Die Hausarbeit untersucht, wie die Erzählstimme des Werkes "Totgesagt" von Trude Richter die Erinnerungen konstruiert. Der analytische Fokus liegt auf dem narrativen Erzählverfahren, welches Martínez und Scheffel in ihrer Erzähltheorie der Erzählstimme beschreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1.Forschungsfrage und analytischer Ansatz
1.2.Kontextualisierung
2. Analyse
2.1.Kohärenzstreben und Geschlossenheit
2.2.Sicherung eines Weltbildes
3. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Werk „Totgesagt. Erinnerungen“ von Trude Richter und analysiert, wie die Erzählstimme als Instrument zur Konstruktion von Kohärenz und zur Sicherung eines stabilen Weltbildes in der autobiografischen Darstellung traumatischer Exilerfahrungen fungiert. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie die Autorin durch spezifische narrative Verfahren ihren Schmerz integriert und ihre Identität neu formt.
- Analyse narrativer Strategien der Kohärenzbildung
- Untersuchung der Erzählstimme und Fokalisierung
- Konstruktion von Identität und Weltsicht im Exil
- Verhältnis zwischen subjektiven Erinnerungen und erlebter Realität
- Umgang mit traumatischen Ereignissen durch sprachliche Distanzierung
Auszug aus dem Buch
1.1.Forschungsfrage und analytischer Ansatz
Wenn Menschen sich zurückerinnern, wird ihre Erinnerung nie der Realität entsprechen. Erinnerungen werden erschaffen, sie sind Imaginationen des Geistes und der subjektiven Wahrnehmung. Die Realität wird dabei nachträglich immer wieder verändert, verfälscht, angepasst und adaptiert, bis sich die konstruierte Erinnerung schließlich nicht mehr mit der Wirklichkeit überschneidet, um die Erinnerung in das eigene Weltbild und Selbstverständnis zu integrieren. In der Praxis laufen diese Prozesse blitzschnell ab, beinahe unbewusst. In der Literatur hingegen verhält es sich etwas anders, die Erinnerungen werden in aller Ausführlichkeit rekapituliert, aneinandergefügt, und in einen größeren Zusammenhang gesetzt.
In dem Roman „Totgesagt. Erinnerungen“ von Trude Richter dürfen die Lesenden die Erfahrungen der Autorin nachempfinden, welche insgesamt neunzehn Jahre ihres Lebens in stalinistischen Lagern als Zwangsarbeiterin und „freie Verbannte“ verlebt hat, und diese Erfahrungen in dem autobiografischen Werk retrospektiv darlegt. Hier geht sie auf besondere Weise vor, um die jahrelange Zeit und das Erlebte schlüssig und begreiflich wiederzugeben, und misst ihren Erfahrungen zugleich verschiedene Bedeutungen und Relevanz bei.
Wie bei jeder literarischen Darbietung gilt es, zwischen der Erzählung und dem Erzählen zu differenzieren. Die literarisch erschaffene Welt, sowie die darin geschilderten Erfahrungen, Figuren und Identitäten sind keine autonomen Konzepte, da sie erst durch die Erzählung über eine Stimme zustande kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und des analytischen Rahmens unter Einbeziehung erzähltheoretischer Ansätze zur Einordnung der Erinnerungstexte.
2. Analyse: Untersuchung des erzählerischen Stils im Hinblick auf narrative Kohärenz und die gezielte Konstruktion eines Weltbilds durch Distanzierungstechniken.
3. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung, dass die Erzählstimme als aktives Instrument zur Bewältigung und Neuordnung des eigenen Lebens verwendet wird.
Schlüsselwörter
Trude Richter, Autobiografie, Erinnerungstheorie, Erzählstimme, Exilliteratur, Stalinismus, Subjektivität, Kohärenzstreben, Identitätsbildung, narrative Identität, Zeitzeugenschaft, Bewältigungsstrategie, Fremdwahrnehmung, Selbstzensur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das autobiografische Werk von Trude Richter und untersucht, wie die Erzählstimme genutzt wird, um aus traumatischen Erlebnissen eine kohärente Lebensgeschichte zu formen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die narrative Konstruktion von Identität, der Umgang mit der stalinistischen Lagererfahrung sowie das Streben nach einer geschlossenen Weltsicht trotz schwerwiegender biografischer Brüche.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Die Untersuchung soll offenlegen, mit welchen erzähltechnischen Instrumenten Richter ihr Weltbild sichert und wie sie durch die Gestaltung der Erzählstimme Distanz zu ihrem eigenen traumatischen Schicksal schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es werden erzähltheoretische Verfahren nach Martínez und Scheffel angewandt, um die Zeitstruktur, die Erzählstimme und den Modus (Fokalisierung) des Textes detailliert zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Kohärenzstrebens und die Untersuchung der Sicherung des Weltbildes, wobei primär Teile aus dem Abschnitt „Tod und Auferstehung“ herangezogen werden.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Analyse?
Die zentralen Charakteristika sind Erzähltheorie, Autobiografik, Traumaverarbeitung sowie die mediale Konstruktion von Erinnerung.
Wie geht die Autorin mit dem Schmerz ihres Exils um?
Richter wählt einen eher distanzierten Erzählstil und nutzt humoristische Beschreibungen, um traumatische Erfahrungen erträglich zu machen und eine narrative Distanz zu wahren.
Welche Rolle spielt die „Zensur“ in diesem Werk?
Es zeigt sich eine Form der Selbstzensur, bei der belastende Erinnerungen gezielt ausgeblendet werden, um den Optimismus des Erzählens und die Kohärenz der Lebensgeschichte nicht zu zerstören.
- Quote paper
- Lucie Engert (Author), 2022, Sicherung eines Weltbildes in Trude Richters Werk "Totgesagt. Erinnerungen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1332137