Selektion der Sprachbarrieren

Einführung in die soziolinguistische Defizithypothese nach Basil Bernstein in den 1960er und 1970er Jahren.


Facharbeit (Schule), 2006

16 Seiten, Note: sehr gut (14 Punkte)


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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung
2.1 Begründung der Themenwahl
2.2 Forschungsgebiet der Soziolinguistik
2.3 Historischer Hintergrund

3. Die Defizithypothese und ihre Folgen
3.1 Soziolinguistische Defizithypothese nach Bernstein
3.1.1 Untersuchungsmethoden
3.1.2 Restringierter und elaborierter Sprechkode
3.1.3 Sprache und Erfolg im Zusammenhang
3.2 Wissenschaftliche und gesellschaftliche Folgen
3.2.1 Bildungspolitische Diskussion
3.2.2 Wissenschaftliche Reaktionen
3.2.3.1 Befürworter der Defizithypothese
3.2.3.2 Widerlegung der Bernsteinhypothese
3.3 Soziolinguistik nach dem Bernstein-Konflikt

4. Fazit: Verschwendete Ressourcen

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Vorwort

Kaum ein Element des menschlichen Lebens hat eine solch große Macht wie die Sprache. Sie ist die Grundlage der meisten Gesellschaften, fihrt oftmals zu großen Zusammengehörigkeitsgefihlen doch spaltet vielerorts auch verschiedene Völker. Sie sorgt fir Verständnis oder fir das Gegenteil und schafft es verschiedenste Gefih-le hervorzurufen. Ob zur Vermittlung von Wissen, Gerichten oder einfach zur Unter-haltung: Die Sprache, als ältestes Medium der Welt, ist von Bedeutung fir alle Ge-sellschaften. Doch wenn sie es schafft, Volksgruppen ein Zusammengehörigkeitsge-fihl zu vermitteln, liegt der Schluss nahe, dass auch das Gegenteil möglich ist. Mit diesem Aspekt beschäftigte sich iber Jahre hinweg die Soziolinguistik, ein Wissen-schaftsfeld, das versucht Verbindungen zwischen dem sozialen Status eines Volkes, einer Schicht oder einer Gruppe und deren Sprachfähigkeiten zu ziehen.

Besonders dominierend im deutschen Zweig dieser Wissenschaft war bis Mitte der 1980er Jahre der Begriff der Sprachbarriere. Er prägte iber eine lange Zeit hin-weg die Bildungspolitik in der Bundesrepublik und sorgte fir eine regelrechte lingu-istische Revolution. Grundlage fir die deutschen Forschungen war vor allem die De-fizittheorie des englischen Pädagogen Basil Bernstein. Diese, aber vor allem ihre Folgen fir Deutschland und dessen Bildungssystem, sind Thema dieser Facharbeit.

Eine solch starke Eingrenzung ist nötig, da sich die Soziolinguistik seit ihrem Aufkommen stark verändert und differenziert hat. Die Bezeichnung, die ehemals ein spezifisches Gebiet der Linguistik beschrieb, ist heute schon eher ein Oberbegriff fir eine eigene Wissenschaft. Die Forschung ist in den vergangenen Jahren so umfang-reich geworden, dass eine globale Einfihrung im Rahmen einer Facharbeit wohl kaum möglich ist, wenn man das Ziel verfolgt, nicht nur an der Oberfläche zu krat-zen, sondern wirklich in die Materie einzudringen – sie zu verstehen und die Konse-quenzen, die in ihr begrindet waren und sind, nachvollziehen zu können.

Deshalb ist ausschließlich der Forschungsstand bis Mitte der 1970er Jahre Thema dieser Arbeit. Sie beschäftigt sich mit Bernsteins Defizittheorie, mit der Sprachbar-rierenforschung und mit den Gegenströmen, die, bei den weitreichenden Folgen der Arbeiten Bernsteins, nicht ausblieben und seine Theorie letztendlich sogar widerle-gen konnten.

2. Einleitung

2.1 Begründung der Themenwahl

Spätestens seit den erschreckenden Ergebnissen der PISA-Studie im Jahre 2000 gilt es als wissenschaftlich erwiesen, dass der Nachwuchs aus sozial schlechter gestellten Familien es schwieriger hat, im Leben beruflichen Erfolg zu erlangen, als es für Kin­der aus Elternhäusern mit besseren finanziellen Möglichkeiten der Fall ist. In Deutschland ist dies besonders extrem ausgeprägt.1 Einen Grund für dieses Phäno-men bietet Basil Bernstein mit seiner Defizithypothese, die Thema dieser Facharbeit ist. Ausgewählt habe ich es, da ich mehr über die Zusammenhänge zwischen Sprache und Erfolg, sowie sozialer Herkunft und Sprache erfahren wollte und die Theorie des britischen Pädagogen über lange Jahre hinweg das Gebiet der deutschen Soziolingu-istik dominierte.2 Zwar hat sie heute in der Wissenschaft an Stellenwert verloren, doch die Thematik die sie beschreibt ist, wie man sieht, noch immer aktuell. Beson-ders interessierten mich bei meiner Untersuchung die Grundlagen, auf denen Bernstein seine Hypothese aufbaute und im besonderen Maße die Art der Anwen-dung in der Bundesrepublik. Ziel dieser Arbeit soll eine strukturierte Darstellung der soziolinguistischen Ströme in Deutschland, vor allem in den 1970er Jahren sein, mit einem besonderen Augenmerk auf die bereits erwähnte Theorie. Dabei soll auch der historische Hintergrund nicht außen vor bleiben, der den Erfolg dieser linguistischen Forschung zu großen Teilen erst möglich machte.

2.2 Forschungsgebiet der Soziolinguistik

Das Meyers Taschenlexikon definiert die Soziolinguistik als ein „Teilgebiet der Sprach- Wiss. mit der Aufgabe die sozialen Bedingungen, sprachl. Unterschiede und Veränderungen zu erforschen.“3 Im Vordergrund stehen dabei die Beziehungen zwi-schen sozialer Herkunft und den sprachlichen Fähigkeiten eines Menschen in einer bestimmten Gesellschaft. Hierbei liegt das Augenmerk nicht nur auf dem Vergleichen zwischen der Sprache von Angehörigen unterschiedlicher Bevölkerungsschichten, sondern zum Beispiel auch auf der Gegenüberstellung sprachlicher Eigenschaften von Sprechern unterschiedlichen Geschlechts oder Alters. Weitere Forschungsgebiete sind aber ebenfalls die Pidginigsierung und der Bereich der Sprachwahl, wo be-obachtet wird, welche Sprache eine mehrsprachige Gesellschaft wann nutzt.4

Als Väter der heutigen Soziolinguistik gelten der Brite Peter Trudgill und der Amerikaner William Labov,5 der auch das heute noch oft verwendete soziolinguisti-sche Interview einführte.6 Den Weg von einem Teilgebiet der Linguistik, hin zu einer wirklichen Wissenschaft machte die Soziolinguistik erst Anfang der 1960er Jahre, als der Brite Bernstein seine Defizithypothese veröffentlichte. Diese wurde in der Bun­desrepublik zu Beginn fast vollständig übernommen und es bildete sich das linguisti-sche Teilgebiet der Sprachbarrierenforschung heraus. Darin beschäftigte man sich hauptsächlich mit zwei Intentionen: Entweder man wollte Bernsteins Theorie wider-legen oder sie untermauern. Wichtige deutsche Soziolinguisten waren vor allem Oe-vermann, Ammon und Dittmar, wobei erwähnt werden sollte, dass die meisten For-scher auf diesem Gebiet eigentlich nicht unbedingt Linguisten waren. Die Soziolin-guistik ist daher eher als ein „ [...] interdisziplinäres Projekt von Soziologen, Lingu-isten, Verhaltensforschern und Anthropologen [...]“,7 anzusehen, wie Theodor Le-wandowski es passend definierte. Allerdings sollte man klar betonen, dass dieses „Projekt“ wohl kaum zu einem vergleichbaren Erfolg hätte gelangen können, wenn die historischen Rahmenbedingungen zu dessen Entstehungszeit nicht so wohlwol-lend gewesen wären.8

2.3 Historischer Hintergrund

Die Ära der modernen Soziolinguistik, die mit der Defizithypothese eingeleitet wur-de, begann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre. Die westliche, kapitalistische Welt stand unter dem Einfluss des so genannten Sputnik-Schocks9 und fühlte sich in Technik und Wissenschaft den sozialistischen Staaten, allen voran der UDSSR, un-terlegen. Aufgrund dieses Empfindens, das auf den erfolgreichen Start des ersten, von den Russen entwickelten, Sputnik-Satelliten folgte,10 leitete die UNESCO eine Untersuchung der Bildungssysteme der westlichen Staaten ein. Dabei schnitt die Bundesrepublik äußerst schlecht ab. Nur knapp 5 Prozent der Kinder schafften es hierzulande bis zum Abitur, was der sozialdemokratische Bundeskanzler Brandt ver-bessern wollte. Das Ziel seiner Regierung hieß von da an Bildungsreserven zu mobi-lisieren um die Zahl der Abiturienten auf 50 Prozent steigern zu können.11 Diese, sehr hoch gegriffene Zahl, ist zwar bis heute noch nicht erreicht, doch sorgte sie da-für, dass man alles daran setzte das Bildungssystem zu verbessern um den Russen nicht weiter unterlegen zu sein. Schnell suchte man nach Gründen um die vermeidli-che Rückständigkeit gegenüber der Sowjetunion erklären zu können. Dies geschah hauptsächlich in den Vereinigten Staaten,12 die zu dem Zeitpunkt den Wettlauf des Kalten Krieges bereits voll angenommen hatten. So fand man hier auch als erstes das Forschungsgebiet der Soziolinguistik als mögliche Erklärung. Das geschah jedoch eher im Hintergrund, gab es doch noch keine vorzeigbaren Ergebnisse, die einen sol-chen Rückschlag erklären konnten. Diese lieferte dann Anfang der 1960er Jahre der britische Pädagoge Basil Bernstein mit seiner Defizithypothese, die schnell auch in der Bundesrepublik Anklang fand.

[...]


1 Vgl. Max Plank Institut Berlin: PISA 2000: Die Studie im Überblick – Grundlagen, Methoden und Ergebnisse, Berlin 2002

2 Vgl. Löffler, Heinrich: Germanistische Soziolinguistik, in: Besch, Werner und Steinecke, Hartmut: Germanistische Soziolinguistik, Berlin 2005, S. 161

3 Meyers Lexikonredaktion: Meyers Taschenlexikon in 10 Bänden (Band 9), Augsburg 1999, S. 936

4 Vgl. Windgen, Wolfgang: Soziolinguistik und Kontaktlinguistik, in: http://www.fb10.uni-bremen.de /homepages/wildgen/pdf/soziolinguistiksprachkontakt.pdf, eingesehen am 20. Januar 2006, S. 16

5 Vgl. Wikipedia: Soziolinguistik aus Wikipedia der freien Ezykolpädie, in: http://de.wikipedia.org /wiki/Soziolinguistik, eingesehen am 26. Februar 2006

6 Vgl. Windgen: Soziolinguistik, S. 12 ff

7 Lewandowski, Theodor: Linguistisches Wörterbuch 2, Wiesbaden 1985, S. 936

8 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 161 ff

9 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 161 ff

10 Vgl. Wikipedia: Sputnikschock aus Wikipedia der freien Ezykolpädie, in: http://de.wikipedia.org /wiki/Sputnik-Schock, eingesehen am 26. Februar 2006

11 Vgl. Löffler: Germanistische Soziolinguistik, S. 161 ff

12 Vgl. Schieben-Lange, Brigitte: Soziolinguistik. Eine Einführung, Stuttgart 1991, S. 34

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Details

Titel
Selektion der Sprachbarrieren
Untertitel
Einführung in die soziolinguistische Defizithypothese nach Basil Bernstein in den 1960er und 1970er Jahren.
Veranstaltung
Leistungskurs Deutsch
Note
sehr gut (14 Punkte)
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V133112
ISBN (Buch)
9783640759392
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selektion, Sprachbarrieren, Einführung, Defizithypothese, Basil, Bernstein, Jahren, Punkte)
Arbeit zitieren
Florian Philipp Ott (Autor), 2006, Selektion der Sprachbarrieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133112

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