Transformationheuristiken: Tatu Vanhanen


Hausarbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Der Vanhanen- Index
I. Darstellung
II. Kritik am Vanhanen Index
III. Die Unterscheidung von Demokratien und Autokratien

B. Eine evolutionäre Interpretation von Demokratisierung
I. Die Auswahl der Variablen
II. Indizes der Macht-Ressourcenverteilung
1) Index der beruflichen Diversifikation
2) Index der Verteilung der Wissensressourcen
3) Index der wirtschaftlichen Machtressourcenstreuung (DER)
4 )Index der Machtressourcenverteilung

C. Demokratisierung in Osteuropa
I. Die Entwicklung des ISI
II. Die Demokratisierung in Ungarn
1. Theorie Vanhanens
2) Der tatsächliche Umbruch in Ungarn

Schlussbemerkung

Literatur

A. Der Vanhanen- Index

I. Darstellung

Tatu Vanhanen hat für eine erstaunliche Anzahl an Staaten einen Index der Demokratisierung ab dem 19. Jahrhundert bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt.[1] Grundlage dieser Theorie sind die Schlüsseldimensionen der polyarchischen Demokratie nach Dahl[2]: Partizipation und Wettstreit. Die Partizipation wird dabei anhand des Anteils der an den letzten Wahlen teilnehmenden Wähler an der Gesamtbevölkerung gemessen. Die Formel, die für die Berechnung von P verwendet wird lautet: P=Z/B*100, wobei Z die Anzahl der Wählen, die an der Wahl teilgenommen haben darstellt und B für die gesamte Bevölkerung steht.[3] Der Wettbewerbsgrad W wird durch die Formel W= (100-S) ermittelt, wobei S den Stimmanteil erfasst, der bei der letzten Wahl zur nationalen Volksvertretung auf die stärkste Partei entfiel.[4] Aus diesen beiden Komponenten ergibt sich Vanhanens Index der Demokratisierung. Die Formel zu seiner Berechnung lautet: D= (P*W)/100. Es ist leicht zu erkennen, welche Konstruktion sich hinter diesem Index verbirgt: nehmen beide Dimensionen hohe Werte an, so nimmt auch der Demokratisierungsindex einen hohen Wert an. Ist hingegen entweder P oder W gleich 0, so ist auch D gleich 0. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn es kein Wahlrecht gibt. Dasselbe gilt für den Fall, wenn der Wettbewerbsgrad gering ist, beispielsweise, weil es eine Staatspartei gibt, die das Politikgeschäft monopolisiert.[5]

II. Kritik am Vanhanen Index

Vieles von dem was Vanhanens Demokratisierungsindex aufzeigt ist interessant und einleuchtend. Deutlich wird auch, dass die entwickelten Demokratien alle samt im oberen Bereich und die eindeutig autoritären oder totalitären Regime im Unterfeld zu finden sind.[6] Allerdings bringt der Vanhanen-Index auch irritierende Ergebnisse hervor. Irritierend sind zum Beispiel die Unterschiede zwischen den westlichen Demokratien. Die alten Demokratien erreichen dabei Werte, die weit unter denen der Spitzengruppe liegen. So erreicht die Schweiz nur Platz 26 und die USA Platz 30. Beide liegen damit zum Beispiel hinter Papua Neuguinea. Wie ist diese Platzierung zu erklären? Argumentiert wird beispielsweise mit der niedrigen Wahlbeteiligung. Aber fraglich ist, ob man unter diesen Umständen wirklich von einer guten Demokratiemessung sprechen kann. So ist es doch unbestritten, dass die Demokratie der Schweiz, mit ihrer Vielzahl an Teilhabechancen, ihren Bürgern mehr Beteiligungschancen und mehr Demokratie bietet, als die meisten anderen Länder.

Jedoch ging rein rechnerisch alles mit rechten Dingen zu. Vanhanen ist seiner Formel zur Berechnung des Demokratisierungsindexes treu geblieben. Allerdings weist der Index einige Probleme auf:

Die Auswahl und Messung der Schlüsselgrößen Wahlbeteiligung und Stimmanteil der stärksten Partei sind nicht über jeden Zweifel erhaben. Hier werden nicht alle wichtigen Größen einbezogen: die Meinungsfreiheit spielt keine Rolle, ebenso wie die Berücksichtigung der Chancen, Interessen frei zu äußern und zu aggregieren, sowie Interessenvertretungen zu bilden.[7] Ferner wird die Partizipation anhand der Wahlbeteiligung ermittelt, nicht anhand der Beteiligungsrechte. Diese Wahlbeteiligung kann unterschiedliches widerspiegeln: Wählerapathie oder Wählerzufriedenheit, Wahlpflicht oder freiwillige Wahl, vielleicht sogar das Wetter am Wahltag. Außerdem wird die Qualität der Wahl nicht berücksichtigt. Ob sie fair sind, oder unfair wird nicht berücksichtigt.

Obendrein wird als Bezugsgröße der Beteiligung die gesamte Bevölkerung verwendet. Jedoch verzerrt dies aufgrund der unterschiedlichen Altersstruktur der untersuchten Gesellschaften die Wahlbeteiligungsquote. Besser wäre es, die Zahl der Wähler auf die Bevölkerung im wahlberechtigten Alter zu beziehen. Jedoch werden im Bereich der Wahl auch nicht andere Beteiligungsmöglichkeiten einbezogen, wie sie grade in direkten Demokratien üblich sind.

Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn eine Partei auf legalem Wege einen großen Stimmanteil erhält. Dem Index zur Folge ergibt eine Partei mit einem großen Wähleranhang jedoch einen geringeren Wettbewerbsgrad und somit einen geringeren Demokratisierungsindex. Außerdem wird die Qualität der in der Demokratie erzeugten Gesetze nicht erfasst, ebenso wie der institutionelle Rahmen der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung.

Das was Demokratie ist, misst der Index so nur zum Teil und möglicher Weise nicht umfassend genug.

III. Die Unterscheidung von Demokratien und Autokratien

Das Ranking zeigt das Kontinuum von politischen Systemen zwischen Demokratien und Autokratien, dabei befinden sich die Demokratien im oberen Bereich der Skala. Nur lassen sich Demokratien und Autokratien nicht ohne weiteres in 2 Lager spalten. Das bedeutet, egal wo man die Unterscheidung von Demokratien und Autokratien ansetzt, bedeutet das, dass die Demokratien mit dem geringsten Indexwert nah an den autokratischen Systemen mit dem höchsten Werten liegen.[8] Da das Anliegen der Untersuchung die Beschreibung der Demokratisierung ist, nutzt Vanhanen die Klassifikation in diese zwei Gebiete. So ist es auch notwendig, Demokratien zu definieren. Dies möchte Vanhanen mit Hilfe empirischer Daten tun. Als Ausgangspunkt seiner Untersuchungen legt er sich jedoch auch auf eine Definition von Demokratie fest: „Democracy is a political system in which different groups are legally entitled to compete for power and in which institutional power holders are elected by the people and are responsible to the people“[9]. Das Problem liegt allerdings darin, festzulegen, wo der Grenzbereich anzusiedeln ist, das bedeutet: ab welchem Wert von Wettbewerb und Partizipation kann man von den Mindestanforderungen an eine Demokratie sprechen?

Wenn der Anteil der kleinen Parteien unter 30 Prozent liegt, so kann man sagen dass die Dominanz der größten Partei so hoch ist, dass man nicht mehr von einer Demokratie sprechen kann. Es scheint Vanhanen also, als wäre ein sinnvoller minimaler Grenzwert für den Wettbewerb bei 30% anzusiedeln.[10]

Im Bereich der Partizipation macht es Sinn einen geringeren Wert anzusiedeln, für den Fall, dass die Zahl für die Wählerpartizipation von der gesamten Bevölkerungszahl kalkuliert wurde, nicht nur von der erwachsenen Bevölkerung. Aus diesem Grund nutzt Vanhanen 15% für den Wert der Partizipation als minimalen Grenzwert. Diese Werte sind mehr oder weniger willkürlich ausgewählt, scheinen jedoch sinnvoll um Demokratien von Autokratien zu unterscheiden. Da beide Werte als notwendig für eine Demokratie eingestuft werden, ist es auch notwendig für ein Land in beiden Bereichen einen Wert zu erreichen, der über dem minimalen Grenzwert liegt, um als Demokratie eingestuft zu werden.[11]

Wettbewerb und Partizipation stellen zwei gänzlich unterschiedliche Dimensionen von Demokratien dar, daher sind diese auch nur leicht miteinander korreliert.

Am Ende muss auch dargestellt werden, welches der minimale Grenzwert für den Demokratisierungsindex als solchen ist. Vanhanen definiert diesen bei 5,0 Indexpunkten. Dieser liegt etwas höher, als der Wert der sich aus den minimalen Werten für Partizipation und Wettbewerb ergeben würde (4,5).

Außerdem schien es Vanhanen sinnvoll eine Kategorie von Semidemokratien einzuführen:

Bei ihnen liegen die Werte für die Partizipation zwischen 10 und 15% und dem Wettbewerb zwischen 20 und 30%.[12]

Alle restlichen Länder können nicht mehr als Demokratie bezeichnet werden.

Der Vorteil dieses Systems liegt in seiner exakten Bestimmbarkeit, seiner Objektivität der Daten und der leichten Erfassbarkeit für alle demokratischen oder nicht- demokratischen Systeme. Bevölkerungszahlen und Wahlergebnisse lassen sich außerdem leicht ermitteln.[13] Bereits das Fehlen einer Komponente- Wettbewerb oder Partizipation disqualifiziert das entsprechende System als nicht- demokratisch, weil der Wert des ID dann automatisch 0 ist.[14]

B. Eine evolutionäre Interpretation von Demokratisierung

I. Die Auswahl der Variablen

Vanhanen zufolge ist für den Demokratiegrad einer Staatsverfassung die Streuung der Machtressourcen in Gesellschaft und Wirtschaft ausschlaggebend.[15] Vanhanen stellt also folgende These auf: Je breiter die Streuung der Machtressourcen in einer Gesellschaft, umso höher ist deren Demokratisierungsgrad oder anders formuliert: je höher die Machtkonzentration in einer Gesellschaft, umso höher sind die Hindernisse auf dem Weg zur Demokratie.[16]

Es ist schwierig entscheidende Machtressourcen herauszufinden, wenn man davon ausgeht, dass beinahe alles zur Ressource im Kampf um die Macht werden kann.[17] Außerdem können die entscheidenden Ressourcen von Land zu Land variieren. Des Weiteren ist es oft schwierig valide und glaubwürdige Daten zu erlangen. Diese Hindernisse sind jedoch nicht unüberwindbar. Es kann angenommen werden, dass ökonomische und intellektuelle Ressourcen in allen Teilen der Welt wesentlich sind, so lange der Kampf um die Macht friedlich abläuft. Sobald dies nicht mehr der Fall ist und Gewalt ins Spiel kommt, muss festgestellt werden, dass die Bereitschaft zur Nutzung von Gewalt die wesentliche Ressource sein wird.[18]

Um seine These zu überprüfen, nutzt Vanhanen den komplexen „Index der Machtressourcen“ (IPR), der aus sechs Komponenten zusammen gesetzt wird[19]. Als Indikatoren der Verteilung ökonomischer Ressourcen nutzt er:

1) Die Stadtbevölkerung als ein Anteil der gesamten Bevölkerung (Urban Population UP)
2) Der Anteil der gesamten Bevölkerung der nicht in der Landwirtschaft tätig ist (Non agricultural Population NAP)
3) Die Anzahl an Studenten an Universitäten und anderen Einrichtungen, die einen ähnlichen Abschluss garantieren pro 100.000 Einwohnern (Students)
4) Der Anteil der Bevölkerung, der lesen und schreiben kann, als Prozentzahl der erwachsenen Bevölkerung. (Literates)
5) Die Verteilung des Besitzes an landwirtschaftlicher Nutzfläche in Form des Anteils privater Kleinfarmen(Family Farms)
6) Der Grad der Dezentralisierung nicht landwirtschaftlicher ökonomischer Ressourcen (DD)[20]

Natürlich können diese Variablen nur zum Teil messen, wie die Verteilung von ökonomischen und intellektuellen Ressourcen aussieht, jedoch sind diese Indikatoren in allen Gesellschaften sinnvoll anwendbar.

II. Indizes der Macht-Ressourcenverteilung

Die 6 erklärenden Variablen könnten nun jeweils separat genutzt werden, um statistische Analysen zu betreiben. Da sie jedoch alle denselben Faktor, nämlich die Ressourcenverteilung messen, macht es jedoch mehr Sinn sie in einem zusammenhängenden Index zu messen, dem Index of Power Ressources (IPR). Das Problem was sich dabei ergibt, ist jedoch: wie lassen sich diese Faktoren möglichst sinnvoll kombinieren.

Diese 6 Variablen spiegeln 3 unterschiedliche Dimensionen der Verteilung von Ressourcen wieder:

[...]


[1] Schmidt: Demokratietheorien; 2000; S. 398

[2] Dahl: Polyarchy; S. 4

[3] Schmidt verwendet die Formel: P= Z/P*100, die allerdings irreführend wegen der zweifachen Verwendung des P ist.

[4] Schmidt: Demokratietheorien; 2000;S. 398

[5] Schmidt: Demokratietheorien; 2000; S. 399

[6] Schmidt: Demokratietheorien; 2000; S. 400

[7] So auch: Springs: Demokratieindizes als Indikatoren internationaler Ungleichheit; S. 3 http://www.peace-and-conflict.net/pdf/Demokratieindizes%5B1%5D

[8] Vanhanen: The Process of Democratization; S. 31.

[9] Vanhanen: Prospects of Democracy; S: 31.

[10] Vanhanen: The Process of Democratization; S. 32

[11] Vanhanen: The Process of Democratization; S. 33

[12] Ebd.

[13] Pickel: Demokratisierung im internationalen Vergleich; S. 113

[14] Pickel: Politische Kultur- und Demokratieforschung,S.196

[15] Schmidt: Demokratietheorien; S. 443

[16] Lauth (Hrsg.): Vergleichende Regierungslehre:, S. 160

[17] Vanhanen: The Process of Democratization; S. 51

[18] Ebd.

[19] Abromeit/Stoiber: Demokratie im Vergleich; S. 62

[20] Vanhanen: Prospects of Democracy; S. 42

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Transformationheuristiken: Tatu Vanhanen
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Entstehung und Wandel von Demokratien
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V133254
ISBN (eBook)
9783640399222
ISBN (Buch)
9783640398713
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transformationheuristiken, Tatu, Vanhanen
Arbeit zitieren
Alexandra Kloß (Autor), 2008, Transformationheuristiken: Tatu Vanhanen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133254

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