Der um ca. 1408 entstandene Roman „Der Ring“ des Konstanzer Juristen Heinrich Wittenwiler ist eines der interessantesten und definitiv aus der deutschsprachigen Literatur des Spätmittelalters herausstechendsten Werke überhaupt. Kaum ein anderer Roman beschäftigt fast 600 Jahre nach seiner Entstehung immer noch so die mediävistische Forschung wie „Der Ring“, was wohl auch durchaus in der Sexualthematik und der explizit angewandten Fäkal- und Sexualsprache begründet liegt:
In zeitgenössischen Werken wurde üblicherweise wenig Gebrauch der oben genannten Thematik gemacht, da sie beispielsweise nicht als besonders „höfisch“ galt. Eine Ausnahme bildet hierbei der „Bauernschwank“, bei dem belustigende Inhalte auf derbe Weise vermittelt werden.
Im Verlauf der vorliegenden Arbeit werde ich auf drei für den Verlauf des „Rings“ wichtige Textpassagen eingehen: An Hand der Arzt-, Speicher- und Hochzeitsnachtsszene werde ich deutlich machen, dass im „Ring“ die Thematik der Vergewaltigung sowie die sexuelle Rolle der Frau, welche auf didaktische Art und Weise behandelt wird, von mehreren Positionen betrachtet werden muss. Zudem werde ich versuchen, den „Ring“ gattungstechnisch einzuorden. Ebenfalls werde ich die verschiedenen Stellungnahmen der Autoren der Sekundärliteratur diskutieren. Des Weiteren werde ich die zeitgenössische Haltung der Kirche bezüglich der Sexualthematik des „Rings“ erörtern.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Speicherszene
Arzt- und Verführungsszene
Die Hochzeitsnacht
Das sexuelle Verhalten Bertschis und der Männer im „Ring“
Die Position der Kirche
Der Autor, Sexualität und die Gattung
Fazit
Bibliographie
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Sexualität in Heinrich Wittenwilers „Der Ring“, insbesondere anhand der Schlüsselszenen Speicher, Arzt-Verführung und Hochzeitsnacht. Dabei wird analysiert, wie diese Szenen genutzt werden, um die Rolle der Frau und Machtverhältnisse innerhalb einer spätmittelalterlichen gesellschaftlich-kulturellen Norm zu etablieren und zu legitimieren.
- Analyse geschlechtsspezifischer Rollenverteilung im Spätmittelalter
- Untersuchung der Legitimierungsstrategien für sexuelle Übergriffe im Text
- Diskussion der kirchenrechtlichen und gesellschaftlichen Eheauffassung
- Dekonstruktion des Narrativs der „sexuell unersättlichen“ Frau
- Gattungstechnische Einordnung des „Rings“ als hybrides Werk
Auszug aus dem Buch
Arzt- und Verführungsszene
Nachdem Mätzli sich bewusst ist, dass sie Bertschi ebenfalls liebt, begibt sie sich zu Chrippengra. Dieser, als Arzt und Gelehrter, soll für die ungebildete Mätzli den Liebesbrief an Bertschi niederschreiben.
Da sie ihm aber einen sehr „offenherzigen“ Brief diktiert, „Chüm zuo mir pei diser nacht Ins artzetz haus und gib mir chraft! Und waz du wilt, daz wil ich tuon: Ich acht der andern nicht ein huon“ (Vv. 2091-94), denkt er, dass Mätzli ein „hüerrel“ sei und erhofft sich einen Vorteil von Mätzlis Situation. Er schlägt ihr ein „Geschäft“ vor: „So ghört mein stumph zuo deinem muot. Unser dinch möcht werden guot; Und wilt meinen willen tuon, Ich mach dir gen dem vatter suon“ (Vv. 2119-22). Dieser „dinch“ ist aber sehr einseitig, denn er sagt: „Sich, die [die Briefe, Anm. d. Verf.] wil ich Fritzen zaigen, Gibst du dich mir nicht ze aigen!“ (Vv. 2127-28).
Die nun durchgeführte Vergewaltigung Mätzlis durch den Arzt Chrippengra ist kein „triebgeleiteter Verstoß gegen gesellschaftlich-kulturelle Normen“4, sondern eine „spezifische Technik` dieser Kultur, mittels derer sexuelle Differenzen geschaffen und aufrecht erhalten werden“5.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einführung in das Werk und Darlegung der methodischen Vorgehensweise anhand zentraler Textpassagen sowie der Sekundärliteratur.
Die Speicherszene: Analyse der Masturbationsszene als Mittel zur Etablierung Mätzlis als sexuelles Wesen innerhalb einer von Männern dominierten Sexualthematik.
Arzt- und Verführungsszene: Untersuchung der Vergewaltigungsszene als Instrument zur Festschreibung geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse und Rollenbilder.
Die Hochzeitsnacht: Darstellung der Hochzeitsnacht als normgerechter, aber durch gesellschaftliche Skripte vorgegebener Vollzug der Ehe, der Mätzlis Handlungsspielraum einschränkt.
Das sexuelle Verhalten Bertschis und der Männer im „Ring“: Gegenüberstellung der tatsächlichen sexuellen Initiative, die primär von den männlichen Figuren ausgeht, entgegen der Darstellung der Frau.
Die Position der Kirche: Erörterung der kirchenrechtlichen Eheauffassung und der Symbolik des Teufels im Kontext des weiblichen Verhaltens im „Ring“.
Der Autor, Sexualität und die Gattung: Reflexion über Wittenwilers Haltung zu Frauen und den hybriden Charakter des „Rings“ zwischen Schwankdichtung und Didaktik.
Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der Instrumentalisierung weiblicher Sexualität durch didaktische Normen und Aktualisierung der Machtproblematik.
Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Heinrich Wittenwiler, Der Ring, Spätmittelalter, Sexualität, Geschlechterrollen, Machtverhältnisse, Vergewaltigung, Eheauffassung, Kirche, Mätzli, Bertschi, Chrippengra, Didaktik, Literaturwissenschaft, Rollenverteilung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Sexualität und die damit verbundenen Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau im spätmittelalterlichen Roman „Der Ring“ von Heinrich Wittenwiler.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der weiblichen und männlichen Sexualität, die gesellschaftliche Rolle der Frau im Spätmittelalter, die Legitimierung von Gewalt in literarischen Texten sowie der Einfluss kirchlicher Eheauffassungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die im „Ring“ dargestellte „sexuelle Unersättlichkeit“ der weiblichen Hauptfigur Mätzli eine literarische Konstruktion ist, die der Etablierung didaktischer Normen und der Legitimierung männlicher Dominanz dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine Textanalyse ausgewählter Passagen durch, setzt diese in den Kontext der spätmittelalterlichen Kultur- und Literaturgeschichte und diskutiert die Erkenntnisse anhand aktueller Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Speicher-, Arzt- und Hochzeitsnachtsszene sowie in die Untersuchung von Geschlechterrollen, kirchlicher Einflüsse und der gattungstechnischen Verortung des Romans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Heinrich Wittenwiler, Sexualität, Geschlechterrollen, Macht, Ehe, Mittelalter und Literaturdidaktik.
Welche Rolle spielt die „Speicherszene“ für die Charakterentwicklung Mätzlis?
Die Szene dient laut der Arbeit dazu, Mätzli erstmals mit der Funktion ihres Genitals zu konfrontieren und sie als sexuelles Wesen innerhalb eines für Männer vorteilhaften Normensystems zu etablieren.
Wie wird das Verhalten Bertschis in der Hochzeitsnacht bewertet?
Das Verhalten Bertschis wird als aggressive Durchsetzung männlicher Begierden interpretiert, die jedoch durch kirchenrechtliche Eheargumente gesellschaftlich legitimiert wird.
Inwiefern bricht Mätzli die Konventionen der „passiven Frau“?
Mätzli überwindet zeitweise ihre passive Rolle durch ihre sexuelle Initiative, wird jedoch durch die körperliche Folge einer Schwangerschaft wieder in die gesellschaftlich untergeordnete Rolle gezwungen.
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- Bachelor of Arts Bastian Borowski (Author), 2005, Sexualität in Wittenwilers "Ring" und der Typus der sexuell unersättlichen Frau, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133062