Die Arbeit der Gemeindepädagogen verlangt ein hohes Maß verschiedener Kompetenzen,wobei v.a. die 'dialogische Kompetenz' bzw. die kommunikative Kompetenz als eine Schlüsselqualifikation für professionelles gemeindepädagogisches Handeln angesehen wird. Eine Komponente dieser Kompetenz betrifft insbesondere die Wahrnehmung und den Abbau von Kommunikationsbarrieren.In dieser Hinsicht besitzt die ‚Gewaltfreie Kommunikation‘ (im Folgenden mit 'GFK' abgekürzt) möglicherweise das Potential, insbesondere gegenüber anderen Konflikt - und Kommunikationsmodellen, diese Schlüsselqualifikation in erheblicher Weise weiter zu entwickeln und auszubauen. Sollte dem so sein, wäre dieses Modell für das Leben und Arbeiten im gemeindepädagogischen Kontext sehr empfehlenswert. Um dies zu prüfen soll diese Arbeit folgenden Fragen genauer nachgehen:
1.) Lässt sich die GFK in einer christlichen Gemeinde nutzen?
2.) Welche positiven und negativen Faktoren sind bei der Konfliktbearbeitung mit der GFK in einer christlichen Gemeinde zu berücksichtigen?
3.) In welcher Art und Weise beeinflusst der Einsatz der GFK das Verhältnis zweier oder mehrerer Gemeindemitglieder in einer konkreten Konfliktsituation zueinander?
Wenn in den folgenden Ausführungen von dem gemeindepädagogischen Kontext gesprochen wird, umfasst diese Begrifflichkeit neben den Gemeindepädagogen all jene Aktivitäten und Personengruppen, die in irgendeiner Form lehrende, erziehende oder betreuende - kurz gesagt pädagogische - Funktionen erfüllen. Sie tragen die Verantwortung für andere Menschen und sollten deshalb befähigt werden Konflikt lösende und Beziehungen klärende Interventionsmöglichkeiten kennen zu lernen und zu gebrauchen. Nichts desto trotz können die Erkenntnisse auch für die übrigen Gemeindemitglieder interessant und relevant sein, da auch sie
sich – wie alle Menschen - mit Konflikten auseinander setzen müssen und sie gleichermaßen innergemeindliche Beziehungen pflegen. Die Ausführungen dieser Arbeit beziehen sich vorrangig auf die strukturellen und theologischen Gegebenheiten
der evangelischen Kirche in Deutschland. Die gewonnenen Erkenntnisse behalten aber auch für andere Konfessionen größtenteils ihre Gültigkeit. Ferner sind ‚Zaungäste‘ aller Art ausdrücklich erwünscht.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 GEMEINDEPÄDAGOGIK
2.1 GESCHICHTE DER GEMEINDEPÄDAGOGIK
2.2 HANDLUNGS- UND THEMENFELDER
2.3 GEMEINDEPÄDAGOGISCHE KOMPETENZEN
2.4 KOMMUNIKATIONSPSYCHOLOGIE IN DER GEMEINDE
3 KONFLIKTBEHANDLUNG
3.1 KONFLIKTDEFINITION UND IHRE REICHWEITE
3.2 KONFLIKTMANAGEMENT
3.3 KONFLIKTEBENEN UND KONFLIKTMOTIVE
3.4 ANWENDUNGSBEREICHE IN DER GEMEINDE
4 DAS MODELL DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.1 ZUM BEGRÜNDER MARSHALL B. ROSENBERG
4.2 DAS WESEN DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.3 DIE ZIELE DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.4 DER URSPRUNG DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.5 DIE ANWENDUNGSBEREICHE DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION
4.6 DAS KONZEPT DER GFK UND SEINE VIER SCHRITTE
4.6.1 Der erste Schritt: Beobachtung und Wahrnehmung
4.6.2 Der zweite Schritt: Gefühle
4.6.3 Der dritte Schritt: Bedürfnisse
4.6.4 Der vierte Schritt: Bitten
4.6.5 Empathisch aufnehmen
5 FALLBEISPIELE
5.1 METHODIK
5.2 FALLBEISPIEL A
5.3 FALLBEISPIEL B
5.4 FALLBEISPIEL C
6 SCHLUSSFOLGERUNGEN
6.1 ANWENDBARKEIT DER GFK INNERHALB CHRISTLICHER GEMEINDEN
6.2 CHANCEN DER GFK
6.3 KRITISCHE ASPEKTE DER GFK
7 RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es zu untersuchen, ob und in welcher Weise das Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg als wirksames Instrument zur Konfliktbewältigung und Beziehungsgestaltung innerhalb des gemeindepädagogischen Kontexts in christlichen Gemeinden eingesetzt werden kann.
- Analyse der Relevanz von Kommunikationspsychologie in der gemeindepädagogischen Praxis.
- Detaillierte theoretische Darstellung des 4-Schritte-Konzepts der Gewaltfreien Kommunikation.
- Überprüfung der Anwendbarkeit des Modells anhand konkreter, konstruierter Fallbeispiele aus dem Gemeindealltag.
- Reflexion der Chancen sowie der kritischen Grenzen der GFK unter Berücksichtigung theologischer und soziologischer Perspektiven.
Auszug aus dem Buch
4.6.1 Der erste Schritt: Beobachtung und Wahrnehmung
Die erste Komponente erfordert die konsequente Trennung von Beobachtung und Bewertung. In vielen Fällen enthalten formulierte Aussagen ein wertendes Urteil, indem Beobachtungen und Bewertungen miteinander vermischt werden. Nach Rosenberg ist die menschliche Sprache gefüllt von moralischen Urteilen, die andere Menschen bewerten und etikettieren. Sätze wie „Du bist aber großzügig“, „Das hat Jens aber gut gemacht“, „Immer kommt Susi zu spät“, „Du verstehst mich einfach nicht“ enthalten positive und negative Urteile, die unter Umständen als Kritik verstanden werden können. So kommt es dazu, dass der Empfänger einer Botschaft (Zuhörer) bei der Vermischung von Beobachtung und Bewertung leicht dazu neigt Kritik in der Aussage des Senders (Sprechender) zu hören. Infolgedessen wehrt der Empfänger die eigentliche Botschaft möglicherweise ab oder er verteidigt sich. Nach diesem Muster lösen Kritik, Vorwürfe und Anschuldigungen beim Gegenüber oft eine Form von Rückzug, Angriff oder Verteidigung aus. (vgl. Rosenberg 2001, 41). Den Grund für diesen Sprachstil sieht Rosenberg in der gesamtgesellschaftlichen Erziehung, durch die den Menschen das Denken in Form von moralischen Urteilen beigebracht wurde (vgl. Rosenberg 2006, 25). Die GFK ist eine prozessorientierte Sprache, die statische Verallgemeinerungen verhindern will. Die Beobachtungen werden von den Bewertungen getrennt, indem der Betrachter reale Tatsachen im Zusammenhang mit einer konkreten Zeitangabe und/oder dem Handlungszusammenhang nennt (vgl. Rosenberg 2001, 41).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Problematik von Gewalt in der Gesellschaft sowie der Wunsch nach einem friedlicheren Miteinander durch das Modell der GFK im gemeindepädagogischen Kontext.
2 GEMEINDEPÄDAGOGIK: Überblick über die historische Entwicklung, die zentralen Arbeitsfelder und die Bedeutung kommunikativer Kompetenz als Schlüsselqualifikation in der gemeindepädagogischen Praxis.
3 KONFLIKTBEHANDLUNG: Erläuterung des Konfliktbegriffs, der Relevanz von Konfliktmanagement sowie der drei Konfliktebenen (intrapersonal, interpersonal, organisational) innerhalb von kirchlichen Strukturen.
4 DAS MODELL DER GEWALTFREIEN KOMMUNIKATION: Detaillierte Darstellung des Begründers Marshall B. Rosenberg, der theoretischen Grundlagen, Ziele und des praktischen 4-Schritte-Konzepts (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte).
5 FALLBEISPIELE: Anwendung des GFK-Modells auf praxisnahe, konstruierte Konfliktsituationen im Gemeindealltag mit anschließender kommunikationspsychologischer Analyse und Fazit.
6 SCHLUSSFOLGERUNGEN: Bilanzierung der Ergebnisse bezüglich der Anwendbarkeit, Chancen und kritischen Aspekte der GFK im gemeindlichen Kontext.
7 RESÜMEE: Abschließende Beantwortung der Ausgangsfragen zur Relevanz und zum Potenzial der GFK für die gemeindepädagogische Arbeit.
Schlüsselwörter
Gewaltfreie Kommunikation, GFK, Gemeindepädagogik, Konfliktmanagement, Kommunikation, Empathie, Bedürfnisse, Gefühle, Konfliktlösung, Seelsorge, zwischenmenschliche Beziehungen, christliche Gemeinde, Reflexion, Sprachmuster, Giraffensprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz und Anwendbarkeit der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg als Kommunikationswerkzeug im Arbeitsalltag von Gemeindepädagogen und anderen Mitarbeitenden in christlichen Gemeinden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder umfassen die Gemeindepädagogik als Profession, Grundlagen der Konfliktbehandlung, das theoretische Modell der Gewaltfreien Kommunikation und deren praktische Anwendung in der Gemeinde.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob sich die GFK in einer christlichen Gemeinde nutzen lässt, welche Faktoren dabei zu berücksichtigen sind und wie der Einsatz das Verhältnis zwischen Gemeindemitgliedern in Konflikten beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine theoretische Literaturanalyse zu Psychologie, Pädagogik und Theologie sowie auf eine praxisorientierte Analyse von drei konstruierten Fallbeispielen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung von Gemeindepädagogik und Konfliktmanagement sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem 4-Schritte-Konzept (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte) der GFK.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Gewaltfreie Kommunikation, Gemeindepädagogik, Konfliktmanagement, Empathie, zwischenmenschliche Beziehung und reflektierte Kommunikation.
Wie unterscheidet die GFK zwischen „echten“ Gefühlen und sogenannten „Pseudogefühlen“?
Rosenberg bezeichnet Ausdrücke als Pseudogefühle, die interpretierend auf andere Personen verweisen oder Gedanken statt echter Empfindungen wiedergeben (z.B. „Ich habe das Gefühl, du hörst mir nicht zu“).
Was sind die drei Kriterien für eine gewaltfreie Bitte?
Eine gewaltfreie Bitte sollte sich auf ein konkretes, beobachtbares Verhalten beziehen, positiv formuliert sein und im Hier und Jetzt überprüfbar sein.
Warum ist das Thema der „Schuld“ in diesem Modell schwierig?
Das Modell der GFK bietet wenig Platz für Schuldzuweisungen, da es primär auf die Erfüllung von Bedürfnissen fokussiert, was mit dem christlichen Verständnis von Sünde und Vergebung in Spannungsfeldern geraten kann.
- Quote paper
- Tobias Brunner (Author), 2009, Kommunikationspsychologie im gemeindepädagogischen Kontext, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133395