In der aktuellen Wirtschafts- und Finanzlage werden immer neue Hiobsbotschaften über Finanzierungslücken, notwendige Abschreibungen und Widersprüche in den Bilanzen von Unternehmen und Banken bekannt. Der neutrale Beobachter wundert sich dabei, wie es zu solchen gravierenden Verfehlungen kommen konnte und stellt sich die Frage nach dem oder den Schuldigen. Ein Erklärungsansatz ist die Arbeit des Wirtschaftsprüfers. Dieser ist nach allgemeiner Ansicht für die Vermeidung der erwähnten Entwicklungen zuständig, da er überwacht, dass in den Bilanzen alle Geschäftsvorfälle vollständig abgebildet und die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage korrekt wiedergegeben werden. Er ist der "öffentliche Garant" für eine normgerechte Rechnungslegung. Für ein mögliches, jedoch nur in wenigen Fällen auch offensichtliche Versagen des Prüfers gibt es eine Vielzahl von Gründen: Eventuell hat der Abschlussprüfer nicht mit ausreichender Sorgfalt geprüft, das Ausmaß der Fehler selbst nicht erkannt oder Tatsachen aufgrund persönlicher Verflechtungen zum Auftraggeber verschleiert. Der letzte Punkt prangert die oftmals fehlende Unabhängigkeit des Prüfers zum Mandanten, einem der entscheidenden Berufsgrundsätze und Eckpfeiler der Wirtschaftsprüfung an. Die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers und Auswirkungen auf diese durch die Wirtschaftskrise sind Thema dieser Arbeit. Kapitel 2 befasst sich dazu mit einer allgemeinen Definition von "Unabhängigkeit". In Kapitel 3 werden die verschiedenen Regelungen zur Sicherung der Unabhängigkeit in Deutschland dargestellt. Darauf aufbauend geht Kapitel 4 näher auf unabhängigkeitsgefährdende Faktoren und denkbare Gegenmaßnahmen ein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Unabhängigkeit als Berufsgrundsatz des Wirtschaftsprüfers
2.1. Begriffsdefinition
2.2. Begründung der Pflicht zur Unabhängigkeit im Rahmen der Bildung eines Prüfungsurteils
2.3. Einflussfaktoren auf die Unabhängigkeit
3. Regelungen zur Unabhängigkeit in Deutschland
3.1. Wirtschaftsprüferordnung
3.2. Berufssatzung der Wirtschaftsprüfer
3.3. Handelsgesetzbuch
3.3.1. § 319 HGB – lex generalis
3.3.2. § 319a HGB – lex spezialis
3.3.3. Weitere Regelungen zur Förderung der Unabhängigkeit nach HGB
3.4. Deutscher Corporate Governance Kodex
4. Unabhängigkeit im Rahmen der Wirtschaftskrise
4.1. Auslöser der Diskussion
4.2. Mögliche Gründe einer fehlenden Unabhängigkeit
4.2.1. Wirtschaftliche Abhängigkeit
4.2.2. Mangelnde Prüferrotation
4.2.3. Konflikt Beratung – Prüfung
4.3. Maßnahmen zur Stärkung der Unabhängigkeit
4.3.1. Einheitliche Gebührenverordnung
4.3.2. Externe Prüferrotation
4.3.3. Trennung von Beratung und Prüfung
4.3.4. Staatlicher Einfluss auf die Auftragsvergabe
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüfers als essenziellen Bestandteil der Wirtschaftsprüfung, insbesondere unter dem Einfluss der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise. Ziel ist es, die Gefährdungspotenziale der Unabhängigkeit zu analysieren und mögliche Regulierungsmaßnahmen zu bewerten, die das Vertrauen der Abschlussadressaten stärken sollen.
- Grundlagen und Definition der Unabhängigkeit als Berufsgrundsatz
- Analyse der geltenden regulatorischen Anforderungen (WPO, HGB, DCGK)
- Diskussion von Gefahren für die Unabhängigkeit durch die Wirtschaftskrise
- Bewertung von Lösungsansätzen zur Stärkung der Prüferunabhängigkeit
Auszug aus dem Buch
2.1. Begriffsdefinition
Für den Begriff der Unabhängigkeit finden sich in der Literatur verschiedene, wenn auch ähnliche, Definitionen. Die nach ZIMMERMANN (2008, S. 13) wohl bekannteste stammt von DEANGELO (1981, S. 186). Dieser bezeichnet die Unabhängigkeit als die bedingte Wahrscheinlichkeit, dass der Abschlussprüfer einen entdeckten Verstoß in der Rechnungslegung offenlegt. STEFANI (2002, S. 10) bescheinigt dem Prüfer Unabhängigkeit, wenn er durch nichts daran gehindert ist, ein ausschließlich sachgerechtes Urteil frei und vollständig abzugeben. Unabhängigkeit bezieht sich somit vorrangig auf die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit und stellt eine persönliche Eigenschaft des Prüfers dar. Bei NIEHUES (2007, S. 1374) beinhaltet die Unabhängigkeit, dass der Prüfer seine Leistungen ohne Einfluss sachfremder Erwägungen und ohne Rücksicht auf eigene oder fremde Interessen erbringt. Charakteristisch für die Unabhängigkeit ist die Tatsache, dass sie nur ein gedankliches Konstrukt und damit keine unmittelbar erkennbare und messbare Kategorie darstellt. Es liegen also keine Kriterien zur Abgrenzung vor, d. h. eine Entscheidung ist jeweils fallweise möglich. Unabhängigkeit ist somit lediglich die Vertrauenseigenschaft eines Gutes.
Die Unabhängigkeit selbst lässt sich, wie Abbildung 1 im Anhang zeigt, in innere und äußere Unabhängigkeit oder absolute und relative Unabhängigkeit aufspalten. Die innere Unabhängigkeit steht für die Unbefangenheit des Wirtschaftsprüfers, dessen innerer Einstellung, ohne geistige Bindung zum Prüfobjekt unvoreingenommen tätig zu werden. Er ist dabei im Moment der Prüfung tatsächlich unabhängig vom prüfenden Unternehmen. Im Unterschied dazu bezieht sich die äußere Unabhängigkeit auf das Besorgnis der Befangenheit. MARTEN/QUICK/RUHNKE (2007, S. 156) bezeichnen diesen Teil der Unabhängigkeit als Freisein von rechtlichen, wirtschaftlichen und faktischen Einwirkungsmöglichkeiten durch das Prüfunternehmen oder Dritte. Das Besorgnis der Befangenheit tritt auf, wenn ein rationaler Dritter Misstrauen gegen die Unabhängigkeit des Prüfers hegt, welches aus einem sachlichen Grund herrührt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle des Wirtschaftsprüfers als öffentlichen Garanten für korrekte Rechnungslegung und führt in die Thematik der durch die Finanzkrise gefährdeten Unabhängigkeit ein.
2. Unabhängigkeit als Berufsgrundsatz des Wirtschaftsprüfers: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Unabhängigkeit, unterteilt ihn in innere und äußere Aspekte und begründet seine Notwendigkeit für die Qualität des Prüfungsurteils.
3. Regelungen zur Unabhängigkeit in Deutschland: Es werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen durch HGB, Wirtschaftsprüferordnung, Berufssatzung und den Corporate Governance Kodex detailliert dargestellt.
4. Unabhängigkeit im Rahmen der Wirtschaftskrise: Das Kapitel analysiert aktuelle Auslöser für die Debatte um Prüferunabhängigkeit, identifiziert konkrete Gefährdungsursachen und diskutiert mögliche Stärkungsmaßnahmen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht, dass die Sicherung der Unabhängigkeit aufgrund menschlicher Faktoren eine ständige Herausforderung bleibt, die fortlaufende Anpassungen erfordert.
Schlüsselwörter
Wirtschaftsprüfer, Unabhängigkeit, Abschlussprüfung, Finanzkrise, Rechnungslegung, Besorgnis der Befangenheit, Prüferrotation, Wirtschaftsprüferordnung, HGB, Corporate Governance, Abschlussprüfer, Interessenkonflikte, Prüfungsqualität, Transparenz, Prüfungsurteil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Unabhängigkeit von Wirtschaftsprüfern und untersucht, wie externe Einflüsse, insbesondere während der Wirtschafts- und Finanzkrise, diese essenzielle Eigenschaft gefährden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die Definition und Einordnung der Unabhängigkeit als Berufsgrundsatz, die deutsche regulatorische Landschaft (Gesetze und Kodizes) sowie die Analyse von Interessenkonflikten in der Prüfungspraxis.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, den Status quo der regulatorischen Absicherung der Unabhängigkeit zu evaluieren und Lösungsansätze zu identifizieren, um das Vertrauen in die Abschlussprüfung zu erhalten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse unter Einbeziehung relevanter gesetzlicher Normen sowie aktueller Diskussionen zur Prüferunabhängigkeit im Kontext der Finanzmarktkrise.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert das deutsche Regulierungsgefüge (WPO, HGB, DCGK) und beleuchtet danach kritisch Gefahren wie wirtschaftliche Abhängigkeit, mangelnde Rotation und den Konflikt zwischen Prüfungs- und Beratungsleistungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Neben dem Kernbegriff „Unabhängigkeit“ stehen Begriffe wie „Abschlussprüfung“, „Prüferrotation“, „Interessenkonflikt“ und „Finanzkrise“ im Zentrum der Analyse.
Was unterscheidet die innere von der äußeren Unabhängigkeit laut Autorin?
Die innere Unabhängigkeit beschreibt die persönliche Unbefangenheit und Einstellung des Prüfers, während die äußere Unabhängigkeit darauf abzielt, das objektive „Besorgnis der Befangenheit“ bei Dritten zu vermeiden.
Wie bewertet die Arbeit den Vorschlag einer staatlichen Auftragsvergabe?
Die Arbeit diskutiert dies als eine drastische Maßnahme, die zwar die Unabhängigkeit vom Mandanten sicherstellen könnte, jedoch auch strukturelle Herausforderungen und eine Verstaatlichung des Prüfwesens nach sich ziehen würde.
Welchen Einfluss hat das BilMoG auf die Unabhängigkeit des Prüfers?
Das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) hat die Anforderungen durch Erweiterungen in den Vorschriften zur Unabhängigkeitserklärung und bei der Rotation verantwortlicher Prüfungspartner konkretisiert und verschärft.
- Quote paper
- B. Sc. Eva-Maria Ferstl (Author), 2009, Enforcement im Zeichen der Rezession: Auswirkungen auf die Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüfers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133130