Kommunikationspsychologie im gemeindepädagogischen Kontext

Die Relevanz der 'Gewaltfreien Kommunikation' von Marshall B. Rosenberg für die gemeindepädagogische Praxis am Beispiel von gemeindeinternen Konfliktgesprächen


Diplomarbeit, 2009

91 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 GEMEINDEPÄDAGOGIK
2.1 GESCHICHTE DER GEMEINDEPÄDAGOGIK
2.2 HANDLUNGS- UND THEMENFELDER
2.3 GEMEINDEPÄDAGOGISCHE KOMPETENZEN
2.4 KOMMUNIKATIONSPSYCHOLOGIE IN DER GEMEINDE

3 KONFLIKTBEHANDLUNG
3.1 KONFLIKTDEFINITION UND IHRE REICHWEITE
3.2 KONFLIKTMANAGEMENT
3.3 KONFLIKTEBENEN UND KONFLIKTMOTIVE
3.4 ANWENDUNGSBEREICHE IN DER GEMEINDE

4 DAS MODELL DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.1 ZUM BEGRÜNDER MARSHALL B. ROSENBERG
4.2 DAS WESEN DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.3 DIE ZIELE DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.4 DER URSPRUNG DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.5 DIE ANWENDUNGSBEREICHE DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.6 DAS KONZEPT DER GFK UND SEINE VIER SCHRITTE
4.6.1 Der erste Schritt: Beobachtung und Wahrnehmung
4.6.2 Der zweite Schritt: Gefühle
4.6.3 Der dritte Schritt: Bedürfnisse
4.6.4 Der vierte Schritt: Bitten
4.6.5 Empathisch aufnehmen

5 FALLBEISPIELE
5.1 METHODIK
5.2 FALLBEISPIEL A
5.3 FALLBEISPIEL B
5.4 FALLBEISPIEL C

6 SCHLUSSFOLGERUNGEN
6.1 ANWENDBARKEIT DER GFK INNERHALB CHRISTLICHER GEMEINDEN
6.2 CHANCEN DER GFK
6.3 KRITISCHE ASPEKTE DER GFK

7 RESÜMEE

8 ANHANG

9 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Eine friedlichere und gewaltfreiere Welt schaffen – diesem Wunsch folgen über-zeugte Friedensaktivisten, Wissenschaftler, Politiker, und all jene Menschen, die Gewaltlosigkeit propagieren. Weltweit sind Menschen auf der Suche nach neuen Mitteln und Wegen zur wirksamen Gewaltminderung. So mahnt auch der Moral-theologe Bernhard Häring in seinem Buch „Die Heilkraft der Gewaltlosigkeit“ vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zu neuem Einsatz für eine friedlichere Kultur. Er sieht speziell das Christentum in der Verantwortung: „Theologen und Religionspädagogen sollten der Gewaltfreiheit und den zwischen menschlichen Beziehungen mehr Aufmerksamkeit schenken“ (Häring 1986, 86). Der Grund all dieser Anliegen ist offensichtlich: Gewalt ist aktueller denn je. Gewaltstatistiken zeigen ein hohes und noch immer ansteigendes Maß an Gewaltakten. Im Jahr 2007 wurden deutschlandweit insgesamt 217 923 Fälle von Gewaltverbrechen wie Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Körperverletzung und Raubdelikte gemel-det (PKS 2007 - Gesamtausgabe). Auch in der alltäglichen Kommunikation kommt nach Marshall B. Rosenberg subtile Gewalt zum Vorschein, die durch Be-schuldigungen, Beleidigungen, Mobbing und durch zwischenmenschliche Gleich-gültigkeit ihren Platz in den menschlichen Beziehungen findet. Marshall B. Ro­senberg hat deshalb ein Modell entwickelt, um dem entgegenzuwirken. Der frei arbeitende amerikanische Konflikttrainer und Mediator entwickelte das Modell der ‚Gewaltfreien Kommunikation‘, durch das gewaltfreies Sprechen und Han-deln möglich sein soll. Dieses Konflikt und- Kommunikationsmodell bietet eine Zugangsmöglichkeit zu den Gefühlen und Bedürfnissen von Menschen und hilft diese einfühlsam wahrzunehmen und auszudrücken. Infolgedessen können sich Beziehungen aller Art zwischen unterschiedlichen Personen klären, was wiede-rum ihre Lebensqualität erhöhen kann. Das hätte weitreichende Folgen sowohl für den Alltag, das Arbeitsumfeld dieser Menschen und darüber hinaus auch für ge-samtgesellschaftliche Zusammenhänge. Das beruht auf der Annahme, dass die ‚Gewaltfreie Kommunikation‘ sowohl eine hochwirksame Technik als auch eine innere Haltung ist, die das Leben von Menschen nachhaltig verändern kann. So-weit der Anspruch des Modells.

Doch in wie weit stimmt dieser Anspruch mit der Realität überein? Ist sie in christlichen Gemeinden umsetzbar? Und welchen Nutzen kann das Modell den Menschen, die im gemeindlichen bzw. gemeindepädagogischen Kontext leben und arbeiten bringen? Pastoren, Gemeindepädagogen und andere haupt- und eh-renamtliche Mitarbeitende in den kirchlichen Diensten könnten das Modell der ‚Gewaltfreien Kommunikation‘ unter Umständen als ein sehr wirksames und Ar-beiterleichterndes Kommunikationswerkzeug verwenden, dessen Potential bisher in diesem Bereich noch größtenteils unentdeckt geblieben ist.

Die Arbeit der Gemeindepädagogen verlangt ein hohes Maß verschiedener Kom-petenzen, wobei v.a. die "dialogische Kompetenz" bzw. die kommunikative Kom-petenz als eine Schlüsselqualifikation für professionelles gemeindepädagogisches Handeln angesehen wird. Eine Komponente dieser Kompetenz betrifft insbeson-dere die Wahrnehmung und den Abbau von Kommunikationsbarrieren (vgl. Pi-roth 2004, 93-94). In dieser Hinsicht besitzt die ‚Gewaltfreie Kommunikation‘ (im Folgenden mit „GFK“ abgekürzt) möglicherweise das Potential, insbesondere gegenüber anderen Konflikt - und Kommunikationsmodellen, diese Schlüsselqua-lifikation in erheblicher Weise weiter zu entwickeln und auszubauen. Sollte dem so sein, wäre dieses Modell für das Leben und Arbeiten im gemeindepädagogi-schen Kontext sehr empfehlenswert. Um dies zu prüfen soll diese Arbeit folgen-den Fragen genauer nachgehen:

1. Lässt sich die GFK in einer christlichen Gemeinde nutzen?
2. Welche positiven und negativen Faktoren sind bei der Konfliktbearbeitung mit der GFK in einer christlichen Gemeinde zu berücksichtigen?
3. In welcher Art und Weise beeinflusst der Einsatz der GFK das Verhältnis zweier oder mehrerer Gemeindemitglieder in einer konkreten Konfliktsituation zueinander?

Wenn in den folgenden Ausführungen von dem gemeindepädagogischen Kontext gesprochen wird, umfasst diese Begrifflichkeit neben den Gemeindepädagogen all jene Aktivitäten und Personengruppen, die in irgendeiner Form lehrende, erzie-hende oder betreuende - kurz gesagt pädagogische - Funktionen erfüllen. Sie tragen die Verantwortung für andere Menschen und sollten deshalb befähigt wer- den Konflikt lösende und Beziehungen klärende Interventionsmöglichkeiten ken-nen zu lernen und zu gebrauchen. Nichts desto trotz können die Erkenntnisse auch für die übrigen Gemeindemitglieder interessant und relevant sein, da auch sie sich – wie alle Menschen - mit Konflikten auseinander setzen müssen und sie gleichermaßen innergemeindliche Beziehungen pflegen. Die Ausführungen dieser Arbeit beziehen sich vorrangig auf die strukturellen und theologischen Gegeben-heiten der evangelischen Kirche in Deutschland. Die gewonnenen Erkenntnisse behalten aber auch für andere Konfessionen größtenteils ihre Gültigkeit. Ferner sind ‚Zaungäste‘ aller Art ausdrücklich erwünscht.

Im folgenden Text werden, wann immer vorhanden, geschlechterneutrale Formu-lierungen wie ‚Studierende‘ bevorzugt. Zugunsten der Lesbarkeit und Verständ-lichkeit wird aber in allen anderen Fällen das männliche Genus benutzt, um um-ständliche Formulierungen wie die Folgende zu vermeiden: ‚An den Schulungen von Rosenberg nahmen in den letzten 30 Jahren die verschiedensten Personen-gruppen wie Schüler und Schülerinnen, Auszubildende, Studenten und Studentin-nen, Eltern, Manager und Managerinnen, Militärs, Friedensaktivisten und Frie-densaktivistinnen, Anwälte und Anwältinnen als auch Geistliche teil‘.

Der Inhalt dieser Arbeit wird durch ihren Arbeitstitel strukturiert. Mit dem zwei-ten Kapitel beginnt zuerst einmal die Annäherung an die Gemeindepädagogik und ihre Charakteristika. Das dritte Kapitel behandelt das Thema Konfliktmanage-ment, wobei die Grundlagen der Konfliktbehandlung und Interventionsmöglich-leiten aufgezeigt werden. Das vierte Kapitel widmet sich ausführlich dem Modell der ‚Gewaltfreien Kommunikation‘ und seinem 4-Schritte-Konzept. Die drei Fall-beispiele in Kapitel fünf beschäftigen sich mit der praktischen Anwendbarkeit des Modells und liefern weitere Rückschlüsse, die in Schlussfolgerungen unter Kapi-tel sechs gesammelt werden. Schlussendlich ermöglicht das Resümee eine Klä-rung der drei anfänglich gestellten Fragen.

Die gesamte Arbeit stützt sich im Wesentlichen auf frei zugängliche Literatur aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik, Theologie und Soziologie. Es werden auch einige im Internet zugängliche Quellen verwendet, welche nennenswerte In-formationen für das Thema enthalten.

2 Gemeindepädagogik

Im Folgenden wird auf den gemeindepädagogischen Kontext näher eingegangen. Dafür wird zuerst ein kurzer geschichtlicher Abriss der Gemeindepädagogik eröffnet, danach werden ihre Arbeits- und Themenfelder skizziert. Anschließend wird nach der Klärung zentraler gemeindepädagogischer Kompetenzen der Zu-sammenhang von Kommunikationspsychologie und Gemeindearbeit erläutert.

2.1 Geschichte der Gemeindepädagogik

Die Geburtsstunde der Gemeindepädagogik fällt mit der Entstehung des Begriffe]s zusammen. Der Begriff entstand zufälligerweise fast zeitgleich in Westdeutsch-land und in der ehemaligen DDR. 1973 verwendete Enno Rosenboom und 1974 Eva Hessler den Begriff ‚Gemeindepädagogik‘ erstmalig in einem Vortrag (vgl. Adam/ Lachmann 1987, 55). Terminologisch hatte die Gemeindepädagogik Schwierigkeiten sich von der Religionspädagogik abzugrenzen, da diese in den sechziger Jahren eine festgeschriebene Bezeichnung für die Theorie schulischen Religionsunterrichtes war. Doch funktional betrachtet verbinden sich unter dem Dach der allgemeinen Religionspädagogik das Handlungsfeld des schulischen Re-ligionsunterrichts und die unterschiedlichen gemeindepädagogischen Handlungs-felder (vgl. a.a.O., 17-18).[1] Die Ursachen für die Entwicklung dieses neuen Be-rufszweiges waren vielschichtig. Ein wichtiger Beweggrund für die evangelische Kirche soll an dieser Stelle kurz angerissen werden:

Als Folge des gesellschaftlichen Wandels und der damit verbundenen Kirchenaus-trittswellen in den Jahren 1969 und 1970 zeigte sich das Misslingen der kirchlich-religiösen Sozialisation und offenbarte das ‚Kommunikationsdefizit‘ sowie das ‚Bildungsdilemma‘ innerhalb der Kirche (vgl. Piroth 2004, 74). Gefragt wurde nun nach einem "Fachmann für die sich dauernd verändernden und wachsenden pädagogischen Aufgaben der Kirche" (Buttler 1992, 19f., zitiert bei Piroth 2004, 75), der "primär im Fachbereich Pädagogik kompetent sein" (Buttler 1992, 19f., zitiert ebd.) sollte. Dabei ist zu erwähnen, dass die Landeskirchen, bedingt durch ihre eigene Tradition und Struktur, diese neue Berufsbezeichnung sehr unter-schiedlich verstanden. Die genaue Abgrenzung des Gemeindepädagogikbegriffes erweist sich bis heute als sehr heterogen (vgl. a.a.O., 76-79). Das liegt zum Einen daran, dass die Rolle der schulischen Religionslehrer sowie der Pfarrer und der Katecheten neu definiert werden musste (Adam/Lachmann 1987, 15-18). Zum Anderen bedurfte der Begriff einer Klärung indem diskutiert wurde, ob die Ge-meindepädagogen eher in den theologischen oder mehr in den pädagogischen Kompetenzen befähigt werden sollten (vgl. Piroth 2004, 76).

2.2 Handlungs- und Themenfelder

In dem Formungsprozess der Gemeindepädagogik entwickelte der Rat der EKD in den 80er Jahren konkrete Vorstellungen, wie dieser neue Beruf theoretisch und praktisch handlungsfähig wird. Danach sollen diese kirchlichen Mitarbeiter Glau-ben, Leben und Lernen in ihrer Beziehungsdynamik fördern und so zu einer reli-giösen Sozialisation von Menschen innerhalb der Gemeinde und in deren Umfeld beitragen (vgl. Möller 1987, 48-50).

Im Laufe der Jahre zeigten sich die Qualitäten dieser Berufsgruppe. Neben den lehrenden, erziehenden und betreuenden Funktionen umfasst Ihr Aufgabenspekt-rum ebenso die Planung, Organisation und Durchführung von Gruppenaktivitäten, Gottesdiensten, Hauskreisen und Freizeiten (vgl. Möller 1987, 48). Daneben tre-ten Gemeindepädagogen auch für die religiöse Erziehung ein. Diese findet statt in: Familien, Kindergärten, Kindergottesdiensten, Konfirmandenarbeit, kirchlicher Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Altenarbeit (vgl. ebd.). Somit nimmt die Kirche ihren christlichen Auftrag wahr, indem sie Menschen zu einem eigenstän-digen und verantwortungsvollen Glauben an Jesus Christus befähigt. Kommuni-kation und Glaube gehen Hand in Hand und prägen sowohl das Leben als auch das Arbeiten in der Gemeinde. Ernst Lange prägte in diesem Zusammenhang den Ausspruch "Kommunikation des Evangeliums" (vgl. Adam/Lachmann 1987,27).

Er möchte seine Worte praktisch verstanden wissen. Es geht nicht nur um die rei-ne Wortverkündigung des Wortes Gottes. Vielmehr sollen alle Prozesse in der Gemeinde der "Kommunikation des Evangeliums" dienen, mit unterschiedlichen Methoden in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen von der Predigt bis zur Seel-sorge. Diese Vorstellung wurde sowohl von der Kirche als auch der theologischen Literatur aufgegriffen und diente als Grundlage für weitere Überlegungen (vgl. a.a.O., 27-29). Die Gemeindepädagogik übernimmt ihren Teil der Verantwortung für die "Kommunikation des Evangeliums", da alle praktischen Aktivitäten in die-sen Sinnhorizont eingebettet bleiben sollen. Die zwischenmenschliche Kommuni-kation stellt hierbei eine Schlüsselfunktion in der beruflichen Praxis von Gemein-depädagogen dar.

Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2000, in der 21 evangelischen Landeskirchen[2] befragt wurden, ergab sich eine geschätzte Gesamtstellenzahl von 4400 bis maxi­mal 5200 Vollstellen, auf denen rund 6000 Gemeindepädagogen arbeiteten. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten lag nach Aussage dieser Studie in der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Festzuhalten gilt es hierbei, dass durch die unterschiedlichen Erwartungen an die Kompetenzen und Einsatzorte der Gemein-depädagogen von Seiten der Landeskirchen sowie die uneinheitlichen Standards in der Ausbildung die Formung eines klar definierten Berufsbildes bis heute er-schwert wird (vgl. Piroth 2004, 77-82).

2.3 Gemeindepädagogische Kompetenzen

Nicole Piroth, Erziehungswissenschaftlerin und diplomierte Religionspädagogin, beschäftigt sich in ihrer Publikation ‚Gemeindepädagogische Möglichkeitsräume biographischen Lernens (2004)‘ mit fünf verschiedenen Kompetenzen, die eine entscheidende Relevanz für die gemeindepädagogische Arbeit besitzen. Sie sam-melt ihre Erkenntnisse gut strukturiert in einer Darstellung (siehe Darst.1; Piroth 2004, 94), die den Titel ‚Aspekte gemeindepädagogischer Professionalität’[3] trägt.

Darst. 1: Aspekte gemeindepädagogischer Professionalität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die kommunikative Kompetenz wird als Erste benannt, weil sie nach Piroth als eine gemeindepädagogische Schlüsselqualifikation anzusehen ist. Sie beinhaltet die Kommunikations- und Dialogfähigkeit in verschiedenen Kontexten, die Be-ziehungskompetenz, die Vernetzung und Koordination von Kommunikationspro-zessen sowie die Wahrnehmung und den Abbau von Kommunikationsbarrieren (vgl. Piroth 2004, 93-96). Diese Fähigkeiten (Komponenten) spielen bei der zwi-schenmenschlichen Verständigung eine entscheidende Rolle. Eine adäquate Kommunikation ist in vielen Bereichen innerhalb der Gemeinde notwendig, vor allem dort, wo es darauf ankommt sich effektiv und zugleich sensibel zu artikulie-ren. Um diese Fähigkeiten weiter auszubauen, hat es Sinn sich neues Wissen und Fertigkeiten aus dem Bereich der Kommunikationsforschung anzueignen. Aus diesem Grund kann die kommunikative Kompetenz einerseits Voraussetzung für die Anwendung der ‚Gewaltfreien Kommunikation’ (GFK) sein und sich anderer-seits möglicherweise durch den Einsatz der GFK positiv weiterentwickeln.

Die Professionalität der Gemeindepädagogen verlangt grundsätzlich in jedem die-ser Kompetenzbereiche gewisse Fertigkeiten und Kenntnisse. Einzelne Fähigkei-ten (Komponenten) können durch den persönlichen Charakter schon teilweise vorgegeben sein, lassen sich aber gegebenenfalls auch durch Übung und Aneig-nung von fachspezifischem Wissen in gewissem Maße schulen. In diesem Sinne gibt es noch weitere Komponenten, denen ähnliche Bedeutung zukommt. Das sind beispielsweise die Selbstreflexion (vgl. Pkt. 4.6.4) bei der Selbstkompetenz oder die Wahrnehmung (vgl. Pkt. 4.6.1) bei der Feldkompetenz.

2.4 Kommunikationspsychologie in der Gemeinde

Kommunikation[4] ist immer ein soziales Geschehen, das sich zwischen Menschen ereignet. Demnach geschieht zwischenmenschliche Kommunikation „also zwi-schen zumindest zwei realen Menschen und ist von daher ein soziales Ereignis“ (Rothe 2006, 10). Die kommunikativen Vorgänge, die folglich zwischen zwei oder mehreren Personen stattfinden, können aus der Sichtweise der Kommunika-tionspsychologie analysiert werden. Das gewonnene Wissen nützt nicht nur Kommunikationstheoretikern, sondern all jenen interessierten Nutzern, die sich und andere auf kommunikativer Ebene besser verstehen wollen. Schulz von Thun bemerkt dazu: „Kommunikationspsychologie erhebt nicht nur den Anspruch die Vorgänge zwischen Sender und Empfänger wissenschaftlich zu erhellen, sondern auch Rüstzeug und Wegweiser für eine Verbesserung der zwischenmenschlichen Kommunikation bereitzustellen“ (Schulz von Thun 2006,16). Als kleinste Einheit wird dabei zwischen Sender und Empfänger einer Botschaft unterschieden. In die-ser Hinsicht liefern kommunikationspsychologische Modelle und Theorien wich-tige Einblicke in die vielschichtigen Dimensionen der menschlichen Psyche. Sie verfügen über empirisch fundierte Erklärungsmodelle, die Aufschlüsse geben können über Beziehungsschwierigkeiten in Privatleben und Beruf, Konfliktsitua-tionen jeder Art sowie über Unstimmigkeiten in Organisationen, Institutionen und Gesellschaft (vgl. a.a.O., 19-21; vgl. Watzlawick 2000, 115-137).[5]

Unausgesprochene Meinungen, kleine Streitereien, offene Gefechte und andere Auseinandersetzungen sind auch Thema in einer Gemeinde. Demgegenüber ist das Ideal gemeindlichen Lebens im Allgemeinen definiert durch ein friedvolles und harmonisches Miteinander. Die Menschen innerhalb der Kirche bewegen sich folglich in einem institutionellen Spannungsfeld, das durch unterschiedliche Dy-namiken gekennzeichnet ist, die jedoch eine gründliche Konflikt- und Bezie-hungsklärung erschweren können (vgl. Böhmer/Klappenbach 2006, 156 ff.; Mül-ler-Weißner 2003, 109). Vor allen die Personen, die pädagogische Arbeit leisten, sollten sich das bewusst machen. Kommunikationspsychologie kann für diesen Zweck viel erkenntnistheoretisches Wissen und außerdem machtvolle Werkzeuge bereitstellen, um das gemeinsame Leben und Arbeiten in der Gemeinde verträgli-cher zu machen. Insofern profitiert der Lern- und Lebensraum Gemeinde von dem Wissen um die kommunikationspsychologischen Vorgänge zwischen Menschen.

3 Konfliktbehandlung

Konflikte gibt es überall, wo Menschen aufeinander treffen, da jeder Mensch an-dere Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse[6] hat und zudem unterschiedliche Strate-gien diese zu befriedigen. Aus dieser Sichtweise sind Konflikte nichts Unnorma-les oder Verwerfliches, lediglich die Art und Weise, wie die Konflikte beurteilt und gelöst werden, ist in vielen Fällen fragwürdig. Im kirchlichen Bereich gilt es genau wie in jeder anderen Organisation, Konflikte zu klären, um sich auf die selbst gesetzten Ziele zu konzentrieren. Nur scheuen viele kirchliche Mitarbeiter wie auch Gemeindeglieder die Auseinandersetzung mit diesem Thema - eine Son-dersituation, auf die in diesem Kapitel noch näher eingegangen wird. Die gezielte Konfliktbehandlung kann dem entgegen wirken. Sie hilft im privaten wie auch im professionellen Bereich schneller, effektiver und gründlicher zu einer Konfliktlö-sung zu kommen. Die GFK fällt als ein Konflikt behandlungs modell unter diese Kategorie. Zunächst gilt es zu klären, was man unter einem Konflikt versteht.

3.1 Konfliktdefinition und ihre Reichweite

Es ist sinnvoll den Konfliktbegriff genauer zu bestimmten, da ein zu weit gefass-ter ‚Container-Begriff‘ schnell zur bloßen Vernebelung und Polarisierung von Sachverhalten genutzt werden kann. Das Ziel ist eine präzise, treffende Definition, die möglichst alle Ebenen des Konfliktgeschehens umfasst. Eine Schwierigkeit ergibt sich dabei möglicherweise schon aus der differierenden Betrachtungsweise jedes Menschen der verschiedenen Ebenen eines Konfliktes, was auch Einfluss auf den zu definierenden Terminus "Konflikt" haben kann. Bei dem Einen setzt ein Konflikt schon bei einer Unvereinbarkeit im Denken zweier oder mehrerer Personen an, bei einem Anderen womöglich erst bei der Unvereinbarkeit einer Handlung zweier oder mehrerer Personen. Glasl formuliert unter Einbezug ande-rer Begriffsbestimmungen eine umfassende Definition für einen ‚sozialen Konf-likt‘, wobei ‚sozial‘ eine Beschreibung für die sozialwissenschaftliche Betrach-tungsweise sein soll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Inhalt dieser Begriffsbestimmung ist vielschichtig und besitzt wohl kaum All-tagstauglichkeit. Dennoch öffnet die Definition unter Umständen den eigenen Verständnishorizont und dient zudem auch als Bezugspunkt für die wissenschaft-liche Untersuchung von Konflikten. Eine verkürzte praktischere Definition, die der eben genannten sehr ähnlich ist und sich möglicherweise auch genau auf diese bezieht, findet sich bei Klappenbach :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Konflikt ist ausgehend von beiden Begriffsbestimmungen nichts Seltenes und trifft schon bei einer zwischenmenschlichen Konkurrenzsituation zu (ebd.). Die kürzere Definition soll im Verlauf der Arbeit als Grundlage für die weiteren Überlegungen bevorzugt werden.

3.2 Konfliktmanagement

Der modische Halb - Anglizismus ‚Konfliktmanagement‘ lässt womöglich leicht die Assoziation eines geschäftigen "Konflikt-Managers" aufkommen, der die Füh-rung über den weiteren Verlauf eines Konflikts übernimmt. Diese Vorstellung ist sogar überwiegend richtig. Konfliktmanagement befasst sich mit jenen Interven-tionen, die sich zum größten Teil auf den Konfliktprozess richten. Es soll negati-ven Faktoren entgegen gewirkt werden, um so zu einer Verbesserung der Vorstel-lungen, Einstellungen und Verhaltensweisen der (Konflikt-)Parteien beizutragen und die Aggressionsentwicklung zu verhindern (vgl. Glasl 1997, 19-21). Konf-liktmanagement findet Anwendung im Rahmen von professionellen Beratungsge-sprächen (vgl. Kap. 3.3). Daher leisten dies in vielen Fällen ausgebildete Perso-nen, die zudem über das nötige Know-how und genügend Erfahrung verfügen, um einzelnen oder mehreren (streitenden) Personen unterstützend zur Seite zu stehen. Nichtsdestotrotz nutzen auch Schüler, Studierende, Manager, Angestellte das Wissen aus dem Bereich Konfliktmanagement für ihre Zwecke. Es gibt neben dem Konfliktmanagement noch andere Formen von Konflikt lösenden Interventi-onsmöglichkeiten, die jeweils an einer anderen Stelle des Konfliktprozesses an-setzen (vgl. a.a.O., 19). Den Überbegriff, unter dem sich alle Arten von Interven-tionen sammeln, bezeichnet man als "Konfliktbehandlung" (vgl. a.a.O., 17). Die Konfliktbehandlung zielt schwerpunktmäßig auf drei Bereiche ab:

1.) Beeinflussung des Konfliktpotentials:

Entweder liegt die Eskalation eines Konfliktes an persönlichen Faktoren einer Partei wie der Charakterstruktur, bestimmten Verhaltensgewohnheiten oder einer individuellen Auffassung. Oder sie liegt an sachlichen Faktoren wie der mangel-haften Organisationsstruktur, einer unzureichenden Funktionsabgrenzung oder un-terschiedlichen Vergütungen im Beruf usw.. Die Faktoren können sich gegensei-tig beeinflussen. Interventionen können sich speziell auf die Faktoren des Konf-liktpotentials hin ausrichten.

2. Beeinflussung des Konfliktprozesses:

Durch Aktion und Reaktion der Parteien entsteht eine Folge von verbalen und nonverbalen Verhaltensweisen. Es kommt zu einer Verkettung und Vernetzung von mehreren Mechanismen, die den Konfliktprozess beeinflussen. Der erste Me-chanismus führt bei den Konfliktparteien zu einer Verzerrung der Denk- und Wahrnehmungsfähigkeit.[7] Der zweite Mechanismus intensiviert das gegenseitige Misstrauen und der dritte führt zu einer "Radikalisierung im Willensleben" (a.a.O., 18). Den negativen Faktoren des Konfliktprozesses kann durch Interventi­on entgegen gewirkt werden.

3. Beeinflussung der Konfliktfolgen:

Die Folgen eines Konfliktes können im persönlichen oder sachlichen Bereich lie-gen. Eine Person kann in einer Streitigkeit gekränkt worden sein, oder ihr Auto wurde in einem Gewaltakt beschädigt. In beiden Fällen können die Wirkungen absichtlich oder unbeabsichtigt herbeigeführt worden sein (vgl. Glasl 1997, 18). Es gibt Interventionsmöglichkeiten, die beim Umgang mit den Folgen helfen kön-nen.

Das Modell der GFK besitzt vermutlich die Fähigkeit das Konfliktpotential, den Konfliktprozess und die Konfliktfolgen zu beeinflussen. Es kann beispielsweise Verhaltensgewohnheiten ändern, indem das eigene Tun mit Hilfe der GFK reflek-tiert (vgl. Kap. 4.2) wird oder es die eigene Wahrnehmung schult (vgl. Pkt. 4.6.1). So kann auch die anschließende Bearbeitung der Konfliktfolgen mittels der GFK unter Umständen vorteilhaft verlaufen, da eine Selbstklärung der Gefühle und Be-dürfnisse in dem Modell vorgesehen ist (vgl. Kap. 4.2). Dementsprechend gehört die GFK einerseits funktional zum Bereich des Konfliktmanagements, reicht aber andererseits über dessen Aktionsradius hinaus. Der Begriff Konflikt behand-lungs modell entspräche eher dem Anspruch der GFK (vgl. Kap. 4.3).

3.3 Konfliktebenen und Konfliktmotive

Die Konfliktforschung unterscheidet drei Ebenen, auf denen Konflikte stattfinden können:

a) Auf der intrapersonalen (innerlichen) Ebene,
b) auf der interpersonalen (zwischenmenschlichen) Ebene,
c) auf der organisationalen (betrieblichen) Ebene.

Dementsprechend müssen auch die Interventionen zur Konfliktbehandlung an der jeweiligen Ebene ansetzen, um effektiv zu wirken (vgl. Steiger/Lippmann 1999, 338). Es gibt aber auch spezialisierte Formen von professionellen Beratungstech-niken wie beispielsweise der Systemische Ansatz, der besonders geeignet ist Or-ganisationsstrukturen und Interaktionsmuster im beruflichen Kontext zu analysie-ren. Moderne Beratungstechniken wie Supervision oder Coaching sind gut geeig-net, um Konflikte auf allen drei Ebenen zusammen zu betrachten und zu einer sinnvollen Problemlösung zu gelangen (vgl. Böhmer/Klappenbach 2007,36 ff.). Diese Beratungstechniken fallen in die Kategorie professioneller Kommunikation. Weitere Formen professioneller Kommunikation sind Mediation, psychosoziale Beratung, Psychotherapie oder die Seelsorge (vgl. a.a.O., 21-27).[8]

Auf jeder der drei Ebenen sind ganz verschiedene Konfliktmotive möglich. Exemplarisch seien hier einige genannt. Bemerkt werden sollte, dass Konfliktmo-tive in der Realität nicht auf eine Ebenen begrenzt sind. Ein Konflikt mit der eige-nen Sexualität kann beispielsweise sowohl die intrapersonale wie auch die inter-personale Ebene betreffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Von besonderem Interesse für die nachfolgenden Kapitel ist die interpersonale Ebene, da das Modell der GFK schwerpunktmäßig auf sie ausgerichtet ist. Für Herbert Frosch, der sich mit der Wirkkraft von zwischenmenschlichen Beziehun-gen näher befasste, liegt der Hauptgrund für die meisten interpersonalen Konf-liktmotive in sozialen Systemen in der Spannung zwischen dem natürlichen Stre-ben nach Selbstentfaltung bzw. Individualität gegenüber der notwendigen Anpas-sung an die Regeln und Normen des Gegenübers oder der Gemeinschaft. Streitig-keiten, Spannung und Konflikte sind bei dem Aufeinandertreffen von individuel-len Bedürfnissen nicht zu vermeiden, da die Bedürfnisse von unterschiedlichen Personen in vielen Fällen nicht kongruent, also nicht deckungsgleich sind (vgl. Frosch 2002, 11-12). An dieser Stelle setzt das Modell der GFK an, nach dessen Verständnis der Kompromiss zwischen Individualität und nötiger Anpassung an das Gegenüber konfliktarm gelingen kann.

3.4 Anwendungsbereiche in der Gemeinde

Egal ob Jugendarbeit, Gemeindekirchenrat (GKR) oder Seniorenkreis - kein Be-reich ist sicher vor möglichen Konfliktsituationen. Die Art und Weise wie sie ausgetragen werden, kann sehr unterschiedlich sein. Bei den Jugendlichen werden möglicherweise Vorwürfe offen an den Kopf geworfen, im GKR schwelen viel-leicht unausgesprochene Machtkämpfe zweier Pfarrer und im Seniorenkreis entle-digt sich die Rentnerin durch Klatsch und Tratsch des Zwistes mit der eigenen Nachbarin. Die Konfliktmotive sind in diesem Bereich, ebenso wie in anderen In-stitutionen, vielfältig. Doch unterliegt die Konfliktbehandlung innerhalb der Institution Kirche einer besonderen Schwierigkeit:

Der Beherrschung und Kontrolle von Emotionen, vor allem Ärger, Aggression, Wut und sexuelle Erregung, stellt seit der Zeit des frühen Christentums ein religi-öses und später auch gesellschaftliches Ideal dar. ‚Negative' Ausdrucksformen im Zusammenhang mit Ärger und Aggression werden schon in den biblischen Versen des Neuen Testamentes in einem Atemzug mit vielerlei Bosheiten aufgeführt.[9] Klessmann bemerkt dazu: "Insofern gleicht der christliche Umgang mit Aggression dem mit der Sexualität: Beide sind so gefährlich, weil hier etwas Elementares aufbricht, das einen Menschen die Kontrolle verlieren lässt!" (Klessmann 1992, 16). Das führte in der Geschichte zur Ablehnung und Unterd-rückung dieser Emotionen um die Normen des ‚bürgerlichen‘ Ideals aufrecht zu erhalten, in vielen Fällen sogar mit Gewalt. Demgegenüber gelten Liebe, Sanf-tmut und Freundlichkeit als wichtige Elemente christlicher Lebensführung. Dieses Denken begleitet das Christentum seit seinem Ursprung. Es wurde in die theologi-schen Überlegungen übernommen und wirkte sich über 2000 Jahre bis in die mo-dernen westlichen Industriegesellschaften aus (vgl. Klessmann 1992, 13-23). Die Gründe dafür sind vielfältig.[10] Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass dieses Denken innerhalb christlicher Gemeinden auch heute immer noch weit verbreitet ist. Es ist daher leichter verständlich, wenn manche Menschen in die-sem Bereich größere Probleme haben mit Konflikten konstruktiv umzugehen.

Demgegenüber gibt es auch Faktoren, die eine Konfliktbehandlung im gemeindli-chen Kontext begünstigen. Hauskreise, Männerabende, Frauencafés oder speziel-le Gebetsabende bieten neben dem Programm auch immer zugleich einen ge-schützten sozialen Raum, indem Probleme und Konflikte besprochen werden können. Dort kann gemeinschaftlich nach einer Problemlösung gesucht werden. Auch das Einfühlungsvermögen (Empathie) der anderen Gruppenteilnehmer kann unter Umständen positiven Einfluss auf die Konfliktdynamik ausüben. Zusätzlich gibt es neben der Seelsorge und möglichen gemeindeinternen Kommunikationstrainings auch noch die professionellen Beratungsformen wie Supervision und Coaching, die in der Kirche immer häufiger Anwendung finden (vgl. Böhmer 2007, 140-141). Pfarrer und kirchliche Mitarbeiterlassen sich wei-terbilden oder werden begleitet durch professionelle Berater. Hinzu kommen auch jene Berater, die von außerhalb kommen und mit Hilfe gemeindeinterner Semina-re Einblicke in die Möglichkeiten der Konfliktbehandlung geben.

4 Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation

Wäre es nicht wunderschön ein wirksames Mittel zu haben, mit dem man die Ur-sachen von Gewalt erkennen und sie so verhindern kann? Der Schlüssel dazu liegt nach Marshall B. Rosenberg in uns, in unserer Art zu denken und wie wir uns ver-ständigen. Der Begründer der ‚Gewaltfreien Kommunikation’ hat nach eigener Überzeugung eine Möglichkeit gefunden die verschiedenen Formen von alltägli-cher Gewalt zu verstehen, sie umzuwandeln und ihnen damit entgegen zu wirken. Aber er möchte noch mehr: Die ‚Gewaltfreie Kommunikation’ beinhaltet nicht nur eine Technik, sondern möchte auch zu einer gewaltfreien Lebenseinstellung beitragen, die das friedliche Zusammenleben aller Menschen möglich machen soll. Dieses Modell soll im folgenden Kapitel genauer erklärt werden.

4.1 Zum Begründer Marshall B. Rosenberg

Marshall B. Rosenberg wuchs als weißer Jude in dem Ghetto von Detroit auf, in-dem es 1943 zu schweren Rassenunruhen kam, bei denen innerhalb weniger Tage 30 Menschen starben. Schon in jungen Jahren erlebte Rosenberg häufig körperli-che Gewalt durch Mitschüler aufgrund seiner jüdischen Herkunft (vgl. Rosenberg 2006, 15). Seit dieser Zeit beschäftigte er sich mit der Frage, welche Faktoren Menschen einerseits gewalttätig werden lassen und welche ihnen andererseits die Kraft verleihen, selbst unter schwierigen Bedingungen eine Verbindung zu ihrem einfühlsamen Wesen zu erhalten (vgl. Rosenberg 2001, 17). In den 50er Jahren studierte er klinische Psychologie an der University of Wisconsin, um Antwort auf diese beiden Fragen zu erhalten (vgl. Bitschnau 2008, 47). Er untersuchte während dieser Zeit die Bedingungen für gelingende zwischenmenschliche Bezie-hung und arbeitete außerdem an einem Forschungsprojekt von Carl Rogers mit, dem Begründer der nicht-direktiven bzw. personenzentrierten Beratung (vgl. Kap. 4.4) (ebd.). Er erlangte seine Promotion, fand aber keine befriedigende Ant-wort auf seine Fragen und studierte deshalb eigenständig weiter, um mehr Wissen über die Zusammenhänge von Gewalt bzw. Gewaltlosigkeit zu erlangen (vgl. Ro­senberg 2006,15-16). Anfang der 60er Jahren entwickelte Rosenberg dann sein Konzept der ‚Nonviolent Communication’ bzw. der ‚Gewaltfreien Kommunikati-on’, das er über Jahrzehnte weiter entwickelte und ausbaute. Als frei arbeitender Konflikttrainer und Mediator nutzte er sein Modell sowohl in Alltagskonflikten, in Schulen, in Organisationen aber auch in Ländern mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Dabei bereiste er außer den USA auch viele mitunter stark krisenge-fährdete Orte Afrikas, Palästinas, Israels, Malaysias, Indiens, Serbiens und andere Teile Europas. An seinen Schulungen nahmen in den letzten 30 Jahren die ver-schiedensten Personengruppen wie Schüler, Auszubildende, Studierende, Eltern, Manager, Militärs, Friedensaktivisten, Anwälte und Geistliche teil (vgl. Rosen­berg 2001,199). Innerhalb dieses Zeitraums gründete er das Center for Nonviolent Communication (CNVC), eine international tätige gemeinnützige Organisation, deren Mitarbeiter sich weltweit in vielerlei Formen für die Verbreitung der GFK einsetzen. Rosenberg selbst lebt zurzeit in der Schweiz und bereist nach Möglich-keit bestimmte Orte Deutschlands um seine Seminare anzubieten (vgl. Bitschnau 2008, 47-49).[11]

4.2 Das Wesen der Gewaltfreien Kommunikation

Zum Einen ist die GFK eine Kommunikations-Technik, bestehend aus vier aufei-nanderfolgenden Schritten, die gewaltfreies Sprechen möglich machen sollen. Zur Vereinfachung des fortlaufenden Textes wird für diese Technik von jetzt an die Begrifflichkeit ‚4-Schritte- Konzept‘ verwendet. Zum Anderen stellt das Modell auch eine innere Haltung dar, die sich in der Wertschätzung gegenüber der eige-nen Person sowie gegenüber anderen Personen zeigt. Die GFK wird bei Rosen­berg auch komprimiert als ein "hochwirksamer Prozess" beschrieben, der zu Ver-bundenheit und mitfühlendem Handeln inspirieren soll (Rosenberg 2006, 128). Durch die gezielte Reflexion und Modifikation von Gedanken, Sprache, Kommunikation[12] und Selbstbeeinflussung soll eine mitfühlende Verbundenheit unter den Menschen ermöglicht werden (vgl. Bitschnau 2008, 50 und vgl. Rosen­berg 2006, 128). Diese Verbundenheit geschieht automatisch an dem Punkt, an dem Menschen „... offenbaren, was in Ihnen lebendig ist" (Rosenberg 2005, 12). Möglich wird das, wenn Gefühle und Bedürfnisse offen ausgesprochen bzw. er-kennbar werden. Dahinter steht die Annahme, dass durch einfühlsames Ausdrü-cken die eigenen Bedürfnisse und auch die des Gegenübers (über längere Sicht) erfüllt werden. Rosenberg sieht darin eine Art Spiritualität (vgl. Kap. 4.4): Jede Handlung soll dem einzigen Zweck dienen zum eigenen Wohlergehen und/oder zum Wohlergehen eines anderen beizutragen. Insofern können Menschen einen Beitrag zum Leben auf dieser Erde leisten, indem sie sich oder anderen Menschen etwas Gutes tun (vgl. Rosenberg 2006, 17-18). Nach Rosenberg wird an dieser Stelle das Aufrechterhalten von Feindbildern und gewalttätigen Absichten fast unmöglich, da ein tiefes Verständnis für das Gegenüber entsteht. Darüber hinaus ergibt sich mit der Anerkennung der eigenen bzw. fremden Bedürfnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein Verständnis für die Gleichartigkeit aller lebenden Menschen. Beschuldigungen, Verurteilungen und gewalttätigen Handlungen ge-genüber ‚andersartigen‘ Menschen, die nicht in das eigene Weltbild passen, wird somit entgegen gewirkt. Der Anspruch der GFK ist es demnach auf alle Formen physischer und psychischer Gewalt verzichten zu können, indem man sich ganz auf diesen Prozess einlässt (vgl. Bitschnau 2008, 51). Rosenberg versteht den Be-griff ‚Gewaltfreiheit‘ im Sinne von Gandhi: "Er (Gandhi) meint damit unser ein-fühlsames Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt in unseren Herzen nachlässt. Wir betrachten unsere Art zu sprechen vielleicht nicht als 'gewalttätig', dennoch führen unsere Worte oft zu Verletzungen und Leid - bei uns selbst oder bei anderen" (Rosenberg 2001, 18).

[...]


[1] Zur genaueren Bestimmung dieses Verhältnisses wird festgehalten: "Terminologisch exakt müss-te unter dem Oberbegriff der Allgemeinen Religionspädagogik einerseits von schulischer Religi-onspädagogik, andererseits von gemeindlicher Religionspädagogik gesprochen werden" (Adam/ Lachmann 1987, 17).

[2] In Deutschland gibt es derzeit 22 autonome Gliedkirchen (Landeskirchen), die als Zusammen-schluss die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bilden. Jede Landeskirche verfügt über ei-ne eigenständige Verwaltung sowie über ein eigenes Steuersystem. Die territoriale Aufteilung der Landeskirchen geht zurück auf die Reformationszeit und stimmt deshalb nur z.T. mit den Grenzen der deutschen Bundesländer überein (vgl. Böhmer/Klappenbach 2007, 143 f.).

[3] Piroth benutzt den Begriff ‚Professionalität‘ als ein Kennzeichen für die Art der Ausübung der gemeindepädagogischen Tätigkeiten. Sie unterscheidet zudem Gemeindepädagogik als Profession (Beruf) von Gemeindepädagogik als Handlungswissenschaft.

[4] Aus dem Lateinischen stammend, finden sich in den verschiedenen begrifflichen Formen für Kommunikation (communicatio, communicare, Communio, Communis usw.) die deutschen Äquivalente „Mitteilung“, „Anteilnahme“ und „Gemeinschaft“ wieder (vgl. Rothe 2006, 9; vgl. Watzlawick 2000, 50 ff.).

[5] Watzlawick konstatiert in der Folge seiner Analyse des Kommunikationsbegriffes seine fünf hy-pothetischen Axiome, die ihn weltweit bekannt gemacht haben. Seine beiden wohl bekanntesten metakommunikativen Axiome lauten: „ Man kann nicht nicht kommunizieren “ (Watzlawick 2000, 53) und: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt,...“ (a.a.O., 56). Das schützt ihn aber nicht vor einer „vernichtenden Kritik“ (Rothe 2006, 102) mehrerer Kommunika-tionsforscher, die seine Aussagen stark relativieren, was aber kaum öffentliches Gehör gefunden hat (vgl. ebd.).

[6] Zur genaueren Bestimmung von "Gefühlen" und "Bedürfnissen" vgl. Pkt. 4.6.2 und Pkt. 4.6.3.

[7] Es sollte zur Kenntnis genommen werden, dass - die Perzeptionen (Wahrnehmungsfähigkeit, das Denk- und Vorstellungsleben), - das Gefühlsleben (Emotionen, Stimmungen, Einstellungen, Haltung, Neigungen) - und das Willensleben (Ziel, Absichten, Motive, Antriebe) eines Menschen unbewussten Einflüssen ausgesetzt sind, die im Konflikt nicht völlig rational zu erfassen sind (vgl. Glasl 1997, 34-42). Aus dieser Feststellung ergibt sich schnell die Einsicht, dass die Verurteilung einer Konfliktpartei nach dem Schema "gut" oder "böse" wenig Früchte trägt.

[8] Den professionellen Beratungsgesprächen liegt häufig ein bewusst gewähltes Welt- und Men-schenbild zugrunde, das Einfluss haben kann auf die Wahl der verschiedenen Beratungsmethoden bzw. auf die konkrete Arbeit mit Menschen (vgl. Böhmer/Klappenbach 2007, 21-27; 48).

[9] Zwei Beispiele: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (2.Mose 20,13; 21,12): »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit sei-nem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig" (Matthäus 5, 21). "Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschwei-fung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltun-gen, Neid, Saufen, Fressen... Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht" (Galater 5, 19-22).

[10] Eine Voraussetzung für diese Entwicklung liegt in dem griechischen Denkkonstrukt des Leib-Seele-Dualismus. Der Körper wird negativ qualifiziert und gilt als Ort der Begierden und Leiden-schaften im Gegensatz zum eigentlichen Verstand, der Seele, welche die "guten" und "göttlichen" Eigenschaften in sich verbindet. Dieses erkenntnistheoretische Problem begleitet die Philosophie sowie die Theologie seit ihren Anfängen und hat bis heute keine Auflösung gefunden. Es wird gemein hin als Leib-Seele-Problem bezeichnet (vgl. Bunge 1984, 3 ff.).

[11] Die Termine werden auf der Homepage für Gewaltfreie Kommunikation in Deutschland aktuali-siert: www.gewaltfrei.de.

[12] Zur Kommunikation von Menschen zählt neben der Sprache auch das gesamte Verhalten sowie die Mimik und Gestik.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Kommunikationspsychologie im gemeindepädagogischen Kontext
Untertitel
Die Relevanz der 'Gewaltfreien Kommunikation' von Marshall B. Rosenberg für die gemeindepädagogische Praxis am Beispiel von gemeindeinternen Konfliktgesprächen
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
91
Katalognummer
V133395
ISBN (eBook)
9783640400324
ISBN (Buch)
9783640400133
Dateigröße
2872 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"... Ein theoretisch überschaubares Gebiet wurde sehr sorgfältig und gründlich erarbeitet. Es wird deutlich, dass der Verfasser seine eigenen Erkenntnisse in der Praxis sehr fruchtbar machen kann."
Schlagworte
Kommunikationspsychologie, Kontext, Relevanz, Gewaltfreien, Kommunikation, Marshall, Rosenberg, Praxis, Beispiel, Konfliktgesprächen
Arbeit zitieren
Tobias Brunner (Autor), 2009, Kommunikationspsychologie im gemeindepädagogischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133395

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