in Chapel Hill gestorben.

Dorothea Erxleben

Die erste Deutsche, die Ärztin wurde

Die Ehre, Deutschlands erste und für anderthalb Jahrzehnte auch die einzige Ärztin gewesen zu sein, gebührt Dorothea Erxleben (1715–1762), geborene Leporin. Sie erwarb als erste deutsche Frau an einer deutschen Universität den medizinischen Doktorgrad: Die Mutter von vier Kindern legte 1754 im Alter von 38 Jahren erfolgreich ihre schriftliche und mündliche Prüfung in Halle (Saale) ab.

Dorothea Christiane Leporin kam am 13. November 1715 als zweites von vier Kindern des Arztes Christian Polycarp Leporin (1689–1747) und dessen Ehefrau Anna Sophia Leporin (1680–1757), geborene Meinecke, in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) zur Welt. Über ihren Vater heißt es, er sei ein streitbarer Wissenschaftler gewesen, der bei Auseinandersetzungen mit seinen zahlreichen Gegnern härtere Töne angeschlagen habe und deswegen allerlei Beschimpfungen zu ertragen hatte. Die Mutter war die jüngste Tochter des Konsistorialrats Albert Meinecke. Dorotheas ältere Schwester trug die Vornamen Maria Elisabeth (1712–1797), ihre beiden jüngeren Brüder hießen Christian Polycarp (1717–1791) und Johann Christian Justus (1720–1794). Die Familie Leporin hatte früher den Familiennamen Hase getragen. Diesen Familiennamen änderte Justus Hase, der Sohn eines Schlachters, der Theologe wurde, latinisiert zu Leporinus bzw. Leporin, ab.

Vom Kindesalter an war Dorothea zart und kränklich, weshalb sie keine schwere Hausarbeit verrichten musste. Ihrem Vater fiel auf, dass sie von ihren gesundheitlichen Beschwerden abgelenkt wurde, wenn sie beim Unterricht ihres Bruders Christian Polycarp zuhören durfte. Deshalb ließ er sie oft dabeisitzen. Manchmal beantwortete Dorothea schneller als ihr Bruder eine Frage. Dies bewog den Vater, sie am systematischen Unterricht teilnehmen zu lassen, durch den Christian Polycarp auf den Besuch der Lateinschule vorbereitet wurde.

Doktor Leporin schlug 1724 in einer Abhandlung vor, in jeder Stadt sollten eine Akademie eingerichtet und Schüler, die den Unterricht nicht selbst bezahlen könnten, kostenlos unterrichtet werden. Die Kosten hierfür sollten in einem Ausgleichsverfahren zwischen vermögenderen und ärmeren Studenten aufgebracht werden. Zu diesen Bildungseinrichtungen sollten nicht nur Männer, sondern auch Frauen einen Zugang erhalten. Der Doktor regte zudem die Einrichtung öffentlicher unentgeltlicher Bibliotheken an.

Dorothea lernte Religion, Gelehrsamkeit, nützliche Wissenschaften, Deutsch, Latein und Französisch. Ihre ältere und gesündere Schwester Maria Elisabeth dagegen musste ihrer Mutter im Haushalt zur Hand gehen. Zwischen den beiden Schwestern kam es wegen der Bevorzugung von Dorothea oft zum Streit, obwohl Maria Elisabeth den Unterricht wohl eher langweilig gefunden hätte. Der Vater nahm Christian Polycarp und Dorothea zu Hausbesuchen bei Patienten mit, wobei sie medizinisches Grundwissen erwarben.

Christian Polycarp durfte später die Lateinschule besuchen, Dorothea wie andere Mädchen ihrer Zeit dagegen nicht. Aber sie erhielt weiterhin daheim Unterricht von ihrem Vater und zusätzlich von ihrem Bruder, der seine Lektionen mit nach Hause nahm und sie mit Dorothea durchging. Eines Tages zeigte Christian Polycarp die Arbeiten von Dorothea dem Rektor und Lateinlehrer Tobias Eckhard (1662–1737), der 1732 die 15-Jährige in einem Brief an sie in den höchsten Tönen lobte. Mit Hinweis auf Laura Bassi (1711–1778), die 1732 in Italien mit 20 Jahren den Doktor- und Professorentitel erworben hatte, äußerte Eckhard den Wunsch, Dorothea möge ebenfalls in der Wissenschaft zu solchen Ehren gelangen. Bald darauf erhielt Dorothea vom Rektor externen Unterricht. Auch ihr Vater bildete sie weiterhin aus.

1736 zog man den Bruder Christian Polycarp zum „Marwitzschen Regiment“ in Quedlinburg ein, als er gerade mit dem Studium beginnen wollte. Auch in der Folgezeit brachte der Vater seiner Tochter Dorothea weitere medizinische Kenntnisse bei. Wenn er erkrankte und das Bett hüten musste, kümmerte sich Dorothea mitunter allein um eine seiner Patientinnen.

Im April 1740 wurde Christian Polycarp Leporin beurlaubt, um sein Medizinstudium an der Universität Halle (Saale) beginnen zu können. Die dortige Friedrich-Universität besaß ein königliches Privileg, welches den Studenten die Fortsetzung ihres Studiums zusagte und sie in dieser Zeit von Zwangsrekrutierung und Soldatenwerbung befreite.

Bei der Erbhuldigung des preußischen Königs Friedrich II. der Große (1712–1786) am 24. November 1740 in Quedlinburg nutzte die 25-jährige Dorothea Erxleben die Gelegenheit, um auf ihren Wunsch, selbst zu studieren, aufmerksam zu machen. Sie übergab dem Regierungspräsidenten von Halberstadt, der den König bei diesem Festakt vertrat, neben französischen Versen zum Regierungsantritt des Herrschers ein Gesuch. Einerseits bat sie darum, ihren Bruder weiter studieren zu lassen, weil sie offenbar befürchtete, dessen Beurlaubung vom Militärdienst würde widerrufen, wenn der Preußenkönig das seit 20. Oktober 1740 von Maria Theresia (1717–1780) regierte Habsburger Reich angreife. Andererseits erklärte sie, sie wolle sich ihrem Bruder anschließen und an der „Medizinischen Fakultät“ der Universität Halle eine Abschlussprüfung ablegen.

Weil der Vater von Dorothea mit seiner Arztpraxis wenig verdiente, wandte er sich mit der Bitte um eine finanzielle Unterstützung an den Stiftshauptmann Georg Otto Edler von Plotho (1707–1788). Dieser schrieb am 20. Dezember 1740 deswegen an König Friedrich II., der vier Tage zuvor nach Schlesien einmarschiert war, um Maria Theresia diese reiche Provinz zu entreissen. Der Stiftshauptmann wies eindringlich auf die Notlage von Doktor Leporin hin, doch dieser erhielt nicht die erhoffte finanzielle Hilfe.

Als das „Marwitzsche Regiment“ in Quedlinburg den jungen Christian Polycarp Leporin wegen des „Ersten Schlesischen Krieges“ (1740–1742) wieder zum Dienst zurückholen wollte, stellte sich der akademische Senat der Universität Halle vor ihn und andere Studenten. Der Senat verwies auf ein königliches Dokument vom 1. Dezember 1740, wonach alle an der Universität Halle befindlichen „Studiosi“ nicht als Soldaten eingezogen werden und ungehindert weiterstudieren könnten.

Ende Januar 1741 forderte das „Marwitzsche Regiment“ von Doktor Leporin die Herbeischaffung seines älteren Sohnes Christian Polycarp, der mittlerweilen als Deserteur gesucht wurde, oder Ersatz durch den jüngeren, sehr schwächlichen Sohn Johann Christian Justus. Christian Polycarp war in das Kurfürstentum Sachsen geflohen. Damit entging er dem barbarischen Spießrutenlaufen, bei dem ein Deserteur wiederholt durch ein Spalier von 300 Soldaten laufen musste, die mit Haselnussruten auf seinen nackten Rücken droschen, bis die Haut in Fetzen hing. Auch Johann Christian Justus entzog sich den militärischen Anforderungen sofort durch die Flucht aus Preußen. Da nun auch dem Vater die Verhaftung drohte, versteckte er sich zehn Wochen lang außerhalb von Quedlinburg und ließ die weiblichen Mitglieder der Familie in wirtschaftlich ziemlich ungesicherter Lage.

Nachdem das „Marwitzsche Regiment“ die Quedlinburger Garnison verlassen hatte, kehrte Doktor Leporin aus seinem zehnwöchigem Exil nach Quedlinburg zurück. Er versuchte nun, durch eine Bittschrift an den preußischen König Friedrich II., die Situation für seine Familie zu verbessern. Im Begleitschreiben des Stiftshauptmanns Georg Otto Edler von Plotho, womit die Bittschrift von Doktor Leporin an den König weitergeleitet wurde, stand, dass sich Dorothea nicht allein an die Universität Halle traue.

Doch der junge Christian Polycarp Leporin, mit dem Dorothea an der Universität Halle gemeinsam die medizinischen Examen ablegen wollte, ließ sich bereits im März 1741 an der „Georg-August-Universität“ Göttingen einschreiben und kehrte nicht mehr nach Preußen zurück. Im April 1741 erhielt der Stiftshauptmann Georg Otto Edler von Plotho vom „Departement der Geistlichen Affairen“ eine erfreuliche Antwort auf die Eingabe von Dorothea. „Mit dem allergrößten Vergnügen“ wolle man dazu beitragen, dass Christian Polycarp Leporin sein Studium fortsetzen und seine Schwester einen akademischen Grad erwerben könne. Wenn die Beiden dazu bereit seien und sich wieder meldeten, werde man der Unversität Halle eine entsprechende Empfehlung übermitteln.

Am 2. Mai 1741 wurde Doktor Leporin vom Stiftshauptmann hierüber informiert. Für Christian Polycarp erfolgte diese Antwort zu spät, da er – wie erwähnt – bereits seit März in Göttingen studierte. Aber Dorothea bot sich nun die Chance, als erste Frau in Deutschland den Doktortitel zu erwerben. Die Freude von Dorothea wurde jedoch durch einen Wermutstropfen getrübt. Weil ihr Bruder in Göttingen

studierte, hätte sie ohne männliche Begleitung mit der Postkutsche nach Halle fahren müssen, was damals als unschicklich galt. Außerdem war dies angeblich nicht ungefährlich, weil sich ein Mitreisender wie von einer Dirne animiert hätte fühlen können, hieß es.

Ungeachtet des königlichen Privilegs konnte sich Dorothea Leporin aber auch aus einem anderen Grund nicht sofort für ein medizinisches Studium an der Universität Halle einschreiben. Denn am 21. September 1741 starb ihre Cousine Sophie und machte ihren Ehemann, den Diakon Johann Christian Erxleben (1697–1759), zum Witwer und alleinerziehenden Vater mit fünf Kindern. Dorothea betreute fortan die Halbwaisen. Kurz vor dem Ablauf des Trauerjahrs heiratete die 26-jährige Dorothea am 14. August 1742 den 18 Jahre älteren Witwer. Nach der Hochzeit zog Dorothea in das Pfarrhaus der St. Nicolai-Gemeinde in Quedlinburg ein. Der Geistliche war für Dorothea finanziell keine gute Partie. Aber er billigte und unterstützte die wissenschaftlichen Interessen und Pläne seiner Ehefrau, was vermutlich nicht bei jedem Ehemann der Fall gewesen wäre.

Aus der Ehe zwischen Dorothea und Johann Christian Erxleben gingen vier Kinder hervor: der spätere Naturwissenschaftler Johann Christian Polycarp (1744–1777), Christian Albert Christoph (1746–1755), der im Alter von neun Jahren starb, Anna Dorothea Christiana (1750–1805) und der spätere Rechtswissenschaftler Johann Heinrich Christian (1753–1811). Obwohl der Pfarrhaushalt und zahlreiche Kinder zu versorgen waren, kümmerte sich Dorothea weiter um Kranke und Mittellose in Quedlinburg.

Im Februar 1742 erschien eine von Dorothea Erxleben verfasste Jugendschrift über das Für und Wider der Frauenbildung. Dorothea hatte bereits 1740 mit der Niederschrift dieser Abhandlung begonnen, die ursprünglich gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war. Doch ihr Vater ließ zwei Jahre später diese Arbeit bei einem Verleger in Berlin drucken und steuerte dazu ein Vorwort bei. Jene Publikation trägt den Titel „Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das Weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten, Darin deren Unerheblichkeit gezeiget, und wie möglich, nöthig und nützlich es sey, Dass dieses Geschlecht der Gelahrtheit sich befleisse, umständlich dargeleget wird“. Darin heißt es: „Die Verachtung der Gelehrsamkeit zeigt sich besonders darin, dass das weibliche Geschlecht vom Studieren abgehalten wird. Wenn etwas dem größten Teil der Menschheit vorenthalten wird, weil es nicht allen Menschen nötig und nützlich ist, sondern vielen zum Nachteil gereichen könnte, verdient es keine Wertschätzung, da es nicht von allgemeinem Nutzen sein kann. So führt der Ausschluss vieler von der Gelehrsamkeit zu ihrer Verachtung. Dieses Unrecht ist ebenso groß wie dasjenige, das den Frauen widerfährt, die dieses herrlichen und kostbaren Gegenstandes beraubt werden.“

[...]

Ende der Leseprobe aus 251 Seiten

Details

Titel
Superfrauen 6 - Medizin
Untertitel
Biografien berühmter Ärztinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Stifterinnen
Autor
Jahr
2013
Seiten
251
Katalognummer
V133061
ISBN (eBook)
9783640395026
ISBN (Buch)
9783640395156
Dateigröße
2120 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Ärztinnen, Krankenschwestern, Hebammen, Medizinerinnen, Medizin
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2013, Superfrauen 6 - Medizin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133061

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