Alleinerziehend aber nicht allein

Kursprogramm zur Erweiterung sozialer Ressourcen alleinerziehender Frauen


Seminararbeit, 2001
32 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung sozialer Ressourcen für die Gesundheit
2.1 Soziale Netzwerke und Soziale Unterstützung
2.2 Das Salutogenesemodell – soziale Ressourcen als generalisierte Widerstandsressource
2.2.1 Bedeutung des Kohärenzsinns und generalisierter Widerstandsressourcen
2.2.2 Stressoren und Spannungszustand
2.3 Zusammenfassung

3. Die Lage alleinerziehender Frauen: Unterstützung und soziale Netzwerke
3.1 Arbeitsmarkt-, Sozial- und Wohnsituation alleinerziehender Frauen
3.2 Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung alleinerziehender Frauen
3.2.1 Soziale Netzwerke alleinerziehender Frauen
3.2.2 Soziale Unterstützung alleinerziehender Frauen
3.3 Zusammenfassung

4. Kursprogramm zur Erweiterung sozialer Ressourcen alleinerziehender Frauen
4.1 Kursausschreibung
4.2 Ziele des Kurses
4.3 Stundenbilder, zeitlicher Kursablauf
4.4 Evaluation des Kurses „Alleinerziehend aber nicht allein“

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für viele Familien ist Alleinerziehen Realität und zu ca. 85% Aufgabe von Frauen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 1997; Niepel, 1994a). Nach Umfragen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1997) im April 1994 werden Größenordnungen von 2,7 Mio. alleinerziehenden Müttern und Vätern genannt, das sind 200.000 mehr als im April 1991. Für das Jahr 1994 entsprach das etwa 20% aller Familien Mit Kindern (ebd.: 1). Eine weiterer Anstieg der Zahl Alleinerziehender ist bei den vorhandenen Scheidungsraten und der Anzahl nichtehelicher Schwangerschaften zu erwarten.

Frauen bilden die größte Gruppe Alleinerziehender. Insbesondere für alleinerziehende Frauen ist das Risiko sozial abzusteigen und zu vereinsamen vergleichsweise groß. Die Pflege und die Erhaltung eines sozialen Unterstützungsnetzwerkes fällt dieser Gruppe zudem häufig schwerer als nicht Alleinerziehenden.

Soziale Kontakte, das Vorhandensein und die Integration in ein soziales Netzwerkes wird als eine Voraussetzung für das Wohlbefinden diskutiert (Nestmann 1988; Gusy, 1995). Der Wohlbefindensbegriff wird oft mit dem Gesundheitsbegriff synonym verwendet und weißt zudem Schnittstellen mit der gesundheitlichen Lebensqualität auf (Abele u.a., 1991; Bulliger, 1991 nach Fichten, 1998).

In dieser Arbeit wird eine Kurskonzept entwickelt, das sich an alleinerziehende Frauen richtet. Das Ziel des beschriebenen Kurses ist, soziale Ressourcen alleinerziehender Frauen zu erhalten und zu erweitern. Dazu wird im ersten Teil dieser Arbeit zunächst die Bedeutung sozialer Netzwerke und sozialer Unterstützung beleuchtet. Es zeigt sich, dass die Wahrnehmung einer angemessenen sozialen Unterstützung die Bewältigung von Belastungen unterstützen kann. Im zweiten Teil der Arbeit wird die Lage alleinerziehender Frauen in Deutschland betrachtet. Es wird insbesondere auf die soziale Lage und die Einbindung alleinerziehender Frauen in soziale Netzwerke fokussiert. Daran anschließend wird auf der Grundlage der skizzierten Problemlagen und Ressourcen alleinerziehender Frauen ein Kursprogramm entwickelt. In zehn Kursbausteinen sollen insbesondere isolierte alleinerziehende Frauen befähigt werden, vorhandene soziale Ressourcen zu nutzen, ihr soziales Netzwerk zu aktivieren, zu erhalten und zu erweitern.

In dieser Arbeit werden die folgenden Abkürzungen verwendet:

- HA = Hausaufgabe,
- KL = Kursleiter,
- TN = Teilnehmerin,

2. Die Bedeutung sozialer Ressourcen für die Gesundheit

Gesundheit scheint, zumindest konzeptionell, in hohem Maß mit der Verfügbarkeit sozialer Ressourcen verbunden zu sein. Hurrelmann (1990) definiert Gesundheit: „...als (einen, Anm.) Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der Gegeben ist, wenn diese Person sich in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung in Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen (...) befindet.“ Der selbe Autor hält Gesundheit nur dann für gegeben, „...wenn eine Person konstruktiv Sozialbeziehungen aufbauen kann (und, Anm.) sozial integriert ist...“ (Hurrelmann, 1988, zitiert in ebd.).

Soziale Ressourcen beinhalten sowohl strukturelle als auch funktionale Anteile. Zu den strukturellen Aspekten zählt die Anzahl und die Arten von Beziehungen zwischen Menschen (soziale Netzwerke). Funktionale Aspekte beziehen sich auf die Qualität sozialer Beziehungen und die Inhalte der sozialen Interaktion (soziale Unterstützung) (vgl. Keupp, 1987, Röhrle & Stark 1987, Schwarzer, Leppin, 1990, Baumann, u.a., 1998). Sozialen Ressourcen wird a) ein Puffereffekt auf den Zusammenhang zwischen Belastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen und b) eine Bedeutung als Bewältigungsressource zugeschrieben. Im salutogenetischen Modell von Gesundheit wird soziale Unterstützung als generalisierte Widerstandsressource diskutiert (Antonovsky, 1997).

2.1 Soziale Netzwerke und Soziale Unterstützung

Soziale Unterstützung gelingt mit der Mobilisation sozialer Ressourcen aus sozialen Netzwerken. Der Netzwerk-Begriff kennzeichnet dabei das quantitative Maß sozialer Beziehungen, über die ein Mensch verfügt. Soziale Netzwerke können dabei anhand folgender Kriterien erfasst werden:

Interaktion im sozialen Netzwerk (Bewertung der Inhalte von Transaktionen, Austauschmedien, Eigenschaften der Verbindung),

- Struktur des Netzwerkes (Größe, Cluster, Cliquen, Verbundenheit, Dichte, Stabilität, Reziprozität),
- Kommunikationsrollen innerhalb des Netzwerkes (Stars – zentrale Positionen, Brückenfunktionen, „Gatekeeper u.a.) (Schenk, 1984 nach Keupp, 1987).

Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung wurden vielfach als synonyme Begriffe verwendet. Allerdings beziehen sich beide Begriffe auf unterschiedliche Aspekte sozialer Ressourcen. Beispielsweise ist die Suche nach Unterstützungs- und Solidaritätspotentialen – auch in großen und dichten sozialen Netzwerken – nicht immer erfolgreich. Für die Einschätzung, ob soziale Netzwerke unterstützend sind oder nicht, wie und von wem Unterstützungsleistungen erbracht werden, scheint eine differenzierte Betrachtung beider Begriffe notwendig zu machen (Keupp, 1987). Von Kardorff (1989) fasst soziale Netze als ein System von Transaktionen, in dem Ressourcen getauscht, Informationen übertragen, Koalitionen gebildet, Aktivitäten koordiniert, Einfluss und Autorität ausgeübt werden, Unterstützung mobilisiert, Vertrauen aufgebaut wird oder durch Gemeinsamkeiten Sentiments gestiftet werden auf.

Soziale Integration beschreibt die Zugehörigkeit zu formellen und informellen Gruppen sowie den mehr oder weniger leichten Zugang zu Ressourcen und in welchem Ausmaß Werten und Orientierungen von Gemeinschaften geteilt werden. Schwarzer und Leppin (1990) zufolge steht soziale Integration nicht direkt in Verbindung zur Gesundheit, sondern eher mit wahrgenommener Unterstützung (s.o.) und Bewältigungsverhalten. Die Autoren unterscheiden unter dem Oberbegriff soziale Ressourcen, soziale Netzwerke und soziale Unterstützung und soziale Integration. Soziale Integration umschreibt dabei die Quantität und Existenz von Sozialbeziehungen und die strukturellen Merkmale des sozialen Netzwerkes.

Soziale Unterstützung wird als das Maß der erhaltenen, gegebenen und erlebten Unterstützung in sozialen Netzwerken verstanden und bildet den qualitativen Aspekt sozialer Ressourcen (Beerlage, 2001). Dabei kann unterschieden werden, ob sich die Unterstützung direkt auf die Bewältigung einzelner Belastung (belastungsbezogene Unterstützung) oder auf einen insgesamt belastenden Alltag (Alltagsunterstützung) bezieht. Neben dem Angebot an sozialer Unterstützung muss zudem die Wahrnehmung des hilfesuchenden Menschen berücksichtigt werden. Unterschieden werden kann dabei in subjektiv wahrgenommene (erwartete) Unterstützung und tatsächlich erhaltene Unterstützung sowie zwischen verschiedenen Inhalten bzw. Bereichen sozialer Unterstützung (instrumentell, psychisch, emotional, kognitiv u.a.). Tatsächlich erhaltene Unterstützung bezieht sich auf den in der Vergangenheit tatsächlich transportierten Support aus dem eigenen sozialen Netzwerk. Wahrgenommene (erwartete) Unterstützung umschreibt eher die subjektive Einschätzung einer Person, wenn nötig über soziale Unterstützung verfügen zu können (Schröder, Schwarzer, 1997 nach Viehhauser, 2000).

Die Einbindung in soziale Netzwerke und das Wahrnehmen sozialer Unterstützung, muss nicht zwangsläufig positive Effekte haben. Werden Netzwerke vornehmlich als soziale Stützsysteme begriffen, nimmt man das engere Umfeld einer Person nicht auch als Quelle für psychische Belastungen wahr (Röhrle, Stark, 1985). So kann z.B. ein besonders dichtes homogenes soziales Netzwerk seine Mitglieder lange von professioneller Hilfe abhalten, vermag aber selber nicht situations- und problemangemessen zu reagieren (Perrucci & Targ, 1982a, b zit. in Röhrle & Stark, 1985). Auch die soziale Unterstützung aus einem sozialen Netzwerk kann Nebenwirkungen für das unterstützte Mitglied haben, denn sie kann in bestimmten Interaktionssituationen zu Gefühlen der Kompetenz- und Hilflosigkeit sowie Verpflichtetheit führen (Fisher u.a. nach ebd.).

Personale Voraussetzungen für die Wahrnehmung sozialer Unterstützung. Als wichtige Voraussetzung für soziale Unterstützung, wird nicht nur das Netzwerk und der Unterstützungstransfer gewertet, sondern auch die Merkmale der nach Unterstützung suchenden Person. Diese auch als soziale Kompetenz bezeichneten personalen Ressourcen können unter soziale Kognition (u.a. Interpretation einer (Inter-)Aktion als Unterstützung), soziale Fertigkeiten (u.a. die Kompetenz ein Netzwerk zu bilden oder an einem solchen teilzuhaben, Bereitschaft und Fähigkeit sich in Belastungssituationen zu einem Problem zu bekennen), soziale Selbstwahrnehmung (u.a. Schwelle, mit einer sozialen Unterstützung zufrieden zu sein – Frustrationstoleranz) und die soziale Gerichtetheit (Intro- vs. Extroversion) zusammengefasst werden (Beerlage, 2001).

Bedeutung für die Gesundheit. Für das gesundheitliche Befinden eines Menschen spielen erhaltene und erwartete Unterstützung eine unterschiedliche Rolle. Leppin und Schwarzer (1989, nach Schwarzer, Leppin, 1990) unterschieden in ihrer Untersuchung wahrgenommene und tatsächlich erhaltene soziale Unterstützung. Wahrgenommene Unterstützung scheint dabei eher vor Gesundheitsbeschwerden zu schützen, tatsächlich erhaltene Unterstützung standen dagegen mit mehr Gesundheitsbeschwerden in Verbindung. Offenbar wirkt sich die Gewissheit (Erwartung) in kritischen Situationen ein unterstützendes soziales Netzwerk zu aktivieren günstig auf die Gesundheit aus. Der Zusammenhang zwischen tatsächlich erhaltener Unterstützung und Gesundheitsbeschwerden wird folgendermaßen erklärt: Soziale Unterstützung wird häufig in Notlagen gewährt, „...in (denen, Anm.) jemand deutlich Symptome präsentiert, die soziale Netzwerkmitglieder offenbar nicht ignorieren können.“ (Schwarzer & Leppin, 1990: 404). Zusammengefasst: Die Suche nach Unterstützung beginnt offensichtlich dann, wenn Belastungen bereits zu Beschwerden geführt haben. Der Zusammenhang zwischen erhaltener sozialer Unterstützung und hohen Gesundheitsbeschwerden sagt also nichts darüber aus, ob die Unterstützung angemessen war oder nicht. Soziale Unterstützung kann allerdings auch Quelle von Belastungen sein, wenn sie inadäquat erfolgt, also beispielsweise emotionale Unterstützung wahrgenommen wird, wenn materielle Unterstützung gewünscht ist oder wenn die Erwartungen an die Effekte von sozialer Unterstützung enttäuscht werden (zu viel oder zu wenig Unterstützung) (Baumann & Laireiter, 1995 nach Baumann u.a, 1998).

2.2 Das Salutogenesemodell – soziale Ressourcen als
generalisierte Widerstandsressource

Das Salutogenesemodell betrachtet Faktoren, die ungeachtet des Vorhandenseins „krankmachender“ Einflüsse zur Gesunderhaltung beitragen können, es geht zurück auf den israelischen Sozialpsychologen Aaron Antonovsky (1997). Ausgangspunkt war die Frage, wie Menschen es schaffen, trotz extremer Belastungen nicht krank zu werden und langfristig gesund zu bleiben. Die salutogenetische Sichtweise steht in Opposition zum zu den Annahmen des pathogenetischen, biomedizinischen Ansatzes, in dem die Bedeutung von Risikofaktoren für die Entstehung von Krankheiten diskutiert wird. Im Salutogenesemodell werden Gesundheit und Krankheit nicht als absolute Zustände gesehen, sondern als Endpunkte eines Kontinuums zwischen denen sich der aktuelle Gesundheitszustand von Menschen bewegen kann (Antonovsky, 1997). Zentrale Begriffe im Salutogenesemodells sind Kohärenzsinn, Gesundheits- und Krankheitskontinuum, Stressoren und Spannungszustände und generalisierte Widerstandsressourcen.

2.2.1 Bedeutung des Kohärenzsinns und generalisierter Widerstandsressourcen

Unter dem Kohärenzsinn (Sense of Coherence) versteht Antonovsky die allgemeine Grundhaltung eines Individuums gegenüber der Welt und dem eigenen Leben (Antonovsky, 1997). Diese Grundeinstellung wird mit ständig neuen Lebenserfahrungen konfrontiert und durch sie beeinflusst. Die Stärke des Kohärenzgefühls wird als unabhängig von den jeweiligen Umständen oder Situationen beschrieben. Lebenserfahrungen bestätigen in der Regel die Grundhaltung wodurch diese stabil und überdauernd wird (ebd.). Der Kohärenzsinn umfasst drei Komponenten:

Das Gefühl der Verstehbarkeit „...bezieht sich auf das Ausmaß, in welchem man interne und externe Stimuli als kognitiv sinnhaft wahrnimmt, als geordnete, konsistente, strukturierte und klare Informationen und nicht als Rauschen...“ (Antonovsky, 1997: 34),

- Als Gefühl der Handhabbarkeit wird als Gefühl beschrieben, mit dem eingeschätzt wird, dass Schwierigkeiten lösbar sind. Es ist „...das Ausmaß, in dem man wahrnimmt, daß (sic) man geeignete Ressourcen zur Verfügung hat um den Anforderungen zu begegnen...“ (Antonovsky, 1997: 35, BzGA, 1998: 29),
- Das Ausmaß, in dem man sein Leben als sinnhaft empfindet, bezeichnet Antonovsky als Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit (ebd.).

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Details

Titel
Alleinerziehend aber nicht allein
Untertitel
Kursprogramm zur Erweiterung sozialer Ressourcen alleinerziehender Frauen
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
32
Katalognummer
V133449
ISBN (eBook)
9783640402984
ISBN (Buch)
9783640403431
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Unterstützung, soziale Netzwerke, Alleinerziehende, Gesundheit, Gesundheitsbildung
Arbeit zitieren
Thomas Hering (Autor), 2001, Alleinerziehend aber nicht allein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133449

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