Finanzmarktkapitalismus in Deutschland (?)

Über die Genese eines neuen Produktionsregimes


Hausarbeit, 2009
42 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Verschiedene kapitalistische Varianten – ein Grundmuster
1.1 Charakteristika einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung
1.2 Organisierter Kapitalismus oder koordinierte Ökonomie? – Über die Wahl eines adäquaten Begriffsapparats

2. Das Konzept des organisierten Kapitalismus
2.1 Deutschland als paradigmatischer Fall einer organisierten Ökonomie
2.2 Auflösungstendenzen des deutschen Unternehmensnetzwerks

3. Auf dem Weg zum Finanzmarktkapitalismus
3.1 Über die Globalisierung internationaler Finanzbeziehungen
3.2 Triebkräfte bei der Entbettung von Finanzmärkten aus dem nationalen Kontext
3.3 Verschärfte Konkurrenz als systemisches Merkmal des Finanzmarktkapitalismus
3.4 Die Funktionsweise der Aktienmärkte
3.5 Zentrale Akteure und Institutionen des Finanzmarktkapitalismus

4. Profitmaximierung – Eine neue Unternehmensstrategie und ihre Folgen

Fazit & Ausblick

Einleitung

Eine zentrale Eigenschaft kapitalistischer Wirtschaftssysteme ist ihre Anpassungsfähigkeit und ihre Flexibilität (Berger 2008: 369). Vor dem Hintergrund sich ständig wandelnder Umweltbedingungen ist somit auch ein permanenter Gestaltwandel kapitalistischer Ordnungen zu erwarten. In der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Literatur existiert eine Vielzahl von Klassifikationsvorschlägen, die im Kontext der historischen Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verschiedene Epochen des Kapitalismus unterscheiden. So unterteilt Werner Sombart die Geschichte des Kapitalismus beispielsweise in die Epochen des Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus, während Rudolf Hilferding die kapitalistische Produktionsweise bereits 1915 „im Übergang von einer anarchisch-kapitalistischen in eine organisiert-kapitalistische

Wirtschaftsordnung“ begriffen sieht (ebd.). Johannes Berger wiederum unterscheidet zwischen dem „Eigentümer-Kapitalismus“ und dem „korporativen Kapitalismus der Aktiengesellschaften“, in dem die „Rollen von Kapitaleinsatz und Unternehmenslenkung“ auseinander treten (370). Wie Berger betont, variiert der Kapitalismus aber nicht nur in der historischen Abfolge von Epochen, sondern nimmt zudem auch in der Gegenwart regional unterschiedliche Gestalten an (371). So fand insbesondere die von Hall und Soskice eingeführte Unterscheidung zwischen „liberal market economies“ (z.B. die USA) und „coordinated market economies“ (z.B. Deutschland) Eingang in die sozialwissenschaftliche Diskussion über die verschiedenen „Spielarten des Kapitalismus“. Paul Windolf hat zuletzt den sogenannten „Finanzmarktkapitalismus“ als die jüngste Stufe der kapitalistischen Entwicklungsgeschichte ausgemacht (vgl. Windolf 2005). Anders als im „organisierten Kapitalismus“ deutscher Prägung, in dem die Banken nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über ein Netzwerk aus Kapital-und Personalverflechtungen dafür Sorge trugen, dass die einzelwirtschaftliche Perspektive der großen Industrieunternehmen durch eine gesamtwirtschaftliche Rationalität ergänzt wurde (vgl. Höppner 2004: 300), ist im Finanzmarktkapitalismus nicht mehr der (Bank-)Kredit, sondern die Aktie das dominante Finanzierungsinstrument für Unternehmen. Zentrale Akteure in diesem System sind nunmehr die Pensions- und Investmentfonds (Windolf 2005: 23).

Im Rahmen dieser Arbeit wird die These vertreten, dass das Phänomen des Finanzmarktkapitalismus eine „weitere Stufe in der Evolution kapitalistischer Produktionsregime“ (Windolf 2005: 52) markiert, auf der es zu einer allmählichen „Entbettung von Finanztransaktionen“ (Lütz 2008: 356) aus dem nationalen Kontext kommt. Was kennzeichnet dieses neue Produktionsregime und wie ist es entstanden? Welche Funktionen erfüllen globale Finanzmärkte innerhalb der modernen Gesellschaft? Welche Akteure und Institutionen bestimmen die Bewegungen auf den weltweiten Kapitalmärkten? Und wie wirkt sich der Bedeutungszuwachs der Finanzmärkte auf der Ebene von Unternehmen und der Gesellschaft aus?

Am Beispiel des Niedergangs des organisierten Kapitalismus in Deutschland (Auflösung der Deutschland AG) wird zunächst gezeigt, dass sich auch in dem typisch deutschen Fall einer „koordinierten Ökonomie“ innerhalb der letzten Jahrzehnte bedeutsame Veränderungen im Bereich der politischen Ökonomie und der Unternehmensführung sowie der Unternehmenskontrolle in Richtung einer stärkeren Finanzmarktorientierung vollzogen haben. Anschließend wird die besondere institutionelle Konfiguration des Finanzmarktkapitalismus analysiert. Dabei wird unter anderem die Rolle von institutionellen Investoren, die Funktion des Marktes für Unternehmenskontrolle und die zunehmende aktionärsorientierte

Unternehmenspolitik (shareholder value) in den
Unternehmensvorständen von Bedeutung sein. Im Anschluss daran sollen die möglichen Folgewirkungen einer „Herrschaft der Finanzmärkte“ auf der Ebene von Unternehmen und der Gesellschaft kritisch untersucht werden. An dieser Stelle wird vor allem zu hinterfragen sein, inwiefern der Finanzmarktkapitalismus dem Anspruch des nachhaltigen Wirtschaftens gerecht werden kann. Bevor aber mit dem „organisierten Kapitalismus“ eine besondere Variante des kapitalistischen Wirtschaftssystems vorgestellt wird, soll zunächst das allgemeine Grundmuster einer kapitalistischen Wirtschaftsorganisation dargestellt werden.

1. Verschiedene kapitalistische Varianten – ein Grundmuster

1.1 Charakteristika einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung

In Anlehnung an die vergleichende Wirtschaftssystemforschung lässt sich der Kapitalismus als ein „privat-dezentrales Wirtschaftssystem“ beschreiben, „das die Produktions- und Konsumentenentscheidungen der Wirtschaftssubjekte dezentral über Märkte koordiniert“ (Berger 2008: 364). Dieser Definition mangelt es aber nach Berger an einer expliziten Analyse der kapitalistischen Unternehmung, deren basale Struktur in der Beschäftigung von Lohnarbeitern durch die Eigentümer eines Monopols an Produktionsmitteln besteht (ebd.). Der Kapitalismus bindet zum Zwecke der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums zwei Personengruppen zusammen, die antagonistische Interessen haben. Die abhängig Beschäftigten, die über keine Produktionsmittel, sondern lediglich über ihre Arbeitskraft verfügen, sind darauf angewiesen, eine Anstellung in einem kapitalistischen Betrieb zu finden. Die Inhaber der Produktionsmittel hingegen verwenden die Ware Arbeitskraft mit dem Ziel, die produzierten Waren gewinnbringend auf Märkten zu verkaufen. Max Weber wies darauf hin, dass sich der Okzident in der Neuzeit durch eine besonders entwickelte Art des Kapitalismus von allen anderen Weltregionen abhob. Diese Besonderheit macht er an der für das Abendland der Neuzeit charakteristischen „rational-kapitalistischen Organisation von (formell) freier Arbeit“ fest (Weber in Berger 2008: 364). So zeichnet sich der kapitalistische Betrieb als formale Organisation durch Zielgerichtetheit, Planmäßigkeit und Regelbindung aus. (365) Die Kapitalrechnung garantiert außerdem die Transparenz und die Rationalität des Wirtschaftens. Investitionsentscheidungen des Unternehmers werden ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Maximierung des Profits getroffen. Ferner werden Arbeitskräfte nach Leistungsfähigkeit- und willigkeit ausgewählt und durch die potentiell jederzeit mögliche Kündigungsdrohung zur optimalen Leistung angehalten.

Die Existenz des Kapitalismus ist zudem an die Existenz eines Arbeitsmarktes gebunden, der die abhängig Beschäftigten dazu zwingt, „ihre Existenz durch die Vermietung ihrer Arbeitsfähigkeit auf Märkten zu sichern“ (Berger 2008: 365). Auf Arbeitsmärkten wird das Arbeits vermögen der Lohnarbeiter gehandelt: Der Arbeitnehmer sichert dem Arbeitgeber zu, im Falle des Abschlusses eines Arbeitsvertrages seine Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit in den Dienst des Kapitals zu stellen. Charakteristisch für den Arbeitsvertrag ist nach Berger seine Unvollständigkeit. Der Arbeitnehmer räumt dem Arbeitgeber das Recht ein, zu einem späteren Zeitpunkt nach Vertragsabschluss die Leistungsanforderungen an ihn zu konkretisieren (Berger 2008: 366). Diese Regelung birgt für beide Seiten Vorteile: Der Arbeitgeber kann die Leistungsanforderungen an die variierenden Erfordernisse unterschiedlicher Situationen jeder Zeit anpassen, während der Arbeitnehmer im Gegenzug eine im Vergleich zu einem reinen Dienstvertrag höhere Entlohnung erhält.

Durch die Einrichtung von Arbeitsmärkten entsteht ein geschlossenes System von Märkten. Durch den Auftritt auf Faktormärkten wird es dem kapitalistischen Betrieb möglich, alle zur Produktion notwendigen Faktorleistungen zu beziehen, um im Anschluss das Produktionsergebnis auf Warenmärkten gewinnbringend abzusetzen. Es entsteht ein selbstbezügliches System, das sich aus eben jenen Elementen reproduziert, aus denen es besteht (nämlich Waren). Auf diese Weise kommt es im Zuge der kapitalistischen Produktionsweise zu einer Entkopplung der wirtschaftlichen von der politischen Sphäre und zu einer Umstellung von „Gemeinschaft“ auf „Gesellschaft“ (367). Denn bei Märkten handelt es sich aus soziologischer Sicht um „indirekte Formen der Vergesellschaftung“ (ebd.), da die Marktteilnehmer bei Tauschprozessen nicht direkt, sondern über den Austausch von Waren miteinander in Kontakt treten: Ein Produkt oder eine Dienstleistung zählen erst dann gesellschaftlich, wenn sich ein Käufer für sie findet.

Zusammenfassend kann man den Kapitalismus als ein Wirtschaftssystem charakterisieren, das auf dem Auseinandertreten von hierarchischen Organisationen (Unternehmen) und Märkten beruht (368).

1.2 Organisierter Kapitalismus oder koordinierte Ökonomie?

Über die Wahl eines adäquaten Begriffsapparats

Hall und Soskice haben einen Begriffsapparat entwickelt, „der die

Unterscheidung von Kapitalismen hinsichtlich ihrer durch Institutionen geprägten Fähigkeit erlaubt, Wettbewerbsvorteile auf den internationalen Produktmärkten zu erzielen“ (Höpner 2004: 300/301). Hall und Soskice identifizieren zwei unterschiedliche Typen der Marktwirtschaft, die sich auf Grund differierender institutioneller Merkmale in den Bereichen der Arbeitsbeziehungen, der Unternehmenskontrolle, des Aus- und Weiterbildungssystems und der Unternehmenskooperation von einander unterscheiden und aus diesem Grund über unterschiedliche Wettbewerbsvor- und -nachteile verfügen. So werden den sogenannten „koordinierten Ökonomien“ wie Deutschland Wettbewerbsvorteile bei der Eroberung von Marktanteilen für Qualitätsgüter, den sogenannten „liberalen Ökonomien“ (USA, Großbritannien) dagegen Vorteile bei der zügigen Entwicklung von Massenprodukten zugeschrieben (301).

Wodurch zeichnen sich koordinierte Ökonomien aus? In koordinierten Ökonomien organisieren die Unternehmen zum Einen ihre Beziehungen im Wesentlichen nicht über Märkte. Zum anderen ist die Unternehmensfinanzierung auf Langfristigkeit angelegt und die Unternehmen unterliegen keiner aktiven Kontrolle durch den Kapitalmarkt. Weiterhin ist die Einbindung der Arbeitnehmer in ein System des wirtschaftlichen Interessenausgleichs (Tarifautonomie in Deutschland) ein typisches Merkmal einer koordinierten Ökonomie. Deutschland gilt insbesondere auf Grund seiner „besonderen Unternehmensverflechtungsstruktur“ als typischer Fall einer koordinierten Ökonomie (Beyer 2002: 3).

Martin Höpner plädiert bei der Analyse unterschiedlicher kapitalistischer Produktionsregime hingegen für einen Begriffsapparat, der „nicht die institutionellen Voraussetzungen für die Bedienung spezifischer Absatzmärkte in der Vordergrund stellt, sondern die gesellschaftliche Einbettung der Unternehmen“ in den Focus der Betrachtung rückt (Höpner 2004: 301). Dabei orientiert er sich an den Arbeiten von Hilferding und Napthalie zum organisierten Kapitalismus aus den 1920er Jahren. Im Rahmen dieser Arbeit wird dem Konzept des organisierten Kapitalismus der Vorzug vor dem von Hall und Soskice vorgeschlagenen Begriffsapparat gegeben, da es – wie noch zu zeigen sein wird - „die jüngsten Veränderungen von politischen Ökonomien wie der deutschen präziser fängt“ (302). Im Folgenden soll dieses Konzept einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

2. Das Konzept des organisierten Kapitalismus

Im Zentrum des Konzepts des organisierten Kapitalismus steht die „Unterscheidung zwischen einzelwirtschaftlich-betriebswirtschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Interessen“ (Höpner 2004: 302). Hilferding und Naphtali beobachteten in den 1920er Jahren in Deutschland den Übergang zum organisierten Kapitalismus in Form der Zurückdrängung einzelwirtschaftlicher zugunsten gesamtwirtschaftlicher Interessen, sowohl auf der Seite des Kapitals als auch auf der Seite der Arbeit. Zunehmende Unternehmensverflechtung und die Tendenz zur Monopolisierung, die Existenz von Arbeitgeberverbänden, die Macht der Banken, ordnungspolitische Staatseingriffe sowie die Zentralisierung der Gewerkschaften und ihre Einbindung in die Wirtschaftsabläufe bedeuten für Hilferding und Naphtali den Übergang zum organisierten Kapitalismus. Es sind insbesondere vier Indikatoren, die sich als Triebkräfte dieses Wandels ausmachen lassen. Erstens stellen die Autoren fest, dass die Unternehmensleitung immer seltener in den Händen der Eigentümer lag, sondern vermehrt auf angestellte Manager übergegangen war, deren Interessen in Konflikt mit dem Renditeinteresse der Aktionäre standen. Zweitens führten die Unternehmensverflechtung und deren „Vereinigung mit dem Finanzsektor zum Finanzkapital“ zur Einschränkung der Handlungsautonomie der einzelnen Betriebe „zugunsten der gesamtwirtschaftlichen Rationalität des in Entstehung begriffenen Generalkartells“ (303). Die Selbstorganisation der Unternehmen in Arbeitgeberverbänden bewirkte, drittens, die Einbettung der Einzelwirtschaften in gesamtgesellschaftliche Bindungen. Viertens führten die Arbeitsgesetzgebung, die Sozialversicherung, staatliche Schlichtungsversuche und die Mitbestimmung zur Genese der öffentlich-rechtlich regulierten „konstitutionelle(n) Fabrik“ (Napthalie in Höpner 2004: 303). Zentrales Wesensmerkmal des organisierten Kapitalismus ist nach Hilferding die „Loslösung des Unternehmens von dem Privateigentum des Einzelkapitalisten“ (ebd.).

2.1 Deutschland als paradigmatischer Fall einer organisierten Ökonomie

Deutschland galt bis in die 1980er Jahre hinein als paradigmatischer Fall einer organisierten Ökonomie, in der einzelwirtschaftliche Interessen von gesamtwirtschaftlichen Orientierungen überformt wurden.
Großunternehmen etablierten ab den 1880er Jahren ein engmaschiges Netzwerk aus Kapital- und Personalverflechtungen, das sich bis in die 1980er Jahre hinein als stabil erwies (Höpner 2004: 304). Im Zentrum dieses Netzwerks standen vor allem Unternehmen aus dem Finanzsektor, allen voran die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Allianz, die eine Vielzahl von Aktienpaketen an deutschen Industrie-und Handelsunternehmen hielten. Da die miteinander kooperierenden Geschäftsbanken Kredite an eine große Zahl industrieller Unternehmen vergaben, entwickelten sie ein verstärktes Interesse daran, ungezügelte Konkurrenz zwischen ihren Kunden möglichst zu verhindern, sahen sie darin doch die Gefährdung ihrer Kredite und ihres Geschäftsmodells. Die Geschäftsbanken entwickelten auf diese Weise eine gesamtwirtschaftliche Orientierung und gaben somit der langfristig stabilen Entwicklung von Sektoren und der Volkswirtschaft als Ganzer den Vorrang vor der kurzfristigen Profitabilität der

Einzelunternehmungen. Das deutsche Aktien- und Unternehmensrecht stützte dabei die gesamtwirtschaftliche Orientierung. Durch das Aktiengesetz von 1884 wurde der Aufsichtsrat als Kontrollorgan etabliert (304). Dieser hatte auf die Netzwerkbildung einen verstärkenden Effekt: Zum Einen wurde durch die Etablierung des Aufsichtsrats die Aktionärsversammlung geschwächt, zum Anderen agierte er als Bindeglied zwischen den Unternehmen. Nicht nur innerhalb der

Kapitalverflechtungen, sondern auch innerhalb der
Personalverflechtungen spielten die Finanzunternehmen eine dominante Rolle (vgl. Beyer 2002: 3). Die Vertreter der Finanzunternehmen gewannen über ihre Platzierung in Aufsichtsräten von

Industrieunternehmen einen detaillierten Einblick in die
Unternehmensverfassung und in die Unternehmenspolitik und konnten auf diese Weise die Organe auf gemeinsam zu verfolgende Ziele ausrichten. Durch die Kapital- und Personalverflechtungen zwischen Finanzunternehmen und der deutschen Industrie entwickelte sich in Deutschland auf diese Weise eine „lange Tradition der regulierten

Konkurrenz“ (Höpner: 2004: 304). Die Finanzunternehmen übernahmen innerhalb dieses Unternehmensnetzwerkes die Funktion der „Executive“ und betrieben an Stelle des Staates eine bewusste Industriepolitik, die sich u.a. in der Umstrukturierung ganzer Branchen manifestierte. Dabei beruhte die starke Stellung der Banken insbesondere auf ihrer „multifunktionale(n) Stellung als Kreditgeber, Aktienhalter, Aufseher und Verwalter der Depotstimmen“ (305). Gleichzeitig bestanden zahlreiche Verbindungen zwischen staatlichen Stellen und den Großbanken, die die deutsche Politik zu nutzen wusste, um ihrerseits die gesamtwirtschaftliche Orientierung der Unternehmen zu stärken und vor allem Beschäftigungsinteressen sicherzustellen. Dazu gehörten auch staatliche Interventionen in die Investitions- und Preissetzungsentscheidungen der Privatunternehmen, wie man sie beispielsweise Anfang der 1950er Jahre im Kontext der staatlich forcierten „Zwangsinvestitionen“ der deutschen Versicherungswirtschaft in den Industriesektor beobachten konnte. Gleichwohl begegneten sich die deutsche Politik und die maßgeblichen Finanzunternehmen auf Augenhöhe. Von einem einseitig staatlich kontrollierten Verhältnis kann keine Rede sein. Dies zeigt sich u.a. an der Gewährung von staatlichen Darlehensgarantien, die den Finanzunternehmen in Interventionsfällen zur Verfügung gestellt wurden. Das enge Zusammenspiel von Politik und Finanzunternehmen wurde zum Wesensmerkmal des organisierten Kapitalismus und ließ in der Folge einen Sektor entstehen, der „nationale Infrastruktur und Ansammlung von Einzelwirtschaften gleichzeitig war“ (Höpner 2004: 306).

Für die Nicht-Finanzunternehmen im organisierten Kapitalismus führten die erzwungene Mitberücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen Perspektive und das langfristige Kreditsicherungsinteresse der Banken zu einer auf Größenwachstum ausgerichteten Unternehmenspolitik. Es war insbesondere im Interesse der Banken, langfristiges Unternehmenswachstum einer kurzfristigen Profitabilitätssteigerung vorzuziehen. So wurde in deutschen Unternehmensetagen die Quersubventionierung eigentlich unrentabler Unternehmensteile praktiziert – mit der Konsequenz, dass deutsche Großunternehmen im Laufe der Geschichte weltweit zwar zu den umsatzstärksten Unternehmen aufstiegen, gleichzeitig aber vor allem im Vergleich zu angelsächsischen Unternehmen verhältnismäßig unrentabel blieben und einen geringeren Börsenwert aufwiesen (Höpner 2004: 306). Der bewusste Verzicht auf überproportionale Steigerungen der Rentabilität von deutschen Unternehmen zugunsten des Unternehmenswachstums konnte allerdings nur durchgehalten werden, so lange nicht mit feindlichen Übernahmen gerechnet werden musste. Innerhalb des deutschen Modells des organisierten Kapitalismus, der auch als Deutschland AG bezeichnet wird, spielten bis in die 1980er Jahren hinein feindliche Übernahmen keine Rolle. Nach außen aber galt es Deutschland als offene Volkswirtschaft vor feindlichen Übernahmeversuchen zu schützen. Dies geschah u.a. durch das deutsche Aktienrecht, das bis 1998 Höchst- und Mehrfachstimmrechte erlaubte, die einen effizienten Schutzschirm vor feindlichen Übernahmen boten (307). Aber auch Finanz- und Industrieunternehmen waren durchaus bereit, fernab jeglicher betriebswirtschaftlicher Überlegungen Aktien übernahmegefährdeter Unternehmen aufzukaufen und vor ausländischen Investoren und Unternehmen zu schützen.

Aber nicht nur die staatlichen Stellen und die Finanzunternehmen stützten das System des organisierten Kapitalismus. Auch die deutschen Betriebsräte und Gewerkschaften arbeiteten eng zusammen und verfolgten eine gesamtwirtschaftliche Orientierung. In den Mitbestimmungsgesetzen von 1951 und 1976 wurde die Vergabe von Aufsichtsratssitzen an betriebsfremde Gewerkschaftsfunktionäre geregelt. Der DGB beanspruchte für sich, die Interessen aller Beschäftigten zu vertreten. So fand die Lohnfindung oberhalb der Betriebsebene statt. Trotz der Existenz sektoral voneinander abgegrenzter Industriegewerkschaften ermöglichte es die Lohnführerschaft der IG Metall, die Tarifpolitik an makroökonomischen Größen auszurichten und eine „solidarische Lohnpolitik“ zu verfolgen (Höpner 2004: 307/308). Arbeitseinkommen sollten vor dem Marktmechanismus geschützt werden, so dass zum Beispiel der gleiche Lohn für gleiche Arbeit von den Gewerkschaften gefordert wurde – unabhängig von der konkreten Rentabilitätssituation der Einzelwirtschaft. Der organisierte Kapitalismus deutscher Spielart erwies sich bis in die 1980er Jahr als stabil. Ab den 1990er Jahren sollten sich aber Erosionstendenzen zeigen.

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Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Finanzmarktkapitalismus in Deutschland (?)
Untertitel
Über die Genese eines neuen Produktionsregimes
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
42
Katalognummer
V133302
ISBN (eBook)
9783640399642
ISBN (Buch)
9783640399475
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzmarkt, Finanzmärkte, Finanzkrise, Kapitalmarkt, Finanzmarktkapitalismus, Soziale Systeme, Wirtschaft, Deutschland, Soziologie, Wirtschaftssoziologie, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Björn Peinemann (Autor), 2009, Finanzmarktkapitalismus in Deutschland (?) , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133302

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