Das Essay behandelt die Frage, ob die immer noch gängige Einteilung der deutschen Geschichte in drei Reiche - vom Mittelalter bis zum "Dritten Reich" noch zeitgemäß ist. Zur Analyse dieser Problemstellung soll im Folgenden ein Blick in die beiden ersten Gebilde geworfen werden. Hierbei wird zunächst das Heilige Römische Reich und sein Selbstverständnis im Zentrum der Betrachtungen stehen. Darauf aufbauend soll zweitens das Kaiserreich in den Fokus der Betrachtungen rücken. Schließlich sollen drittens auch die jeweiligen Zwischen- und Folgezeiten ab dem 19. Jahrhundert zur Abrundung der Thematik beitragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Begriffsgeschichte der „drei Reiche“
3. Das Heilige Römische Reich als erstes Gebilde
4. Das Kaiserreich als zweites Gebilde
5. Zusammenfassung der Argumentation
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die historische Sinnhaftigkeit der Einteilung der deutschen Geschichte in ein „erstes“, „zweites“ und „Drittes Reich“. Sie hinterfragt die wissenschaftliche Validität dieser Strukturierung, die primär als Legitimationsinstrument der Nationalsozialisten diente, und diskutiert alternative, sachlichere Periodisierungen der Geschichte des deutschsprachigen Raums.
- Kritische Analyse der „Drei-Reiche-Lehre“ im historischen Kontext.
- Untersuchung der nationalsozialistischen Indienstnahme geschichtlicher Mythen.
- Dekonstruktion von Kontinuitätsannahmen zwischen dem Mittelalter, dem Kaiserreich und der NS-Diktatur.
- Diskussion über eine Neuausrichtung der deutschen Geschichtsschreibung.
Auszug aus dem Buch
Erstes, zweites, „Drittes Reich“: Macht das noch Sinn oder kann das weg?
Mit diesen Worten prägt Dietrich Eckart bereits im Juli 1919 einen Begriff, der wenig später und bis heute wie kein anderer jenes Deutschland bezeichnet, in dem die Nationalsozialisten ihre Diktatur errichteten und von dem aus sie die Welt mit Krieg und Verbrechen überziehen werden, die in der Geschichte bis heute unvergleichbar bleiben. Dietrich Eckart, Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift „Auf gut deutsch“, frühes Mitglied von DAP und der sich daraus entwickelnden NSDAP, Berater und Mentor von Adolf Hitler, verbindet mit der Erwartung eines kommenden „Dritten Reiches“ allerdings vor allem Hoffnung: Hoffnung auf das „Heil“ der „überlegenen“ Deutschen und auf den damit verbundenen Untergang des Judentums.
Obwohl es sich bei der Begrifflichkeit keineswegs um eine Neuschöpfung handelt, macht erst Moeller van den Bruck in seiner Schrift „Das Dritte Reich“ im Jahr 1923 deutlich, um was es sich bei den zugrundeliegenden drei Reichen eigentlich handelt. In seiner Logik handelte es sich beim ersten Reich um das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das zweite identifizierte er als das Kaiserreich zwischen 1871 und 1918 und das dritte, kommende Reich werde eine „Synthese von Nationalismus und Sozialismus“. Obwohl diese Interpretation keineswegs die einzige seiner Zeit war, entwickelte sie sich doch zu populärsten und hat bis heute Bestand. So findet sich noch heute auf Zeit online ein Artikel zur deutschen Geschichte mit der Überschrift „Vom zweiten zum „Dritten Reich““. Auffällig hierbei ist der Umgang mit dem Begriffspaar, der keineswegs fahrlässig erscheint. Ganz offensichtlich wird der Begriff des „Dritten Reichs“ kritisch gesehen und deshalb in Anführungszeichen gesetzt während die Bezeichnung des Kaiserreichs als zweites Reich scheinbar unkritisch übernommen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der „Drei-Reiche-Lehre“ und Darstellung des ideologischen Ursprungs des Begriffs durch Dietrich Eckart.
2. Die Begriffsgeschichte der „drei Reiche“: Analyse der theoretischen Fundierung durch Moeller van den Bruck und Hinterfragung der aktuellen, teils unkritischen Verwendung dieser Strukturierung.
3. Das Heilige Römische Reich als erstes Gebilde: Untersuchung der Entstehung und Selbsteinordnung des Heiligen Römischen Reiches unter Berücksichtigung mittelalterlicher Weltgeschichtskonzepte.
4. Das Kaiserreich als zweites Gebilde: Analyse des gesellschaftlichen Umbruchs im 19. Jahrhundert und der Schwierigkeit, das Kaiserreich als direkte Fortführung einer „Reichs-Kontinuität“ zu definieren.
5. Zusammenfassung der Argumentation: Fazit des Essays mit dem Vorschlag einer neuen, sachgerechten Periodisierung („the german turn“) zur Überwindung der irreführenden Drei-Reiche-Struktur.
Schlüsselwörter
Deutsche Geschichte, Erstes Reich, Zweites Reich, Drittes Reich, Geschichtsschreibung, Nationalsozialismus, Moeller van den Bruck, Heiliges Römisches Reich, Deutscher Nationalstaat, Periodisierung, translatio imperii, Nationalbewusstsein, Ideologiekritik, Historik, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der gängigen, historisch jedoch problematischen Einteilung der Geschichte in ein erstes, zweites und „Drittes Reich“ auseinander.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die ideologische Instrumentalisierung der Geschichte durch Nationalsozialisten, die Analyse mittelalterlicher Geschichtskonzepte und die Rolle des Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Drei-Reiche-Struktur ahistorisch ist, und Vorschläge für eine sachgerechtere Gliederung der deutschen Geschichte zu unterbreiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Untersuchung, die Quellenarbeit mit der Dekonstruktion von Begriffsbildungen und ideologischer Geschichtsdeutung kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert jeweils das Selbstverständnis des Heiligen Römischen Reiches und die politischen Rahmenbedingungen des Kaiserreichs, um die mangelnde Kontinuität zwischen diesen Epochen und der NS-Zeit zu belegen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Geschichtsschreibung, Periodisierung, Ideologiekritik und die kritische Distanz zur „Drei-Reiche-Lehre“.
Warum hält der Autor die Bezeichnung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ für problematisch?
Der Autor führt aus, dass dieser Begriff anachronistisch ist, da er erst in der Neuzeit entstand und die tatsächliche mittelalterliche Selbsteinordnung des Reiches im Kontext der Weltgeschichte verkennt.
Was schlägt der Autor als Alternative zur traditionellen Gliederung vor?
Der Autor schlägt eine Gliederung in die Phase des Heiligen Römischen Reiches, die Phase des Nationalismus (1806–1945) und die Phase der Republik vor, um die Zäsuren der Geschichte besser abzubilden.
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- Oliver Gebauer (Autor), 2023, Die Begrifflichkeiten des ersten, zweiten und dritten Reiches, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1331476