Autismus. Frühdiagnostik und Frühförderung. Der TEACCH Ansatz.


Diplomarbeit, 2009

67 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen des Autismus
2.1 Die verschiedenen Formen des Autismus
2.2 Die Geschichte des Autismus
2.3 Die Ursachen des Autismus

3. Die Entwicklung von Kindern mit Autismus
3.1 Die Kommunikation
3.1.1 Die normale Sprachentwicklung
3.1.2 Die Sprachentwicklung beim autistischen Kind
3.2 Kognitive Besonderheiten
3.2.1 Der kognitive Stil
3.2.1.1 Aufmerksamkeit
3.2.1.2 Reizverarbeitung
3.2.1.3 Gedächtnis
3.2.1.4 Problemlösungsverhalten
3.3 Besonderheiten im Lernverhalten
3.4 Die soziale und emotionale Entwicklung
3.5 Das Spielverhalten
3.6 Die motorische Entwicklung

4. Der TEACCH Ansatz
4.1 Die TEACCH Philosophie
4.2 Structured Teaching
4.2.1 Strukturierung und Visualisierung
4.2.1.1 Raum
4.2.1.2 Zeit und Tagesablauf
4.2.1.3 Arbeit
4.2.1.4 Aufgaben und Tätigkeiten
4.2.1.5 Routinen
4.3 Die Förderdiagnostik
4.3.1 Formelle Entwicklungs- und Förderdiagnostik
4.3.2 Informelle Förderdiagnostik
4.3.3 Verfahren zur Erfassung bestimmter Fähigkeiten
4.4 Förderung der Sozialkompetenz
4.5 Förderung der Kommunikationskompetenz
4.6 Effektivität des TEACCH Ansatzes

5. Schlusswort und kritische Punkte

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„In besonders klaren Nächten kommen die Elfen auf die Erde und betrachten die Menschenkinder. In das schönste verlieben sie sich und entführen es in ihre Welt. Damit die Wiege nicht leer zurückbleibt, legen sie eines der ihren hinein. Für die Menschen aber – so das Märchen – bleiben diese Elfenkinder immer Wesen aus einer fremden Welt“
(Film „Lichtblicke. Haus Bucken – ein Heim für Autisten“, 1993).

Die vorliegende Diplomarbeit zu dem Thema „Autismus – Frühdiagnostik und Frühförderung am Beispiel des TEACCH Ansatzes“ möchte aufzeigen, wie autistischen Kindern das Leben in einer für sie fremden Welt, der Welt ohne Autismus, erleichtert werden kann.

Einführend geht es um die Definition des Begriffes Autismus. Eine Darstellung der drei Autismusformen schließt sich an. Weiterhin werden die Forschungsgeschichte und die möglichen Ursachen des Autismus beschrieben. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt bei der Betrachtung des Kanner-Syndroms, dem frühkindlichen Autismus.

Früh einsetzende Unterstützung der betroffenen Kinder beim Hineinwachsen in die normale Welt, soll dann ein Fördermodell, der sogenannte TEACCH Ansatz, beispielhaft aufzeigen.

Um die einzelnen Förderbereiche des TEACCH Ansatzes zu verstehen, ist es wichtig, einen Überblick über die Entwicklung sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten von Kindern mit dem Kanner-Syndrom zu haben. Diese Darstellung beginnt mit dem Bereich der Kommunikation und umfasst sowohl die verbale als auch die nonverbale Kommunikation. Zur Verdeutlichung soll der Vergleich der Sprachentwicklung von gesunden und autistischen Kindern beitragen. Der zweite Bereich behandelt die kognitiven Besonderheiten von Autisten. Die Auffälligkeiten bei der Sammlung und Verarbeitung von Informationen sowie die der Sensorik werden hier erläutert. Zwar gibt es autismusspezifisch keine Beeinträchtigungen im Bereich der Sensorik, aber dennoch setzen Autisten ihre Sinne anders ein. Sie präferieren die Nahsinne auch dann noch, wenn gesunde Kinder bereits eine Umkehrung zu den Fernsinnen vorgenommen haben. In Bezug auf die Wahrnehmung, sowie im weiteren Verlauf der Arbeit auf die Reizverarbeitung, werden nun die Besonderheiten bei den verschiedenen Sinnen aufgezeigt. Die Beschreibung des sogenannten kognitiven Stils schließt sich an. Sie umfasst die speziellen Merkmale von Informationsverarbeitung, Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung und Gedächtnisleistung sowie das Problemlösungsverhalten autistischer Kinder. Es folgen die Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten, die Autisten beim Lernen haben, und daraus resultierende Konsequenzen für die Förderung. Daran schließen sich die Beeinträchtigungen der sozialen und emotionalen Entwicklung an. Hierbei werden die Problematiken von der Interaktion, über den Beziehungs- und Bindungsaufbau, sowie den Gefühlsausdruck, die fehlende Empathie und Verhaltensdefizite aufgezeigt. Abschließend behandelt dieser Teil der Arbeit noch das auffällige Spielverhalten autistischer Kinder.

Im Anschluss wird der TEACCH Ansatz beleuchtet. An die Erklärung des Begriffes TEACCH sowie die Darlegung seiner Entstehungsgeschichte schließt sich die Erörterung der sogenannten TEACCH Philosophie an. Sie umfasst die Grundprinzipien des pädagogisch-therapeutischen Konzepts. Besondere Beachtung im TEACCH Ansatz finden dabei die Bestandteile Strukturierung und Visualisierung sowie die Förderdiagnostik. Beispielhaft werden die Förderung der Sozial- und die der Kommunikationskompetenz aufgezeigt. Die Darstellung der Effektivität des Modells und auch die Kritik daran sowie ein Fazit bilden den Abschluss der Arbeit.

2. Grundlagen des Autismus

Laut Bernd Tschöpe (2005) hat kaum ein Störungsbild so viele Theorien, Therapieansätze und Erklärungsversuche, aber auch Mythen und Geschichten produziert wie der Autismus. Aus diesem Grund sollen in diesem ersten Teil der Arbeit die theoretischen Grundlagen des Autismus dargestellt werden.

Unter dem Begriff Autismus versteht man eine vielfältige und komplexe Entwicklungsstörung. Abgeleitet wird er von dem griechischen Wort „autos“, das übersetzt „selbst“ bedeutet und sich auf die Selbstbezogenheit oder die Abkapselung der Autisten von der Umwelt bezieht. Da es verschiedene Formen vom Autismus gibt, werden diese im Folgenden näher beschrieben.

2.1 Die verschiedenen Formen des Autismus

Der Autismus wird in drei Erscheinungsformen unterteilt. Alle drei Formen gehören, der internationalen Klassifikation psychischer Störungen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und auch den Diagnostischen Kriterien der American Psychiatric Association nach, zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. „Diese Gruppe von Störungen ist gekennzeichnet durch qualitative Beeinträchtigungen in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern und durch ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Diese qualitativen Auffälligkeiten sind in allen Situationen ein grundlegendes Funktionsmerkmal des betroffenen Kindes, (Jugendlichen oder Erwachsenen)" (ICD-10, S.358). Die einzelnen Störungsformen sowie ihre Diagnosekriterien sind:

- das Asperger-Syndrom,
- der Atypische Autismus und
- der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom).

I. Das Asperger-Syndrom ist eine der beiden klassischen Formen von Autismus. Neben Beeinträchtigungen der gegenseitigen sozialen Interaktion sind „eingeschränkte, stereotype, sich wiederholende Interessen und Aktivitäten“ (Dilling/Mombour/Schmidt, 2008: 312)typisch. Ein normaler Entwicklungsstand bzgl. der Sprache und der kognitiven Entwicklung, jedoch eine motorische Ungeschicktheit zeichnen sich bei dem Syndrom ab. Die American Psychiatric Association führt folgende diagnostische Kriterien auf:

- Qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion fallen auf. Entweder in Formeingeschränkter nonverbaler Verhaltensweisen oder aber der Unfähigkeit des Beziehungsaufbaus zu Gleichaltrigen. Auch der Mangel an spontaner Freudens-, Interessens- und Erfolgsteilung mit anderen Personen oder der Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit sind mögliche Formen dieser Beeinträchtigung. Zwei der genannten Bereiche aus dieser Gruppe müssen betroffen sein, um die Asperger-Störung diagnostizieren zu können (vgl. Saß/Wittchen/Zaudig/Houben, 2003: 60/61).
- Es gibt eingeschränkte repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten. Dies kann die umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und begrenzten Interessen sein, wobei die Inhalte und Interessen abnorm sind. Die Einschränkung zeigt sich manchmal aber auch in Form von auffälligem starren Festhalten an bestimmten nicht-funktionalen Gewohnheiten und Ritualen oder auch stereotypen und repetitiven motorischen Manierismensowie ständiger Beschäftigung mit Teilen von Objekten. Hinsichtlich der Diagnostik muss mindestens einer dieser Bereiche betroffen sein (vgl. Saß/Wittchen/Zaudig/Houben, 2003: 61).
- „Die Störung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen“ (Saß/Wittchen/Zaudig/Houben, 2003: 61).
- Es darf kein Sprachentwicklungsdefizit vorliegen.
- Ein Rückstand der kognitiven Entwicklung sowie bei altersgemäßen Selbsthilfefertigkeiten, im Anpassungsverhalten und Interesse an der Umgebung schließt die Diagnose „Asperger-Störung“ aus.
- Kriterien für andere tiefgreifende Entwicklungsverzögerungen oder die Schizophrenie dürfen nicht erfüllt sein (vgl. Saß/Wittchen/Zaudig/Houben, 2003: 61).

II. Beim Atypischen Autismus sind nach Saß u.a (2008) die Kriterien der autistischen Störung aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Betroffenen bei Störungsbeginn, der atypischen oder nicht voll ausgeprägten Symptomatik oder dem Zusammenspiel aller dieser Punkte nicht erfüllt (Saß/Wittchen/Zaudig/Houben, 2003: 62).

III. Auch der frühkindliche Autismus gehört zu den beiden klassischen Formen der autistischen Störung. Dilling u.a. (2008) bezeichnen den frühkindlichen Autismus als „eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die durch eine abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung definiert ist und sich vor dem 3. Lebensjahr manifestiert“ (Dilling/Mombour/Schmidt, 2008: 306). Im Gegensatz zum Asperger-Syndrom, bei dem sich die Krankheit erst nach dem dritten Lebensjahr zeigt, betrifft der frühkindliche Autismus also bereits den Zeitraum davor. Charakteristisch für das Kanner-Syndrom sind gestörte Funktionsfähigkeiten in den Bereichen der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des eingeschränkten repetitiven Verhaltens (vgl. Dilling/Mombour/Schmidt, 2008: 306). Die diagnostischen Kriterien gleichen, nach Saß u.a. (2003), den Maßstäben für das Asperger-Syndrom. Zusätzlich müssen Verzögerungen oder abnorme Funktionsfähigkeiten in den Bereichen soziale Interaktion, Sprache als soziales Kommunikationsmittel oder Symbolischem- bzw. Phantasiespiel vorliegen. Die Diagnose setzt voraus, dass im Bereich der Kommunikation entweder eine verzögerte oder gar ausbleibende Sprachentwicklung oder aber bei Personen mit Sprachvermögen die mangelnde Fähigkeit, ein Gespräch zu führen, gegeben ist. Die Kommunikationsbeeinträchtigung kann sich jedoch auch durch stereotypen oder repetitiven Gebrauch der Sprache oder idiosynkratrische Sprache sowie durch den Mangel an entwicklungsgemäßen Rollenspielen oder sozialen Imitationsspielen äußern (vgl. Saß/Wittchen/Zaudig/Houben, 2003: 58).

Da der Schwerpunkt der Arbeit auf dem frühkindlichen Autismus liegt, ist im Folgenden, wenn nicht explizit erwähnt, mit dem Begriff Autismus immer der frühkindliche Autismus, das Kanner-Syndrom, gemeint.

2.2 Die Geschichte des Autismus

Schon im Jahre 1908 veröffentlicht Theodor Heller in der „Zeitschrift für die Erforschung und Behandlung des jugendlichen Schwachsinns“ verschiedene Fälle von Kindern, die ab etwa drei bis vier Jahren plötzlich und ausgeprägt in Bereichen der psychischen und körperlichen Entwicklung regredieren. Heller (1908) nennt das Syndrom „dementia infantilis“. Die beschriebenen Störungen, die später als „Heller`sche Demenz“ bezeichnet werden, sind schweren Formen von Autismus ähnlich (vgl. Bölte/Feineis-Matthews/Poustka/Schmötzer, 2008: 7).

Drei Jahre später wird der Begriff „Autismus“ durch den Psychiater Eugen Bleuler (1911) bekannt. Bleuler (1911) verbindet damit das Verhalten schizophren Erkrankter. Somit ist die Verwirrung groß als der Kinderpsychiater Leo Kanner 1943 unter dem Titel „Autistische Störungen des affektiven Kontaktes“ sein Bild von Autismus beschreibt. „Autistisch“ bringt man zu dieser Zeit in Verbindung mit dem Rückzug von schizophrenen Menschen in eine Phantasiewelt. Da autistische Kinder sich laut Remschmidt (2008) aber nicht in eine Phantasiewelt zurückziehen, sondern primär (von Geburt an) unfähig oder nur eingeschränkt fähig sind, soziale Kontakte zu entwickeln, trifft die Bezeichnung in der ursprünglich von Bleuer definierten Form nicht auf sie zu“ (Remschmidt, 2008: 9). Kanner (1943) zählt die folgenden 10 Merkmale als Definitions- und Diagnosekriterien auf:

- Unfähigkeit, Beziehungen oder größeres Interesse an Gegenständen aufzubauen
- Verzögerungen bei der Sprachentwicklung bis hin zum Stumm-sein
- „Nicht-kommunikativer Gebrauch der gesprochenen Sprache“, also den vorhandenen Wortschatz nicht sinnvoll einsetzen
- „Verzögerte Echolalie“ oder auch das Wiederholen von Wörtern und Wortverbindungen
- „Vertauschen von Pronomen“
- „Sich ständig wiederholendes und stereotypes Spiel“
- „Beharren auf Unveränderlichkeit“
- Ein gutes Gedächtnis
- „Normale körperliche Erscheinung“ (Aarons/Gittens, 2007: 25)
Später beschränkte Leo Kanner sich auf diese zwei Kriterien:
- Das Beharren auf Unveränderlichkeit bei täglich sich wiederholenden Routinehandlungen des Kindes und
- die extreme soziale Isolation, die innerhalb der ersten zwei Lebensjahre beginnt“ (Aarons/Gittens, 2007: 25).

Unabhängig von Kanner beschreibt der österreichische Pädiater Hans Asperger (1944), unter dem Titel „Die autistischen Psychopathen im Kindesalter“, das autistische Störungsbild bei Kindern. Darin beschrieb er die folgenden sechs Merkmale:

- „Körperliches und Ausdruckserscheinungen“
- „Autistische Intelligenz“
- „Verhalten in der Gemeinschaft“
- „Trieb und Gefühlsleben“
- „Genetik“
- „Soziale Wertigkeit und Verlauf“ (Remschmidt, 2008: 11).

I. Hans Asperger (1944) listet zunächst Äußerlichkeiten auf. Darunter fallen die geringe Mimik und Gestik, die Blickkontaktvermeidung sowie die unnatürlich wirkende Sprache und die ungeschickte Motorik.

II. Als zweiter Aspekt wird in der Publikation eine besondere Aufmerksamkeitsstörung genannt. Asperger (1944) beschreibt die betroffenen Kinder als „von innen her abgelenkt“. Auch schildert er, dass die sie besondere Fähigkeiten zum Ausgleich ihrer „beträchtlichen Defekte“ haben. Damit meint er beispielsweise das „schöpferische Verhältnis zur Sprache“, was bedeutet, dass diese Kinder neue Wörter erfinden, die meist sehr passend sind (vgl. Remschmidt, 2008: 11).

III. Die Grundstörung im Hinblick auf das Verhalten in der Gemeinschaft ist die geringe Beziehung zur Umwelt. Die autistischen Kinder gehen, relativ unbekümmert und wenig beeindruckt von der Umgebung, nach ihren eigenen Trieben. Dieses egoistische Verhalten betitelt Asperger (1944) als „autistische Bosheitsakte“ oder auch als „negativistische Reaktionen“ (vgl. Remschmidt, 2008: 11).

IV. Der vierte Bereich umfasst den Sexualtrieb und das Gefühlsleben. Hier beschreibt Asperger (1944) ein unterschiedliches Interesse am Sexualleben. Es reicht von totalem Desinteresse an der Sexualität bis hin zu exzessiver Masturbation. Der Autor betont in diesem Bereich das egozentrische Verhalten von Autisten. Sie sind grenzenlos, wenn es um Gebote und Verbote von außen geht,humorlos und haben oft Spezialinteressen und Sammelleidenschaften (vgl. Remschmidt, 2008: 11).

V. Ein weiterer Aspekt betrifft die Genetik. Laut Asperger (1944) hat die „autistische Psychopathie“ genetische Hintergründe. In allen 200 Fällen, die er beobachtet hat, gehören zur Familie Personen mit Kontakt- und Kommunikationsstörungen.

VI. Der letzte Punkt spricht die soziale Wertigkeit und den Verlauf an. Die Fähigkeit, sich einordnen zu können, hängt bei Autisten stark von ihrer Intelligenz ab. Unzulänglich ist die soziale Integration nach Asperger (1944) bei Betroffenen mit „ausgesprochener intellektueller Minderwertigkeit“. Bei „intellektuell intakten, besonders natürlich auch bei den überdurchschnittlich gescheiten autistischen Psychopathen“ liegen die Chancen auf Integration gut, wenn entsprechende Beschäftigungs- und Weiterentwicklungmöglichkeiten gegeben sind (vgl. Remschmidt, 2008: 12).

Etwa zur gleichen Zeit veröffentlicht Leo Kanner neue Untersuchungen und führt damit den Begriff „frühkindlicher Autismus“ ein. Die Beschreibungen von Kanners und Aspergers Beobachtungen unterscheiden sich aber so stark, dass bei Definitionsversuchen zwischen beiden Autoren differenziert wird (vgl. Dinges/Walter/Worm, 2007: 21).

1979 bringt Georg Feuser eine neue Autismustheorie hervor. Er kritisierte, die bisher einseitig defekt-orientiert Forschung und Behandlung. Untersuchungsergebnisse müssen seiner Meinung nach zusammen mit dem gesellschaftlichen Hintergrund betrachten werden. Feuser (1979) konstruiert ein Modell der Realitätsaneignung und Verarbeitung, in dem die Wahrnehmung des Einzelnen im Hinblick auf seine Umwelt ausschlaggebend ist. Das dialektische Verhältnis zwischen Individuum und Umwelt bezeichnet er als perzeptiv-operante Tätigkeit. Diese ist laut Feuser (1979) bei Kindern mit Autismus dysfunktional beeinträchtigt und der Grund dafür, warum sie sich in der Gesellschaft inadäquat verhalten (vgl. Dinges/Walter/Worm, 2007: 23).

1978 hat Professor Sir Michael Rutter aus London neue Sichtweisen in Bezug auf Autismus und die damit verbundene Sprachbehinderung aufgezeigt. Anders als Kanner (1943) geht er nicht davon aus, dass alle Betroffenen normal intelligent sind. Er schenkt dem IQ der Kinder mit Autismus eine genauso große Bedeutung zu wie dem anderer Menschen. Auch Rutter (1978) listet, wie zuvor Kanner und Asperger, Symptome oder auch diagnostische Punkte auf. Unter anderem sind dies die „verzögerte und abweichende Sprachentwicklung“, „die gestörte Sozialentwicklung“, „das Beharren auf Gleichförmigkeit“ und auch ein „spezielles Alter in dem die Behinderung auftritt“ (vgl. Kißgen, 2008:1). Der Krankheitsbeginn muss nach Rutter (1978) vor dem 30sten Lebensmonat erfolgen.

Auch Dr. Elisabeth Newson aus Nottingham bestätigt diese heute widerlegte These des zeitlich eingeschränkten wichtigen Auftrittsalters. Sie erweitert Rutters Kriterien und spricht beispielsweise nicht mehr nur von „verzögerter und abweichender Sprachentwicklung“, sondern von einer „Beeinträchtigung aller Formen der Kommunikation“ und bezieht somit Mimik und Gestik mit ein (vgl. Aarons/Gittens, 2007: 27). Nachdem Autismus durch Rutter nicht mehr als Psychose, sondern als Entwicklungsstörung gilt, bekommt der frühkindliche Autismus im Jahre 1980 die offizielle Anerkennung und wird in die Gruppe der tiefgreifenden Störungen aufgenommen.

Die Kenntnisse über Autismus wachsen laufend weiter. Dr. Lorna Wing und Judith Gould (1979) führen eine epidemiologische Untersuchung im Londoner Bereich durch. Alle Kinder mit autistischen Eigenschaften und auch alle Kinder mit Lernbehinderungen werden erfasst. Soziale Defizite sind, so das Ergebnis der Untersuchungen, beim Autismus als zentral einzustufen. Auch betonen die Autorinnen, dass es keine klar definierte Grenze gibt und lassen damit atypischen und `sonderbaren` Fällen Raum.

Wing und Gould (1988) stellen die sogenannte „Triade der Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion“ auf. Dazu gehören:

- Beeinträchtigungen der sozialen Beziehungen
- Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation
- Beeinträchtigungen der sozialen Vorstellungsfähigkeit

I. Im Bereich der sozialen Beziehungen zählen Wing und Gould (1988) zum Beispiel die Distanziertheit und Gleichgültigkeit des autistischen Kindes zu anderen Personen auf. Je nach Stärke der Behinderung könnte es aber auch das Fehlen des Verständnisses der subtilen Regeln des sozialen Verhaltens mit eine Rolle spielen.

II. Hinsichtlich der Kommunikation zeigen die Autorinnen wieder verschiedene Beeinträchtigungsmöglichkeiten, je nach Schweregrad der Behinderung, auf. Vom vielen aber einseitigen Sprechen über bedeutungslose Kommentare und das reine Kommunizieren der eigenen Bedürfnisse bis hin zur kompletten Kommunikationsablehnung sind alle Erscheinungsformen möglich.

III. Beim letzten Teil der Triade handelt es sich um die Beeinträchtigungen des sozialen Verständnisses und der Vorstellungskraft. Hier werden zum Beispiel das stereotype Spiel ohne Variationen und Empathie oder auch das Nicht-nachahmen aufgeführt (vgl. Aarons/Gittens, 2007: 30).

Weiterhin hat Wing (1988) Kinder mit dem Asperger-Syndrom dargestellt und bestätigt, dass die Unterschiedlichkeiten von Menschen mit Autismus von großer Bedeutung sind und betont werden müssen. Mit ihren Beschreibungen hat sie Einfluss auf die Debatten um das Vorhandensein des Asperger-Syndroms genommen. „Nachdem sich das Konzept eines vielfältigen Spektrums autistischer Störungen durchgesetzt hat, ist es wenig sinnvoll oder sogar kontraproduktiv, weiterhin über die Unterschiede zwischen Autismus und anderen, ähnlichen Störungen, wie etwa dem Asperger-Syndrom, zu diskutieren“ (Aarons/Gittens, 2007: 31).

Anfang der 90er-Jahre bringt Uta Frith (1991) ihr Buch „Autism: Explaining the Enigma“ oder in Deutsch „Autismus: Ein kognitionspsychologisches Puzzle“ heraus. Ihre experimentelle Arbeit lehnt sich an die „Theory of Mind“ an. Darunter versteht man die Fähigkeit des Mentalisierens, also eigene und fremde psychologische Zustände im eigenen kognitiven System repräsentieren zu können (vgl. Aarons/Gittens, 2007: 32). Diese Fähigkeit haben Personen mit Autismus laut Frith (1991) nicht. Neben dieser Feststellung beschreibt sie noch die Schwierigkeit der adäquaten Verarbeitung von Informationen, die sie als Beeinträchtigung der zentralen Kohärenz bezeichnet.

Verschiedene Forscher haben an Friths Konzept weitergearbeitet. 1992 erfindet Simon Baron-Cohen die sogenannte „CHAT“. Eine Checkliste mit deren Hilfe Autismus bei bis zu 18 Monate alten Kindern getestet und festgestellt werden kann wenn ein Verdacht besteht.

Unabhängig von den unterschiedlichen Einstellungen gegenüber autistischen Personen und den Hilfeangeboten von verschiedenen Ländern gibt es nun zwei internationale Klassifikationssysteme. Es handelt sich einmal um das „Diagnostisch-statistische Handbuch psychischer Störungen“ und zweitens die „Internationale Klassifikation der Krankheiten“ von der WHO. Bei beiden Klassifikationen werden Untergruppen berücksichtigt, die Wings (1988) Triade sozialer und kommunikativer Beeinträchtigungen in etwa entsprechen und insgesamt als tiefgreifende Entwicklungsstörungen gelten (vgl. Aarons/Gittens, 2007: 34). Beide Klassifikationssysteme werden immer wieder aktualisiert.

2.3 Die Ursachen des Autismus

Nachdem Einblick in die Geschichte des Autismus, sollen nun die möglichen Ursachen, die seit Kanner (1943) zu vielen Theorien geführt haben, aufgezeigt werden.

Anfangs gab man den „kalten intellektuellen Eltern“ oder speziell den Müttern, auch als „Kühlschrankmütter“ bezeichnet, die Schuld. Auch wenn dies durch Forschungsergebnisse widerlegt werden konnte, wurden die Mütter in den 70er-Jahren erneut als Ursache genannt. Tinbergen (1984) und Welch (1984) machen den Zusammenbruch des Bindungsprozesses zwischen Mutter und Kind für den Autismus verantwortlich.

Nachdem lange Zeit Theorien von einem psychosozial bedingten Ursprung vorherrschten, überwiegen nun die der biologischen Ursachen. Man geht jetzt davon aus, dass der Autismus organisch bedingt ist. Sowohl die Tatsache, dass Jungen etwa drei- bis viermal häufiger betroffen sind als Mädchen, als auch die Feststellung, dass Autismus sowie Sprachstörungen, Lernschwierigkeiten und weitere kognitive Beeinträchtigungen in der Verwandtschaft des Betroffenen gehäuft vorkommen, verweisen auf organische Ursachen (vgl. Aarons/Gittens, 2007: 39). Durch Untersuchungen von eineiigen Zwillingen, bekräftigen die Theorie der Vererbbarkeit. Auch Familienstudien und molekularbiologische Untersuchungen bestätigen die Überlegungen. Sicher nachgewiesen werden kann der Erbgang dennoch nicht (vgl. Remschmidt, 2008: 39).

Auch körperliche Störungen bringt man als Ursache mit dem Autismus in Verbindung. Hierzu zählen Röteln in der Schwangerschaft, die Stoffwechselkrankheit Phenylketonurie sowie frühkindliche Spasmen. Aber auch Störungen wie beispielsweise die Neurofibromatose oder das Rett-Syndrom und bestimmte Virusarten, wie etwa der Herpes-Simplex-Virus oder Windpocken, zählen zu den möglichen Verursachern. Eine Theorie besagt, dass das Baby sich schon im Mutterleib mit Viren infiziert, die aber erst später durch Belastung oder Stress-Erfahrungen aktiv werden.

Bei Untersuchungen von Stoffwechselprozessen werden quantitative Abweichungen bezüglich Hormonen und Nervenbotenstoffen sowie ein erhöhter Endorphinspiegel festgestellt. Nach Remschmidt (2008) spielt der Dopamin-Stoffwechsel beim frühkindlichen Autismus eine große Rolle. Hinzukommt, dass der Neurotransmitter Serotonin im Übermaß vorhanden ist. Sein Rückgang, der normalerweise während der kindlichen Entwicklung stattfindet fehlt also. Das könnte Einfluss auf die Entstehung des Autismus haben (vgl. Remschmidt, 2008: 34).

Eine Theorie bezüglich der Entstehung des Autismus, ist die affektive Theorie von Hobsen (1984) in Anlehnung an Kanner (1943) und Piagets (1923). Ihr nach soll eine angeborene Störung des affektiven Kontaktes, also die eingeschränkte Fähigkeit Befindlichkeitszustände anderer Menschen zu erkennen, beim frühkindlichen Autismus gegeben sein. Hobsens (1986) Untersuchungen führen zu der Annahme, dass Auffälligkeiten bezüglich der Art der Informationsverarbeitungen gegeben sind. Baron-Cohen (1985), Leslie und Frith (1986) sowie Dawson und Fernald (1987) gehen von einem kognitiven Defizit aus. Remschmidt (2008) bezeichnet es als Defizit der sozialen Wahrnehmung (vgl. Remschmidt, 2008: 34).

Laut Aarons/Gittens (2007) liegt höchstwahrscheinlich bei allen Autismusfällen eine Hirnschädigung oder Hirndysfunktion vor. Welcher Gehirnteil betroffen ist, kann bislang nicht genau gesagt werden. Ein einzelnes Hirnareal, das für alle autistischen Eigenheiten Anlass sein könnte, kann nicht benannt werden und führt zu der Theorie, dass mehrfache neurologische Defizite beteiligt sind (vgl. Aarons/Gittens, 2007: 39/40). „Zusammenfassend kann kein Zweifel bestehen, daß Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen bei autistischen Kindern und Erwachsenen eine große Rolle spielen. Diese Ergebnisse sind aber immer noch sehr uneinheitlich, was Entstehungszeitpunkt, Ort und Schwere der Störung betrifft“ (Remschmidt, 2008: 34). Stefan Dzikowski (1993) betont, dass es keine allgemeine Ursache für den Autismus gibt, sondern die spezifische Ausprägung multifaktoriell entsteht (Dzikowski, 1993: 211). Auch Wolff (1988) vertritt die Theorie der multifaktoriellen Ursachen. „Autismus entwickelt sich dann, wenn eine Hirnschädigung vor dem Hintergrund einer genetischen Prädisposition auftritt. Autismus beruht wahrscheinlich auf heterogenen Ursachen und entsteht, wenn mehrere, eher allgemeine Faktoren zusammentreffen“ (Aarons/Gittens, 2007: 40).

3. Die Entwicklung von Kindern mit Autismus

Da die Fragestellung der Arbeit im Schwerpunkt auf der Kommunikationskompetenz liegt, wird dieses Kapitel ausführlich auf die Sprachentwicklung und ihre Abweichungen bei autistischen Kindern eingehen. Weil die einzelnen Entwicklungsbereiche ineinander greifen, folgen anschließend die kognitiven und sensorischen sowie die motorischen Besonderheiten von Kindern mit der autistischen Störung. Auch die Auffälligkeiten der sozialen und emotionalen Entwicklung mitsamt den Verhaltensauffälligkeiten sowie auch das Spielverhalten von Autisten werden beleuchtet.

3.1 Die Kommunikation

Die Kommunikationsdefizite sind ein Hauptmerkmal der autistischen Störung. Autisten sind sowohl in der verbalen als auch in der nonverbalen Kommunikation beeinträchtigt. Schon sehr früh in der kindlichen Entwicklung fällt auf, dass der gemeinsame Bezug auf die Umgebung fehlt. So sind ihnen zum Beispiel Zeigehandlungen fremd. Sie deuten selten auf Gegenstände und verstehen nicht, wenn andere ihnen etwas zeigen wollen. Auch ein Blickkontakt findet nur sehr eingeschränkt bis gar nicht statt. Autisten schauen eher seitlich an anderen Personen vorbei oder halten die gespreizte Hand vor die Augen, als ob sie den direkten Blickkontakt vermeiden wollen.

Laut Innerhofer und Klicpera (2002) ist die Qualität der Kommunikation jedoch von weit größerer Bedeutung als das Ausmaß, und hier sind autistische Kinder besonders auffällig (vgl. Innerhofer/Klicpera, 2002: 104). Bei gesunden Kindern übernimmt das Blickverhalten schon früh eine hohe Kommunikationsfunktion. Durch Verfolgen der Blickrichtung anderer Menschen können sie herausfinden, welchem Objekt ihr Gegenüber Aufmerksamkeit schenkt, und selbst ihre Umgebung auf etwas aufmerksam machen. Diese Fähigkeiten sowie insbesondere die Verbindung von Blickkontakt und weiteren nonverbalen Ausdrucksformen, beispielsweise Mimik und Gestik, bereiten Autisten große Schwierigkeiten. Außer der Kommunikationsfunktion übernimmt der Blickkontakt auch die Funktion der Informationsaufnahme. Diese ist bei Kindern mit dem Kannersyndrom ebenso reduziert. Auch bezüglich der gestischen Kommunikation liegen Einschränkungen vor. Das Zeigen lernen Autisten, wenn überhaupt, erst spät. Meist führen sie den Erwachsenen ohne Blickkontakt zu einem Objekt oder deuten tatsächlich darauf, dies geschieht dann aber ebenso ohne Blickkontakt. Bei Untersuchungen zum spontanen Ausdrucksverhalten von Attwood (1988) hat sich gezeigt, dass autistische Kinder Gesten nicht zum Ausdruck ihres Empfindens verwenden, sondern nur, um ihre Partner auf etwas aufmerksam zu machen. Eigene Gefühle können sie durch Vokalisationen ausdrücken, die meist aber schwer und nur von der Bezugsperson verstanden werden. Neben der Gestik ist auch die Mimik herabgesetzt. Sie wirkt ausdruckslos und oft der Situation unangemessen (vgl. Innerhofer/Klicpera, 2002: 110).

[...]

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Autismus. Frühdiagnostik und Frühförderung. Der TEACCH Ansatz.
Hochschule
Universität Kassel  (Sozialwesen)
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
67
Katalognummer
V133469
ISBN (eBook)
9783640400386
ISBN (Buch)
9783640400171
Dateigröße
1228 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autismus, Kannersyndorm, TEACCH Ansatz, Förderprogramm, Kanner, Frühkindlicher Autismus, Frühförderung, Förderung, Behinderung
Arbeit zitieren
Anne Peter (Autor), 2009, Autismus. Frühdiagnostik und Frühförderung. Der TEACCH Ansatz., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133469

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