Sexualität in Wittenwilers "Ring" und der Typus der sexuell unersättlichen Frau


Seminararbeit, 2005

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

Die Speicherszene

Arzt- und Verführungsszene

Die Hochzeitsnacht

Das sexuelle Verhalten Bertschis und der Männer im „Ring“

Die Position der Kirche

Der Autor, Sexualität und die Gattung

Fazit:

Bibliographie

Vorwort

Der um ca. 1408 entstandene Roman „Der Ring“ des Konstanzer Juristen Heinrich Wittenwiler ist eines der interessantesten und definitiv aus der deutschsprachigen Literatur des Spätmittelalters herausstechendsten Werke überhaupt. Kaum ein anderer Roman beschäftigt fast 600 Jahre nach seiner Entstehung immer noch so die mediävistische Forschung wie „Der Ring“, was wohl auch durchaus in der Sexualthematik und der explizit angewandten Fäkal- und Sexualsprache begründet liegt:

In zeitgenössischen Werken wurde üblicherweise wenig Gebrauch der oben genannten Thematik gemacht, da sie beispielsweise nicht als besonders „höfisch“ galt. Eine Ausnahme bildet hierbei der „Bauernschwank“, bei dem belustigende Inhalte auf derbe Weise vermittelt werden.

Im Verlauf der vorliegenden Arbeit werde ich auf drei für den Verlauf des „Rings“ wichtige Textpassagen eingehen: An Hand der Arzt-, Speicher- und Hochzeitsnachtsszene werde ich deutlich machen, dass im „Ring“ die Thematik der Vergewaltigung sowie die sexuelle Rolle der Frau, welche auf didaktische Art und Weise behandelt wird, von mehreren Positionen betrachtet werden muss. Zudem werde ich versuchen, den „Ring“ gattungstechnisch einzuorden. Ebenfalls werde ich die verschiedenen Stellungnahmen der Autoren der Sekundärliteratur diskutieren. Des Weiteren werde ich die zeitgenössische Haltung der Kirche bezüglich der Sexualthematik des „Rings“ erörtern.

Die Speicherszene

Nachdem Fritz sie in den Speicher gesperrt hat, beginnt Mätzli, sich mit ihrem Genital zu beschäftigen: Da sie der Meinung ist, dass die Wut ihres Vaters und das daraus resultierende Einsperren Mätzlis die Schuld ihrer eigenen „mutzen“ ist, misshandelt sie diese. Unter dem Vorwand, dass die Situation Mätzlis die alleinige Schuld ihrer personifizierten Vagina ist, „Nür von deiner schulde!“ (V. 1577), schlägt sie ihr Genital und reißt sich die Schambehaarung aus. Diese Personifizierung hat jedoch vielmehr den Zweck, dass die bis dahin sexuell unerfahrene Mätzli sich konkret mit der Funktion und Bedeutung ihres Geschlechtsteils auseinandersetzt[1]. Nun ändert sich nämlich ihre Gesinnung und sie streichelt und salbt ihr Genital, welches sie vorher noch geschunden hat: „Auf mein rechten aid: Es rewt mich ser und ist mir laid!“ (Vv. 1598-99). Ihr wird plötzlich bewusst, dass ihre „mutzen“ das Objekt der männlichen, also auch Bertschis Begierde ist. An Hand dieser Masturbationsszene wird erstmals die Bildung eines sexuellen Bewusstseins Mätzlis deutlich.

Vor dem Hintergrund der kulturell determinierten Rolle der Frau im Spätmittelalter tritt die Frage auf, ob Mätzlis Handlungen im Speicher obszön oder moralisch verwerflich sind. Da die Speicherszene laut Wiessner jedoch eine Parallele zum „Rosendorn“ aufweist, lässt sich eine Verbindung zur Schwankmäre feststellen, was in Kombination mit der Tatsache, dass die Speicherszene ebenfalls ein Motiv in Fastnachtspielen ist[2], einen Sittenverfall Mätzlis als unwahrscheinlich erscheinen lässt. Mehr noch, Mätzli repräsentiert eher einen Typ als eine individuelle Person: „sie verkörpert in beiden Fällen die erotische Naive, mit der nur klischeehaft bestimmte Merkmale verknüpft werden[3].

Folglich lässt sich festhalten, dass die Speicherszene dazu dient, Mätzli als sexuelles Wesen innerhalb der für Männer vorteilhaften Sexualthematik zu etablieren.

Arzt- und Verführungsszene

Nachdem Mätzli sich bewusst ist, dass sie Bertschi ebenfalls liebt, begibt sie sich zu Chrippengra. Dieser, als Arzt und Gelehrter, soll für die ungebildete Mätzli den Liebesbrief an Bertschi niederschreiben.

Da sie ihm aber einen sehr „offenherzigen“ Brief diktiert, „Chüm zuo mir pei diser nacht Ins artzetz haus und gib mir chraft! Und waz du wilt, daz wil ich tuon: Ich acht der andern nicht ein huon“ (Vv. 2091-94), denkt er, dass Mätzli ein „hüerrel“ sei und erhofft sich einen Vorteil von Mätzlis Situation. Er schlägt ihr ein „Geschäft“ vor: „So ghört mein stumph zuo deinem muot. Unser dinch möcht werden guot; Und wilt meinen willen tuon, Ich mach dir gen dem vatter suon“ (Vv. 2119-22). Dieser „dinch“ ist aber sehr einseitig, denn er sagt: „Sich, die [die Briefe, Anm. d. Verf.] wil ich Fritzen zaigen, Gibst du dich mir nicht ze aigen!“ (Vv. 2127-28).

Die nun durchgeführte Vergewaltigung Mätzlis durch den Arzt Chrippengra ist kein „triebgeleiteter Verstoß gegen gesellschaftlich-kulturelle Normen4, sondern eine „` spezifische Technik` dieser Kultur, mittels derer sexuelle Differenzen geschaffen und aufrecht erhalten werden5.

Somit wird die Vergewaltigung Mätzlis als eine „Verhaltensnorm“ etabliert:

Laut Marcus ist die männliche bzw. weibliche Rolle geschlechterspezifisch in einem sogenannten „rape script6 vorgegeben. Dadurch werden fest bestimmte Machtpositionen zwischen Mann und Frau etabliert, welche sogar im Text legitimiert werden.

An Hand dieser Passage ist festzuhalten, dass selbst eine Vergewaltigung dadurch vertretbar gemacht wird, als dass die zeitgenössische, kulturell festgelegte Rollenverteilung des Spätmittelalters eingehalten wird: Der Mann hat in dieser Situation die „Machtposition“ gegenüber der sich unterzuordnenden Frau inne, zumal er sowieso als Arzt die kulturell-sozial höhere Rolle einnimmt.

Auf Grund der männlichen Anatomie ist Mätzli, zumindest vom Standpunkt des spätmittelalterlichen Umfelds aus gesehen, in jedem Fall die Unterlegene. Da der Mann nun mal durch sein Genital in der Lage ist, eine Vergewaltigung durchzuführen, kann eine Frau nicht mehr tun, als diese Situation über sich „ergehen“ zu lassen.

Interessanterweise bricht Mätzli diese Konvention auf, indem sie schon vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr ihre Rolle als passiv handelnde Untergeordnete verlässt und die Initiative ergreift: „Da mit ward sei der wurtzen essen Also ser und unvermessen, Daz sei ieso hiet vergessen, Wo sei gestanden was und gsessen“ (Vv. 2151-54).

Sie geht sogar so weit, dass sie Chrippengra sexuell „überfordert“: Nach dem zweiten, konsekutiven Geschlechtsakt, verlangt Mätzli ein weiteres Mal nach Sex: „Salbend mich in diser frist Zum dritten mal, als recht ist: Ich pin laider ungenesen!“ (Vv. 2173-75). Somit hat Mätzli definitiv ihre Rolle als während des Aktes dominierte Frau hinter sich gelassen und kehrt die Norm der Rollenverteilung um.

Angesichts der überwältigenden weiblichen Potenz bleibt dem Arzt keine andere Möglichkeit, als von seinem früheren Sexual – „Opfer“ abzulassen und den Ort des Geschehens zu verlassen: „Wet der tiefel, mag ditz wesen“ und „Dich mües der Semper machen gsunt! Benüegt dich nicht, so ge zum se: Ich mag nicht nollen imer me!“ (Vv. 2176-80).

[...]


[1] Vgl. Schmitt, Kerstin: Sexualität als Textualität: die Inszenierung von Geschlechterdifferenz und Sexualität in Heinrich Wittenwilers „Ring“. In: Schwierige Frauen – schwierige Männer in der Literatur des Mittelalters. Hrsg. von Alois M. Haas und Ingrid Kasten, Bern u.a. 1999, S. 135

[2] Vgl. Wiessner, in Riha, Ortrun: Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers “Ring”, 1851-1988. Würzburg 1990 (Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie 4), S.122

[3] Helfenbein, in Riha, Ortrun: Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers “Ring”, 1851-1988. Würzburg 1990 (Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie 4), S.123

4 Schmitt, Kerstin: Sexualität als Textualität: die Inszenierung von Geschlechterdifferenz und Sexualität in Heinrich Wittenwilers „Ring“. In: Schwierige Frauen – schwierige Männer in der Literatur des Mittelalters. Hrsg. von Alois M. Haas und Ingrid Kasten, Bern u.a. 1999, S. 138

5 Marcus, in Schmitt, Kerstin: Sexualität als Textualität: die Inszenierung von Geschlechterdifferenz und Sexualität in Heinrich Wittenwilers „Ring“. In: Schwierige Frauen – schwierige Männer in der Literatur des Mittelalters. Hrsg. von Alois M. Haas und Ingrid Kasten, Bern u.a. 1999, S. 138

6 Vgl. Marcus, in Schmitt, Kerstin: Sexualität als Textualität: die Inszenierung von Geschlechterdifferenz und Sexualität in Heinrich Wittenwilers „Ring“. In: Schwierige Frauen – schwierige Männer in der Literatur des Mittelalters. Hrsg. von Alois M. Haas und Ingrid Kasten, Bern u.a. 1999, S. 138

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Sexualität in Wittenwilers "Ring" und der Typus der sexuell unersättlichen Frau
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V133062
ISBN (eBook)
9783640396023
ISBN (Buch)
9783640396382
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Wittenwiler, Ring, Sexualität, sexuell, unersättlich, Frau, Bauernschwank, Mediävistik, Bertschi, Mätzli, Meier Betz, Metzen hochzit
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Bastian Borowski (Autor), 2005, Sexualität in Wittenwilers "Ring" und der Typus der sexuell unersättlichen Frau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133062

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