Emotionen in der Ökonomie


Magisterarbeit, 2008

90 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Emotionen
2.1 Begriffsabgrenzung und Bestimmung der Erklärungsebene
2.2 Theoriegeschichtliche Entwicklung
2.2.1. Kognitivistisches Paradigma
2.2.2 Gefühlstheorien
2.3 Emotionstheoretisches Fazit
2.3.1 Komponentenbasierter Ansatz
2.3.2 Wahl der Perspektive

3 Ökonomie und Rationalität
3.1 Rationalität - ein weiter Begriff
3.2 Rationale Entscheidungstheorie und das Ultimatumspiel
3.3 Rationalität der Emotionen
3.3.1 Zweckrationalität
3.3.2 Werterationalität
3.4 Strategische Rationalität

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bisherige ökonomische Modelle erklären das Zustandekommen von Handlungen primär durch den Wunsch, mit möglichst geringem Aufwand vorgegebene Ziele bzw. Absichten zu realisieren, also durch Unterstellung eines bestimmten Typs von Rationalität, nämlich ökonomischer Zweckrationalität. Lassen sich Handlungen nicht mehr alleine durch die Voraussetzung dieser Art von Rationalität bei den Handelnden erklären, werden sie als Ausnahmen oder Anomalien betrachtet. Bei vielen dieser Anomalien lassen sich emotionale Einflüsse vermuten. Gelänge es nun, diese emotionalen Einflüsse für das Zustandkommen von Handlungen näher zu bestimmen, könnten ökonomische Modelle in ihrer Reichweite und Aussagekraft beim Erklären von Handlungen verbessert werden. Deshalb lautet meine Hauptfragestellung: inwieweit bestimmen Emotionen unser wirtschaftliches Handeln? An welchen Stellen und auf welche Weise spielen sie bei zweckrationalen Entscheidungen eine Rolle? Zweckrationalität besteht darin, effektive Mittel für bestimmte Ziele zu benennen. Voraussetzung dafür ist es, Ziele zu haben. Deshalb wird eine zweite Frage lauten: wie können Emotionen die teleologische Gerichtetheit, die Ziele oder Zwecke unserer zweckrationalen Handlungen bestimmen oder mitbestimmen? Diese Frage spielt vor allem auf unsere Motivation an: würden wir mit bestimmten Zielen keine Emotionen verbinden, würden uns viele Handlungen sinnlos erscheinen. Emotionen sorgen für die Ziele, die dann mittels Zweckrationalität in Angriff genommen werden können. Eine Frage betrachtet den umgekehrten Fall: Lassen sich Emotionen instrumentalisieren, indem bestimmte Emotionen manipuliert oder modifiziert werden, um bestimmte Ziele zu erreichen? Schlussendlich bleiben noch die Kosten (Zeit, Mühe, Aufwendungen, psychischer und monetärer Art) einer solchen Investition zu erwägen.

Im ersten Abschnitt möchte ich dem wissbegierigen Leser einen Überblick über die wortgeschichtliche Entwicklung einiger emotionsnaher Begriffe vermitteln. Darauf aufbauend, möchte ich die Begriffe abgrenzen und anschließend kurz kenntlich machen, inwieweit diese Abgrenzung der weiteren Untersuchung angemessen ist. Dann möchte ich in aller Kürze die historische Entwicklung zweier emotionstheoretischer Paradigmen skizzieren. Herausgearbeitet werden sollen wesentliche Eigenschaften, die die jeweiligen Theorien favorisiert haben und die noch Gegenstand heutiger Debatten sind. Anschließend möchte ich in einem emotionstheoretischen Zwischenfazit festhalten, welche Bausteine für die weitere Arbeit benötigt werden, und diese mit einer komponentenbasierten Theorie von Jon Elster ergänzen. Dieser Ansatz scheint mir besonders geeignet, zweckrationale Funktionen von Emotionen darzustellen. Er muss sich allerdings die Kritik gefallen lassen, dass ein Komponentenansatz aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu wenig berücksichtigt, wie sich Emotionen für mich aus der persönlichen Perspektive anfühlen und das in diesem Anfühlen eine Information von der Außenwelt transportiert wird. Diese Kritik stammt von Peter Goldie und soll in eben diesem Zwischenfazit in Bezug auf unsere Untersuchung relativiert werden.

Im zweiten Hauptteil dieser Arbeit möchte ich, nach einer kurzen Einführung zum ökonomischen Ansatz und zum Begriff der Rationalität erklären, inwiefern Emotionen eine Rolle im Konzept der ökonomischen Zweckrationalität spielen könnten. Dabei möchte ich insbesondere untersuchen, wie Emotionen das Ziel der Zweckrationalität bestimmen können. In einem Fall scheint dieses Ziel durch die Evolution gegeben: Emotionen helfen bei der Anpassung und dem Überleben des Individuums. Die Funktionen, die Emotionen dabei übernehmen sind: Aufmerksamkeitslenkung, zeiteffizientes Entscheiden, Anzeigen von Relevanz und Dringlichkeit. Motivation und Kommunikation im Sozialverband können als zweckrational angesehen werden. Abgesehen davon scheinen Emotionen noch auf eine zweite, intrinsische Weise unsere Ziele zu prägen und unser Verhalten zu motivieren. Diese Rationalität der Emotionen möchte ich insbesondere dahingehend untersuchen, auf welchen Zweck sie sich möglicherweise richtet. Abschließend möchte ich die strategische Rationalität der Emotionen unter die Lupe nehmen: Wie lassen sich Mimik und Gestik verwenden, um Atmosphäre und andere zu beeinflussen (Lächeln)? Können wir unsere Emotionen selbst steuern, um bestimmte Ziele zu erreichen (Ärger zeigen, um respektiert zu werden)? Und letztendlich: Können wir unseren Charakter so verändern, dass wir nur noch ein bestimmtes (gewünschtes) emotionales Verhalten an den Tag legen? Beginnen möchte ich mit bei den Grundlagen: was sind Emotionen?

2 Emotionen

Dieser Abschnitt soll die Grundlagen legen, um Emotionen im Kontext rationaler bzw. ökonomischer Entscheidungen zu untersuchen. Im ersten Teil möchte ich die Frage klären, wie sich die zahlreichen Begrifflichkeiten im Bereich ‚Emotionen’ wortgeschichtlich entwickelt haben, um dann darauf hinzuführen, welche einzelnen Begriffe ich im Verlauf meiner Arbeit benutzen werde, und, wie ich diese verstehe. Gleichzeitig werde ich versuchen zu verdeutlichen, mit welchen strukturellen Schwierigkeiten eine Konzeptionalisierung von Emotionen zu kämpfen hat und versuchen, die Erklärungsebene zu spezifizieren, auf der sich diese Untersuchung bewegen wird.

2.1 Begriffsabgrenzung und Bestimmung der Erklärungsebene

Der Ausdruck ‚Emotion’ als Gegenstand dieser Arbeit hat mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass er sich in semantischer Nähe zu den Begriffen ‚Gefühl’, ‚Affekt’, ‚Leidenschaft’, ‚Empfindung’ und ‚Stimmung’ befindet. Versucht man sich diesem Wirrwarr aus wortgeschichtlicher Perspektive zu nähern, stolpert man unweigerlich über den bereits in der griechischen Antike verwendeten Begriff ‚pathos’, der in der römischen Antike sowohl mit ‚passio’ als auch mit ‚affectus’ übersetzt wurde. Da in der griechischen Antike kein anderes Nomen zur Bezeichnung von Emotionen gebräuchlich war, wurde der Begriff sehr weitläufig, als eine Art Ober- und Sammelbegriff eingesetzt. Um eine erste allgemeine Definition bemühte sich Aristoteles’ (384-322 v. Chr.) in seinem Werk ‚Rhetorik’:

„Affekte aber sind alle solche Regungen des Gemüts, durch die Menschen sich entsprechend ihrem Wechsel hinsichtlich der Urteile unterscheiden und denen Schmerz bzw. Lust folgen: wie z.B. Zorn, Mitleid, Furcht und dergleichen sowie deren Gegensätze. Man muss bei jedem Affekt in dreifacher Hinsicht eine Unterscheidung treffen. Ich meine z.B. beim Zorn ist zu unterscheiden, in welcher Verfassung sich die Zornigen befinden, gegenüber wem man gewöhnlich zürnt und über welche Dinge.“[1]

Aus diesem Zitat des Aristoteles lassen sich theoretische Implikationen ableiten. Beispielsweise wird ersichtlich, dass die einzelnen Emotionen sich im Wesentlichen durch ihren kognitiven Gehalt bestimmen lassen. Mit kognitivem Gehalt meine ich den Inhalt von Gedanken, Überzeugungen, Wünschen und Urteilen. In Aussagen wie ‚Ich wünsche mir, dass mein Bruder enterbt wird’, oder, ,Sie glaubt, dass ihr Mann sie belogen hat’ wird der Gehalt des Wunsches bzw. der Überzeugung jeweils mit dem dass-Satz ausgedrückt. Das affektive Urteil, dass ich zornig bin, hängt demnach von meinen Überzeugungen und Wünschen ab (weshalb ich ansonsten zornig werde) und von meiner momentanen Verfassung. Deshalb kann bei der Differenzierung einzelner Emotionen auf die kognitiven Bestandteile, bzw. auf die auslösende Situation[2] zurückgegriffen werden.[3]

Im Deutschen wurden die Begriffe ‚Affect’ erstmals 1526 und ‚Leidenschaft’ erstmals 1647 mit annähernd synonymen Bedeutungen belegt.[4] Wurden Affekte in der Antike noch dem Begehrungsvermögen zugeordnet und galten als unerwünschtes Übel, so begann sich im 17. Jahrhundert die Perspektive auf die Leidenschaften[5] zu verändern.[6] Aus aktivzugänglichen kognitiven Phänomenen, wurden passive Leidenschaften, die einem zustoßen konnten. In seinen Schriften Leidenschaften der Seele bestimmte René Descartes Emotionen als seelische Wahrnehmungen von Vorgängen im Körper, die in ihrem Urteil der Seele so nahe stehen, dass sie unfehlbar sind.[7] Wir empfangen seelische Wahrnehmungen in ähnlich passiver Weise wie Empfindungen[8] (sensations). Affekte und Leidenschaften entspringen nicht der Seele, sondern wirken von außen auf sie ein.[9]

Später verlieren beide Begriffe, sowohl ‚Affect’ als auch ‚Leidenschaft’, ihre umfassende Bedeutung. An ihre Stelle rückt Ende des 17. Jahrhunderts der Begriff des Gefühls, der als philosophischer Begriff besonders im 18. Jahrhundert im moralischen und ästhetischen Zusammenhang an Kontur gewinnt.[10] Als Übersetzung des englischen Wortes ‚sentiment’ tritt er damit neben den Begriff ‚Emotion’, bei dem es sich um eine Eindeutschung des englischen (ursprünglich lateinischen) Wortes ‚emotion’ handelt. Steht der Begriff des Gefühls zu diesem Zeitpunkt noch in engem Zusammenhang mit Empfindsamkeit und seelischer Erregung, so bezeichnet er später eine Weise der Wahrnehmung von Informationen der Welt. Das Fühlen richtet sich auf etwas in der realen Welt und dieses etwas kann bewertet, beurteilt und weiterverarbeitet werden. Wortgeschichtlich lässt sich ein Weg von den Begriffen ‚pathos’ und ‚affectus’ über ‚Empfindung’ oder ‚Leidenschaft’ zu ‚Gefühl’ und ‚Emotion’ nachvollziehen.[11] Trotz der augenscheinlichen Verschiedenheit überlappten sich die Begriffe semantisch größtenteils während ihrer jeweiligen Blütezeit.[12] Nach ihrer Blütezeit blieben uns einige der damals gebräuchlichen Begrifflichkeiten für Emotionen als spezielle Varianten erhalten und konnten mit neuen Bedeutungen belegt werden. Aus Leidenschaft handeln wir, wenn wir uns einer Sache besonders intensiv hingeben, aus Affekt, wenn wir spontan und impulsartig auf eine Situation reagieren. Dabei erfuhr die ursprüngliche Bedeutung von ‚Affekt’ als „Zustand des Empfangens einer äußeren Einwirkung“[13] zwar zwischenzeitlich eine Verallgemeinerung, die auch zur Gleichsetzung mit Leidenschaften führte, brach aber nicht mit der Tradition als Bezeichnung für eine primäre und unmittelbare Reaktion auf Ereignisse oder Gegebenheiten. An dieser Stelle wird ersichtlich, dass begriffliche Unterscheidungen nicht nur der wortgeschichtlichen Entwicklung folgen, sondern oft systematische Aspekte beinhalten.[14]

Heute findet der Begriff des Affekts vor allem in der Psychologie Anwendung. In so genannten Affektprogrammen werden Affekte als anthropologische, evolutionär entstandene, kulturinvariante Phänomene betrachtet. Sie beschreiben genetisch veranlagte Mechanismen, die auf externe Stimulation mit bestimmten Erregungszuständen und Verhaltensmustern reagieren. Ausgegangen wird von automatischen, körperlich spürbaren Reaktionen kurzer Dauer, die unterhalb einer bestimmten Bewusstseinsschwelle[15] ablaufen.[16] Wenn mich jemand beispielsweise mit dem Ellbogen in den Rücken stößt und ich daraufhin angstvoll zurückspringe, dann finde ich mich vermutlich ohne nachzudenken einen halben Meter weiter vorn. Affekte stellen somit eine – wenn auch vorprogrammierte – Reaktion auf äußere Ereignisse dar. Auf diesen scharf umrissenen Bereich möchte ich die Verwendung des Begriffs ‚Affekt’ in meiner Arbeit beschränken.

Der Begriff des Gefühls gilt als umfassender und schließt bei vielen Autoren eine Empfindungskomponente mit ein. Daran anlehnend möchte ich den Begriff des Gefühls wie den aus dem Englischen stammenden Begriff ‚feeling’ verstehen. Dazu habe ich mich entschlossen, da der Begriff ‚feeling’ auch nichtkörperliche Gefühle wie beispielsweise ästhetischen Geschmack einschließt. Kurz gesagt, möchte ich unter dem Begriff ‚Gefühl’ alle phänomenologischen Aspekte einer Emotion erfassen, d.h. alles, was sich irgendwie für mich anfühlt.

Damit sich eine Emotion für mich in irgendeiner Weise anfühlt, muss ich bei Bewusstsein sein. Aber muss ich mir darüber bewusst sein (reflexiv), dass ich eine bestimmte Emotion fühle, wenn sie auftritt? Als extremes Gegenbeispiel erwähnt Peter Goldie Soldaten, die sich unter feindlichem Beschuss in die Hose machen, aber erst sehr viel später den Schock realisieren.[17] Wie lässt sich ein solcher Vorgang interpretieren? Intuitiv würden wir behaupten, zu wissen, wann wir eine Emotion fühlen. Aber ob wir das tatsächlich behaupten können, hängt stark davon ab, was wir darunter verstehen, dass wir eine Emotion fühlen. Ist es möglich, dass eine Person eine Emotion hat, aber diese nicht fühlt? Und wenn das zutrifft, dass die betreffende Person dann keinerlei Gefühle in Bezug auf die Emotion ausbildet? Auf unser Beispiel bezogen können wir aus der Perspektive der ersten Person akzeptieren, dass der Soldat sich seiner Angst nicht reflexiv bewusst war. Daraus aber zu schließen, dass kein gefühlter Bezug zu seiner Gefahrensituation bestand, wäre ein Trugschluss. Die reflexive Bewusstheit der eigenen emotionalen Vorgänge bedeutet nicht, dass keine unreflektierten Gefühle im Zusammenhang mit der Situation vorkommen können. Stattdessen behauptet Peter Goldie, dass Personen sich zu unterschiedlichen Graden ihrer Gefühle und dem Kontext, in dem diese stehen, bewusst sein können:[18]

„I want to suggest, both as regards bodily feelings, and as regards feelings towards something, that there are degrees to which you can be reflectively aware of those feelings, and there are degrees to which you can in thought recognize the feelings as being what they are. Further, as regards feelings towards something, there are degrees to which you can recognize them as being about what they are about.”[19]

Peter Goldie greift in diesem Zitat mit der Unterteilung zwischen ‘bodily feelings’ und ‘feelings towards’ einer Differenzierung vorweg, auf die ich nachfolgend näher eingehen und diese auch übernehmen werde. Zuvor muss jedoch geklärt werden, (i) zu welchen weiteren Implikationen das Postulat einer bewusst fühlbaren Komponente von Emotionen führt und (ii), was es heißt, dass meine Gefühle von etwas handeln (are about…).

(i) Zustände des Bewusstseins oder der Bewusstheit existieren nur aus der persönlichen Perspektive. Sie sind ontologisch subjektiv, d.h. sie existieren nur dann, wenn sie von einer Person oder einem Tier erlebt werden. Folglich können sie nicht zu Gunsten einer unpersönlichen, wissenschaftlichen Beschreibungsperspektive weichen. Sie setzen essenziell die Perspektive der ersten Person voraus.[20] Wie es sich für mich anfühlt, mich über engagierte Dozenten zu freuen, lässt sich nicht durch eine noch so ausschmückende Beschreibung vermitteln. Die in meiner Freude involvierte Perspektive der ersten Person lässt sich nicht wegreduzieren. Als Gehirnaktivitäten liegen ihnen zwar neurophysiologische Vorgänge zu Grunde, d.h. gefühlte Emotionen lassen sich kausal auf neuronale Vorgänge zurückführen, aber sie lassen sich nicht auf einzelne Elemente (Schaltkreise, biochemische Vorgänge, etc.) fixieren. In anderen Worten: die Phänomenalität eines Bewusstseinszustands lässt sich nicht neurophysiologisch aufschlüsseln.[21]

(ii) Der zweite wichtige Gesichtspunkt bei der Betrachtung von Gefühlen stellt ihre Intentionalität dar. Kurz ausgedrückt, sie richten sich (psychisch) auf ein Objekt oder einen Sachverhalt. Bezüglich Im Fall von Emotion würde das heißen, dass ich beispielsweise nicht ärgerlich bin, weil ich mich ärgerlich fühle, sondern weil mein Zug sich verspätet. Mein Ärger besitzt also die Eigenschaft, sich auf ein Objekt (den verspäteten Zug) zu beziehen, – er weist eine intentionale Gerichtetheit auf.

Damit wären zwei wesentliche Eigenschaften für eine mögliche Definition von Gefühlen gewonnen: Phänomenalität und Intentionalität. Nun gibt es sehr unterschiedliche Arten von Emotionen: Furcht, Freude, Interesse, Neid, Eifersucht, Liebe, ästhetische Emotionen etc. und jede dieser Emotionen schließt bestimmte subjektive Gefühle ein, die sich mehr oder weniger oder überhaupt nicht körperlich verfestigen. Bei Emotionen, die mit starken körperlichen Begleiterscheinungen einhergehen, fällt die Vorstellung des phänomenologischen Anteils leichter, als beispielsweise bei ästhetischen Emotionen.[22]

Wenn mich Furcht überwältigt, mir Adrenalin in die Adern schießt, ich hellwach werde, kann ich durch Selbsterfahrung wahrscheinlich leichter nachvollziehen, dass dabei spezifische Gefühle involviert sind, als bei Betrachtung eines besonders gelungenen Bildes. Auf der anderen Seite scheint es plausibler, die ästhetischen Gefühle als intentional, d.h. auf den geschmacklichen geschmackvollen Eindruck des Bildes gerichtet, zu charakterisieren, als im Falle von Furcht zu behaupten, das Gefühl, dass mir Adrenalin in die Adern schießt, richtet sich auf einen Bären. Aus diesen Gründen möchte ich – in Ahnlehnung an Peter Goldie – zwischen (i) Körpergefühlen (bodily feelings) und (ii) Gefühlen gegenüber einem Objekt (feelings towards) unterscheiden.

(i) Für Körpergefühle behilft Peter Goldie sich mit einer Konstruktion, die er geborgte Intentionalität (borrowed intentionality) nennt. Der Ausdruck bedeutet nicht, dass die Intentionalität von einem Objekt außerhalb des Körpers geborgt wird, sondern, dass das Körpergefühl sich die Intentionalität von der Emotion borgt.[23] Denn Intentionalität ist keine Eigenschaften von Objekten, sondern von geistigen Zuständen, die sich dadurch auf Objekte richten können. Man könnte auch sagen: Das Köpergefühl borgt sich die Emotion von einem Bezugsobjekt außerhalb des Körpers. Beispielsweise richtet sich der Schmerz in meiner Brust, nach der Trennung von meiner Freundin nicht auf die Brust, sondern auf den Verlust der Freundin. Das gilt aber nicht für alle Empfindungen. Wenn ich beispielsweise beim Gedanken an Umweltsünder ärgerlich werde und Ärgerlichsein bei mir zu Neurodermitis-Schüben führt, dann scheinen die Neurodermitis-Schübe mehr ein Effekt der Emotion zu sein, als auf deren intentionales Objekt gerichtet.[24]

(ii) Dagegen benötigen Gefühle einem Objekt gegenüber diese Behelfskonstruktion nicht und können sich direkt auf ihr intentionales Objekt beziehen (direct intentionality). Unter Gefühlen einem Objekt gegenüber versteht Peter Goldie ein subjektives Engagement in der Welt jenseits des Körpers, das einem nicht selbst bewusst sein muss.[25] Dabei handelt es sich nicht mehr um Körpergefühle. Diese wären zu unbestimmt, um sich direkt auf das Objekt einer Emotion zu beziehen. Denn allein durch Konzentration auf innerkörperliche Vorgänge lässt sich nicht erkunden, ob sich beispielsweise meine ästhetische Emotion auf eine schöne Statue oder ein schönes Bild richtet. Peter Goldie möchte mit dem Terminus ‚direct intentinality’ den phänomenalen Anteil kognitiver Intentionalität bezeichnen. Dieser lässt sich nicht durch andere kognitive Elemente rekonstruieren. Beispielsweise lässt sich meine Furcht vor Glatteis nach dem Erleben eines Unfalls nicht auf den Gedanken reduzieren, dass Glatteis gefährlich sein kann und dass ich darauf einen Unfall erleben musste – dieser Gedanke gewinnt nach einem solchen Ereignis eine neue Gefühlsqualität.[26] Mit dem Begriff ‚Gefühl’ möchte ich deswegen den die phänomenalen Qualitäten einer Emotion bezeichnen.

Im Mittelpunkt dieser Untersuchung befindet sich der Begriff ‚Emotion’, auf den bereits vielfach zurückgegriffen wurde, ohne ihn von der umgangssprachlichen Verwendung in eine wissenschaftliche Terminologie zu überführen. Das soll nun geschehen. Eine schärfer umrissene, systematisch fundierte Sprachregelung wird sich im weiteren Verlauf der Arbeit ergeben.

In Anlehnung an Peter Goldie verstehe ich unter dem Begriff ‚Emotion’ ein komplexes, dynamisches, episodisches und strukturiertes Phänomen. Komplex ist eine Emotion, weil sie aus verschiedenen Komponenten besteht, wie beispielsweise Erfahrungen, Wahrnehmungen, Gedanken, körperlichen Reaktionen oder den bereits erörterten Gefühlen (einschließlich intentionaler Charakteristik). Sie ist dynamisch, weil die genannten Elemente miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen können (z.B. kann die Erfahrung, dass ich nachts ausgeraubt wurde, beeinflussen, was ich denke und fühle, wenn ich gezwungen bin, nachts U-Bahn zu fahren). Sie sind episodisch, weil sie sich über die Zeit hinweg verändern können.[27] Treten die einzelnen Teilkomponenten auf diese Weise in Kontakt, bilden sie eine emotionale Episode. Emotionen können aus mehreren dieser emotionalen Episoden bestehen, die zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchen können, vom Akteur aber dennoch ein und derselben Emotion zugeordnet werden. Beispielsweise kann meine über Jahre andauernde Eifersucht dazu führen, dass ich mich in einem Moment minderwertig fühle, dann voller Tatendrang die negative Energie der Emotion zu transformieren versuche, dann wiederum mit Vorwürfen gegenüber meiner Partnerin reagiere, – dass sich also die Eifersucht mal aggressiv, mal depressiv manifestiert. Die verschiedenen Erfahrungen, Gedanken, Gefühle und Reaktionen strukturieren sich primär für mich (was ich selbst bei welcher Gelegenheit denke und fühle, weiß ich in erster Linie selbst, auch wenn andere meine äußere Biographie gut kennen mögen). Emotionen lassen sich somit in einer narrativen Sequenz von Ereignissen, Erfahrungen und Gedanken, die im Bezug zum eigenen Lebenswandel stehen, einbetten.[28] Je nachdem, zu welcher Narration ich meine emotionalen Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken zusammensetze, können sich weit reichende Auswirkungen auf meinen Charakter, meine emotionalen Dispositionen[29] und meine Stimmung ergeben.[30]

Stimmungen werden von vielen Autoren von Emotionen abgegrenzt, da sie sich gegenüber vielen Emotionskonzeptionen als sehr verschieden erweisen. Argumentiert wird häufig, dass Stimmungen (wie z.B. Heimweh oder Nostalgie), keine unmittelbare Erregungskomponente beinhalten, länger andauern als Emotionen und sich nicht wie Emotionen auf ein intentionales Objekt richten. Sie werden oft als Hintergrundemotionen verstanden, die die Disposition mitbringen, in bestimmten Momenten eine Emotion auszuprägen (ich weine vor lauter Heimweh), ansonsten aber weitgehend unbemerkt bleiben. Die Erklärung dieses Sachverhalts gestaltet sich allerdings schwierig, wenn Stimmungen als grundverschieden von Emotionen betrachtet werden. Wenn das der Fall ist, wieso brechen dann aus ihnen von Zeit zu Zeit körperliche Emotionen hervor? Bei der Beantwortung dieser Frage schlicht auf eine „Störung des emotionalen Gleichgewichts“ hinzuweisen, erscheint mir wenig plausibel.[31] Eine andere Antwort lässt sich geben, wenn wir Peter Goldies Ansatz weiterdenken. Danach verlaufen Emotionen episodisch, beinhalten verschiedene Elemente und gliedern sich narrativ. Durch die narrative Gliederung, d.h. welche Elemente ich einer bestimmten Emotion im Zeitverlauf zuordne, lässt sich ziemlich klar beantworten, warum das kaum spürbare ‚Heimweh’ und das körperlich überwältigende ‚Heimweh’ zur selben Emotion gehören. Denn, wenn ich beispielsweise bei Freunden bin und mein Heimweh nicht mehr bewusst registriere, abends jedoch im Bett leicht betrübt darüber nachdenke und später an Weihnachten weinend vor dem Weihnachtsbaum sitze, dann weiß ich doch, dass all diese Episoden zu derselben Emotion ‚Heimweh’ gehören. Dadurch lässt sich auch das Argument entkräften, Stimmungen würden länger anhalten als Emotionen, denn eine Emotion setzt sich aus verschiedenen Episoden zusammen, die selbst lange Zeiträume einschließen können.

Bleibt ein letzter Einwand offen: Wie verhält es sich mit der Intentionalität von Stimmungen? Wie kann sich beispielsweise meine ängstliche Stimmung auf ein Objekt richten, wenn ich nicht anführen kann, worauf sich meine Verängstigung bezieht?

Mit dieser Frage soll weniger auf die Unfähigkeit des Akteurs angespielt werden, ein Objekt für seine Stimmung zu identifizieren, sondern vielmehr darauf hingeleitet werden, dass selbst, wenn ein Objekt auf den ersten Blick nicht verfügbar scheint, es trotzdem latent vorhanden sein kann:

„Your fear on waking in the middle of the night is a genuine emotion; even though you might not be able to say just what it is you are afraid of: whether it is the strange shape of the shadows on the wall, or the noise which woke you, or the dark. […] [T]here will always be some degree of specificity in the object of moods, even if the best available description of that object is ‘everything’, or ‘nothing in particular’. A mood involves feeling towards an object just as much as does an emotion, although, as I have said, what the feeling is directed towards will be less specific in the case of a mood.”[32]

Deswegen schlägt Peter Goldie vor, Emotionen und Stimmungen anhand des Grades ihrer Objektgerichtetheit zu unterscheiden. Eine graduelle Unterscheidung lässt sich in seinen Augen treffen, weil auf der einen Seite Emotionen nicht immer auf ein konkretes Objekt gerichtet sein müssen; die Angst im dunklen Wald kann beispielsweise sowohl auf die Schatten der Bäume, als auch auf ‚Dunkelheit’ innen oder außen bezogen sein, sie ist auf jeden Fall eine Emotion. Auf der anderen Seite lässt sich für alle Stimmungen ein Objekt finden, selbst wenn die Beschreibung im schlechtesten Fall lautet, dass es nichts Spezielles ist, was die eigene Angst auslöst. An anderer Stelle konstatiert er, Emotionen könnten zu Stimmungen verblassen (die leichte Verängstigung, die mir am nächsten Morgen nach meinem Spaziergang durch den dunklen Wald noch im Nacken sitzt) und aus Stimmungen können sich Emotion herausbilden (meine ängstlichen Grundstimmung während des Spaziergangs könnte sich plötzlich auf einen bestimmten Schatten fixieren usw.).[33] Beide Begriffe unterscheiden sich in der Definition nicht anhand von begriffseigenen Merkmalen. Stattdessen entscheidet der Grad oder die Intensität der Objektbezogenheit des Phänomens darüber, ab wann es als Stimmung klassifiziert wird.

Das erweckt den Eindruck, dass uns oberhalb einer bestimmten Intensität eine Emotion vorliegt und unterhalb eine Stimmung. Oder um es noch schärfer zu formulieren: Dass uns je nach Intensität der Objektbezogenheit entweder das eine oder das andere vorliegt. An anderer Stelle bezeichnet Peter Goldie Stimmungen eher als Variante, in der Emotionen auftreten können, denn als eigenständige Kategorie.[34] Das wirkt etwas missverständlich.

Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen anzunehmen, dass Stimmungen im Gegensatz zu Gefühlen auch ohne direktes Objekt auftreten. Ich möchte im Folgenden Stimmungen wie beispielsweise Traurigkeit oder Depression nicht objektbezogen betrachten.

Zusammenfassend möchte ich die Ergebnisse meiner Abgrenzungsbemühungen festhalten.

Emotionen sind als komplex, episodisch, dynamisch und narrativ strukturiert beschrieben worden. Sie bestehen aus komplexen emotionalen Episoden, in denen unterschiedliche Elemente (Erfahrungen, Gedanken, Dispositionen, Gefühle, etc.) miteinander in Interaktion treten können. Stimmungen können Elemente von Episoden oder eigene Episoden darstellen, die nicht nur durch einen Bezug zu einem intentionalen Objekt charakterisiert sind. Unter emotionalen Dispositionen verstehe ich dabei Veranlagungen zu einer bestimmten Emotion, die aber nicht in Erscheinung treten müssen (vergleichbar mit einem Stück Zucker, das die Disposition ‚wasserlöslich’ besitzt, die sich aber erst zeigt, wenn es mit Flüssigkeit in Kontakt tritt). Mit Gefühlen (feelings) bezeichne ich die phänomenale Komponente von Emotionen, deren wesentliche Eigenschaft es ist, sich intentional auf Objekte richten zu können. Dabei unterscheide ich zwischen Körpergefühlen, die somatisch in Erscheinung treten und sich nur mithilfe von geborgter Intentionalität auf Objekte richten können, und Gefühlen gegenüber einem Objekt, die sich mithilfe von direkter Intentionalität auf ein Objekt richten können und sich nicht körperlich manifestieren. Davon grenze ich Empfindungen (sensations) ab, die sich zwar irgendwie anfühlen und somatisch in Erscheinung treten können, sich aber nicht intentional auf ein Objekt richten (z.B. Hunger, Schmerzen, Müdigkeit). Den Begriff ‚ Affekt ’ reserviere ich für automatisch ablaufende Reaktionsmechanismen, die auf externe Reize reagieren und sich nur bedingt der bewussten Kontrolle des Akteurs unterwerfen.

Ein wesentliches Ziel einer Begriffsabgrenzung, nämlich, verschiedenen Begriffen im Zusammenhang mit Emotionen zu schärferen Konturen und mehr Inhalt zu verhelfen, konnte erreicht werden. Was selten explizit angesprochen wird, ist, dass eine solche Begriffsabgrenzung meistens vor einem bestimmten theoretischen Hintergrund erfolgt. Das lässt sich durch die Diskussion von Stimmungen im vergangenen Abschnitt veranschaulichen: Solange wir Emotionen beispielsweise nur als durch bestimmte Gesichtspunkte gekennzeichnete affektive Stadien annehmen, können wir ihnen schwerlich lang andauernde Stimmungen zuordnen. Erst wenn wir sie als Episoden begreifen, deren einzelne Elemente narrativ strukturiert werden, lassen sich Stimmungen auf die erörterte Weise einfügen. Die Entscheidung, ob wir die Begriffe ‚Stimmung’ und ‚Emotion’ als getrennte Entitäten auffassen oder Stimmungen als emotionale oder Teile emotionaler Episoden ansehen, hängt folglich nicht zuletzt davon ab, wie wir Emotionen konzeptualisieren.

Dieser Sachverhalt wird in der Literatur oft vernachlässigt. Einigen Angriffen von neurowissenschaftlicher Seite lässt sich dadurch begegnen, dass man definiert, auf welcher Ebene die eigene – philosophische – Untersuchung stattfindet. Im folgenden möchte ich untersuchen und gleichzeitig überprüfen, ob die aufgestellten Begriffsdefinitionen für eine philosophische Erklärungsebene angemessen sind, d.h. ob dort den von uns begrifflich abgegrenzten Emotionen gemeinsame Strukturen zugrunde liegen. Das würde die wissenschaftliche Re-Definition eines Begriffes zur Bezugnahme auf eine einheitliche Klasse ‚Emotionen’ rechtfertigen. Dahinter steckt die Frage, ob unser Emotionsbegriff auf ein in sich geschlossenes und stimmiges Konzept verweist, das sich als Rahmen für wissenschaftliches Arbeiten eignet. In einem weiteren wissenschaftlichen Zusammenhang wird die Frage oft wie folgt ausgedrückt: Bilden Emotionen eine natürliche Art?

Der Begriff ‚natürliche Art’ wird keinesfalls eindeutig gebraucht.[35] Sein Verwendungsradius erstreckt sich von der Kennzeichnung einer homogenen biologischen Kategorie bis zur Kennzeichnung funktional gebündelter Analogien. Der Zweck der Bezugnahme auf Kategorien besteht darin, aus Einzelbeispielen der Kategorie Aussagen über die ganze Kategorie abzuleiten (Induktion). Homogene Konzepte unterscheiden sich fundamental von analogen. Die Klassifikation nach Analogie ist eine funktionelle Klassifikation, die Entitäten mit denselben Funktionen oder oberflächlichen Eigenschaften vereinigt. Dagegen resultieren Homogenitäten aus kausalen Mechanismen. Sie erlauben Prognosen und besitzen eine weitreichende Erklärungskraft. Ein Beispiel aus der Biologie kann das verdeutlichen: betrachten wir einerseits Vögel und Fledermäuse und anderseits Wale und Haie, so findet sich eine Analogie zwischen Vögeln und Fledermäusen (beide können fliegen) und eine zwischen Walen und Haien (beides sind Meerestiere). Eine kohärente homogene Kategorie bilden, unter diesen vier Beispielen, allerdings ausschließlich Wale und Fledermäuse (beides Säugetiere), auf die besonders in der Biologie schwerlich verzichtet werden kann. Analogien mögen sich als nützlich erweisen bei Untersuchungen zur Aerodynamik, aber lassen sich nicht vergleichen mit den heute etablierten Kategorien wie ‚Säugetiere’ oder ‚Vögel’.[36]

Auf Emotionen übertragen lautet die Frage: Wie können wir aus wissenschaftlicher Sicht rechtfertigen, Phänomene wie Furcht, Eifersucht, Nostalgie und Stolz in derselben Kategorie ‚Emotionen’ unterzubringen?

Scharfe Kritik an einer natürlichen Art ‚Emotionen’, die sich für wissenschaftliches Arbeiten eignet, kommt von Paul Griffiths. Seiner Meinung nach erweckt unser umgangssprachlicher Emotionsbegriff lediglich die Illusion, wir hätten es mit einem geschlossenen Konzept zu tun. Deshalb tritt er (zumindest im wissenschaftlichen Kontext) für die Abschaffung dieses Emotionsbegriffs ein. Er argumentiert, dass es zumindest zwei Untergruppen von Emotionen gibt, die strukturell so verschieden seien, dass sie gesonderten Kategorien zugewiesen werden müssten. Er möchte Affekte von höheren kognitiven Emotionen separieren.[37] Diesen Schritt begründet er, indem er erläutert, warum keine der beiden Untergruppen, zu einer natürlichen Art ‚Emotionen’ erweitert werden kann. Einerseits würde für die Klasse der Affekte die Problematik bestehen, komplexe kognitive Emotionen integrieren zu können (wie lässt sich beispielsweise Nostalgie als Affekt konzipieren?).[38] Andererseits weist er Versuche zurück, die Klasse der höheren kognitiven Emotionen auf die Affekte auszuweiten. Er begründet dies damit, dass fundamentale Unterschiede zwischen den Bewertungsvorgängen existieren. Affektive und kognitive Evaluation gehen nicht miteinander einher. Affektive Evaluation kann von statten gehen, ohne, dass (i) die Informationen höheren kognitiven Systemen zur Verfügung stehen, (ii) die Wahrnehmung des Stimulus vollständig abgeschlossen ist und (iii) ohne, dass eine Situation zuvor differenziert erfasst wurde.[39] Nehmen wir den Affekt ‚Ärger’ zur Hand,[40] dann kann dieser mich (i) zu einem sofortigen Wutausbruch motivieren, ohne, dass ich (ii) bereits vollständig wahrgenommen haben muss, dass meine Freundin mir die Tür vor der Nase zugeschlagen hat und ohne, dass ich (iii) mein eigenes Fehlverhalten dazu in Bezug setzen muss. Betrachten wir dagegen eine Emotion wie Nostalgie, dann begleitet sie meine Rückkehr in meine Geburtsstadt vielleicht mit einem bittersüßen Gefühl, das für mich eine (wie auch immer geartete) Information über meine Beziehung zu diesem Ort beinhaltet. Aus einer eher neurowissenschaftlichen Perspektive (Ansprechung auf Stimuli, automatische Affektreaktionen) scheinen Zweifel an einer einheitlichen Kategorie von ‚Emotionen’ berechtigt (neue empirische Erkenntnisse über neurophysiologische Aktivitäten bei Affekten wären wohl kaum auf z.B. Nostalgie übertragbar).

Um nun trotz dieser Einwände eine einheitliche Kategorie ‚Emotionen’ postulieren zu können, ist es nicht unbedingt nötig, diese auszuräumen. Mögen in den Neurowissenschaften bevorzugt kausale biochemische Zusammenhänge herangezogen werden, um einheitliche Kategorien zu konstituieren, so mögen in anderen Wissenschaften Analogien zur Kategoriebildung Anwendung finden. Denn die Frage, ob ein Begriff eine einheitliche Kategorie bildet, hängt maßgeblich von der gewählten Erklärungsebene und dem Theoriehintergrund ab. Nico Fridja unterscheidet in Bezug auf Emotionen drei grundsätzliche Erklärungsebenen: die intentionale Ebene, die Subjekt-Objekt-Beziehungen untersucht, die funktionale Ebene, die unter anderem psychologische Mechanismen betrachtet und die strukturelle Ebene, die Emotionen durch neurophysiologische und biochemische Vorgänge erklären möchte.[41] Etwas problematischer erweist sich das Ausweichen auf andere Erklärungsebenen bei Emotionen. Denn keine Emotion kann ohne zugehörige Vorgänge im Gehirn existieren (nicht zuletzt deswegen bin ich auf die neurowissenschaftlichen Diskrepanzen innerhalb meines Emotionsbegriffs so ausführlich eingegangen). Aber umgekehrt lassen sich auf dieser Ebene wichtige Eigenschaften der hier erfolgten Begriffsdefinition nicht erklären. Darunter fallen insbesondere die Phänomenalität und die Intentionalität von Emotionen. Intentionalität als psychisches Phänomen kann nicht auf neurologische Schaltkreise reduziert werden und Phänomenalität setzt die Perspektive der ersten Person voraus. Auf einer intentionalen Ebene hingegen scheint eine einheitliche Kategorie ‚Emotion’ realisierbar, denn nach der ausgeführten Definition lässt sich selbst bei Stimmungen eine minimal vorhandene Intentionalität nachweisen. Damit besteht eine gewisse kleine Rechtfertigung für die unterbreitete Begriffsdefinition gegeben werden konnte. Abgesehen davon war mir wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass Begriffe in Verbindung zu einem bestimmten Theoriehintergrund stehen und dementsprechend sorgfältig abzugrenzen sind. Ebenfalls wollte ich verdeutlichen, dass der Nachweis, dass ein Begriff auf einer Ebene zwei vollkommen verschiedene Phänomene fasst, nicht automatisch bedeutet, dass er nicht auf einer anderen Ebene auf wichtige gemeinsame Eigenschaften dieser Phänomene bezugnehmen kann. Insbesondere im Hinblick auf die Konsequenzen von Handlungen bin ich zuversichtlich, dass sich Phänomene wie Affekte und komplexe Emotionen, wie z.B. Eifersucht, unter einem Begriff, dem der Emotion, subsumieren lassen.[42]

2.2 Theoriegeschichtliche Entwicklung

Im ersten Abschnitt wurden wortgeschichtliche Entwicklungen beleuchtet und Begriffe definiert. Gleichzeitig wurde überprüft, ob die definitionsbedingten Grenzen der Erklärungsebene angemessen und für die weitere Untersuchung förderlich sind. In diesem Abschnitt möchte ich einen kurzen Überblick über die Entwicklung von zwei Gefühlsparadigmen geben. Das Ziel ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass das Nachdenken über Emotionen bis weit in die philosophischen Anfänge zurückreicht. Ferner soll skizziert werden, dass sich aus der historischen Entwicklung zwei primäre Theoriegebäude herauskristallisiert haben, die bis in heutige Diskussionen hinein Bestand haben. Deswegen möchte ich im Anschluss an die beiden Paradigmen einige zeitgenössische Argumente für und gegen die jeweiligen Positionen, die mir für die weitere Untersuchung wichtig erscheinen, betrachten. Das eine werde ich kognitivistisches, das andere gefühlstheoretisches Paradigma nennen. Im zweitgenannten werde ich – wie der Name schon andeutet – die zentrale Rolle der (Körper-)Gefühle innerhalb der Emotionen näher untersuchen. Dagegen bringt die kognitivistische Betrachtungsweise neue Analysemöglichkeiten außerhalb subjektiver Emotionsanteile ins Spiel. Handlungen werden klassischerweise unter Rückgriff auf Kognitionen (wie z.B. bewusste Wünsche und Überzeugungen) analysiert. Wenn wir Emotionen auf Urteile, Überzeugungen, Wünsche zurückführen, dann scheint von dort aus leichter ein Übergang zur gemeinsamen Betrachtung mit (rationalen) Handlungen möglich. Das weckt die Hoffnung, aus beiden Ansätzen einige wichtige Erkenntnisse für weitere Untersuchung aufgreifen zu können.

2.2.1. Kognitivistisches Paradigma

Historisch weiter zurückverfolgen lässt sich das kognitivistische Paradigma. Ein guter Einstieg lässt sich bei den Stoikern (300 v. Chr.)[43] vornehmen, bei denen Emotionen (als Hindernis für…) indirekt in das Zentrum einer strengen Tugendlehre rücken. Ein tugendhaftes Leben lässt sich in ihren Augen erst erlangen, wenn man sich völlig von den Einflüssen frei macht, die sich rationaler Kontrolle entziehen und uns somit

(fremd-)bestimmen könnten. Insbesondere Chrysipp rückte Emotionen indirekt ins Zentrum seiner Theorie.[44] Darin wurden Emotionen als fehlgeleitete Urteile über uns und die Welt angesehen, die zu unterbinden sind, um zu vernunftkontrollierten und angemessenen Urteilen zu gelangen.[45] Bereits in diesem kurzen Anschnitt antiker Theoretisierung von Emotionen lässt sich eine enge Verbindung zwischen kognitiven Elementen (Urteilen) und Emotionen ausmachen. Mit diesem Gedanken möchte ich aus systematisch-ökonomischen Gründen den historischen Ausflug in die Antike beenden und die erwähnte Verbindung zu Urteilen als Ausgangspunkt zur Beschreibung dessen verwenden, was ich kognitivistisches Paradigma genannt habe.

Die oft auch als ‚kognitiv’ benannten und charakterisierten Theorien markieren einen wichtigen Forschungsbereich heutiger Emotionsforscher. Das Attribut ‚kognitiv’ bedeutet hier soviel wie, dass sich meine emotionale Reaktion an das Vorhandensein von gewissen Urteilen, Überzeugungen und Bewertungen koppelt. In diesem Paradigma werden Kognitionen als essenzielle Bestandteile von Emotionen angesehen. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der kognitiven Theorienbildung um eine recht verzeigte Strömung handelt. Bereits bei der Frage, ob man unter einer Kognition am ehesten Gedanken, Überzeugungen, Wünsche, Wahrnehmungen oder Urteile verstehen soll, gehen die Meinungen stark auseinander. Eine besonders markante These lautet: Emotionen sind Urteile. Sie wurde und wird von Robert Solomon postuliert. Ärger entsteht durch das Urteil, dass man beleidigt wurde, Traurigkeit durch das Urteil, dass einem etwas verloren gegangen ist, Furcht durch das Urteil, dass sich beispielsweise ein wilder Bär in der Nähe herumtreibt. Er ergänzt, dass Urteile sowohl bewusste (und auch unbewusste) Wahrnehmungen (Situation: Das Auftauchen eines Bären kann Furcht auslösen), als auch propositionale Einstellungen[46] (die Überzeugung, schlecht für das Examen vorbereitet zu sein, kann ebenfalls Furcht auslösen) als ihre Objekte akzeptieren müssen. Dabei wird angenommen, dass sich der Gehalt emotionaler Episoden ausreichend bestimmen lässt, wenn man den Gehalt der zugehörigen propositionalen Einstellungen angeben kann. Mit anderen Worten: Die Bezugnahme auf den Gehalt der eigenen Überzeugungen, Gedanken und Wahrnehmungen erlaubt es, den Gehalt emotionaler Episoden adäquat zu rekonstruieren. Nach dieser Auffassung lassen sich Emotionen unter Rückgriff auf die beteiligten kognitiven Elemente differenzieren. Diese sind nicht nur Bestandteil des auslösenden Sachverhalts, sondern integraler Bestandteil der Emotion selbst, d.h. Emos Furcht beginnt nicht, nachdem er glaubt, dass er schlecht auf das Examen vorbereitet ist, sondern dieser Glaube ist Bestandteil seiner Furcht. Diese Furcht enthält evaluative Elemente, die über reflexive (selbstbezogene) Einschätzungen (appraisals) hinausgehen, insofern sie sich intentional auf einen Sachverhalt der Welt richtet.[47]

[...]


[1] Diese Unterscheidung sollte sich ein Redner zu Nutze machen. Um glaubwürdig zu sein, sollte er vor seinem Publikum Einsicht, Tugend und Wohlwollen ausstrahlen. Denn wer nicht einsichtig wirkt, dem unterstellt man, er behaupte etwas Falsches, wer einsichtig, aber nicht tugendhaft wirkt, dem unterstellt man Verlogenheit und wer einsichtig und tugendhaft wirkt, aber nicht wohlwollend, dem kann es passieren, dass er trotz besseren Wissens nicht das Beste rät. Vgl. Aristoteles (1993), Rhetorik, 84 (1378a). München.

[2] Innerhalb der kognitiv ausgerichteten Betrachtungsrahmen werden die Konstellationen, die zum Entstehen einer Emotion führen, oft als auslösende Situation bezeichnet(z.B. das Zusammenspiel zwischen situativer Komponente und Kognition: ich bekomme meine Abschlussurkunde überreicht, bin überzeugt, dass diese wichtig für mich ist und empfinde Stolz) oder als auslösender Sachverhalt (z.B. das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Kognitionen: ich empfinde Stolz, wenn ich daran denke, dass ich Bürger dieses Landes bin, weil ich überzeugt bin, dass sich Deutschland positiv weiterentwickelt hat). Im Verlauf dieser Arbeit werde ich beide Ausdrücke äquivalent gebrauchen.

[3] Zwar erwähnt Aristoteles im oben aufgeführten Zitat, dass Emotionen ein bestimmtes Lust- oder Unlustgefühl (Aristoteles verwendet Unlust und Schmerz synonym und in Abgrenzung zu Lust) nach sich ziehen, zur stetigen Unterscheidung eignet sich dieses Kriterium aber nicht. Denn zwei völlig verschiedene Emotionen (z.B. Furcht und Scham) können leicht dasselbe Unlust, bzw. Schmerzniveau erreichen. Vgl. Ebd., 98ff (1382b).

[4] Vgl. Hartmann, M. (2005). Gefühle. Wie die Wissenschaften sie erklären. Frankfurt, 28.

[5] Ich werde den Begriff ‚Leidenschaft’ in dieser Arbeit bevorzugt als passiv erfahrbare Emotionen, so wie René Descartes den Begriff bestimmt, verwenden.

[6] Im Wesentlichen ist mit dem Begehrungsvermögen ein Vermögen gemeint, das das von Aristoteles beschriebene Lust- oder Unlustgefühl nach sich zieht. Eine Unterscheidung verschiedener Vermögen der Seele fand schon zu Zeiten Platons (428-347 v. Chr.) statt. In seinem Werk ‚Der Staat’ entfaltet Platon seine Vorstellung einer dreigeteilten Seele. Ausgehend von der Frage, wie Personen gleichzeitig vernunftorientiert, leidenschaftlich und lustgesteuert handeln können, zerlegt er die Seele in ein Überlegungsvermögen, ein Begehrungsvermögen und das Vermögen des Herzens. Emotionen treten dabei manchmal als Verbündete, manchmal als Gegner der Vernunft auf. Vgl. Platon, Der Staat, 236ff. (4.436a-4.443e), 456ff. (9.580d-9.583a). übers. V. R. Rufener, Zürich – München 1973.

[7] Vgl. Descartes, R. (1649). Die Leidenschaften der Seele (1-363). In: Hammacher, K. (1984) (Hg). Philosophische Bibliothek, 345. Hamburg, 47ff. René Descartes unterscheidet sich damit von David Hume, für den gefühlsmäßige Urteile und Fehlbarkeit keinen Widerspruch darstellen. Vgl. Kenny, A. J. P. (19765). Action, Emotion and Will. London, 27.

[8] Empfindungen werden häufig als rein körperliche Wahrnehmungen wie Schmerzen bei Verletzungen oder Müdigkeit angesehen, die sich auf kein Objekt außerhalb des Körpers richten. Eva-Maria Engelen schreibt ihnen deswegen eher „Signalfunktion“ als „Bewertungs- oder Einschätzungscharakter“ zu. (Vgl. Engelen, E.-M. (2007). Gefühle. Stuttgart,, 11) In diesem Sinne werde ich deshalb unter dem Begriff ‚Empfindung’ Wahrnehmungsdaten sämtlicher Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Gleichgewichtsinn) zusammenfassen. Die seelische Wahrnehmung zähle ich nicht dazu, da eine Emotion wie z.B. Angst zwar körperliche Begleiterscheinungen (erhöhter Pulsschlag) mit sich bringt, diese aber in direktem Zusammenhang mit der Emotion stehen. Schließt man sich allerdings der Sichtweise René Descartes’ an, lässt sich zumindest eine Parallele zwischen sinnlichen und seelischen Wahrnehmungen ziehen: beide stehen der Vernunft als Dateninput zur Verfügung und so lässt sich an seelischen Wahrnehmungen genauso wenig zweifeln, wie beispielsweise an Schmerzen. Vgl. Hartmann, M. (2005), 14f.

[9] Vgl. ebd., 29.

[10] Vgl. Paul, H. (1992). Deutsches Wörterbuch. Tübingen, 320 und Ritter, J. (Hg) (1974). Historisches Wörterbuch der Philosophie, 3. Basel – Stuttgart, 82.

[11] Vgl. Hartman, M. (2005), 29f.

[12] Oder in den Worten von Annette Baier: „[T]he full list of seventeenth and eighteenth century passions, of nineteenth and twentieth century emotions, of seventeenth to twentieth century affects, would be more or less the same, or intertranslatable.”, Baier, A. (1990). What Emotions are about (1-19). Philosophical Perspectives, 4, 2.

[13] Ritter, J. (Hg) (1971). Historisches Wörterbuch der Philosophie, 1. Basel – Stuttgart, 89.

[14] Vgl. Engelen, E.-M. (2007), 7.

[15] Mit unterhalb einer bestimmten Bewusstseinsschwelle meine ich nicht, dass sich Affekte (verbunden mit intensiven Erregungszuständen für das Individuum) unbewusst ereignen können, sondern dass sie oft erst verzögert ins Bewusstsein rücken. Ferner mag meine affektive Reaktion (ich erröte vor Scham) Interpretationen meiner Umwelt nach sich ziehen (er schämt sich), über die ich mir selbst nicht bewusst bin.

[16] Vgl. Engelen, E.-M. (2007), 9, Hartmann, M. (2005), 30 und DeLancey, C. (2002). Passionate engines. What emotions reveal about mind and artificial intelligence. New York, 7.

[17] Vgl. Goldie, P. (2004). Emotion, Feelings and Knowledge of the World. In: Solomon, R. C. (Hg). Thinking about Feeling. Contemporary Philosophers on Emotions. New York, 54, James, W. (1884). What is an Emotion? (188-205). Mind, 9., 192f., Hartmann, M. (2005), 43f.

[18] Vgl. Goldie, P. (2004), 64ff.

[19] Vgl. ebd., 67.

[20] In Kontrast zur unpersönlichen Einstellung der empirischen Wissenschaften setzt Peter Goldie die Idee einer persönlichen Perspektive, die entsteht, wenn eine Person Gedanken und Körpergefühle bewusst wahrnimmt. Vgl. ebd., 1f.

[21] Diese Position wird auch als biologischer Naturalismus bezeichnet und geht auf einen Ansatz von John Searle zurück. Bewusstsein wird dabei als biologisches Phänomen aufgefasst, das einen Teil der realen Welt ausmacht. Es wird definiert als ontologisch subjektiv, basierend auf neurophysiologischen Vorgängen, aber nicht darin aufgehend und als objektgerichtet, d.h. über etwas oder auf etwas bezogen. Vgl. Searle, J. (2004). Mind. New York, 52ff. und Barrett, L. F., Mesquita, B., Ochsner, K. N., Gross, J. J. (2007). The Experience of Emotion (373-404). Annual Review of Psychology, 58, 376.

[22] Vorstellen meine ich im Sinne von Nachvollziehen und möchte darauf hinweisen, dass die phänomenale Komponente – die einen eigenständigen Bewusstseinsanteil ausmacht – kein Nebenprodukt des Vorstellens ist.

[23] An einer Stelle spricht Peter Goldie davon, dass sich das Körpergefühl das intentionale Objekt des Gefühls gegenüber einem Objekt borgt. Da dieses aber identisch mit dem der Emotion ist, werde ich die Formulierung hier beibehalten. Vgl. Goldie, P. (2000). The Emotions. A Philosophical Exploration. New York. 57.

[24] Vgl. Goldie, P. (2000), 55f.

[25] Vgl. Goldie, P. (2004), 96.

[26] Vgl. ebd. 57f. An anderer Stelle führt Peter Goldie phänomenale Qualitäten als Unterscheidungskriterium zu Wünschen und Überzeugungen an. Wünsche müssen sich nicht irgendwie anfühlen. Mein Wunsch, dass morgen kein Glatteis herrschen soll, kann angstbesetzt sein oder eben nicht. Überzeugungen können sich nicht irgendwie anfühlen, ferner kann man sich Gefühle einreden, Überzeugungen bestehen entweder oder sie bestehen nicht und zuletzt kann eine Person zwischen entgegengesetzten Gefühlen schwanken, ohne deswegen als irrational zu gelten. Im Unterschied zu jemandem, der widersprüchliche Überzeugungen hat.

[27] Episodisch möchte ich in diesem Zusammenhang von prozessartig abgrenzen. Wenn man unter prozessartig einen stringent erfolgenden Aufbau (wie z.B. Gedanken innerhalb einer Gedankenkette aufeinander aufbauen) versteht, dann verstehe ich episodisch als zeitliche Abhandlung, die kontingenterweise, d.h. möglicherweise aber nicht notwendigerweise, einen Aufbauprozess beinhaltet.

[28] Das Adjektiv ‚narrativ’ beschreibt, wie einzelne Ereignisse und Handlungen, die sich über einen gewissen Zeitraum hinweg ereignen, in eine für mich persönlich sinnvolle Verbindung gesetzt werden können. Ich könnte sozusagen eine Geschichte erzählen, weshalb, seit wann und wieso ich eifersüchtig bin, welche Gedanken und Handlungen im Zusammenhang mit dieser Emotion auftreten usw. und diese Geschichte kann unterschiedlich detailliert ausfallen. Dabei muss aus Gründen der Genauigkeit angemerkt werden, dass die Handlungen aus einer Emotion zwar zur Narration, nicht aber zur Emotion selbst gehören. Vgl. Goldie, P. (2000), 4f, 13.

[29] Unter emotionalen Dispositionen versteht man eine (angeborene oder anerzogene) Veranlagung, bestimmte Emotionen haben zu können. So mag ich mir zwar die Disposition für die Emotion ‚Scham’ wünschen, doch vermutlich könnte ich gut damit leben, wenn ich mich mein ganzes Leben lang nicht schämen müsste. Dispositionen gewährleisten also nur, dass sich bestimmte Emotionen ausprägen können.

[30] Vgl. ebd., 11ff.

[31] Vgl. Engelen, E.-M. (2007), 10.

[32] Vgl. Goldie, P. (2000), 143.

[33] Vgl. ebd., 6.

[34] Vgl. ebd., 143.

[35] Ich werde das Konzept ‚natürliche Art’ als die Vereinigung von Objekten in einer Kategorie verstehen, „die in theoretisch relevanter Hinsicht Eigenschaften gemeinsam haben“. Vgl. Hartmann, M. (2005), 21f.

[36] Vgl. Griffiths, P. E. (1997). What Emotions Really Are. The Problem of Psychological categories. Chicago – London, 12ff. und Elster, J. (1999). Alchemies of the Mind. Rationality and the Emotions. New York, 239f.

[37] Griffiths, P. E. (1997). What Emotions Really Are. The Problem of Psychological categories. Chicago – London, 245. Hier erwähnt Paul Griffiths zusätzlich eine Art vorgetäuschter Gefühle, die er zum Erklären gewisser emotionaler Handlungen für wichtig erachtet, denen er aber ansonsten einen Pseudostatus einräumt.

[38] Eine simple Erweiterung würde das Konzept aufweichen. Beispielsweise wurde vorgeschlagen, Emotionen als Zustände und Prozesse mit affektiven Anteilen zu definieren, die in den Neurowissenschaften studiert werden, was zahlreiche andere motivierende Komponenten einschließen würde. Vgl. Griffiths, P. E. (2000). Is Emotion a Natural Kind? (233-249). In: Lewis, M., Haviland-Jones, J. M. (Hg). Handbook of Emotions. Second Edition. New York, 248.

[39] Vgl. ebd., 244. Abgesehen davon müsste noch geklärt werden, wie sich bei dieser Betrachtungsweise andere evaluative Vorgänge von Emotionen ausschließen lassen.

[40] Man könnte auch sagen: Betrachten wir die Emotion ‚Ärger’ als Affekt nach der gegebenen Definition.

[41] Vgl. Frijda, N. H. (2000). The Psychologists’ Point of View (59-74). In: Lewis, M., Haviland-Jones, J. M. (Hg). Handbook of Emotions. Second Edition. New York, 61.

[42] Vgl. Döring, S. A. (2003). Explaining Action by Emotion (214-230). The Philosophical Quarterly, 53, 221. Dieser Ansicht ist auch Sabine Döring, die darauf hinweist, dass der Emotionsbegriff in einem weiten, holistischen Bedeutungsnetzwerk steht und es scheint fraglich, ob er sich durch Unterkategorien ersetzen lässt.

[43] Die stoische Schule wurde circa 300 v. Chr. von Zeno von Citium gegründet und beeinflusste philosophisches Denken noch bis weit über die Zeit Marc Aurels (gilt als letzter Stoiker) hinaus.

[44] Vgl. Alanen, L. (2003). What are Emotions About (311-334). Philosophy and Phenomenological Research, 67, 313.

[45] Vgl. Solomon, R. C. (2000). The Philosophie of Emotions (3-15). In: Lewis, M., Haviland-Jones, J. M. (Hg). Handbook of Emotions. Second Edition. New York, 5.

[46] Propositionale Einstellungen möchte ich als mentale Weisen verstehen, einen bestimmten Sachverhalt zu repräsentieren. Ich denke, dass ein Bär gefährlich ist. Ich bin überzeugt, dass ein Bär gefährlich ist. Ich wünsche mir, dass er es nicht ist. Der zum Ausdruck gebrachte Sachverhalt wird als propositionaler Gehalt bezeichnet.

[47] Vgl. Solomon, R. C. (2004). Emotions, Thoughts, and Feelings. Emotions as Engagements with the World (76-88). In: Solomon, R. C. (Hg). Thinking about Feeling. Contemporary Philosophers on Emotions. New York, 82.

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Emotionen in der Ökonomie
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Philosopie und Wirtschaftswissenschaften)
Note
2.3
Autor
Jahr
2008
Seiten
90
Katalognummer
V133462
ISBN (eBook)
9783640400379
ISBN (Buch)
9783640400164
Dateigröße
1149 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit war Teil eines fächerübergreifenden Projektes. Prüfungsberechtigt waren je ein Gutachter aus dem Bereich Philosophie und aus dem Bereich Wirtschaftswissenschaften.
Schlagworte
Emotionen
Arbeit zitieren
M.A. Nikolaus Mikulaschek (Autor), 2008, Emotionen in der Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133462

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