Aspekte der Großstadtlyrik im Expressionismus


Examensarbeit, 2009
68 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die historische Entwicklung der Großstadtlyrik in der Moderne bis heute
1.1 Die deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart
1.2 Zum Forschungsstand

2. Die Großstadtlyrik vor dem Hintergrund der ästhetischen Moderne

3. Die zivilisatorische Moderne als Hintergrund der Großstadtlyrik
3.1 Soziologische Phänomene
3.2 Die Großstadt als Ort der Moderne
3.3 Das Lebensgefühl der Moderne in der Lyrik des Expressionismus

4. Die Großstadtlyrik Georg Heyms
4.1 Einzelanalyse des Gedichts „Der Gott der Stadt“ von Georg Heym:
4.1.1 Die Textebene
4.1.1.1 Die graphische Analyse
4.1.1.2 Analyse der klanglichen Ebene
4.1.1.3 Analyse der rhythmischen Ebene
4.1.1.4 Analyse der grammatischen Ebene
4.1.1.4.1 Morphologische Aspekte
4.1.1.4.2 Lexikalische Aspekte
4.1.1.4.3 Syntaktische Aspekte
4.1.1.5 Analyse der semantischen Ebene
4.1.2 Die Darstellungsebene
4.1.2.1 Der Stoff
4.1.2.2 Das Motiv
4.1.2.3 Die Situation
4.1.2.4 Das Medium
4.1.3 Die Bedeutungsebene
4.2 Vergleich der Ergebnisse der Einzelanalyse mit Heyms Gesamtwerk
4.2.1 Formale Aspekte
4.2.2 Inhaltliche Aspekte
4.2.2.1 Die Zeit
4.2.2.2 Die Stadt, die Städter und das Meer
4.2.2.3 Der mythische Bereich
4.3 Zusammenfassung

5. Die Großstadtlyrik Georg Trakls
5.1 Einzelanalyse des Gedichts „Vorstadt im Föhn“ von Georg Trakl
5.1.1 Die Textebene
5.1.1.1 Die graphische Analyse
5.1.1.2 Analyse der klanglichen Ebene
5.1.1.3 Analyse der rhythmischen Ebene
5.1.1.4 Analyse der grammatischen Ebene
5.1.1.4.1 Morphologische Aspekte
5.1.1.4.2 Lexikalische Aspekte
5.1.1.4.3 Syntaktische Aspekte
5.1.1.5 Analyse der semantischen Ebene
5.1.2 Die Darstellungsebene
5.1.2.1 Der Stoff
5.1.2.2 Das Motiv
5.1.2.3 Die Situation
5.1.2.4 Das Medium
5.1.3 Die Bedeutungsebene
5.2 Ergebnisse der Struktur-Funktionsanalyse im Vergleich zu Trakls
Gesamtwerk
5.2.1 Die Polarität in Trakls Lyrik: Das Schöne und das Hässliche
5.2.2 Die Formelhaftigkeit der Lyrik Trakls
5.2.3 Die emotionale Gestimmtheit
5.2.4 Das Traumhafte
5.3 Zusammenfassung

6. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Lyrik Trakls und Heyms

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur

1. Die historische Entwicklung der Großstadtlyrik in der Moderne bis heute

1. 1 Die deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart

Die Großstadt ist ein Sujet der Lyrik, das in unterschiedlichster Weise literarisch bearbeitet wurde. In Frankreich wurde es durch Charles Baudelaire, Paul Verlaine und Arthur Rimbaud ins Zentrum des literarischen Interesses des Symbolismus, der Décadence und des Fin de Siècle gesetzt.[1] In Deutschland waren es zuerst die Naturalisten, die die Großstadt zum Thema ihrer Lyrik machten. Wolfgang Rothe betont den unterschiedlichen Charakter der Großstadtlyrik der französischen Vertreter im Vergleich zur deutschen:

Es war von Anbeginn in weitestem Maße eine ´soziale Dichtung`, die sich unmittelbar auf die gesellschaftliche Unterschicht bezog - im Gegensatz zur Pariser Großstadtlyrik des Symbolismus, der Décadence und des Fin de siècle.[2]

Die deutsche Großstadtdichtung fand nicht zufällig zur Zeit der Industrialisierung und Urbanisierung ihren Ursprung, auch wenn eine umfangreiche Programmästhetik dies suggerieren könnte. Die deutsche Großstadtdichtung entstand durch die Veränderung der materiellen Lebensgrundlage. Die Fabrikstadt Berlin, besonders gekennzeichnet durch Lärm, Gestank und Hässlichkeit konnte den Bewohnern nur sehr negative Lebensbedingungen in den Mietskasernenvierteln bieten. Lange Arbeitszeiten, Arbeitslosigkeit und Kinderarbeit, Alkoholismus und mangelhafte ärztliche Versorgung waren die zentralen Probleme dieser Zeit. Im Naturalismus war die Großstadtlyrik vor allem eine sozialkritische Literatur, wobei die positiven Seiten des urbanen Lebensraums als Gegenstand in den Werken der Dichter keine Rolle spielten. Folglich schreibt Rothe über die Künstler:

Sie wurden zu Mitleidsdichtern, doch erfreulicherweise in der Regel ohne das Kitschig- Sentimentale der pseudosozialen Trivialliteratur jener Jahre. Sie kamen von der Empörung über das menschenunwürdige Dasein des industriellen Proletariats zur Gesellschaftskritik und zu sozialistischen Vorstellungen von Veränderung.[3]

Vermutlich aus ästhetischen und ideologischen Gründen maßen die Künstler der Neuromantik, des Symbolismus, der Décadence, des Jugendstils und der Neuklassik der Großstadtlyrik keine besondere Bedeutung bei. Einem Schönheitskult verfallen, konnte die Hässlichkeit der Metropole ihren Werken nicht als Gegenstand dienen. Zwar war das Thema der Verdammung der Stadt auch bei Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Stefan George präsent, doch nahm es im Hinblick auf ihr Gesamtwerk eher eine gesonderte Rolle ein.

Im Expressionismus hingegen passte das Thema wie kein anderes in die Programmästhetik. Wohingegen die Grundhaltung des Naturalismus sich durch möglichst exakte Übernahme auszeichnete, war für den Expressionismus der Protest gegen das Bestehende kennzeichnend. Die Stadtbewohner äußerten, wie die Dichter des Naturalismus, ihre Ablehnung gegenüber den Lebensumständen. Dennoch faszinierte die Stadt die Dichter derart, dass sie sich ihr nicht mehr entziehen konnten. Sie wendeten sich zwar im Wort von der Stadt ab, aber nicht in ihrem Leben. So gewann die Großstadtlyrik im Expressionismus nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ an Bedeutung. Es handelte sich nicht mehr um bloße Milieuschilderungen. Die Dichter des Expressionismus lösten sich immer stärker von Motiven wie Proletariat, Armut, Wohnelend und Fabrikarbeit. Obwohl ein gemeinsamer Stil schwierig nachzuweisen ist, so äußerten sie in ihrer Lyrik deutlich ein für sie eigenes Daseinsgefühl. Die Gedichte künden von Zerstörung, Untergang, gar dem Weltende. Die wichtigsten Vertreter des Expressionismus waren neben Heym, Lichtenstein und Trakl, Gottfried Benn, Jakob van Hoddis, Alfred Wolfenstein, Ernst Blass und Johannes R. Becher.

Der Berliner Frühexpressionismus […] kann insgesamt als Großstadtdichtung bezeichnet werden. Selbst wo der städtische Lebensbereich nicht direkt thematisiert wird, zeigen Sprachebene, lyrischer Klang, das Gefühls- und Stimmungsrepertoire und die Defizienstypen des Menschlichen, dass diese Strophen dem hellwachen, intellektuellen Klima Berlins entstammen.[4]

Die Stilmittel des Grotesken, der Verzerrung und ein salopper Großstadtjargon dienten ihnen als Medium der Selbstaussage.

Die deutsche Großstadtlyrik der zwanziger Jahre war dagegen geprägt durch die Arbeiterdichtung, die durch die veränderten politischen Verhältnisse immer mehr an Bedeutung gewann. Hier erfuhr die Stadt eine durchweg negative Wertung, wobei die Faszination am Phänomen der Moderne verschwunden war. Wie sollte auch das Proletariat von den kulturellen Vorzügen der Stadt profitieren können? Die Arbeiterdichtung war eine Schilderung ihrer alltäglichen Not in ihrer scheinbar andauernden Knechtschaft und reicht nicht über die Darstellung einer selbst erlebten Wirklichkeit hinaus.

Dagegen waren die Großstadtgedichte der Neuen Sachlichkeit, also zum Beispiel die Lyrik Kurt Tucholskys, Erich Kästners und Walther Mehrings, ein Spiegelbild der Unabhängigkeit vom behandelten Gegenstand. Außerdem zeigte sich zunehmend eine Vermehrung der Motive, Themen und auch Stilmittel. Die linksstehenden, sozialkritischen Dichter der Neuen Sachlichkeit ließen vor allem auch ihre politische Einstellung erkennen.

Die NS-Literatur enthielt so gut wie keine nennenswerte Großstadtlyrik. Die Dichter zogen sich bewusst aus dem ideologischen Raum zurück und bevorzugten dagegen die Naturlyrik. In dem Bewusstsein, dass die von den Expressionisten geforderte Zerstörung der überkommenen Systeme und der gesamten gesellschaftlichen, sowie politischen Ordnung ausblieb, verlor dieser Dichtungstypus, gegründet aus der großstädtischen Mentalität, an Aufmerksamkeit. Nach der Zerstörung der Städte während des Zweiten Weltkriegs blieb nur die Trauer und die Klage über diesen Verlust. Nachdem ganz Europa in Trümmern lag, wurden die Großstädte eher nostalgisch als Gebilde einer vergangenen Zeit gesehen. Längst war in ihrem Bewusstsein dieser Lebensraum als ihre Heimat verinnerlicht. So kehrten viele Flüchtlinge in die Städte zurück, Dagebliebene verließen sie nicht. In den Trümmern gab es kein umfangreiches literarisches Leben.

Der Gedichttypus enthielt auch in den 50er Jahren keine einheitlichen Stilmerkmale mehr. So veränderte sich nicht nur die Präsenz eines ästhetischen Kanons, sondern auch das Stadtbild an sich. Die erschreckenden Verhältnisse in den alten Mietskasernen gehörten zur Vergangenheit und das Wirtschaftswunder ließ den Lebensstandard wachsen und die sozialen Probleme wurden irrelevant. Ebenso wurde der große Kontrast zwischen dem Land und der Stadt durch die Motorisierung immer marginaler. Die Großstadt ist heute lediglich noch ein Thema von vielen. Der Gedichttypus, wie er zur Zeit der Jahrhundertwende entstand, trat durch die gegenwärtige Selbstverständlichkeit der Urbanität in der Gesamtheit der literarischen Produktion eher in den Hintergrund.

Nach diesem kurzen Überblick über die historische Entwicklung dieses Gedichttypus soll nun der Aufbau und die Zielsetzung dieser Arbeit erläutert werden.

Der erste Abschnitt dieser Arbeit umfasst eine Erörterung des Begriffs der ästhetischen Moderne vor dem Hintergrund der Großstadtlyrik des Expressionismus. Es wird des Weiteren auf die soziologischen Phänomene sowie auf das Lebensgefühl der Gesellschaft um die Jahrhundertwende eingegangen. Ebenso wird erläutert, welche Rolle der Großstadt seit der Industrialisierung beigemessen wurde. Dieses Hintergrundwissen erleichtert das Verständnis der zu analysierenden Texte und macht es nachvollziehbar, weshalb die Dichter des Expressionismus bevorzugt die Großstadt zum Thema ihrer Lyrik machten.

Im zweiten Abschnitt soll eine werkimmanente Interpretation von Gedichten erfolgen, um pauschalisierende Aussagen aufgrund der Kenntnis des sozial-historischen Hintergrunds und des Epochenwissens zu vermeiden. Die Lyrik als Reflexionsmedium, das auf alltäglichen Erfahrungen basiert, kann auf dokumentarische Elemente untersucht werden. Die Gedichte sind aber dennoch keine bloße Quelle der Sozialgeschichte. Die Poetizität sollte bei der Motivbetrachtung stets im Vordergrund stehen. Um dies zu gewährleisten, wird in dieser Arbeit die Motivuntersuchung mit einer werkimmanenten Methode begonnen. Es soll der Frage nachgegangen werden, „wie es ein Text überhaupt ‚macht’, sekundäre, nicht mit den normalsprachlichen identische Bedeutungen aufzubauen, oder wie ein Text als System funktioniert.“[5] Die Struktur-Funktionsanalyse soll ebenso Antworten geben auf die Frage, wie der Lebensraum Großstadt mit den Mitteln der literarischen Darstellung erfasst wird. Ausgewählt für die Einzelanalysen wurden die Gedichte „Der Gott der Stadt“ von Georg Heym und „Vorstadt im Föhn“ von Georg Trakl.

Die Ergebnisse der Einzelanalysen werden anschließend mit dem Gesamtwerk des Dichters verglichen. Auf diese Weise können die wesentlichen Merkmale ihrer Lyrik verdeutlicht werden. An diesem Punkt findet auch eine werkübergreifende Interpretation Berücksichtigung, um eine möglichst genaue Einschätzung der Großstadtlyrik Trakls und Heyms vorzunehmen.

Bevor ein Resümee gezogen wird, werden die Dichtungen Trakls und Heyms miteinander hinsichtlich ihrer Unterschiede und Gemeinsamkeiten verglichen.

1.2 Zum Forschungsstand

Die Sichtung der Forschungsbeiträge zur Großstadtlyrik erbringt einige Monographien und Dissertationen, die die Darstellung der Großstadt im Hinblick auf unterschiedliche Aspekte untersuchten. Sie seien im Folgenden kurz besprochen und in ihrer Bedeutung für die vorgelegte Untersuchung dargestellt.

Zu den ersten umfangreichen Forschungsbeiträgen aus den 60er Jahren gehören die Monographien von Kurt Mautz, Friedrich Sengle und Karl Ludwig Schneider. Kurt Mautz’ Beitrag „Mythologie und Gesellschaft im Expressionismus“ liefert teilweise gewagte Hypothesen, die von ihm nicht belegt werden. Die Interpretation von Karl Ludwig Schneider ist wissenschaftlich stichhaltiger, bezieht sich aber nicht auf das Frühwerk Heyms. Die Untersuchung wird durch den Beitrag von Heinz Röllecke „Die Stadt bei Stadler, Heym und Trakl“ ergänzt, so dass bereits in den 60er Jahren eine erste differenzierte Motivuntersuchung in der Literaturwissenschaft vorlag, auf die noch Bezug genommen wird. Besonders die Lyrik Georg Heyms wurde in der literaturwissenschaftlichen Forschung umfangreich thematisiert. Mit Bezug auf die Dichter des Expressionismus, wie z.B. Georg Trakl oder Ernst Stadler, wird ihr ein repräsentativer Charakter zugeschrieben. Die 1979 erschienenen „Untersuchungen zur Lyrik der Moderne am Beispiel der Großstadtgedichte Georg Heyms“ von Iris Reinhardt-Steinke verweisen neben den Charakteristika der Heym’schen Stadtdarstellungen auch auf die darin enthaltenen Wesensmerkmale moderner Poesie. Zur Betrachtung der Geschichte der Großstadtliteratur waren besonders die Schilderungen von Karl Riha und Wolfgang Rothe heranzuziehen. Die Großstadtlyrik des Expressionismus wird in der Literaturwissenschaft fast ohne Ausnahme in Verbindung mit den Biographien der Dichter und den sozialen Gegebenheiten um die Jahrhundertwende interpretiert. Bezogen auf den eben genannten letzten Aspekt ist dies besonders der Fall in Sabine Beckers Abhandlung „Urbanität und Moderne“ und in Christa Sieferts Beitrag „Die Industrialisierung in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende“, die beide in den 90er Jahren erschienen. In der vorliegenden Arbeit dagegen soll die werkübergreifende Interpretation von der werkimmanenten getrennt betrachtet werden, so dass nicht nur die Verbundenheit der modernen Lyrik zu den historischen Phänomenen, sondern auch die Autonomie der Werke verdeutlicht wird.

2. Die Großstadtlyrik vor dem Hintergrund der ästhetischen Moderne

Bevor auf den historischen und soziologischen Hintergrund der Großstadtlyrik des Expressionismus eingegangen wird, sollen in literaturgeschichtlicher Hinsicht einige Erläuterungen zum Begriff der ästhetischen Moderne erfolgen. Der Begriff der Moderne taucht nicht nur in der Literaturgeschichte, sondern auch in der Musik, in der Kunstgeschichte und in der Architektur auf. Diese Arbeit beschränkt sich jedoch auf die Bedeutung der Moderne in der Literaturwissenschaft.

Allgemein formuliert ist die Moderne ein „literarhistorischer Periodisierungsbegriff für rezente Entwicklungen“.[6] In der deutschen Literaturwissenschaft werden zur Moderne Strömungen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gezählt. Als modern kann bezeichnet werden, was gegenwärtig, zeitgenössisch, zeitgemäß, neuartig, aktuell oder auch modisch erscheint.

Die Wort- und Begriffsgeschichte stellt sich folgendermaßen dar: Das lateinische Wort „modernus“ mit der Bedeutung „derzeitig“ oder „gegenwärtig“ stammt vom lateinischen Adverb „modo“ mit der Bedeutung „eben“ oder „eben erst“. In die deutsche Sprache gelangte das Lexem durch eine Entlehnung aus dem Französischen (moderne und moderniser).[7]

Die ältesten Belege für das Lexem „modernus“ sind in Briefen des Papstes Gelasios aus den Jahren 494/ 495 n. Chr. zu finden und bezeichnen in diesem Zusammenhang etwas Neues oder etwas erst Entstandenes.[8] Zunächst erschien das Lexem „modernus“ in Relation zum Lexem „antiquus“, so dass das Neue vom Althergebrachten unterschieden werden konnte. Die Moderne war damals noch weit von der Semantik eines Epochenbegriffs entfernt. Der erste Bedeutungswandel des ästhetischen Begriffs Moderne kann zu der Zeit festgestellt werden, als die Autorität der klassischen Antike in Frage gestellt wurde. Die „Querelle des anciens et des modernes“ eröffnete eine neue Debatte um den Begriff, in der Perrault den Standpunkt vertrat jede Epoche nach ihren eigenen, spezifischen Maßstäben zu bewerten. Die Moderne konnte fortan in der Bedeutung als etwas Neues, ohne Rückbezug auf Vorangegangenes und insbesondere als etwas Autonomes begriffen werden. Einen weiteren wichtigen Bedeutungswandel erfuhr die Moderne um 1800. Zur Moderne gerechnet wird seitdem nicht nur eine Epoche, die als autonom gegenüber einer vorangegangenen betrachtet wird, sondern auch durch Progressivität und Zukunftserwartung gekennzeichnet ist:

Pointiert gesagt, definiert sich die Moderne nunmehr weniger über das, was sie jüngst war und ist, sondern über das, was sie zu werden erwartet oder erhofft.[9]

Die Werke der ästhetischen Moderne zeichnen sich nach dieser Definition des Begriffs durch ihren zukunftsweisenden Charakter aus und enthalten Aspekte, die mit unserem Epochenverständnis vereinbar sind.

Wird die Moderne als Epochen- und nicht als Stilbegriff gebraucht, so ist es möglich eine Datierung von ca. 1880-1930 vorzunehmen. Da die Innovationen der ästhetischen Moderne auch nach der nationalsozialistisch geprägten Zeit, während der sie nicht frei entfaltet werden konnten, fortgesetzt wurden, werden die Strömungen um die Jahrhundertwende durch den Begriff der Klassischen Moderne und der Avantgarde näher bestimmt. Im Zuge einer Definition der ästhetischen Moderne muss auch auf das Spannungsverhältnis der ästhetischen Moderne zur zivilisatorischen hingewiesen werden:

Die ästhetische Modernität von der Art, wie sie etwa durch das Werk Alfred Döblins repräsentiert wird, besteht nicht zuletzt darin, dass sie sich, im Unterschied zur völkisch-nationalen Literatur, zur Heimatkunstbewegung, zur katholischen oder neuklassischen Literaturbewegung um 1900, den zivilisatorischen Modernisierungsprozess thematisch und formal zu stellen versucht, sie nachdrücklich in sich aufnimmt – und gleichzeitig gegen sie opponiert.[10]

Auf die soziokulturellen Entwicklungsprozesse der zivilisatorischen Moderne wird im nächsten Punkt genauer eingegangen. An dieser Stelle soll zunächst festgehalten werden, dass zwischen der ästhetischen und der zivilisatorischen Moderne eindeutig Differenzen bestanden, wie es bereits Max Nordau in seinem 1892/1893 erschienenen Werk „Entartung“ festhielt. Die Position der zivilisatorischen Moderne vertretend, kritisiert er gemäß den rationalistischen Traditionen der Aufklärung in seinem Werk, welches nur allzu gut die damalige Brisanz des Begriffs Modernität widerspiegelt¸ die Ideale der ästhetischen Moderne. Diese Kritik Nordaus fasst Thomas Anz folgendermaßen zusammen:

>Modern< ist im Sinne Nordaus und der Apologeten zivilisatorischen Fortschritts die Orientierung an Werten wie rationaler Ordnung, Zusammenhang, System, Einheit, Übersichtlichkeit, Wahrheit. […] Der Moderne in seinem Sinn entspricht das Ideal der geschlossenen Strukturen, auch im Kunstwerk; für die ästhetische Moderne hingegen sind die offenen Strukturen konstitutiv, das Fragmentarische[…].[11]

Die Künstler der ästhetischen Moderne lösten sich mit immer stärker schwindendem Fortschrittsoptimismus von bürgerlichen Vorstellungen, so dass ihre Werke die Erfahrung der Negativität bezeugen.

Negativität bestimmt die moderne Kunst in ihrer Konstitution als Struktur, die sich in den künstlerischen und literarischen Avantgardebewegungen um die Jahrhundertwende verfolgen lässt. Negativität kennzeichnet die Kunst der Moderne überhaupt, sei es das literarische Werk oder die bildende Kunst. Nur die Ästhetik der Negativität kann mit einigem Recht beanspruchen, diese Moderne angemessen bestimmt und legitimiert zu haben.[12]

Der innovative Charakter zeigt sich aber nicht nur in der Ästhetik der Negativität und der Absage an jegliche Tradition. Gekennzeichnet ist die ästhetische Moderne auch durch Stilwandel und Stilvielfalt. Ihr Innovationsanspruch ist sowohl auf formaler Ebene, als auch auf inhaltlicher Ebene legitimiert.

3. Die zivilisatorische Moderne als Hintergrund der Großstadtlyrik

3.1 Soziologische Phänomene

Die ästhetische Moderne ging mit einer gesellschaftlichen Modernisierung einher. Die Bevölkerung wurde mit einem vielseitigen Wandlungsprozess konfrontiert. Neue prägende Erfindungen, mechanisierte Arbeitsabläufe und eine veränderte Arbeitswelt bestimmten die Industrialisierung.

Der Begriff der Industrialisierung ist zum einen ein quantitativer Begriff: Er bezeichnet den Zuwachs der Produktivität und die Mehrung an Industrie im Allgemeinen. Des Weiteren bezeichnet er auch eine qualitative Veränderung durch die Mechanisierung der Produktion und die technischen Innovationen. Die Industrialisierung prägte die Gesellschaft um die Jahrhundertwende:

Was hier mit Industrialisierung bezeichnet wird, ist ein fundamentaler Strukturwandlungsprozess der Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik, der von ihm betroffenen Länder innerhalb relativ kurzer Zeit radikaler revolutionierte, als es irgendeine Veränderung in der Menschheitsgeschichte je zuvor getan hatte.[13]

Mit dem wirtschaftlichen Aufbruch ging der Urbanisierungsprozess einher. Die Bevölkerungsexplosion veränderte die Bevölkerungsstruktur, ebenso die soziale Schichtung.

Im Rahmen dieses soziologischen Wandlungsprozesses erfolgte eine gesellschaftliche und kulturelle Umgestaltung um die Jahrhundertwende.

Zunächst brachte die industriebedingte Verstädterung der letzten Jahrhundertmitte die Desintegration tradierter Lebensformen und Sitten, die Auflösung überkommener Ordnungen und die Lockerung traditioneller, auch religiöser Bindungen in die gewachsene Mobilität des städtischen Lebens. Die von der Industrie geprägte Großstadt entstand also durch Zuwanderung. Hier entwickelten sich neue Sozialordnungen, Bindungen und Konflikte, Hierarchien und Differenzierungen, die weitgehend von jener Arbeitswelt bestimmt waren, die auch dem Wachstum der Großstadt zugrunde lag.[14]

Sabine Becker benennt in ihren Studien zur Großstadtwahrnehmung drei Phasen der Urbanisierung. In der Zeit von 1800 bis 1850 habe das Städtewachstum stark zugenommen, wobei sich die Lebensqualität in der Großstadt noch wenig veränderte. Die zweite Phase setzt sie von 1850 bis zum Jahr der Reichsgründung 1871 an, in der die Umstrukturierung von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft stattfand, die auch viele qualitative Veränderungen der Lebenswelt mit sich brachte. Die dritte Phase von 1871 bis 1914 zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sich ein besonderer großstädtischer Lebensstil herausbildete.[15] Auch Reulecke benennt dieses Charakteristikum der dritten Phase:

Das Zusammenspiel der Verstädterung, d.h. der starken räumlichen Verdichtung der Bevölkerung, mit einer Reihe weiterer miteinander verschränkter Prozesse wie der allgemeinen Mobilisierung vieler gesellschaftlicher Bereiche, der Entstehung der Klassengesellschaft, der zunehmenden Bürokratisierung, Verrechtlichung, Partizipation, Alphabetisierung, Ausdehnung der Massenkommunikationsmittel usw. führte – in manchen Städten eher, in anderen später – zu einer neuartigen städtischen Lebensform, zur Urbanität, die sich als wichtigstes Ergebnis, wenn auch nicht unbedingt als notwendige Konsequenz der Verstädterung charakterisieren lässt[…].[16]

Die Industrialisierung kann man als wichtigsten großstadtbildenden Faktor benennen, doch zeigen sich die Auswirkungen in vielen Bereichen. H. J. Teuteberg fasst die Erscheinung der Urbanisierung zu vier Aspekten zusammen. So ist die Umschichtung der Bevölkerung auf eine primär städtische mit gleichzeitigem Bevölkerungswachstum der erste Aspekt. Aber auch die Umschichtung des wirtschaftlichen Schwergewichts auf den gewerblichen Sektor sowie die Herausbildung neuer Sozialstrukturen mit verstärkter räumlicher wie sozialer Mobilität gehören zu diesen Aspekten. Als viertes Charakteristikum definiert er die Ausbildung urbaner Mentalität mit Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft.[17]

Die soziologischen Veränderungen um die Jahrhundertwende hatten einen großen Einfluss auf die Politik und Kultur des deutschen Kaiserreichs. Der Ort, an dem die soziologischen Veränderungen sich am umfangreichsten zeigten, waren die Großstädte, deren Bedeutung im Folgenden erläutert werden soll.

3.2 Die Großstadt als Ort der Moderne

Die Großstadt war ein Phänomen der Moderne, mit dem man zwangsläufig konfrontiert wurde. Alle Veränderungen in der modernen Industriegesellschaft spiegelten sich in den Großstädten am deutlichsten wider. Dazu zählten die neuen Erfindungen und die neue technischen Errungenschaften, die das Leben der Großstädter revolutionierten.

Man kann die Großstadt als den Schauplatz der Moderne bezeichnen. Sie präsentiert sich sowohl als materiale Realität wie als Metapher für die Modernität. In der Großstadt, dem Ort der Begegnungen und Konfrontationen manifestiert sich die Auseinandersetzung mit der Moderne.[18]

Das Leben in der Großstadt stellte jedes Individuum vor neue Herausforderungen und konfrontierte es mit einer Vielfalt von Eindrücken und veränderten Situationen. Die Bewohner mussten sich diesem System des gesellschaftlichen Lebens anpassen und sich in seine Institutionen integrieren. Begleitet wurde dieser Prozess bei vielen Großstadtbewohnern mit Ängsten vor einem Verlust von Kontrolle und Individualität. Der wichtigste Ort der Moderne hatte durch seinen ambivalenten Charakter Vorteile und Nachteile. Zum einen standen die Großstadtbewohner stets im Zentrum des Geschehens. Vielfältigkeit, Beweglichkeit, Aktualität und Prestige sind die Attribute des modernen Lebens in der Metropole. Zum anderen besteht in der Großstadt aber auch die Gefahr einer Entfremdung, der Anonymität, dem Verlust von Menschlichkeit und Identität und der Zerstörung der Natur und der Natürlichkeit.

In der jungen Generation der Expressionisten war es die skeptische Einstellung, die dominierte. Dies wird an den Aussagen der Dichter über diese Zeit deutlich. Hermann Bahr äußerte sich folgendermaßen:

Er [der Großstädter] empfindet, dass er dabei schließlich sich selbst abhanden kommt. Er empfindet, dass er in der Großstadt nicht seine Tat tut, nicht sein Leid, sich nicht seine Freuden freut und niemals sein eigenes Leben lebt, sondern immer in ein fremdes eingespannt ist. Er empfindet, dass er nicht für sich, sondern als Mittel für fremde Zwecke gebraucht und verbraucht wird. Und so stellt er die bange Großstädter Frage: Was hat das alles mit mir zu tun, und da es gar nichts mit mir zu tun hat, wozu das alles? […] Daher die furchtbaren Ermüdungen des Großstädters, der ja niemals ein Ziel sieht; er muss immer wieder weiter. Daher, wenn er sich doch einmal besinnt und sich rings von dieser ungeheuren Sinnlosigkeit eingeschlossen sieht, die heillosen Angstanfälle des Großstädters, und die Fluchtversuche.[19]

Auch Oswald Sprengler machte in seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes“ seine pessimistische Position gegenüber der Großstadt deutlich:

Aber kein Elend, kein Zwang, selbst nicht die klare Einsicht in den Wahnsinn dieser Entwicklung setzt die Anziehungskraft dieser dämonischen Gebilde herab. Das Rad des Schicksals rollt dem Ende zu; die Geburt der Stadt zieht ihren Tod nach sich.[20]

Die Schattenseiten dieses Lebensraums spiegeln sich nicht nur in diesen Aussagen, sondern auch in der Großstadtlyrik des Expressionismus wider. Dem technischen Fortschritt zum Trotz wird die industrielle Verstädterung angeprangert, so dass die Großstadt, der zentrale Ort der Moderne, stellvertretend für die Zivilisationsproblematik steht. Der Takt der Metropole bestimmte das Lebensgefühl seiner Bewohner. Das unüberschaubare Durcheinander wurde zum Teil begleitet von einer Steigerung der Nervosität durch die rasch wechselnden Eindrücke. Die Stadt gab den Anschein, dass die Bewohner permanent in Bewegung waren. Besonders die öffentlichen Verkehrsmittel schienen die Dynamik der Metropole hervorzuheben. Die Mechanisierung und Elektrifizierung der Stadt veränderte ihr Erscheinungsbild grundlegend. Bis 1910 war die Elektrifizierung der Straßenbahnstrecken abgeschlossen; 1900 fuhren die ersten Automobile mit Benzinmotor, 1903 die ersten motorisierten Omnibusse, kurze Zeit später die U-Bahn in Berlin.[21] Die Beleuchtung der Straßen wurde immer umfangreicher und neue Warenhäuser wie Wertheim oder das Kaufhaus des Westens in Berlin stellten neue Blickfänge dar. Kurt Pinthus schildert den Eindruck der Großstadt folgendermaßen:

Welch ein Trommelfeuer von bisher ungeahnten Ungeheuerlichkeiten prasselt seit einem Jahrzehnt auf unsre Nerven nieder! Trotz sicherlich erhöhter Reizbarkeit sind durch diese täglichen Sensationen unsere Nerven trainiert und abgehärtet wie die Muskulatur eines Boxers gegen die schärfsten Schläge. Wie erregte früher ein Mordprozess […] die Welt- während wir heute in einer ganz kurzen Zeitspanne gleich eine Serie von Massenmördern erleben, deren jeder in aller Ruhe mitten in der Öffentlichkeit ein paar Dutzend Menschen abgeschlachtet hat. Man male sich zum Vergleich nur aus, wie ein Zeitgenosse Goethes oder ein Mensch des Biedermeiers seinen Tag in Stille verbrachte, und durch welche Mengen von Lärm, Erregungen, Anregungen heute jeder Durchschnittsmensch täglich sich durchzukämpfen hat, mit der Hin- und Rückfahrt zur Arbeitsstätte, mit dem gefährlichen Tumult von Verkehrsmitteln wimmelnden Straßen, mit Telephon, Lichtreklame, tausendfachen Geräuschen und Aufmerksamkeitsablenkungen.[22]

Die Großstadt kann man zu Recht als Zentrum und Abbild der Moderne zugleich bezeichnen. Der Soziologe und Philosoph Georg Simmel vertritt diese These ebenfalls in seinem Werk „Die Großstadt und das Geistesleben“, in dem er die Metropole nicht verurteilte, aber ihren wahren inneren Kern zu erfassen versuchte. Dieser Essay wird in der Expressionismusforschung, insbesondere von Silvio Vietta, als grundlegend für das Verständnis der Großstadtdichtung seit 1910 angesehen. Er dient als Erklärung der ich-dissoziierenden Wahrnehmungsbedingungen in der reizüberfluteten Großstadt, ebenso als Verständnisgrundlage für die methodische dichterische Verfahrensweise der jungen Expressionisten. Simmel betonte den intellektualistischen Charakter des Lebens der Großstadt, dessen Bewohner sich durch ihre „Blasiertheit“[23], also ihrer teilnahmslosen Selbstgefälligkeit auszeichneten. Diese leidenschaftslose Unberührtheit von Dingen, die aus einer Reizüberflutung des großstädtischen Lebens resultiert, soll oft begleitet von einer ausgeprägten „Reserviertheit“[24] gegenüber den Mitmenschen sein. Zugleich wies er auch auf das Problem der Individualität in dieser Gesellschaftsform hin, die nach seiner Meinung nicht bestehen kann:

Es bedarf nur des Hinweises, dass die Großstädte die eigentlichen Schauplätze dieser über alles Persönliche hinauswachsenden Kultur sind. Hier bietet sich in Bauten und Lehranstalten, in den Wundern des Komforts, der raumüberwindenden Technik, in den Formungen des Gemeinschaftslebens und in den sichtbaren Institutionen des Staates eine so überwältigende Fülle kristallisierten, unpersönlich gewordenen Geistes, dass die Persönlichkeit dagegen nicht halten kann.[25]

Die Masse bestimmt derart die urbane Wahrnehmung, dass die Großstadt nicht mehr als Ganzes, sondern als Fragment wahrgenommen wird. Viele Eindrücke müssen zur gleichen Zeit verarbeitet werden, so dass für das Reflektieren eines einzelnen Eindrucks nur sehr wenig Zeit bleibt. Simmels Psychologie des Großstädters wurde nicht nur von Stanley Milgram, sondern auch von Willy Hellpach bestätigt. Letzterer äußerte sich folgendermaßen:

Die Reizsumme, die auf den Großstadtmenschen eindringt, ist viel stärker, vor allem vielfältiger und in der Aufeinanderfolge rascher als diejenige, welche der Kleinstadt und Dorfmensch zu bewältigen hat. […] In der großen Stadt muss einer immerfort die Möglichkeiten, vorwärts zu kommen wahrnehmen; die Sinne müssen bewusster sich öffnen und einen viel rascheren Wechsel von vorüberflitzenden Einzelheiten gewachsen werden.[26]

3.3 Das Lebensgefühl der Moderne in der Lyrik des Expressionismus

Die Dichter der jungen Generation der bürgerlichen Gesellschaft der Jahrhundertwende verband ein neues, eigenes urbanes Lebensgefühl, gekennzeichnet durch das Tempo und die Bewegung in der großen Stadt. Die expressionistische Weltsicht steht unmittelbar in Verbindung mit den tief greifenden Erfahrungen der Moderne. Das neue Existenzbewusstsein spiegelt sich auch in der Vielzahl von Gedichten dieser Epoche wider. Die Lyrik des Expressionismus wurde den neuen Wahrnehmungsbedingungen angepasst. Es kam zu einer starken Abgrenzung zur gefühlsbetonten und idealisierenden Stimmungs- und Erlebnislyrik, indem die Dichter eine intellektuelle Verstandeslyrik anstrebten. Die Großstadt wurde zum neuen Erlebnisraum dieser Lyrik, was auch von Kurt Hiller, dem Begründer des Neopathetischen Cabarets, gefordert wurde:

So ist in der Dichtung unser bewusstes Ziel: Die Formung der Erlebnisse des intellektuellen Städters. Wir behaupten (beispielsweise), dass der Potsdamer Platz uns schlechthin mit gleich starker Innigkeit zu erfüllen vermag, wie das Dörfli im Tal den Herrn Hesse.[27]

Das Programm einer intellektuellen Verstandeslyrik enthielt ebenso die Forderung nach Objektivität, die die Gedichte des Frühexpressionismus kennzeichnet. Ernst Lissauers Rezension von Heyms Gedichtband „Der ewige Tag“ betont Heyms konsequente Einhaltung dieses Stilprinzips:

Man hat das Gefühl, dass all diese Tatsachen der Welt ihn nicht eigentlich im Innersten bewegen, sondern dass sie ihm Gelegenheiten sind, an denen sich sein Talent manifestieren kann. Sie werden mit einer antilyrischen Objektivität gebildet, in der jedes Restchen eigener Empfindung versteinert ist; ich würde sagen: Mit einer epischen Objektivität […]. In diesem bestimmten und wesentlichen Sinne fehlt diesen in Sprache und Anschauung persönlichen Stücken das Persönliche[…][28]

Die Großstadt ist für den modernen Dichter nicht nur ein inhaltlicher Gegenstand, sondern zugleich auch „Stilprinzip seiner Literatur“[29]. Die Expressionisten konnten dafür bereits auf impressionistische Stiltendenzen zurückgreifen, um den Erlebnisraum der Lyrik objektiv wiederzugeben.

Reizüberflutung, dissoziierte Wahrnehmung, Temposteigerung, moderne Verkehrstechnik und moderne Kommunikationsmittel führten zu einer veränderten Realitäts- und Sinneswahrnehmung, die als innovative Herausforderung aufgenommen und für die Entwicklung neuer ästhetischer Mittel genutzt wurde.[30]

Um das Tempo und die Nervosität der Metropole auszudrücken wurde auf formaler Ebene der Reihungs- und Simultanstil genutzt. Jakob van Hoddis Gedicht „Weltende“ ist das bekannteste Beispiel für den Verzicht auf eine reflexive Schreibweise:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.[31]

Die Aneinanderreihung der Bilder ohne das Hinzufügen eines subjektiven Kommentars lässt erkennen, dass es sich nicht um einen Denk-, sondern um einen Wahrnehmungsprozess handelt. Die Bedeutung des Achtzeilers ergibt sich nicht nur aus der Kritik der bürgerlichen Welt, sondern auch durch seine literaturästhetische Rebellion. So schreibt Johannes R. Becher:

Meine poetische Kraft reicht nicht aus, um die Wirkung jenes Gedichtes wiederherzustellen, von dem ich jetzt sprechen will. Auch die kühnste Phantasie meiner Leser würde ich überanstrengen bei dem Versuch, ihnen die Zauberhaftigkeit zu schildern, wie sie dieses Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis für uns in sich barg. Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten und von der wir nicht wussten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns.[32]

Die objektive Reihung heterogener Bilder und Wahrnehmungen schien ein prädestiniertes Stilmittel für die Wiedergabe des Wesens der Großstadt zu sein. Auch Georg Heym erkannte die Bedeutung der Simultanität für die Lyrik des Expressionismus. Am 21. Juli 1910 schrieb er in sein Tagebuch: „Ich glaube, dass meine Größe darin liegt, dass ich erkannt habe, es gibt wenig Nacheinander. Das meiste liegt in einer Ebene. Es ist alles ein Nebeneinander.“[33] Neben dem Reihungs- und Simultanstil ist die Zurückdrängung des lyrischen Ichs für die expressionistische Großstadtliteratur, insbesondere bei den Dichtern des Frühexpressionismus charakteristisch.

Das lyrische Ich tritt hinter den sachlichen Wirklichkeitsprotokollen zurück, scheint abwesend; es ist ein neutraler Berichterstatter, der aus einer distanzierten Perspektive in aller Weltoffenheit gleichwertige Geschehensabläufe registriert und damit ein Höchstmaß an Objektivität gegenüber der Welt gewinnt.[34]

Überdies wurde das urbane Lebensgefühl durch ein weiteres Stilmittel in der Lyrik verankert. Um das Heterogene, die Flüchtigkeit und das Schockartige der urbanen Wahrnehmung auszudrücken, eignete sich insbesondere die Parataxe. Bei der Parataxe wird vollständig auf kausale und finale Erklärungen verzichtet, so dass die Eindrücke unmittelbar aufeinander folgen und als Flut auf den Betrachter einströmen.

Das urbane Lebensgefühl dieser Generation hatte großen Einfluss auf die ästhetische Form ihrer Großstadtlyrik, was auch Sabine Becker in ihren Studien zur Großstadtwahrnehmung konstatierte.[35] Sie fügt hinzu:

Natürlich sind neben den veränderten Wahrnehmungs- und Kommunikationsformen, die auch von dieser Generation als „Chock“ […] erfahren wurden, die Ich-Dissoziation, der Zerfall der bürgerlichen Welt, die Orientierungslosigkeit einer Generation, die wie die Futuristen auf den Krieg als Mittel der Erlösung von einer erstarrten Welt hoffte, die Erfahrung einer Welt „ohne Sinnmitte“ und ohne intakte Weltordnung, der Verlust der hierarischen Ordnung und einer verbindlichen Weltordnung sowie die daraus entstandene Desorientierung als weitere Erfahrungen dieser Generation zu nennen.[36]

Berlin war neben Dresden, Leipzig, Heidelberg, München, Wien und Prag das Zentrum der expressionistischen Bewegung. Eine Vielzahl an Autoren in klein- und mittelständischen Familien aufgewachsen, wählte die deutsche Kulturmetropole mit seiner Bohème und Caféhauskultur als Heimat. Sie übt eine derartige Faszination aus, dass sich die Dichter dieser Stadt nicht entziehen können. Hermann Bahr fasst diese Zerrissenheit der Künstler bezüglich der Stadt zusammen: „Dieselben Menschen finden, dass man heute nur in der Großstadt leben kann, und finden, dass man in der Großstadt nicht leben kann.“[37] Das Vermächtnis des Expressionismus besteht in seinem Pathos. Aufbruch, Bewegung und Aktion sind nur einige der Schlüsselworte dieser Strömung. Die Krise des Bildungsbürgertums um 1900 und ihre Tatgesinnung thematisiert auch Martin Lindner in seinem Werk „Leben in der Krise“, in dem er ebenfalls detailliert auf die Entwicklung der Lebensideologie im historischen Kontext eingeht.[38] Am Vorabend des ersten Weltkriegs ließ ein diffuses aber tief greifendes Aufbruchsgefühl eine Vorahnung einer kommenden Katastrophe erkennen. Die Dichter versuchten der Enge des Wilhelminischen Zeitalters zu entfliehen. Krieg und Revolution wurden in dieser Zeit wie in keiner anderen ersehnt und zwar als Mittel die vorherrschende gesellschaftliche Ordnung zu sprengen. In ihrer bürgerlichen Existenz versuchten die Dichter in ihrer Kunst einen Ausweg zu finden, um ihrem Unbehagen im Raume des Elternhauses und der gesamten Gesellschaft entgegen zu wirken. Ein Unbehagen gegenüber ihrer Zeit war charakteristisch für das Lebensgefühl der expressionistischen Generation, was sie zugleich als Gemeinsamkeit einer sich neu konstituierenden Gruppe erfuhren. Eine apokalyptische Weltkrise beschwörend, zeigt sich die expressionistische Dichtung gesellschaftskritisch und stets im Zeichen des Gefühlsechten, so dass die Stichwörter „Protest“ und „Rebellion“ das Bild dieser Zeit bestimmten.

Expressionismus ist mehr als eine aufs Künstlerische begrenzte Bewegung. Expressionismus lässt sich als die Antwort der jungen Generation auf die in der Krise befindliche veränderte Welt deuten.[39]

Wie sich das Lebensgefühl der expressionistischen Dichtergeneration in ihren Werken genau äußert und wie die Großstadt in ihrer Lyrik dargestellt ist, soll nun durch die Einzelanalysen der Gedichte Georg Trakls und Georg Heyms gezeigt werden. Nach den Einzelanalysen von Heyms Gedicht „Der Gott der Stadt“ und Trakls „Vorstadt im Föhn“ werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Großstadtlyrik zusammengefasst.

[...]


[1] Vgl. Riha, Karl: Deutsche Großstadtlyrik: Eine Einführung. München; Zürich: Artemis-Verlag. 1983. S.18ff.

[2] Rothe, Wolfgang (Hrsg.): Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart. Stuttgart: Reclam. 1988. S.5.

[3] Ebd. S. 9.

[4] Ebd. S.19.

[5] Titzmann, Michael: Strukturale Textanalyse. Theorie und Praxis der Interpretation. 3. Aufl. München: Fink. 1993. S.18.

[6] [Art.] Moderne In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Fricke, Harald, u. a. (Hrsg.). Bd. 2. Berlin; New York: de Gruyter. 2000. S.620.

[7] Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache/ Kluge. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin; New York: de Gruyter. 2002.

[8] Vgl. Kemper, Dirk: Ästhetische Moderne als Makroepoche. In: Vietta, Silvio. (Hrsg.); Kemper, Dirk. (Hrsg.): Ästhetische Moderne in Europa: Grundzüge und Problemzusammenhänge seit der Romantik. München: Fink. 1997. S.103.

[9] Ebd. S.116.

[10] Anz, Thomas: Literatur des Expressionismus. Stuttgart; Weimar: Metzler. 2002. S.18.

[11] Ebd. S.20.

[12] Noh, Hee-Jik: Expressionismus als Durchbruch zur ästhetischen Moderne. Dichtung und Wirklichkeit in der Großstadtlyrik Georg Heyms und Georg Trakls. Diss. Tübingen: 2001. S.55.

[13] Ritter, Gerhard (Hrsg.); Koschka, Jürgen (Hrsg.): Deutsche Sozialgeschichte. Dokumente und Skizzen. Bd. 2: 1870-1914, München: Beck. 1974, S.34-38.

[14] Noh, Hee-Jik.: Expressionismus als Durchbruch zur ästhetischen Moderne. S.13.

[15] Vgl. Becker, Sabine: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur. 1900-1930. St. Ingbert: Röhring, 1993. Saarbrücker Beiträge zur Literaturwissenschaft, Bd. 39. S.25f.

[16] Reulecke, Jürgen: Geschichte der Urbanisierung in Deutschland. Frankfurt/M.: Suhrkamp. 1985. S.11.

[17] Vgl. Teuteberg, Hans J.: Urbanisierung im 19. und 20. Jh. Historische und geographische Aspekte. Köln: Böhlau. 1983. S.23.

[18] Noh, Hee-Jik: Expressionismus als Durchbruch zur ästhetischen Moderne. S.74.

[19] Bahr, Hermann: Der Betrieb der Großstadt. In: Die neue Rundschau 23 (1912), S.697-705, zit. nach: Anz, Thomas; Stark, Michael: Expressionismus. Stuttgart: Metzler. 1982. S.116.

[20] Sprengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Bd. 2. München: DTB. 1972. S.117.

[21] Vgl. Becker, Sabine: : Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur. 1900-1930. S.35ff.

[22] Pinthus, Kurt: Die Fülle des Erlebens. In: Berliner Illustrierte vom 28.2.1925. Zit. nach: Vietta, Silvio (Hrsg.): Lyrik des Expressionismus. Tübingen: Niemeyer. S.9-10.

[23] Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. Frankfurt/Main: Suhrkamp.1996. S.19.

[24] Ebd. S.23.

[25] Ebd. S.40.

[26] Hellpach, Willy: Mensch und Volk der Großstadt. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag 1939. S.70.

[27] Hiller, Kurt: Die Jüngst-Berliner [1911]. S.35. Zitiert nach: Anz, Thomas und Stark, Michael (Hrsg.): Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur. 1910-1920. Stuttgart: Metzler 1982. S.33-36.

[28] Lissauer, Ernst: Lyrik. In: Das literarische Echo 14 (1911/12), S.172-179. Zitiert nach: Karl Ludwig Schneider (Hrsg.): Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Bd IV. Dokumente zu seinem Leben und Werk. Hamburg; München: Ellermann. 1981, S.208-215, hier S.211.

[29] Becker, Sabine: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur. S.178.

[30] Ebd. S.160.

[31] Van Hoddis, Jakob: Dichtungen und Briefe. Hrsg. v. Regina Nörtemann. Göttingen : Wallstein, 2007. S.9.

[32] Becher, Johannes R.: Gesammelte Werke. Bd.14: Bemühungen II. Macht der Poesie. Das poetische Prinzip. Hrsg. vom Johannes-R.-Becher-Archiv der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag. 1972. S.339f.

[33] Heym, Georg: Dichtungen und Schriften. Bd. III: Tagebücher, Träume, Briefe. Hrsg. v. Karl Ludwig Schneider. Hamburg; München: Ellermann. 1986. S.140.

[34] Vollmer, Hartmut: Alfred Lichtenstein - zerrissenes Ich und verfremdete Welt. Ein Beitrag zur Erforschung des Expressionismus. Paderborn. 1987. S.105.

[35] Vgl. Becker, Sabine: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur.

[36] Ebd. S.221f.

[37] Bahr, Hermann: Der Betrieb der Großstadt. In: Die neue Rundschau 23 (1912), S.697-705, hier S.697.

[38] Vgl. Lindner, Martin: Leben in der Krise: Zeitromane der neuen Sachlichkeit und die intellektuelle Mentalität der klassischen Moderne. Stuttgart; Weimar: Metzler. 1994. S.119ff.

[39] Noh, Hee-Jik: Expressionismus als Durchbruch zur ästhetischen Moderne. Dichtung und Wirklichkeit in der Großstadtlyrik Georg Heyms und Georg Trakls. S.94.

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Großstadtlyrik im Expressionismus
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
68
Katalognummer
V133284
ISBN (eBook)
9783640396832
ISBN (Buch)
9783640396573
Dateigröße
1073 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Großstadt, Expressionismus, Großstadtlyrik, Georg Heym, Georg Trakl, Lyrik, Struktur-Funktions-Analyse
Arbeit zitieren
Sonja Borzutzky (Autor), 2009, Aspekte der Großstadtlyrik im Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133284

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