[...] Die These, daß ein Text der Hochrenaissance, im Umkreis des Florentiner Neuplatonismus
entstanden, seine eigene Poetizität thematisiert, diese geradezu in den Vordergrund seiner eigenen
Gestaltung rückt, verschiebt den Kontext der Fragestellung. Denn bei aller Plausibilität können
pragmatische Erklärungen rhetorisch-strategischer Funktionen diesen Umstand nicht zureichend,
ja überhaupt nicht erklären. Angesichts der vorausgegangenen Epoche des Mittelalters
geht es hier um einen grundsätzlichen Wandel im Selbstverständnis des Künstlers und nicht zuletzt
des Kunstwerkes selbst. Diese These, deren Nachweis es hier zu führen gilt, wirft, und das
ist nicht zu weit gegriffen, einen epochalen Fragehorizont auf. Wie ist es möglich, daß ein solcher
Text im Kontext der Frühen Neuzeit, genauer im Kontext des rinascimentalen Neuplatonismus
verfaßt werden konnte? Es stellt sich hierbei nicht nur die Frage nach der Diskontinuität (und
Kontinuität) von Mittelalter und Neuzeit, sondern auch nach der Kontinuität und Diskontinuität
innerhalb der Renaissance selbst. Denn Poliziano selbst sah sich genötigt, ein epochales Kunstund
Textverständnis gegenüber der Philosophie eines Marsilio Ficino durchzusetzen, einen
Bruch innerhalb der Ästhetik der Renaissance zu forcieren, ein Bruch, der offenbar sowohl auf
theoretischer wie praktisch-ästhetischer Ebene eine gewisse polemische Haltung erforderte. Damit
allein wäre aber die Komplexität des Sachverhaltes nicht erfaßt. Das im Grunde vom Mittelalter
tradierte Textverständnis, das auch für Ficino noch grundlegend ist, wird erst durch Poliziano
problematisiert. Und doch, auch dies soll gezeigt werden, hat die Möglichkeit der Fabula di
Orpheo die neuplatonische Dichtungstheorie, die Konzeption des furor poeticus zur Voraussetzung. Wenn der Aufbau dieser Arbeit den literaturwissenschaftlichen Teil um eine theoretische Darstellung
ergänzt, ist dies keine unnötige Abschweifung. Vielmehr soll die kontinuierlichdiskontinuierliche
Bewegung, die die Fabula ermöglicht, auf zwei Diskursebenen veranschaulicht werden, derer sich Poliziano zu gleicher Zeit bedient hat. Und erst diese doppelte Analyse wird es
leisten können, diesen Einschnitt in der Ästhetik der Renaissance zu konturieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die theoretische Rehabilitierung des Textes
a) Die Polemik der Lamia
b) Von der Rhetorik zur Ästhetik
3. Die Fabula di Orpheo
a) Orpheus und die Poesie bei Ficino
b) Die Fabula und ihre Quellen
c) Die Struktur der Fabula
4. Schluß
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Poetizität von Angelo Polizianos "Fabula di Orpheo" im Kontext des florentinischen Neuplatonismus. Das primäre Ziel ist es, den Text nicht lediglich als pragmatisches oder rhetorisches Dokument zu betrachten, sondern aufzuzeigen, wie Poliziano eine ästhetische Autonomie des Kunstwerks gegen die philosophisch-theologische Ideologie eines Marsilio Ficino durchsetzt.
- Die Auseinandersetzung zwischen Philologie und Philosophie in Polizianos Werk.
- Die Rezeption antiker Quellen (Vergil, Ovid) als "Aktualisierung".
- Die Rolle des Eros und des "furor poeticus" in der Renaissance.
- Die strukturelle Bedeutung der Aristaeus-Episode innerhalb des Orpheus-Mythos.
- Der Übergang von der Rhetorik zur Ästhetik in der Frühen Neuzeit.
Auszug aus dem Buch
3. Die Fabula di Orpheo
Im 13. Buch der Theologia Platonica (XIII, caput II: Signum secundum – Ab affectibus rationis) behandelt Ficino – mit Verweis auf Platons Phaidros und Ion – die Menschen, deren Körper von ihrem Geist beherrscht werde. Es sind dies die philosophi und bereits an zweiter Stelle die poetae (es folgen die sacerdotes sowie die fatidici und die prophetes). Der furor divinus ist es, den Platon in den zwei Dialogen den Dichtern zuschreibe. Dazu führt Ficino einen dreifachen Nachweis: Der Vorrang der Poesie erklärt sich daraus, daß, im Gegensatz zu anderen Menschen, die wahren Dichter in allen Künsten versiert seien. Die „legitimi vero poetae“ sind u.a. Homer, Hesiod, Pindar und – Orpheus. Zum zweiten vergäßen manche, nachdem sie im furor viel Wunderbares gesungen haben, nach diesem Zustand ihren eigenen Gesang, „quasi non ipsi pronuntiaverint, sed Deus per eos ceu tubas clamaverit“. Drittens seien viele Dichter keine prudentissimi, so daß ihre Begabung gottgegeben sein müsse. Wenn es, wie Kristeller bemerkt, „bei Ficino ein eigentliches System der Ästhetik nicht gibt“ – oder schon gar eine systematische Poetik – so ist dennoch von keiner prinzipiellen Geringschätzung der Kunst und Literatur bei Ficino zu sprechen. Die Schwierigkeiten, die die Ficnianische – ebenso wie die Platonische – Philosophie mit der Kunst hat, rühren von dem geringen Interesse an den materiellen Gegebenheiten des Kunstwerks her:
Es ist klar, daß Ficinus nicht das Kunstwerk oder generell das schöne Ding als materieller Gegenstand interessiert, bei dem man das proportionierte Sichordnen des Stoffes gemäß der göttlichen oder der vom Künstler ihm eingeprägten Idee genießt. Was Ficinus interessiert, ist die Erfahrung der Schönheit als unmittelbarer Kontakt mit der übernatürlichen Schönheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die These, dass Polizianos Werk seine eigene Poetizität thematisiert und damit einen Wandel im Kunstverständnis der Renaissance markiert.
2. Die theoretische Rehabilitierung des Textes: Dieses Kapitel analysiert Polizianos "Lamia" und zeigt die Differenzierung zwischen philologischer Tätigkeit und philosophischem Anspruch auf.
3. Die Fabula di Orpheo: In diesem Hauptkapitel wird Polizianos Orpheus-Rezeption im Spannungsfeld von Ficinos Philosophie, antiken Quellen und eigener ästhetischer Gestaltung untersucht.
4. Schluß: Der Schlussteil reflektiert die Autonomisierung des Ästhetischen von der theologisch-philosophischen Ideologie als einen grundlegenden Schritt in die Neuzeit.
5. Bibliographie: Ein umfassendes Verzeichnis der verwendeten Primärquellen und der relevanten Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Angelo Poliziano, Fabula di Orpheo, Marsilio Ficino, Neuplatonismus, Renaissance, Orpheus-Mythos, Poetizität, Philologie, Ästhetik, Rhetorik, imitatio, furor poeticus, Aristaeus, Humanismus, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Angelo Polizianos "Fabula di Orpheo" und untersucht, wie der Text durch eine eigene poetische Qualität eine ästhetische Emanzipation vom damaligen philosophischen Diskurs, insbesondere dem Ficinianischen Neuplatonismus, vollzieht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle von Philologie und Poetik, der Transformation antiker Mythen in der Renaissance sowie der kritischen Abgrenzung Polizianos zur zeitgenössischen Philosophie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Poliziano durch eine bewusste literarische Formgebung eine neue, ästhetisch begründete Form der Textrezeption schafft, die über die bloße allegorische Auslegung der Antike hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Textanalyse, insbesondere unter Berücksichtigung intertextueller Bezüge zu antiken Vorbildern (Vergil, Ovid) und zeitgenössischen philosophischen Traktaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Polemik des Philologen gegenüber dem Philosophen, die Einbettung der Aristaeus-Episode in den Mythos und die Analyse der sprachlichen Gestaltung der "Fabula".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Poetizität, Historizität, Aktualisierung, imitatio, furor poeticus und die Eigenständigkeit des literarischen Kunstwerks.
Inwiefern spielt der "furor poeticus" eine Rolle?
Obwohl das Thema des inspirierten Dichters in der Renaissance zentral ist, zeigt die Analyse, dass Poliziano den "furore" eher als Ausdruck destruktiver Liebe verwendet, statt ihn zur rein philosophischen Inspiration zu erheben.
Was bedeutet "Aktualisierung" in diesem Kontext?
Aktualisierung bezeichnet bei Poliziano nicht die rein archäologische Wiederbelebung des Antiken, sondern die Fähigkeit des Textes, durch seine ästhetische Präsenz in der zeitgenössischen Realität Bedeutung zu generieren.
- Quote paper
- Tobias Schmid (Author), 2006, Der Orpheusmythos zwischen Authentizität und Aktualisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133226