In den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts veröffentlichen Jean-Baptiste le Rond d’Alembert und Denis Diderot die « Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers » . 1757 erscheint der VII. Band der Enzyklopädie, in dem sich ein Eintrag über die Stadt Genf von d’Alembert befindet. In diesem Eintrag äußert er sich unter anderem über die Vorzüge, die ein Theater für Genf darstellen würde: « On ne souffre point de comédie à Genève [...] » .
Das Theater ist seit 1617 in Genf verboten. D’Alembert und die Enzyklopädisten forden die Rückkehr dieses Etablissements. Sie erheben den Anspruch mit einem Theater aufklären und erziehen zu wollen. Jean-Jacques Rousseau vertritt jedoch die Meinung der führenden calvinistischen Geistlichen von Genf. Er lehnt das Theater aus moralischen Gründen ab.
Kurz nach Erscheinen des VII. Bandes verfasst Rousseau eine Antwort auf den Eintrag und nennt ihn « Lettre à d’Alembert sur les spectacles ». Der Brief ist ab dem zweiten Oktober 1758 in Paris als Buch erhältlich.
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist die Frage nach dem « destinataire » des Briefes. In der Regel ist der Empfänger eines Briefes unzweifelbar derjenige, den der Verfasser erreichen will. Nicht im Beispiel des « Lettre à d’Alembert ». Dem Brief vorangestellt befindet sich eine Préface, in der sich Rousseau an ein größeres Publikum wendet und die Passage der Enzyklopädie, auf die er antwortet, zitiert: « Comme tout le monde n’a pas sous les yeux l’Encyclopédie [...] » . Rousseau will seine Antwort für alle Menschen zugänglich machen. Doch neben der allgemeinen Öffentlichkeit, die er erreichen möchte, wendet er sich auch an ganz bestimmte Personen.
Die Analyse von Brief und Préface soll die unterschiedlichen Adressaten identifizieren und zeigen, dass der Brief Rousseau dadurch ermöglicht, mehr als eine Antwort auf den Eintrag über Genf zu formulieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Préface
2. « Situation d’énonciation »
2. 1. « L’énonciateur »
2. 2. « Destinateur de l’énoncé »
3. Adressaten
3. 1. Leser
3. 2. Enzyklopädisten
3. 2. 1. D’Alembert
3. 2. 2. Diderot
3. 2. 3. Voltaire
3. 3. Bürger von Genf
4. Rousseaus Rhetorik
5. Conclusion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Adressatenstruktur in Jean-Jacques Rousseaus „Lettre à d’Alembert“. Ziel ist es aufzuzeigen, dass Rousseau den Brief nicht nur als direkte Antwort auf d’Alemberts Enzyklopädie-Eintrag verfasst, sondern durch gezielte rhetorische Strategien ein breiteres Publikum anspricht und sich als engagierter Bürger Genfs sowie moralische Instanz positioniert.
- Die Analyse der „situation d’énonciation“ (Äußerungssituation).
- Die Identifikation der verschiedenen Adressatengruppen (Leser, Enzyklopädisten, Bürger von Genf).
- Die Untersuchung von Rousseaus rhetorischen Mitteln zur Überzeugung und Legitimation.
- Der Konflikt zwischen Rousseaus persönlicher moralischer Überzeugung und den gesellschaftlichen Konventionen.
- Die ambivalente Beziehung Rousseaus zu seinen Zeitgenossen (d’Alembert, Diderot, Voltaire).
Auszug aus dem Buch
3. 2. 1. D’Alembert
Bereits mit den ersten Worten des Briefes zeigt Rousseau, dass er sich gegen d’Alembert wendet: « J’ai lu, Monsieur mit plaisir vortre article [...] »26. Bis zum Ende des Briefes interpelliert Rousseau d’Alembert als Vertreter der Theater-Idee und Repräsentant der Enzyklopädisten. Er konfrontiert ihn permanent mit einer Vision von einem durch das Theater korrumpierten Genf und dekliniert dabei alle Konsequenzen. Rousseau appelliert an das Gewissen d’Alemberts, indem er immer wieder rhetorischen Fragen stellt: « Si les spectacles sont bons ou mauvais en eux-mêmes ? S’ils peuvent s’allier avec les mœurs ? Si l’austerité républicaine les peut comporter ? [...] »27.
Trotzdem sucht Rousseau nicht nur die Auseinandersetzung, er wendet sich auch an den d’Alembert-Freund, mit dem er Erlebnisse und Erinnerungen teilt: « Rappelez-vous, Monsieur, une pièce à laquelle je crois me souvenir d’avoir assisté avec vous, il y a quelques années, et qui nous fit un plaisir auquel nous nous attendions peu, [...]. »28
Es zeigt sich, Rousseaus gleichzeitiger Wunsch nach Verständnis und Respekt von d’Alembert. Er ruft die Erinnerung an gemeinsam Erlebtes wach, dadurch relativiert er den Disput und erinnert an sein tugendhaftes Handeln. Neben seinem Konflikt mit d’Alembert zeigt Rousseau deutlich, dass er ihn hauptsächlich als Sprachrohr verwendet, um ein größeres Publikum zu erreichen: « Mais j’oublie déjà que je n’écris pas pour des d’Alembert. Il faut m’expliquer d’une autre manière.29 » Rousseau unterstreicht, dass er sich eben nicht nur für d’Alembert und auch nicht für die Enzyklopädisten schreibt. Das « des » im Satz steht für die Philosophen. Dieser Kommentar, der darauf hinweist, dass der Brief, der eigentlich « Lettre à d’Alembert » heißt, nicht an den Selbigen adressiert ist. Es betont das Paradoxe an Rousseaus Persönlichkeit und zeigt mit welchen rhetorischen Mitteln er zu überzeugen versucht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Préface: Einführung in den historischen Kontext der Enzyklopädie und Rousseaus Motivation zur Antwort auf den Eintrag über Genf.
2. « Situation d’énonciation »: Analyse des kommunikativen Rahmens, bestehend aus Äußerer, Adressat sowie dem zeitlichen und räumlichen Kontext.
3. Adressaten: Untersuchung der verschiedenen Zielgruppen wie den allgemeinen Leser, die Enzyklopädisten und die Genfer Bürger.
4. Rousseaus Rhetorik: Darstellung der argumentativen Strategien und rhetorischen Figuren, mit denen Rousseau den Leser für seine moralische Position gewinnen will.
5. Conclusion: Synthese der Ergebnisse, die Rousseau als radikalen Philosophen und geschickten Polemiker charakterisiert.
Schlüsselwörter
Rousseau, Lettre à d'Alembert, Aufklärung, Genf, Theaterverbot, Enzyklopädisten, Rhetorik, Situation d'énonciation, Moral, Bürger, Polemik, Briefroman, Philosophie, gesellschaftliche Konventionen, politische Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Adressaten und die rhetorische Gestaltung von Rousseaus „Lettre à d’Alembert“ im Kontext seiner Debatte über die Einführung eines Theaters in Genf.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die philosophische Kontroverse zwischen Rousseau und den Enzyklopädisten sowie die Frage nach der bürgerlichen Moral und der Rolle des Theaters in der Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass der Brief über den konkreten Anlass hinaus als Manifest für Rousseaus Weltbild dient, indem er gezielt unterschiedliche Adressaten anspricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine linguistisch orientierte Analyse der „situation d’énonciation“ vorgenommen, ergänzt durch die Untersuchung rhetorischer Strategien innerhalb des Textes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Äußerungssituation, die differenzierte Analyse der Adressaten (Leser, Enzyklopädisten, Bürger) und die rhetorischen Techniken Rousseaus.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Rousseaus „Ich“-Konstruktion als Bürger, die Polemik gegenüber Diderot und Voltaire sowie die Funktion des „idealen Lesers“.
Wie definiert Rousseau seine Beziehung zu d’Alembert im Text?
Rousseau nutzt d’Alembert einerseits als diskursive Zielscheibe für seine Kritik am Theater, appelliert jedoch andererseits an ihre gemeinsame Vergangenheit, um seine Argumentation persönlicher zu gestalten.
Welche Rolle spielt Diderot in der Argumentation des Briefes?
Diderot fungiert als ehemaliger Freund, mit dem Rousseau öffentlich bricht, wobei der Bruch als Ausdruck von Rousseaus kompromisslosem Freundschaftsideal und moralischer Haltung dargestellt wird.
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- Ingrid Roemer (Author), 2009, An wen adressiert sich J.-J. Rousseau in seinem "Lettre à d'Alembert"? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133124