Wenn Oscar Wilde in seinem 1891 erschienenen Essay The Soul of Man under Socialism das utopische Denken als grundlegendes Merkmal des Menschen festhält, so ist eine solche Aussage in der heutigen Gegenwart kaum mehr vorstellbar. Mit dem Ende des Realsozialismus in der Sowjetunion und den Staaten des Ostblocks scheint auch für die Utopie das Ende gekommen zu sein; das Wort ‚utopisch‘ wird nur noch zur Bezeichnung wirklichkeitsfremder Spinnereien verwendet. Der Bedeutungsverlust des utopischen Denkens lässt sich dabei nicht erst seit der Epochenwende Anfang der neunziger Jahre feststellen, sondern beginnt bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Mit der Dystopie bildet sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue literarische Gattung heraus, die anstatt des Entwurfs einer vollkommenen Gesellschaft das Schreckbild einer düsteren Zukunftswelt zeichnet, in der kein Platz für eine positive Alternative bleibt.
Dass dies jedoch nur scheinbar der Fall ist, gerade auch in der Dystopie eine positive Utopie angelegt ist, will die vorliegende Arbeit zeigen. Ausgehend vom Begriff der ‚Gegenwelt‘ soll an exemplarisch ausgewählten dystopischen Romanen untersucht werden, inwiefern den in den einzelnen Werken explizit dargestellten oder nur implizierten Alternativentwürfen ein utopisches Veränderungspotenzial zugesprochen werden kann. Als Quellengrundlage wurden dabei die Romane Wir von Jewgenij Samjatin (1920), Fahrenheit 451 von Ray Bradbury (1953) und Globalia von Jean-Christophe Rufin (2004) ausgewählt. [...]
Im ersten Teil der Arbeit sollen zunächst die begrifflichen Grundlagen gelegt werden. Nach einer Klärung des in dieser Arbeit verwendeten Utopiebegriffs wird die Entwicklungsgeschichte von der Utopie zur Dystopie skizziert und eine Definition des Begriffs Dystopie erarbeitet. Anschließend wird ein Konstituentenkatalog gemeinsamer Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien entwickelt. Daran anknüpfend wird der für diese Arbeit zentrale Begriff der Gegenwelt entwickelt.
Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Inhaltsanalyse der ausgewählten dystopischen Romane. Nach einer kurzen Hinführung, in der der zeitgeschichtliche Kontext des jeweiligen Werks skizziert werden soll, wird die textnahe Interpretation im Vordergrund stehen. Vor der Analyse der Gegenwelten wird jeweils eine kurze Charakterisierung der dystopischen Welt des Romans stehen. Abschließend wird versucht, die Frage nach dem utopischen Potenzial dieser Gegenwelten zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Begriffe
1. Utopie
2. Dystopie
3. Gemeinsame Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien
4. Gegenwelten
4.1. Forschungsüberblick
4.2. Definition
III. Exemplarische Einzeluntersuchungen dystopischer Romane
1. Jewgenij Samjatin: Wir
2. Ray Bradbury: Fahrenheit 451
3. Jean-Christophe Rufin: Globalia
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das utopische Veränderungspotenzial von sogenannten „Gegenwelten“ innerhalb der dystopischen Literatur. Anhand der Romane „Wir“, „Fahrenheit 451“ und „Globalia“ wird analysiert, inwieweit diese Gegenwelten nicht nur bloße literarische Kontraste bilden, sondern Ansätze für eine kritische Reflexion und Transformation der jeweiligen dystopischen Gesellschaftsordnungen bieten.
- Die Entwicklung vom utopischen Denken zur dystopischen Literatur im 20. Jahrhundert
- Strukturmerkmale totalitärer Gesellschaftsentwürfe (Isolation, Statik, Kollektivismus)
- Die Funktion und Bedeutung des Begriffs „Gegenwelt“ in dystopischen Werken
- Die Dialektik von Unterdrückung und individuellem Widerstandspotenzial
- Vergleichende Analyse der Motive Sexualität, Natur, Geschichte und Literatur
Auszug aus dem Buch
4.2. Definition
Unter dem Begriff ‚Gegenwelt‘ soll hier alles gefasst werden, was dem in der Dystopie dargestellten negativen Gesellschaftsentwurf als Positives entgegengesetzt wird; dabei findet in den Gegenwelten eine Negation der in den dystopischen Gesellschaften vorherrschenden, negativ konnotierten Werte statt, denen eigene, positiv besetzte Werte gegenübergestellt werden. Gegenwelten können sich dabei in konkreten Gemeinschaften manifestieren, in denen sich die Gegner des dystopischen Gesellschaftssystems zusammengeschlossen haben, können aber auch im Sinne von nicht konkret zu verortenden ‚Gegenwerten‘ wie beispielsweise Freiheit oder Individualität, verstanden werden. Hartmut Weber hebt dabei besonders „die menschliche Autonomie als obersten Wert“61 hervor. Auch Kunst, Musik und Literatur als Ausdruck der menschlichen Individualität können als Gegenwelten verstanden werden, insofern sie in den dystopischen Gesellschaften staatlich reglementiert sind. Wo das Ziel des utopischen Idealstaates die Vernichtung von Traditionen und Geschichtsbewusstsein zur Schaffung einer geschichtslosen ‚ewigen‘ Gegenwart ist, kann auch Geschichte als Gegenwelt aufgefasst werden. Eine wichtige Rolle als Gegenwelt spielt weiterhin die Natur als Gegensatz zu den technisierten dystopischen Welten. Damit verbunden ist auch Natürlichkeit und Authentizität, beispielsweise natürliche Nahrung, die in vielen dystopischen Gesellschaftssystemen durch künstliche ersetzt worden ist.
Wenn man Gegenwelt als Negation der dystopischen Welt versteht, so lassen sich den drei in der vorgestellten Typologie gemeinsamer Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien identifizierten Hauptmerkmalen drei kontrastierende Elemente von Gegenwelten gegenüberstellen: der Isolation das ‚Ausbrechen‘ aus der Isolation; der Statik die Dynamik; dem Kollektivismus den Individualismus. Die Bedeutung des Individualismus als der Wert, um dessen Verteidigung es den dystopischen Werken wesentlich geht, ist dabei auch in der Forschung immer wieder betont worden.62 Mit ihm verknüpft sind all jene Eigenschaften des Menschen, die in utopischen Gemeinwesen staatlicher Kontrolle unterliegen und deren Unregulierbarkeit von den Dystopien immer wieder betont wird: Sexualität, Liebe, Emotionen, Irrationalität und Phantasie.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung etabliert die Fragestellung nach dem utopischen Potenzial innerhalb dystopischer Romane und begründet die Auswahl der Primärliteratur sowie das methodische Vorgehen.
II. Begriffe: Dieses Kapitel klärt die theoretischen Grundlagen, definiert die Begriffe Utopie, Dystopie und Anti-Utopie und arbeitet ein Strukturmodell für die Analyse heraus.
III. Exemplarische Einzeluntersuchungen dystopischer Romane: In diesem Hauptteil werden die Werke „Wir“, „Fahrenheit 451“ und „Globalia“ textnah analysiert, um die spezifischen Ausprägungen von Gegenwelten in den jeweiligen Romanen aufzuzeigen.
IV. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die untersuchten Dystopien durch ihre Gegenwelten ein grundlegendes utopisches Veränderungspotenzial besitzen.
Schlüsselwörter
Dystopie, Utopie, Gegenwelt, Individuum, Kollektivismus, Totalitarismus, Widerstand, Freiheit, Individualismus, Natur, Erinnerung, Geschichte, Technikkritik, Gesellschaftsentwurf, Post-Humanismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das utopische Potenzial, das in dystopischen Romanen verborgen liegt, indem sie sogenannte „Gegenwelten“ analysiert, die den totalitären Systemen entgegengestellt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Dialektik zwischen Individuum und Kollektiv, die Kritik an technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie die Bedeutung von Natur, Kunst und Erinnerung als subversives Element.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Dystopien keineswegs eine reine Hoffnungslosigkeit vermitteln, sondern durch ihre expliziten oder impliziten Alternativentwürfe den Anspruch auf gesellschaftliche Veränderung wahren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verfolgt einen literaturwissenschaftlichen, textnahen Ansatz, der durch kulturhistorische und biographische Aspekte ergänzt wird, um die Romane im Gattungszusammenhang zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Inhaltsanalyse der Romane „Wir“ von Jewgenij Samjatin, „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury und „Globalia“ von Jean-Christophe Rufin im Hinblick auf deren spezifische Gegenwelten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Dystopie, Totalitarismus, Individualität, Widerstand, Natur und Geschichtsbewusstsein.
Warum wird Samjatins „Wir“ als Gründungstext bezeichnet?
Der Roman gilt als paradigmatisch, da er bereits 1920 die zentralen Konfliktlinien zwischen einem mathematisch-rationalen Kollektivstaat und dem aufbegehrenden Individuum etablierte, die für das gesamte Genre prägend wurden.
Welche Funktion hat die Natur als Gegenwelt in den untersuchten Werken?
Die Natur fungiert als Gegenentwurf zur sterilen, technisierten und vollständig kontrollierten Lebenswelt der Dystopien; sie steht für Freiheit, Unberechenbarkeit und primäre Lebenserfahrung.
Inwiefern unterscheidet sich „Globalia“ von den älteren Dystopien?
„Globalia“ fokussiert sich stärker auf die Themenkomplexe der Geschichtslosigkeit in einer ewigen Gegenwart, die Manipulation durch Massenmedien und die demografische Problematik der vergreisten Gesellschaft.
Ist der utopische Entwurf in diesen Romanen konkret fassbar?
Nein, die Romane liefern keine konkreten gesellschaftlichen Blaupausen. Stattdessen wirken sie „ex negativo“, indem sie den Status quo hinterfragen und das utopische Potenzial dem Leser als Aufforderung zur Reflexion überlassen.
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- Thomas Neumann (Author), 2009, Utopia in Dystopia? - Untersuchungen zum utopischen Potenzial von Gegenwelten im dystopischen Roman, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133275