In 1 Kor 15,29 befindet sich eine kurze Formulierung, die sich im Neuen Testament nicht ein weiteres Mal finden lässt. Paulus schreibt von „Getauften für die Toten“. Paulus spricht diesen korinthischen Brauch an, um ein schlüssiges Argument gegen die Leugnung der Auferstehung aufzuzeigen. Ohne weiter auf diesen Umstand einer Form von Totentaufe einzugehen, führt der Apostel seine Argumentation fort. Hatte diese Erwähnung womöglich nur eine „taktische Bedeutung“?
Für die Geschichte der Exegese bedeutete dies viel Ungewissheit und schlug sich durch eine „verwirrende Fülle von Deutungsversuchen“ nieder; man zählt wohl etwa 200 Deutungen. Von der Erklärung als beiläufige, nebensächliche und daher unbedeutende Notiz bis zum Beleg für ein richtiges, sakramentales Taufverständnis bei Paulus reichen die Auslegungsversuche. Ersteres kann sich gar in Form einer exegetischen Kapitulation niederschlagen: „Es ist besser, sich einzugestehen, dass wir diesen Vers nicht auslegen können.“ Oder wie BARTH es jovial formuliert: „Ich werde der erste sein, mich zu freuen, wenn eine befriedigendere Erklärung dieser Stellen in glaubwürdiger Weise auf die Bahn gebracht wird; vorläufig sehe ich keine andere Möglichkeit als die, das historisch Unauflösliche in seiner Rätselhaftigkeit stehen zu lassen, […].“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Totentaufe als Vikariatstaufe – Analyse von 1 Kor 15,29
3. Religionsgeschichtliche Analyse
3.1. Der jüdische Kontext
3.2. Der „heidnische“ Kontext
3.3. Die Vikariatstaufe bei gnostischen Sekten und in der christlichen Kirche
3.4. Die relative Unabhängigkeit der Vikariatstaufe – Ein Zwischenfazit
4. Paulus und die Vikariatstaufe
4.1. Das paulinische Taufverständnis
4.2. Die korinthische Taufe
4.2.1. Korinth
4.2.2. Taufe und Vikariatstaufe in Korinth
4.3. Die korinthische und die paulinische Vikariatstaufe
5. Zusammenschau
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den in 1 Kor 15,29 erwähnten korinthischen Brauch der Totentaufe, um dessen Bedeutung und Funktion im Kontext der paulinischen Theologie sowie im religionsgeschichtlichen Umfeld zu bewerten und die Haltung des Apostels Paulus dazu kritisch zu hinterfragen.
- Analyse von 1 Kor 15,29 im Kontext der Auferstehungshoffnung
- Religionsgeschichtliche Einordnung jüdischer und heidnischer Einflüsse
- Untersuchung des paulinischen Taufverständnisses
- Kritische Beleuchtung der korinthischen Praxis der Vikariatstaufe
Auszug aus dem Buch
Die Totentaufe als Vikariatstaufe – Analyse von 1 Kor 15,29
Paulus stellt zwei rhetorische Fragen als argumenta ad hominem, um gegen die Leugnung der Auferstehung zu sprechen. Die Totentaufe wird hier ausschließlich zur Argumentation verwendet, da Paulus nicht weiter auf den Brauch eingeht oder später darauf zurückweist. Dass es sich um ein Argument gegen die Leugner der Auferstehung handelt, hängt mit 1 Kor 15,12 zusammen, in dem diese Gruppe der Auferstehungsleugner genannt wird. Dass es dieselben Personen sind, die Paulus in V29 anspricht, ist sehr wahrscheinlich. Denn die Leugner und die βαπτιζόμενοι müssen identisch sein, wenn das Argument wirksam sein soll. Wären die Getauften für die Toten Gemeindemitglieder, aber nicht der Gruppe der Leugner zughörig, dann wäre die Argumentation unnütz. Anders herum: Wären allein die Leugner angesprochen, dann wäre das Argument überflüssig, da sie einen solchen Brauch „für eine Narrheit“ halten würden.
Die Tatsache jedoch, dass sie überhaupt erwähnt wird, führte zu differierenden, einfallsreichen und obskuren Auslegungsversuchen. Die dem Text sofort logisch zu entnehmende Lesart, dass es in Korinth Gemeindemitglieder gab, die sich oder andere für verstorbene Ungetaufte haben taufen lassen, bereitete den Exegeten Schwierigkeiten, da sie ein solches magisches Taufverständnis den Korinthern nicht zutrauten. Hinzu kommt der beiläufige Umgang von Paulus als Argument, der es wie eine Billigung der Totentaufe aussehen lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik von 1 Kor 15,29 und Darlegung der Zielsetzung der Arbeit zur Untersuchung der Vikariatstaufe.
2. Die Totentaufe als Vikariatstaufe – Analyse von 1 Kor 15,29: Exegetische Analyse der Verse als rhetorisches Argument gegen die Leugnung der Auferstehung.
3. Religionsgeschichtliche Analyse: Vergleich der Totentaufe mit jüdischen Sühnevorstellungen und heidnischen Mysterienkulten, sowie Betrachtung in nachapostolischer Zeit.
4. Paulus und die Vikariatstaufe: Untersuchung des paulinischen Taufverständnisses und der speziellen Situation in Korinth, um die Einordnung des Brauchs in das Denken des Apostels zu klären.
5. Zusammenschau: Fazit der Seminararbeit, das die Totentaufe als christlich interpretierte Vikariatstaufe im Kontext korinthischer Glaubenspraxis und paulinischer Theologie zusammenfasst.
Schlüsselwörter
1 Kor 15,29, Totentaufe, Vikariatstaufe, Paulus, Korinth, Auferstehung, Taufverständnis, Stellvertretung, Religionsgeschichte, Mysterienkulte, Sühne, Pneumagabe, Sakrament, Eschatologie, Gemeindetheologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die exegetische und religionsgeschichtliche Bedeutung des rätselhaften Brauchs der Totentaufe, den Paulus in 1 Kor 15,29 erwähnt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das paulinische Taufverständnis, der religionsgeschichtliche Kontext (jüdische und hellenistische Einflüsse) und die spezifische Situation der korinthischen Gemeinde.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Brauch der Totentaufe in Korinth als stellvertretende "Vikariatstaufe" zu bewerten und zu verstehen, wie Paulus diesen Brauch als Argument gegen Auferstehungsleugner nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-exegetische Untersuchung durchgeführt, die verschiedene Auslegungstraditionen sichtet und in den religionsgeschichtlichen Kontext einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Totentaufe religionsgeschichtlich, untersucht das paulinische Verständnis der Taufe und diskutiert die korinthischen Gegebenheiten hinsichtlich ihrer Theologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Totentaufe, Vikariatstaufe, paulinisches Taufverständnis, Auferstehung und korinthische Gemeinde charakterisiert.
Wie steht Paulus laut der Arbeit zum Brauch der Totentaufe?
Paulus verurteilt den Brauch nicht explizit, sondern nutzt ihn strategisch als Argument; er integriert ihn christologisch, indem er die Taufe als Teil des Erlösungsprozesses sieht.
Warum ist die Abgrenzung von "pneumatischem Motiv" und "somatischer Dimension" wichtig?
Diese Abgrenzung erklärt den Konflikt zwischen dem magisch-spirituellen Verständnis der Korinther (Fokus auf die Seele) und dem ganzheitlichen Verständnis des Paulus (Einbeziehung des Körpers durch Auferstehung).
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- Patrick Wacker (Author), 2008, Die Vikariatstaufe in 1 Kor 15,29, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133438