[...] Ähnliche Vorstellungen hafteten auch dem Henker an, als da behauptet wurde, dass schon der Blick in seine Augen, das zufällige Berühren seiner Kleidung oder des Galgens die Kontaminierung des Betroffenen verursache.
Zudem wurde als eklatante Stigmatisierung jener Personengruppe ihr Außenseitertum sichtbar gemacht. So sind in Geschichtsquellen zahlreiche Beispiele überliefert, wie die Kennzeichnung von Bettlern, Prostituierten oder Scharfrichtern durch besondere Attribute oder Kleidungen. Diese reichen von den roten Mütze der Huren bis zum bunten Gewand des Henkers. Jenes Sichtbarmachen konnte sogar soweit führen, dass der Scharfrichter mittels eines Glöckchens akustisch seine Nähe mitteilen musste, damit eine Begegnung mit diesem Außenseiter bemerkt und vermieden werden konnte. Angesichts jener Maßnahmen verbirgt sich in dem Thema der Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft eine außerordentliche Gegenwartsrelevanz. Denn wie diese Arbeit zeigen soll, scheint jene Voreingenommenheit gegenüber bestimmten Personenkreisen offenbar ebenso unausrottbar zu sein wie eingefressene Klischees gegenüber diesen Randgruppen. So gehören die mittelalterlichen Nachreden gegenüber den Ausgegrenzten zu Diskriminierungsformen, die noch heute im kollektiven Bewusstsein rudimentär verankert sind, da uns in manchen Fällen die Abwertung dieser Randgruppen noch heute als plausibel erscheint. So ist es bis heute einleuchtend, dass man Henker, Schergen, Abdecker, Gassenkehrer anrüchig fand und solchen Leuten aus dem Weg ging, da sie mit Mördern, Verbrechern, mit stinkenden Tierkadavern, mit Straßenschmutz zu tun hatten. Innerhalb dieser Arbeit soll daher jenem Umstand besondere Aufmerksamkeit zugedacht werden, um den Leser darauf zu sensibilisieren welchen tatsächlichen Einfluss das Mittelalter heute noch auf allgemeine Ressentiments ausübt. Dazu soll in einem einleitenden Kapitel die Randgruppe der „Unehrlichen“ spezifiziert werden. Zum vertiefenden Verständnis der „Unehrlichen“ sollen schließlich ausgewählte Personenkreise Aufschluss über die Strukturen und die Entstehungsgeschichte der „Unehrlichen“ geben und aufzeigen, inwieweit mittelalterliche Vorurteile gegenüber jenen noch heute aufzuweisen sind. Zu bemerken bleibt, dass diese Arbeit regionale Aspekte der „Unehrlichen“ nur am Rande erwähnt und berücksichtigt. Im Allgemeinen wird jedoch von der Gruppe der „Unehrlichen“ berichtet, wie sie zumeist in der spätmittelalterlichen Gesellschaft anzutreffen war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Unehrlichen“ – eine Begriffsbestimmung
3. Von „Unehrlichkeit“ erfasste Personenkreise – ihre Strukturen und Lebenssituationen
3.1 Der Henker und seine Helfer
3.2 Die Spielleute als Vertreter des „fahrende“ Volkes
3.3 Die Hebammen
3.4 Hurenwirte und Prostituierte
4. Erklärung des Phänomens der Randgruppe der „Unehrlichen“
5. Allgemeiner Forschungsstand der Randgruppe der „Unehrlichen“
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche Randgruppe der „Unehrlichen“ im Spätmittelalter, beleuchtet deren soziale Strukturen sowie Lebensbedingungen und analysiert die Ursachen für ihre Stigmatisierung und den Fortbestand dieser Vorurteile bis in die heutige Zeit.
- Soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung von Randgruppen
- Die Funktion und Wahrnehmung unehrlicher Berufe (Henker, Spielleute, Hebammen, Prostituierte)
- Die Rolle der Kirche und gesellschaftlicher Normen bei der Ausgrenzung
- Wechselwirkungen zwischen Kriminalität, Marginalisierung und Arbeitswelt
- Historische Kontinuität von Vorurteilen im kollektiven Bewusstsein
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Henker und seine Helfer
Kein Beruf war im Mittelalter so tabuisiert wie der des Henkers. Dieser Umstand mag wohl weniger daran gelegen haben, dass er tötete – denn dies taten Angehörige des Kriegerstandes auch, ohne als unehrlich zu gelten – sondern daran, dass ihm so viel Angst, Abscheu und Entsetzten anhaftete, dass er und seine Gehilfen geradezu von einer Aura des Grauens umgeben waren. Die Kirche, die um die Notwendigkeit des Henkers wusste, gewährte ihm eine allgemeine Teilhabe an den kirchlichen Gnadenmitteln. Obwohl ihm kein christliches Begräbnis vorenthalten wurde, wurde ihm doch auf vielen Kirchhöfen separate oder weniger ansehnliche Begräbnisstätten zugewiesen.
Damit der Kontakt mit dem Henker gemieden werden konnte, legte eine Frankfurter Verordnung von 1543 fest, er solle: „dreyerley färbigte rothe, weiße und grüne Lippen oben an des Wammes Ermelen, oder des Mantels Armloch unverdeckt, offentlich (tragen), damit er abgesondert von ehrlichen Leuthen erkant werden mögte.“
Durch jene äußeren Stigmata wurden der Henker und seine Gesellen von der Gesellschaft ausgegrenzt. Seine Wohnstätte war dementsprechend häufig am Rande der Stadtmauer oder auf Brücken vorzufinden. Sofern die „Henkerhäuser“ mitten in den Städten platziert waren, so fand - wenn auch keine räumliche Ausgrenzung - so doch eine soziale Ausgrenzung statt, da sie meistens direkt neben dem Bordell gelegen waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das spätmittelalterliche Phänomen der gesellschaftlichen Ächtung ein und definiert die Gruppe der „Unehrlichen“ als Gegenpol zur ehrbaren Gesellschaft.
2. Die „Unehrlichen“ – eine Begriffsbestimmung: Das Kapitel definiert den Begriff der „Ehrlichkeit“ als zentrale soziale Norm und beschreibt die daraus resultierende Stigmatisierung derer, die als „unehrlich“ galten.
3. Von „Unehrlichkeit“ erfasste Personenkreise – ihre Strukturen und Lebenssituationen: Hier werden beispielhaft spezifische Berufe wie Henker, Spielleute, Hebammen und Prostituierte analysiert, um deren Randgruppenstatus und Lebensrealitäten aufzuzeigen.
4. Erklärung des Phänomens der Randgruppe der „Unehrlichen“: Dieses Kapitel ergründet die Ursachen für die Entstehung der Randgruppenkultur, insbesondere im Hinblick auf den christlichen Einfluss und die Verbindung zu existentiellen Grundereignissen.
5. Allgemeiner Forschungsstand der Randgruppe der „Unehrlichen“: Der Autor gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der historischen Forschung und konstatiert ein Fehlen übergreifender, kritischer Monographien.
6. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und betont die bis heute bestehende Tendenz, Randgruppen mit Kriminalität zu assoziieren.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Unehrlichkeit, Randgruppen, Stigmatisierung, Henker, Spielleute, Hebammen, Prostitution, Gesellschaft, Ausgrenzung, Diskriminierung, Zunft, Alltagsgeschichte, Ehrlosigkeit, soziale Normen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem sozialen Status und der Lebenssituation von Menschen, die im Spätmittelalter als „unehrlich“ oder „ehrlos“ eingestuft und somit an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Stigmatisierungsprozesse, die Rolle von Berufen wie Scharfrichter oder Prostituierte sowie die Auswirkungen von kirchlichen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen auf das Leben dieser Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Strukturen der spätmittelalterlichen Randgruppen zu durchleuchten und aufzuzeigen, wie tiefgreifend diese historischen Vorurteile auch heute noch in kollektiven Ressentiments verankert sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine umfassende Analyse historischer Quellen und Sekundärliteratur zur Sozial-, Kultur- und Alltagsgeschichte des Spätmittelalters.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert verschiedenen „unehrlichen“ Berufsgruppen und analysiert die Mechanismen ihrer Ausgrenzung, ihre Wohnsituationen sowie ihre Funktionen innerhalb der städtischen Gesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Mittelalter, Unehrlichkeit, Randgruppen, Stigmatisierung, soziale Normen und die einzelnen betroffenen Berufsgruppen.
Warum galt gerade der Henker als Inbegriff der Unehrlichkeit?
Der Henker war aufgrund seiner unmittelbaren Tätigkeit mit Tod und Blut behaftet, was ihn in der mittelalterlichen Vorstellung zu einer Aura des Grauens und der Tabuisierung führte, obwohl seine Arbeit als gesellschaftlich notwendig anerkannt wurde.
Welche Rolle spielten Hebammen innerhalb der „Unehrlichen“?
Hebammen standen an der Schnittstelle zwischen Göttlichem und Menschlichem; ihre Stigmatisierung resultierte oft aus dem Misstrauen der Kirche gegenüber ihrem Wissen über Geburt, Verhütung und magische Praktiken.
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- Jessica Horn (Author), 2009, Die "Unehrlichen" als Randgruppe der spätmittelalterlichen Gesellschaft: Strukturen und Lebenssituationen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133310