Beinahe täglich begegnen dem aufmerksamen Zeitungsleser Berichte über
anstehende Fusionen großer Unternehmen aller Wirtschaftsbereiche, die sich
durch den Zusammenschluss größere Vorteile im Wettbewerb mit anderen
Unternehmen versprechen. Dieses Phänomen hat eine lange Tradition, so gilt
die Zeit des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts als die Zeit der
großen Unternehmenszusammenschlüsse in den Vereinigten Staaten von
Amerika. Es formierten sich zahlreiche große Kooperationen, sei es nun auf
dem Zuckermarkt, dem Whiskeymarkt oder, mit dem Standard Oil Trust, auf
dem Petroleummarkt.
Die zunehmende Kartellierung erregte immer größer werdende Besorgnis
innerhalb der amerikanischen Gesellschaft und wuchs sich Ende der 1880er
Jahre zu einem Problem politischer Dimension aus. Die politische Debatte
führte letztendlich zum weltweit ersten Kartellgesetz in den USA, dem
Sherman – Act, das am 2. Juli 1890 in Kraft trat.
Der Sherman – Act jedoch konnte zunächst die um sich greifende Kartellbildung
nicht stoppen. Gab es vor 1889 in den USA noch 82 Trusts mit einem
Gesamtkapital von 1,2 Mrd. $, so kamen in den Jahren zwischen 1889 und
1904 weiter 234 Trusts mit einer Kapitalausstattung von 6 Mrd. $ hinzu.
Somit verstärkte sich der Kampf von Bürgerrechtsgruppen und der Politik
gegen die Trusts noch, was schließlich im Jahre 1911 zur exemplarischen
Zerschlagung der „Mutter der Trusts“, dem Standard Oil Trust, führte. Der Standard Oil Trust, gegründet 1882, gilt als erster Trust der
amerikanischen Wirtschaftsgeschichte, mit einem Marktanteil von 90% auf
dem Petroleummarkt. Dieser Trust, welcher „mit den gnadenlosen Methoden
und der ungezügelten Gier des Kapitalismus des späten neunzehnten Jahrhunderts“ operierte, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit, in der der Frage nachgegangen
werden soll, welche Strategien zur Marktbeherrschung speziell auf
dem deutschen Leichtölmarkt angewandt wurden und ob diese negative Auswirkungen
auf den Markt und seine Teilnehmer hatten. Weiterhin wird der Blick darauf gerichtet, wie die Politik, speziell der deutsche
Reichstag, auf die aggressive Marktpolitik des Trusts reagierte und wie es zur
Entflechtung des Konzerns durch die Politik in den USA kam. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Monopol und kooperative Oligopole (Kartelle) – ein volkswirtschaftlicher Exkurs
3. Der Fall des Standard Oil Trusts – monopolistische Bestrebungen und Reaktionen der deutschen Politik
3.1 Entstehung des Trusts
3.2 Standard Oil in Deutschland
3.3 Auswirkungen der monopolistischen Besterbungen auf den Markt und seine Teilnehmer
3.4 Der Fall Standard Oil vor dem deutschen Reichstag
3.5 Die Entflechtung des Konzerns
4. Resümee
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die marktbeherrschenden Strategien des Standard Oil Trusts am Beispiel des deutschen Leichtölmarktes, analysiert deren Auswirkungen auf Marktteilnehmer und bewertet die Reaktionen der deutschen Politik sowie die finale Entflechtung des Konzerns in den USA.
- Volkswirtschaftliche Einordnung von Monopolen und kooperativen Oligopolen
- Entstehungsgeschichte und aggressive Expansionsstrategien des Standard Oil Trusts
- Analyse der monopolistischen Praktiken auf dem deutschen Petroleummarkt
- Politische Auseinandersetzungen im deutschen Reichstag zur Marktmacht des Trusts
- Der Prozess der juristischen Entflechtung durch die US-amerikanische Politik
Auszug aus dem Buch
3.2 Standard Oil in Deutschland
Durch die Zunehmende Industrialisierung, die hiermit verbundene Trennung von Arbeitsstätte und Wohnung und das hieraus resultierende veränderte Freizeitverhalten der Bevölkerung in Deutschland, stieg der Verbrauch von Petroleum als günstiges Beleuchtungsmittel Ende des 19. Jahrhunderts rapide an. So betrug der Verbrauch an raffiniertem Petroleum im Jahre 1897 711646 t, was einem pro Kopf verbrauch von 13,25kg entsprach.
Der hohe Verbrauch konnte allerdings nur zu einem geringen Teil aus inländischer Erdölgewinnung gedeckt werden, sodass „die deutschen Verbraucher daher auf die Einfuhr von Leuchtöl angewiesen [waren], das überwiegend aus den USA und nur in geringem Maße aus Rußland[!] zu ihnen gelangte.“ Allerdings bestand nicht nur diese einseitige Abhängigkeit vom amerikanischen Markt, sondern die amerikanischen Importe wurden gleichzeitig fast ausschließlich von einer Firma, dem Standard Oil Trust getätigt.
Der Trust, welcher bereits 1890 begann, die Monopolisierung des deutschen Petroleummarktes voranzutreiben, zwang zunächst alle von ihm belieferten Importeure sich dem Trust anzuschließen und ihre Selbstständigkeit aufzugeben. Als Druckmittel wurde den importierenden Firmen angedroht, sie von Öllieferungen auszusperren, und eigene Importfirmen auf dem deutschen Markt zu gründen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung der Unternehmenszusammenschlüsse Ende des 19. Jahrhunderts ein und umreißt die Forschungsfrage bezüglich der Marktstrategien von Standard Oil.
2. Monopol und kooperative Oligopole (Kartelle) – ein volkswirtschaftlicher Exkurs: Dieses Kapitel erläutert die ökonomischen Grundlagen von Marktformen wie Monopolen und Oligopolen und deren Auswirkungen auf Wettbewerb und Wohlfahrt.
3. Der Fall des Standard Oil Trusts – monopolistische Bestrebungen und Reaktionen der deutschen Politik: Das Hauptkapitel untersucht detailliert die Historie des Trusts, seine Strategien auf dem deutschen Markt, den politischen Umgang im Reichstag und die juristische Zerschlagung.
3.1 Entstehung des Trusts: Hier wird der Aufstieg von John D. Rockefellers Unternehmen von einer lokalen Firma zum weltweit ersten großen Trust nachgezeichnet.
3.2 Standard Oil in Deutschland: Dieses Kapitel beleuchtet den Markteintritt, die Abhängigkeiten durch Importeure und die aggressive Preiskampf-Strategie in Deutschland.
3.3 Auswirkungen der monopolistischen Besterbungen auf den Markt und seine Teilnehmer: Hier werden die negativen Folgen für Konkurrenten und Verbraucher durch die marktbeherrschende Stellung von Standard Oil analysiert.
3.4 Der Fall Standard Oil vor dem deutschen Reichstag: Dieses Kapitel dokumentiert die Debatten im Reichstag und die Unfähigkeit der deutschen Politik, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
3.5 Die Entflechtung des Konzerns: Der Abschnitt beschreibt den wachsenden öffentlichen Druck in den USA und die finale gerichtliche Zerschlagung des Trusts im Jahr 1911.
4. Resümee: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bewertet die historische Bedeutung der Standard-Oil-Zerschlagung für moderne Kartellgesetze.
Schlüsselwörter
Standard Oil Trust, Kartell, Monopol, Marktbeherrschung, Petroleummarkt, Sherman-Act, Wettbewerb, Reichstag, Preiskampf, Marktform, Substitutionsgüter, Entflechtung, John D. Rockefeller, Oligopol, Wirtschaftspolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die marktbeherrschenden Strategien des amerikanischen Standard Oil Trusts und deren historische Auswirkungen auf den deutschen Markt sowie die politische Reaktion darauf.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die ökonomischen Grundlagen von Kartellen, die aggressive Expansionspolitik von Standard Oil, der politische Diskurs im deutschen Reichstag und die spätere juristische Entflechtung des Unternehmens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die spezifischen Methoden der Marktbeherrschung von Standard Oil zu identifizieren und zu beurteilen, inwieweit diese den deutschen Markt und seine Teilnehmer geschädigt haben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer deskriptiven wirtschaftshistorischen Analyse, gestützt durch Literaturrecherche und die Auswertung zeitgenössischer Dokumente und Statistiken.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil stehen die historische Entwicklung des Trusts, die spezifischen Taktiken zur Ausschaltung der Konkurrenz in Deutschland sowie die parlamentarischen Versuche zur Regulierung dieser Marktmacht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Monopolbildung, Kartellpolitik, ökonomischer Wettbewerb, Marktmacht und historische Wirtschaftsgeschichte definiert.
Welchen Einfluss hatte der Substitutionswettbewerb auf Standard Oil in Deutschland?
Der Substitutionswettbewerb (z.B. durch Gasbeleuchtung) fungierte als Korrektiv, da Standard Oil bei zu extremen Preiserhöhungen Gefahr lief, Kunden an alternative Leuchtmittel zu verlieren.
Warum blieb der deutsche Reichstag im Fall von Standard Oil weitgehend inaktiv?
Die Uneinigkeit der politischen Parteien und eine weit verbreitete, teils positive Einschätzung von Kartellen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung verhinderten konsequente Maßnahmen gegen den Trust.
Wie endete der "Standard-Oil-Fall" in den USA?
Nach einem langjährigen juristischen Prozess wurde der Trust 1911 auf Grundlage des Sherman-Act vom Bundesgericht zerschlagen, woraus bedeutende Nachfolgekonzerne hervorgingen.
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- Fabian Wahler (Author), 2007, Marktbeherrschende Strategien des Standard Oil Trusts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133248