Bewegungsförderung in der Schule zur ganzheitlichen Entwicklung Jugendlicher vor dem Hintergrund derer veränderter Lebenswelten


Diplomarbeit, 2007

101 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Begriffsbestimmung ganzheitlicher Entwicklung

2. Bewegung
2.1 Allgemeine Bedeutung der Bewegung für den Menschen
2.2 Bewegung und Wahrnehmung
2.3 Psychosoziale und gesundheitliche Bedeutung der Bewegung
2.4 Bedeutung der Bewegung speziell in der Lebensphase Jugend
2.5 Zusammenfassende Betrachtung des Kapitels Bewegung

3. Jugend und persönliche Entwicklung
3.1 Eingrenzung der Lebensphase Jugend
3.2 Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase
3.2.1 Pubertät
3.2.2 Sexualität
3.2.3 Autonomieentwicklung und Ablösungsprozesse
3.2.4 Kognitive Entwicklung
3.2.5 Identitätsentwicklung
3.2.6 Selbstkonzeptentwicklung
3.3 Lebenswelt der Jugendlichen heute
3.3.1 Gesellschaftliche Entwicklungen und Vorgaben
3.3.2 Familie
3.3.3 Freizeit- und Gesundheitsverhalten
3.4 Bewegungsstatus Jugendlicher
3.5 Kritische Betrachtung der Erkenntnisse zu Jugend und ihrer persönlichen Entwicklung

4. Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher in der Schule unter besonderer Berücksichtigung der Bewegung als beeinflussendes Moment
4.1 Schule als Lebenswelt
4.2 Das nordrhein-westfälische Schulsystem und seine Auswirkungen auf die Hauptschule als Schulform und deren Schüler
4.3 Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule
4.4 Stellenwert der Bewegung in der Sekundarstufe I am Beispiel Hauptschule
4.5 Zwischenfazit - Bewegungsangebote in die Schule!

5. Möglichkeiten der Förderung Jugendlicher über Bewegungsangebote in der Institution Schule
5.1 Grundlagen für Bewegungsangebote
5.1.1 Organisationsstruktur
5.1.2 Zielgruppe
5.1.3 Eigenschaften und Fähigkeiten des Pädagogen
5.1.4 Zielsetzung
5.1.5 Modellhafte Planung eines Bewegungsangebotes
5.2 Kooperationen Schule außerschulische Partner
5.2.1 Eltern Schule
5.2.2 Sportverein Schule
5.3 Sport als Beispiel eines Bewegungsangebots der Schulsozialarbeit im Kontext der Regelschule (Sek. I)
5.3.1 Potenziale des Sport als mögliches Angebot zur Bewegungsförderung 80
5.3.2 Das Ballspiel ’TschoukBall’
5.4 ‚Bewegte Schule’ auch in der Sekundarstufe I

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist es zu untersuchen, wie die Soziale Arbeit an Schulen zu Gunsten Jugendlicher hinsichtlich ihrer persönlichen Entwick-lung tätig werden kann.

In Zeiten, in denen Jugendliche verstärkt Ausflüchte im Alkohol- und Dro-genkonsum oder in devianten Verhaltensweisen suchen, wird in Deutsch­land zunächst nach schärferen Gesetzen gefragt. Die Kontrollen sollen verstärkt, Strafen für Zuwiderhandlungen verschärft werden. Die Frage danach, warum Jugendliche solche Verhaltensweisen zeigen, wird aber nur kleinlaut gestellt. Vielleicht auch deshalb, weil die Antwort und somit die Verantwortung bei den Fragenden bzw. in der Gesellschaft selbst liegt. Perspektiv- und Orientierungslosigkeiten Jugendlicher sind Resultate der gesellschaftlichen Gesamtlage und diese Gesellschaft hat die Verhaltens-weisen Jugendlicher als Konsequenz zu tragen. Also werden Jugendarbei-ter, Betreuungsdienste, Bewährungshelfer, Drogenhelfer, Streetworker etc. nötig. Diese sind aber vermeintlich nicht bezahlbar, daher ist eine adäqua-te Reaktion auf die bestehenden Probleme nur selten möglich, was eine Verschärfung der Situation nach sich zieht. Generell ist es aber auch nicht sinnvoll nur auf Problemsituationen zu reagieren, eine präventive Lösung im Frühstadium sollte gestaltet werden, um Jugendliche dort ‚abzuholen’ wo sie sind und sie hinsichtlich ihrer Kompetenzen und Persönlichkeit zu fördern.

Jugendliche müssen in ihrer Entwicklung gerade hinsichtlich ihrer sozialen sowie personalen Kompetenzen und Ressourcen gefördert werden um den hohen Anforderungen in der sich ständig verändernden Gesellschaft be-stehen zu können. Immer häufiger fällt in der praktischen Jugendarbeit auf, wie defizitär Kompetenzen gerade bei sozial benachteiligten Jugendlichen ausgereift sind. Hier sind mir in meiner bisherigen Tätigkeit in der offenen Jugendarbeit sowie in praktischen Tätigkeiten im Kontext der Schule unter anderem gerade Defizite hinsichtlich der Selbstverantwortung, Selbstorga-nisation, Konfliktfähigkeit, Motivation, Partizipation und des Engagements aufgefallen. Solche und ähnlich gelagerte Kompetenzen sind allerdings neben der Ausbildung fachlicher Kompetenzen elementar für die berufliche Zukunft und soziale Integration Jugendlicher.

Zur methodischen Ausgestaltung der Förderung gibt es vielerlei Möglich-keiten. Durch meine im Studium gesammelten Erfahrungen im Bereich der Bewegungsförderung im Kindes- und Jugendalter konnte ich erste Wis-sensgrundlagen über die zentrale Bedeutung der Bewegung für die menschliche Persönlichkeitsentwicklung sammeln. Zudem ist mir in meiner Tätigkeit in der Jugendarbeit weiterhin verstärkt klar geworden, welch emi­nent wichtige Bedeutung die Auseinandersetzung Jugendlicher mit dem eigenen Körper und insbesondere auch die sportliche Aktivität besitzt. An-gesichts dieser Beobachtungen und Kenntnisse liegt es nahe Bewegung als methodische Grundlage der Förderungsangebote zu wählen.

Inhaltlich wird im Rahmen dieser Arbeit, nach einer anfänglichen Bestim-mung des Begriffs ‚ganzheitliche Entwicklung’, die Bedeutung der Bewe-gung für den Menschen im Allgemeinen und den Jugendlichen im Speziel-len als Kapitel zwei vorangestellt. Dieses geschieht, um den Fokus des Lesers auch in den Folgekapiteln auf diesen Aspekt hin auszurichten. In Fortsetzung dessen wird dem Leser bei der Darstellung der heutigen Ju-gendsituation in Kapitel drei neben den für die Jugendphase typischen Entwicklungsaufgaben und der Beschreibung der aktuellen Lebenswelten, auch der Bewegungsstatus Jugendlicher erläutert. Im vierten Kapitel liegt das Augenmerk der Arbeit auf dem institutionellen Rahmen der Schule als Ort pädagogischer Förderungsangebote. Zunächst werden die Auswirkun-gen gerade bildungsniederer Schulformen auf die Jugendlichen kritisch beleuchtet. Anschließend wird der gesetzliche Bildungs- und Erziehungs-auftrag der Schulen erörtert, um weiterführend die derzeitigen Förde-rungsmaßnahmen gerade hinsichtlich der Anforderungen an den Schul-sport zu fokussieren. Im abschließenden fünften Kapitel dieser Arbeit wer-den dann die aktuellen Möglichkeiten zur Förderung Jugendlicher über Bewegungsangebote im schulischen Kontext thematisiert. Es werden ne-ben organisatorischen und planerischen Grundlagen auch beispielhaft Praxisangebote erläutert, bis hin zu einem auf Bewegung basierenden Grundkonzept.

Ziel der Diplomarbeit ist es, einerseits die schwierige Lage Jugendlicher innerhalb der sie betreffenden Lebenswelten herauszuarbeiten, um gleich-zeitig den erhöhten Bedarf an sozialarbeiterischer Förderung in Bezug auf die ganzheitliche Entwicklung Heranwachsender zu verdeutlichen. Ande-rerseits besteht des weiteren die Absicht, innerhalb der jugendlichen Le-benswelten Grundlagen für entwicklungsfördernde Angebote mit jugendty-pischen Inhalten, unter Einbeziehung körperlicher Bewegung zu erarbei-ten.

1. Begriffsbestimmung ganzheitlicher Entwicklung

Eine Förderung ganzheitlicher Entwicklung bzw. ganzheitlicher Persönlich-keitsentwicklung Jugendlicher bedeutet im Rahmen dieser Arbeit die Ent-wicklung zu einer selbstverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Per­son. Diese Entwicklung ist als ganzheitlicher Prozess zu betrachten, da die Person nicht nur aus Wissen (Kopf), sondern auch aus körperinternen be-wussten und unbewussten Prozessen besteht. Es soll sich innerhalb einer Förderung ganzheitlich an den Bedürfnissen und lebensweltlichen, gesell-schaftlichen Bedingungen orientiert werden. Einbezogen in die Ziele dieser Förderung sind alle Bereiche menschlichen Seins: Körper, Geist, Seele und Umwelt[1]. Entscheidend für eine gelungene Persönlichkeitsentwicklung innerhalb jener in gegenseitiger Wechselwirkung stehender Bereiche ist die Förderung der

- Bewegungsentwicklung (Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination, Schnelligkeit),
- geistigen Entwicklung (Unterscheidungsvermögen, Situationseinschätzung, Erinnerungs- vermögen, Wahrnehmungsprozesse),
- Gefühlsentwicklung (Selbstvertrauen, Empathie, Ausdrucksfähigkeit, Selbstbewusstsein, Enttäuschungen ertragen können),
- sozialen Entwicklung (Soziale Sensibilität, Regelverständnis Kontakt- und Kooperations-fähigkeit, Konfliktfähigkeit, Toleranz).

Im Jugendalter ist insbesondere die Entwicklung der sozialen Fähigkeiten relevant, wobei aber die anderen Entwicklungsbereiche nicht auszuschlie-ßen sind, was hinsichtl]ich der Wechselwirkungen der verschiedenen Be-reiche auch unsinnig, wenn nicht gleich unmöglich wäre.

Für ein gelingendes Leben in der Gesellschaft ist die Ausbildung bzw. der Besitz grundlegender Ressourcen entscheidend, welche auf die psychi-sche und physische Gesundheit (und somit auf die Persönlichkeit) folgen-schwer einwirken. Eine ganzheitliche Entwicklung der Persönlichkeit Ju-gendlicher beinhaltet somit auch die Entwicklung

- körperlicher Ressourcen (Stärkung des Immunsystems, Fitness, Aktivierung des Herz- Kreislaufsystems),

- personaler Ressourcen (positives Selbstkonzept, Selbstvertrauen) und

- sozialer Ressourcen (Rückhalt und Unterstützung in der sozialen Bezugsgruppe)[2].

2. Bewegung

Wie wichtig ist Bewegung? Die immense Bedeutung, aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns bewegen, wird erst dann wirklich klar, wenn man sich einmal vorstellt, man dürfe sich für eine Minute nicht bewegen. Die Vorstellung allein genügt um festzustellen, dass der Mensch ständig in Bewegung ist, Bewegung braucht und ohne sie in keiner Weise mehr die Möglichkeit hätte sich auszudrücken, was nur zu einem krankhaf-ten Zustand führen kann.

Die Bedeutung der Bewegung für den Menschen geht weit über den As-pekt der körperlichen Gesundheit hinaus. Natürlich fördert Bewegung das körperliche Wohlbefinden, doch auch Geist und Seele des Menschen sind fest mit der Bewegung verbunden. ´In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist´. Schon in der Antike gehörte neben der Askese, der Werktätigkeit und der freien, reinen Geistesbeschäftigung die Bewegung (Gymnastik) zur Erziehung des jungen Menschen.

Tatsächlich aber muss die Bedeutung der Bewegung noch tief greifender gesehen werden. So beschreibt beispielsweise JACOBS, dass die gesamte menschliche Weltwahrnehmung über Bewegung geschieht. Diesem wich-tigen Punkt widme ich in Kapitel 2.2. einen eigenen Abschnitt, um an-schließend auf die psychosoziale und gesundheitliche Bedeutung der Be-wegung zu sprechen zu kommen. Abschließend wird dann das Hauptau-genmerk auf die Bedeutung der Bewegung für Jugendliche gelegt. Zu-nächst werden jedoch die verschiedenen Funktionen der Bewegung sowie ihre Bedeutung für den Menschen im Allgemeinen dargestellt.

2.1 Allgemeine Bedeutung der Bewegung für den Menschen

Schon der erste Herzschlag des Menschen bedeutet Bewegung. Ohne Bewegung könnte der Mensch nicht existieren, weder atmen noch fühlen, leben oder erleben. Durch Bewegung wird das Blut durch die Adern ge- pumpt, durch Bewegung erschloss und erschließt sich der Mensch seine Lebensräume.

Grundsätzlich geschieht Bewegung auf zwei untrennbar miteinander ver-knüpften Ebenen, der Funktionsebene und der Ausdrucksebene. Während die Funktionsebene beinhaltet, dass der Körper mit unbewussten oder be-wussten Bewegungen auf nervliche Reize reagiert, beschreibt die Aus-drucksebene, dass jede dieser Bewegungen etwas bedeutet, ein Ausdruck des Menschen ist.[3]

Auf diesen Ebenen erfüllt die Bewegung eine Vielzahl von Funktionen, die sowohl REBEL in seiner Einführung in die Bewegungspädagogik im Sozial-wesen, als auch ZIMMER in ihrem Handbuch der Bewegungserziehung auf-listen:

- Personale Funktion - den eigenen Körper und damit sich selbst kennen lernen; sich mit den körperlichen Fähigkeiten auseinander-setzen und ein Bild von sich selbst entwickeln.
- Soziale Funktion - mit anderen gemeinsam etwas tun, mit- und ge-geneinander spielen, sich mit anderen absprechen, nachgeben und sich durchsetzen.
- Produktive Funktion - selber etwas machen, herstellen, mit dem ei-genen Körper etwas hervorbringen.
- Expressive Funktion - Gefühle und Empfindungen in Bewegung ausdrücken, körperlich ausleben und verarbeiten.
- Impressive Funktion - Gefühle wie Lust, Freude, Erschöpfung und Energie empfinden, in Bewegung erfahren.
- Explorative Funktion - die dingliche und räumliche Umwelt kennen lernen und sich erschließen, sich mit Objekten und Geräten ausei-nandersetzen und ihre Eigenschaften erfassen, sich den Umweltan-forderungen anpassen bzw. sie sich passend machen.
- Komparative Funktion - sich mit anderen vergleichen, sich mitein-ander messen, wetteifern und dabei sowohl Siege verarbeiten als auch Niederlagen ertragen lernen.
- Adaptive Funktion - Belastungen ertragen, die körperlichen Grenzen kennen lernen und die Leistungsfähigkeit steigern, sich selbst ge-setzten und von außen gestellten Anforderungen anpassen.

Natürlich sind auch diese Funktionen, wie die Ebenen, miteinander ver-knüpft und erst in ihren Verbindungen untereinander und auf der Aus-drucksebene lassen sie das Bild einer Persönlichkeit entstehen.[4] Neben der eigenen Persönlichkeit lässt die Ausübung dieser Funktionen auch die Kultur eines Menschen entstehen, bzw. die bestehende Kultur lässt den Menschen die Funktionen in bestimmter Weise ausführen. „So ist die Kul-tur unserer Gesellschaft durch einen je spezifischen Körperausdruck in Form von mehr oder weniger verständlichen Gesten, der Mimik des Men-schen oder einer je individuellen Körper-Haltung bestimmt.“[5] In Deutsch­land gibt man sich beispielsweise zur Begrüßung die Hand, während sich in Frankreich Küsschen auf die Wangen gegeben werden.

2.2 Bewegung und Wahrnehmung

„Unter Wahrnehmung versteht man einen Prozess, der Informationsauf-nahmen aus Umwelt- und Körperreizen (äußere und innere Wahrneh-mung) und der Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung dieser Reize im Gehirn. In diesen Prozess gehen individuelle Erfahrungen, Erlebnisse und subjektive Bewertungen ein. In der Regel folgen der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen Reaktionen in der Motorik oder im Verhal-ten eines Menschen, die wiederum zu neuen Wahrnehmungen führen.“[6]

Wahrnehmung und Bewegung sind wie die oben genannten Ebenen der Funktion und des Ausdrucks unmittelbar miteinander verbunden. Die Be-wegung braucht den Reiz, die Wahrnehmung ebenso, wie der Ausdruck die Funktion benötigt um richtig stattzufinden. Diese funktionelle Einheit von Bewegung und Wahrnehmung ist die Sensomotorik.

„Bewegung ist die Sprache des Menschen. Über alle Zwecke hinaus ist sie das Instrument, mit dem er äußert, was in ihm lebt und wirkt. Es gibt kein anderes Mittel, durch das der Mensch dem Menschen vernehmlich wird.“[7] Bewegung wird hier als eine Art allumfassende Sprache, ein Werkzeug des Menschen beschrieben, mit dem er in all seinen Tätigkeiten selbst wahrnimmt aber auch wahrgenommen wird. Die Bewegung ist Ausdruck der Seele und des Geistes des Menschen. Ob sprechen, laufen, schrei-ben, denken etc., jegliche Tätigkeit des Menschen ist mit vielfacher Bewe-gung verbunden; sie drückt immer den ganzen Menschen aus, in seiner Vielfalt an Facetten und Einstellungen und hat somit mehr als nur eine funktionelle Bedeutung, wie beispielsweise eine Tasse von einem Fleck an einen anderen zu bewegen. Bewegung ist eine Äußerung des ganzen Menschen und dementsprechend wichtig für dessen ganzheitliche Ent-wicklung.

Schon als Kind entdeckt er seine Umwelt über alle Sinne. Das Kind nimmt kinästhetische, visuelle, gustatorische, auditive oder olfaktorische Reize aus der Umwelt oder dem eigenen Körper auf und reagiert mit einem Aus-druck, einer Bewegung auf diese. Nur so kann das Kind Dinge erlernen und dementsprechend das kognitive Denken schulen. Als Beispiel kann hier das altbekannte Exempel vom Kind und der Herdplatte dienen. Man kann wohl noch so oft sagen, dass ein Kind nicht auf die Herdplatte fassen soll, da sie heiß sei. Das Kind wird erst aufhören es zu versuchen, wenn es einmal auf die heiße Herdplatte gefasst hat und den Schmerz empfinden musste.

Einer wie oben auch exemplarisch dargestellten funktionierenden Ausei-nandersetzung mit der Welt über alle Sinne liegt die funktionierende Tätig- keit der sinnlichen Erfahrung zu Grunde. Diese ist entscheidend für Hand-lungsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe.[8] Bewegungsaufgaben stel-len vielseitige Anforderungen an die Wahrnehmungsfähigkeit. Sie stimulie-ren vestibuläre, kinästhetische und taktile Wahrnehmungen und fördern deren Integration, was auch motorischen Lernprozessen und der sportli-chen Leistungsfähigkeit zu Gute kommt. Zudem lässt sich über die Erwei-terung des Bewegungskönnens die Wahrnehmungsfähigkeit differenzie-ren. Die Wahrnehmungsfähigkeit ist für die Entwicklung und das Lernen im Kindes- und Jugendalter grundlegend.

Natürlich bezieht sich die oben genannte Reaktion auf Sinnesreize nicht nur auf das Kind. Der ganze Mensch, auch im Jugend- und Erwachsenen-alter reagiert auf die benannten Sinnesreize und erlebt über sie die Welt.

2.3 Psychosoziale und gesundheitliche Bedeutung der Bewegung

Dass es für den Menschen wichtig ist sich zu bewegen, ist allgemein be-kannt. Unter Bewegung wird zumeist verstanden sich sportlich zu betäti-gen bzw. sich ´fit zu halten´. Bewegung ist wichtig für einen gesunden Kör-per, um beispielsweise gesundheitlichen Problemen wie Übergewicht vor-zubeugen oder entgegen zu wirken. Bewegung bietet gerade den Men-schen, die beispielsweise von Berufswegen viel sitzen, einen guten körper-lichen Ausgleich. In der Entwicklung eines jeweiligen Menschen steht Be-wegung allerdings (in dieser gesundheitlichen Sicht) als Einfluss auf die körperliche Entwicklung im Vordergrund. Lorenz Radeiski stellen in dem Aufsatz „Ohne Bewegung bewegt sich nichts“[9] zusammenfassend folgen-de Einflussfaktoren dar:

- Entwicklung des Skelettsystems

Die Entwicklung des menschlichen Skeletts vollzieht sich bis ca. zum 22. Lebens-

jahr. Die Qualität des Knochens (Festigkeit, Elastizität, Länge und Breite) hängt dabei entscheidend von der körperlichen Beanspruchung des passiven Bewe-gungsapparates ab. So kommt es beispielsweise durch Bewegungsreize zu einer vermehrten Einlagerung von Kalzium in den Knochen, wodurch sich dessen Fes-tigkeit erhöht. Gleichzeitig wird das Längen- und Breitenwachstum der Knochen gefördert.

- Entwicklung der Körperhaltung und Muskulatur

Im Laufe der ersten Lebensjahre entwickeln sich über die Bewegung die Körper-haltung und die Muskulatur. Der Säugling besitzt noch nicht die Doppel- S- förmi-ge Wirbelsäulenform eines Erwachsenen. Erst durch die kontinuierliche Aufrich-tung angefangen vom Kopfheben aus der Bauchlage, über das Krabbeln, Sitzen, Stehen bis hin zum Laufen entwickelt sich die typische Krümmung der Wirbelsäu-le. Parallel bildet sich nach einem genetisch vorgegebenen Reifungsplan die Muskulatur aus, die für die Bewegung bzw. für die Haltearbeit benötigt wird. Ein Säugling entwickelt deshalb zuerst seine Hand-, Nacken- und Rückenmuskulatur, die es für das Aufrichten aus der Bauchlage benötigt. Erst später bilden sich beim Kleinkind durch das aufrechte Stehen und Gehen die Bauch- und Gesäl3muskeln aus.

- Entwicklung des Herzkreislaufsystems

Bewegung im Kindesalter fördert eine gute Entwicklung des Herzkreislauf-Systems. Insbesondere kann vor allem die aerobe Ausdauer gut gefördert wer-den.

Durch effizientere Herzarbeit (weniger Herzschläge pro Minute, höhere Auswurf-leistung pro Herzschlag) kann der Körper unter erhöhter Belastung noch ausrei-chend mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden.

- Einfluss der Bewegung auf die kognitive Entwicklung

Die Entwicklung des Nervensystems verläuft nach einem genetisch vorgegeben Bauplan. Inwiefern sich die vorhandenen Anlagen ausbilden, ist im hohen Mal3e von einer frühzeitigen differenzierten funktionellen Inanspruchnahme abhängig. Zum Zeitpunkt der Geburt ist das Gehirn sowohl funktionell als auch strukturell noch unreif. Erst durch die ständige Auseinandersetzung mit der Umwelt kommt es vor allem in den ersten Lebensjahren zu einer rasanten Ausbildung von Ner-venzellausläufern, welche eine synaptische Verbindung zu benachbarten Nerven-zellen herstellen.

Mit ca. 10 Jahren gilt das Gehirn als ausgereift. Die nervalen Strukturen sind zu diesem Zeitpunkt weitestgehend verfestigt. Obwohl sich das Gehirn noch ein Le-ben lang ändern kann, kommt es in den späteren Jahren nur noch in wenigen speziellen Fällen zum Knüpfen neuer und zum Abbau bestehender Verbindungen. Die Effizienz der bestehenden Verbindungen hängt vor allem von der Benut-

zungshäufigkeit ab. In diesem Sinne werden häufig benötigte Nervenverbindun-gen ausgebaut und nicht gebrauchte Verknüpfungen abgebaut. Die Bewegung spielt dabei in den ersten Lebensjahren neben der Wahrnehmung die entschei-dende Rolle für die kognitive Entwicklung.

Die ständige Wechselbeziehung von sensorischer Informationsaufnahme, kogniti-ver Informationsverarbeitung und motorischer Informationsabgabe mittels Bewe-gungshandlungen führt zum Aufbau wichtiger Nervenverbindungen, welche die Grundlagen für abstrakte und symbolische Denkprozesse bilden. Beispielsweise dienen frühkindliche Reflexe, wie der Greifreflex, dazu erste Gehirnverbindungen anzulegen, die nötig sind um Bewegung (z.B. Greifen und Loslassen) willkürlich auszulösen und somit die Umwelt durch Bewegung zu erfahren. Erst durch Be-wegung können wichtige sinnliche Erfahrungen gemacht werden, die später als abstrakte Symbole im Gehirn abgespeichert werden. Die Eigenschaften eines Balles (rund, er rollt) begreift ein Kind erst, wenn es ihn anfasst und ihn durch den Raum bewegt. Aus diesem Grund begreift ein Kind die Welt durch Be - greifen.

Gerade die Ausführungen zur kognitiven Entwicklung sind sowohl elemen-tar für die Wahrnehmung und Bewegung (vgl. Pkt. 2.2) als auch für die hier beschriebene körperliche Entwicklung. Es steht außer Zweifel, dass Be-wegungsaktivitäten in beiden Fällen positive Einflüsse haben.

Eine gut ausgeprägte körperliche Entwicklung ist einerseits Grundlage für die Gesundheit des Menschen, andererseits beeinflusst Bewegung auch im weiteren Verlauf die Gesundheitsressourcen des Menschen. Als Kate-gorien gelten im Allgemeinen:

- Körperliche Gesundheitsressourcen
- Personale Gesundheitsressourcen
- Soziale Gesundheitsressourcen[10]

Unter durch Bewegung beeinflusste persönliche Ressourcen fallen bei-spielsweise ein positives Selbstkonzept und Selbstvertrauen; den körperli-chen Ressourcen sind z.B. Fitness, Stärkung des Immunsystems, Aktivie- rung des Herz-Kreislaufsystems zuzuordnen. Rückhalt, Unterstützung o.ä. durch die sozialen Bezugsgruppen sind zu den sozialen Ressourcen zu zählen. Die gesamt genannten Einflüsse haben positive Wirkungen auf die Vermeidung von Zivilisationskrankheiten und ‚zivilisationsbedingten Ge-sundheitsrisiken’. Hier sind vor allem Adipositas, Diabetes mellitus, Ein-schränkungen des Bewegungsapparates, Herz-Kreislaufbeschwerden, psychische Beeinträchtigungen (wie Stress o.ä.), mangelnde soziale Integ­ration, Suchtgefahr (gerade bei Nikotin, weniger beeinflussbar bei Alkohol) und eingeschränkte psychomotorische Entwicklung (mit ihr verbunden auch erhöhte Unfallgefahr) zu nennen.[11]

2.4 Bedeutung der Bewegung speziell in der Lebensphase Jugend

Zunächst ist hier klarzustellen, dass die vorher genannten Bedeutungen der Bewegung, wie Wahrnehmung des eigenen Seins und der Umwelt, gesundheitliche Prophylaxe und Intervention, in allen Lebensphasen ge-genwärtig und entscheidend sind. Folgend wird nun die besondere Bedeu-tung der Bewegung für Jugendliche betrachtet.

Bei Jugendlichen rückt die soziale Komponente von Bewegung besonders ins Zentrum. Gruppenerlebnisse, soziale Integration und Ausleben von Bewegungsdrang wirken altersspezifischen Gefährdungen (vgl. Kapitel 3.3) entgegen. Sport bietet Ausgleichsmöglichkeiten für bewegungsarme Tätigkeiten, einseitige Belastungen und Anspannung/ Stress. Das Trainie-ren der körperlichen Leistungsfähigkeit erhöht psychisch und physisch das Wohlbefinden und Leistungsvermögen.

Jugendliche erschließen über Bewegung ihre Umgebung, lernen über den Körper sich und andere zu begreifen, haben Erfolgs- und Risikoerlebnisse bei der Bewältigung von motorischen Aufgaben, setzen sich so mit den eigenen körperlichen Fähigkeiten auseinander und entwickeln ein Bild von sich selbst (Identitätsbildung). Jugendliche gestalten ihre Lebenswelt unter Einbeziehung von Bewegung und Sport, welche abwechslungsreiche Mög-lichkeiten bereithalten, etwas zu erleben und sich in Szene zu setzen. Hier erleben sie mit anderen das gemeinsame Tun, mit- und gegeneinander spielen, sich absprechen, nachgeben und sich durchsetzen. Im Vergleich mit anderen können sich Jugendliche aneinander messen, wetteifern und lernen dabei, sowohl Siege zu verarbeiten als auch Niederlagen zu ertra-gen. Dabei lernen sie, dass Bewegung mit Gefühlen wie Lust, Freude, Er-schöpfung und Energie verbunden ist. Das Gefühl, etwas zu können, et-was mit dem eigenen Körper hervorbringen und gestalten zu können, z.B. eine sportliche Fertigkeit wie einen Handstand oder Tanz, gibt dem Ju-gendlichen Selbstwert, Vertrauen in die eigene Person und stärkt die eige-ne Identität. So bestehen Möglichkeiten zur entwicklungsfördernden Kör-perthematisierung, wodurch das Verhältnis zum sich verändernden jugend-lichen Körper geklärt werden kann. Über den Kontakt zu anderen, gerade im Bewegungsspiel bzw. in sportlichen Aktivitäten, lernen Jugendliche schnell sich in der Gruppe einzuordnen, sich selbst darzustellen und eige-ne Interessen zu vertreten. Außerdem lernen sie andere einzuschätzen sowie deren Meinungen und Charaktere zu akzeptieren. Daran sieht man, dass jeglicher Bereich menschlichen Seins und dementsprechend menschlicher Entwicklung Körper, Geist, Seele und Umwelt (vgl. Kap.1) durch die verschiedensten Bewegungstätigkeiten, gerade auch in der Gruppe stimuliert wird.

2.5 Zusammenfassende Betrachtung des Kapitels Bewegung

Wie gezeigt wurde, ist Bewegung ein sehr umfangreicher Einflussfaktor auf die menschliche Entwicklung. Eine grundlegende Beeinflussung der kör-perlichen Entwicklung von Muskulatur über Knochenbau bis hin zur kogni-tiven Entwicklung ist schon ab den ersten Lebensmonaten sichtbar. Über die Bewegung wird aber auch die Welt wahrgenommen. Sinnliche Reize sind entscheidend für die Handlungsfähigkeit und somit auch die gesell-schaftliche Teilhabe. Neben dem Wahrnehmen der Welt ist es dem Men-schen durch Bewegung aber auch möglich sich selbst auszudrücken. In der Bewegung äußert er sich ganzheitlich mit allen Facetten und Einstel-lungen, Bewusstem und Unbewusstem. Es steckt viel mehr als nur die bloße funktionelle Bedeutung in der Bewegung, in Rückbezug auf den ganzen Menschen ist sie immer logisch und erklärbar. Somit ist es mög-lich, den Menschen in seiner Bewegung zu betrachten und so den ganzen Menschen zu sehen.

Bewegung ist des weiteren auch eine gute Möglichkeit gesundheitlichen Risiken vorzubeugen. Hier sind Zivilisationskrankheiten wie bspw. Adiposi-tas, Herz-Kreislauferkrankungen zu nennen, nebst Gesundheitsrisiken wie Suchtverhalten, Stress etc. Dabei kann Bewegung nicht ‚nur’ intervenie-rend eingesetzt werden, sondern unbedingt auch präventiv.

Schließlich bleibt noch zu erwähnen, dass Bewegung als soziale und per-sonale Funktion entscheidend Einfluss auf den Menschen nimmt. Beson-ders in der Jugendphase ist es dem Menschen möglich über Bewegung im gesellschaftlichen Umfeld und besonders in der Peer-Group sein eigenes Selbst zu finden, sozialen Rückhalt zu erfahren und soziale Verhaltenswei-sen einzuüben. In der Auseinandersetzung mit sich und seinem sich ver-ändernden Körper lernt der Jugendliche diesen neuen Körper kennen und kann ihn günstigstenfalls früh akzeptieren. Ein gesundes Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Selbstkonzept können hier durch die Konfrontation mit sich selbst und zwischen Individuum und der Gruppe das Ergebnis sein.

3. Jugend und persönliche Entwicklung

Im Folgenden wird in 3.1 zunächst grob die historische Entwicklung der Lebensphase Jugend bis heute dargestellt um dann in 3.2 die Entwick- lungsaufgaben im Jugendalter zu erarbeitet. Hier wird auf die inneren Wel-ten im Jugendalter geblickt. Die aktuelle Lebenswelt von Jugendlichen in Deutschland wird in 3.3 thematisiert. Es werden die gesellschaftlichen Be-dingungen aufgezeigt, in denen die Jugendlichen sich aktuell einordnen, des weiteren werden Aktivitäten genannt, welche im gegenwärtigen Alltag von Jugendlichen einen hohen Stellenwert einnehmen. In 3.4 wird der Blick auf den Bewegungsalltag in der heutigen Jugend konzentriert, es wird der Frage nachgegangen, inwieweit Jugendliche körperlich aktiv sind. Die Erkenntnisse aus den vorherigen Punkten zu Jugendlichen und ihrer persönlichen Entwicklung werden in 3.5 kritisch betrachtet.

3.1 Eingrenzung der Lebensphase Jugend

Die Lebensphase Jugend hat sich im Verlauf der gesellschaftlichen Ent-wicklung als eigenständige Lebensphase ausgebildet. Entstanden ist die ‚Jugend’ erst durch die Einführung des verpflichtenden Schulsystems und eine daran anschließende berufliche Ausbildung. Vorher galt die Person mit der Geschlechtsreife als voll erwachsen. Später war die Jugend eine kurze Phase zwischen Geschlechtsreife und dem zeitlich frühen Be-rufseinstieg und zeitnaher Familiengründung.

Heute kann angesichts der immer weiter zunehmenden Knappheit von Ar-beitsplätzen ein Drang zu höheren Ausbildungsabschlüssen verzeichnet werden. Die schulische/berufliche Ausbildung nimmt fortlaufend mehr Le-bensjahre in Anspruch, der Berufseinstieg und damit auch die finanzielle Eigenständigkeit wird somit erst in späteren Jahren erreicht. Das deutsche Bildungssystem wurde zu einem biografischen Warteraum auf dem Weg zum Erwachsenenalter, das traditionell mit dem Erwerbsalter gleichgesetzt wird.[12]

Heute hat die Lebensphase Jugend nicht mehr den „Übergangscharakter mit einem qualifikatorischen Zubringerdienst zu den vollwertigen Erwach- senenpositionen“[13]. In der Shell Jugendstudie 2006 wird diese Lebenspha-se als eine Zeit des zwecklosen Verweilens in der Gesellschaft beschrie-ben, es fehlen feste Perspektiven und klare Verantwortungen für gesell-schaftliche Belange. Die Jugendlichen sehen sich in einem Widerspruch zwischen steigenden persönlichen Autonomiebedürfnissen, ziemlich frei gestaltbaren Lebenssituationen (aufgrund von zu wenigen vorgegebenen sozialen Bindungen, Werteorientierungen etc.) und den ökonomischen Hindernissen durch die zumeist fehlende Erwerbstätigkeit.[14]

Es bleibt also festzuhalten, dass die Lebensphase heute nicht eindeutig eingrenzbar ist. Der Einstieg wird gemeinhin mit der einsetzenden Pubertät erlangt. Wann dieser Zeitpunkt allerdings erreicht ist, ist pauschal nicht zu sagen und hat sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter nach vorne verschoben. Durchschnittlich ist er bei Mädchen mit 11,5 Jahren und bei Jungen mit 12,5 Jahren erreicht.[15] Für den Abschluss ist ein biologisches Kriterium, wie etwa „das Ende des Wachstums sowie der Abschluss der vollen biologischen Reproduktionsreife“[16] allein nicht ausreichend. Kriterien wie eine beendete Berufausbildung bzw. der Einstieg in die Erwerbstätig-keit scheinen hier logischer und unabdingbar. Allerdings sind diese, wie bereits oben angedeutet, nicht verallgemeinerbar, da diese Kriterien heute zu unterschiedlichsten Zeitpunkten erlangt werden. Außerdem werden sie bei vielen, beispielsweise akademischen Bildungsgängen, immer später erreicht. Gleichzeitig aber werden die ‚Jugendlichen’ immer früher mit ‚er-wachsenen Tätigkeiten’, wie beispielsweise sexuellem, politischem, kon-sumorientiertem Verhalten konfrontiert. Die Erklärung, dass ein ‚Status Quo’ existiert, in dem in einigen Bereichen das Erwachsenenalter erreicht, in anderen aber noch das Jugendalter vorherrschend ist, scheint nachvoll-ziehbar zu sein.[17] Nach wie vor unverändert bleibt allerdings, dass „dieser Lebensabschnitt durch die zentrale lebensgeschichtliche Chance gekenn- zeichnet ist, in Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Lebens-bedingungen die Gestaltung der eigenen Biographie selbst in die Hand zu nehmen und eine eigene Identität zu finden“[18]. Diese positive Chance stellt sich gleichzeitig auch als Problem dar. Die Kluft zwischen dem sinnfreien Dasein ohne feste gesellschaftliche Aufgabe bzw. klare Perspektiven, dazu dem immer früheren Einstieg in die Jugend (Pubertät) und der gleichzeiti-gen Konfrontation mit erwachsenen Tätigkeiten, dennoch nicht unabhän-gig zu sein also ökonomisch auf andere angewiesen zu sein, belastet Ju-gendliche vermehrt und führt zu Verunsicherungen.

3.2 Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase

In der Lebensphase Jugend wird der Jugendliche in seiner Reifung mit zentralen, jugendtypischen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Diese Ent-wicklungsaufgaben lassen sich in innere und äußere Welten aufteilen, sind untereinander allerdings stark verwoben.

Die inneren Welten sind zentrale Entwicklungsaufgaben, wie die Puber-tätsentwicklung, die Entwicklung der eigenen Sexualität, eine Autonomie-entwicklung sowie Ablösungsprozesse von Bezugspersonen, die kognitive Entwicklung, die Entwicklung einer eigenen Identität und des Selbstkon-zeptes. Diese Aufgaben werden von Jugendlichen zu großen Teilen auch als solche wahrgenommen. Während eine erfolgreiche Bewältigung dieser Aufgaben zu Zufriedenheit, einem emotional positiven Erleben und Erfolg führt, kann ein Scheitern mit gesellschaftlichen Ablehnungen einhergehen oder mit persönlicher Unzufriedenheit.

Zu den äußeren Welten, welche auch als Lebenswelten der Jugendlichen verstanden werden können, sind vorrangig die Familie, die sozialen Bezie-hungen unter Gleichaltrigen (Peer-Groups), die Freizeitbereiche sowie die Schule zu zählen. Diese Lebenswelten der Jugendlichen sollen an diesem Punkt nur kurz benannt werden, weil in 3.3 und 4.1 noch ausführlich auf diese aktuellen Lebenswelten Jugendlicher eingegangen wird.

3.2.1 Pubertät

In den Jahren zwischen 12 -16 sind die körperlichen Veränderungen am offensichtlichsten. „Dem Pubertierenden wächst nach und nach ein neuer, veränderter, erwachsener Körper zu.“ [19] Der Jugendliche wird sich durch diese körperlichen Veränderungen stark seiner eigenen Geschlechterrolle bewusst, zudem fühlt er sich in seinem ‚neuen’ Körper anders als noch in der kindlichen Gestalt. Seine Wahrnehmung anderer Personen und ehe-mals unbefangen betrachteter Situationen ist verändert.

Allerdings wird diese Veränderung nicht allein durchlebt, die Körper der eigenen Freundinnen und Freunde durchlaufen die gleiche Entwicklung. Es wird sich mit deren Veränderungen auseinandergesetzt und vergli-chen. Zudem wird der Pubertierende mit perfekten Körpern der Medienwelt konfrontiert, es wird suggeriert wie ein Körper auszusehen hat, auch wenn dieser für die Betreffenden nicht zu erreichen ist. [20]

Die einzelnen Reaktionen auf diese Veränderungen sind unterschiedlich. Während einige stolz sind auf erwachsene Körperformen, löst es bei ande-ren Angst aus, wieder andere machen sich zunächst wenig Gedanken ü-ber diese Veränderungen. Entscheidend ist dabei, wie die Umwelt reagiert: Werden Ideale vorgelebt, wird die Veränderung thematisiert, reagiert das direkte Umfeld positiv oder negativ auf den körperlichen Prozess?

3.2.2 Sexualität

Ein sehr wichtiger Prozess innerhalb der Pubertät ist die Entwicklung der Reproduktionsreife, mit der Jugendliche einen verantwortungsvollen Um-gang erlernen müssen. Es steht die Aufgabe im Vordergrund für sich zu entdecken, was man möchte und zulassen kann, wie man sich bindet und vor allem wie man sich sinnvoll wieder löst und stabilisiert. Jugend ist in dieser Hinsicht eine Phase der Entdeckung und des Experimentierens, euphorische Gefühle und niederschmetternde Erfahrungen gehören alltäg-lich dazu, wie auch Phasen der Abstinenz und die Erkenntnis Sexualität zurückzustellen und trotzdem Beziehungen aufrecht zu erhalten.

3.2.3 Autonomieentwicklung und Ablösungsprozesse

Durch das Ablösen von den eigenen Eltern kann der Jugendliche sich von Abhängigkeiten, Anhänglichkeiten aber auch Bequemlichkeiten lösen. Er kann immer mehr Entscheidungen selbst treffen und hat auch selbst Ver-antwortung zu übernehmen, er gewinnt eine eigene Stellung in der Welt. Der Jugendliche gewinnt hierdurch mehr und mehr Autonomie, beispiels-weise in der Tageszeiteinteilung, dem Konsum, den Medien, der Mobilität, der Schaffung einer eigenen Privatsphäre. Er kann Risiken eingehen und Verlockungen widerstehen.[21] Durch vermehrte Freiräume im Lebensalltag wird er in die Lage versetzt diese Autonomie leben zu müssen. Der Satz ‚Jugend als Risiko’ steht im Vordergrund. Es ist möglich durch ’Versuchen und Riskieren’ wichtige Lernprozesse zu erfahren. Die neu gewonnenen Freiheiten und Möglichkeiten sind Chancen Neues zu entdecken und sich abzugrenzen, aber auch sich mit Gleichaltrigen und Erwachsenen darüber auszutauschen. Die Peers gewinnen immer mehr an Bedeutung für Ju-gendliche, wobei die Eltern wichtige Bezugspersonen bleiben. Es müssen individuelle soziale Beziehungen geknüpft werden, in welchen die subjekti- ven Wünsche nach Zugehörigkeit, Spaß, Vertrautheit und Anerkennung zur Geltung kommen. In diesen Beziehungen kann der Jugendliche sich ausprobieren, Freundschaften eingehen bzw. wieder lösen, Gruppenpro-zesse erleben, sich selbst positiv einbringen, einen ‚Zufluchtsort’ finden etc.. Die Kontaktmöglichkeiten für diese Beziehungen sind im Gegensatz zur Kindheitsphase äußerst vielfältig und zu weiten Teilen von den Eltern losgelöst.

3.2.4 Kognitive Entwicklung

„Jugendliches Denken emanzipiert sich vom kindlichen Denken und leitet über zum erwachsenentypischen Denken und zur erwachsenentypischen Weltsicht.“[22] Jugendliche denken im Vergleich zu Kindern nicht anders, aber sie denken gemeinhin effizienter und komplexer. Das Wissen ist das Kriterium für die Qualität kognitiver Leistungen und dieses Wissen befindet sich in der Jugend in einem fortschreitenden Wachstum. Jugendliche er-kunden die sich ausweitende soziale, sachliche und eigene innerliche Welt. Im Jugendalter ist nach Erikson die kognitive Entwicklung erstmals so weit vorangeschritten, dass sich Jugendliche gefühlsmäßig und intellek-tuell als selbstständig verstehen und wahrnehmen können. Diese vorange-schrittene kognitive Entwicklung bedingt in der Jugendphase oftmals eine sich zuspitzende Identitätskrise.[23]

[...]


[1] vgl. Rebel, G., S. 21ff

[2] vgl. Seibel, B. S. 13

[3] vgl. Rebel, G., S. 103

[7] Jacobs, D. S. 21

[4] vgl. Rebel, G. S. 104

[5] Laging, R. 2004b, S. 2f

[6] Zimmer, R. S. 32

[8] vgl. Becker, P. S.13

[9] vgl. Lorenz, K.; Radeiski, N. S. 3ff

[10] vgl. Seibel, B., S. 13

[11] vgl. Gesundheitswirksame Bewegung – auf dem Weg zu Empfehlungen für Kinder und Jugendliche, S. 1

[12] vgl. Hurrelmann, K. 1989

[13] Hurrelmann, K., Albert, M. 2006, S. 35

[14] vgl. Hurrelmann, K., Albert, M., 2006, S. 35

[15] vgl. Brettschneider, W.-D., S. 43

[16] vgl. Fend, H., S.101

[17] vgl. Flammer, A., S.21

[18] Brettschneider, W.-D., S. 401

[19] Göppel, R., S. 84

[20] vgl.. Göppel, R., S. 84/85

[21] vgl. Flammer, A., S. 95/96

[22] Flammer, A., S. 139

[23] vgl. Hurrelmann, K. 2005, S.62

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Bewegungsförderung in der Schule zur ganzheitlichen Entwicklung Jugendlicher vor dem Hintergrund derer veränderter Lebenswelten
Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
101
Katalognummer
V133358
ISBN (eBook)
9783640397709
ISBN (Buch)
9783640398089
Dateigröße
1143 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewegungsförderung, Schule, Entwicklung, Jugendlicher, Hintergrund, Lebenswelten
Arbeit zitieren
Daniel Schrichten (Autor:in), 2007, Bewegungsförderung in der Schule zur ganzheitlichen Entwicklung Jugendlicher vor dem Hintergrund derer veränderter Lebenswelten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133358

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