Der Vermittlungssituation "Sehen können" liegt das Thema "Kunst und Blindheit" zu Grunde. Den Schwerpunkt der Vermittlungssituation habe ich auf die experimentellen Erfahrungswerte gelegt. Diese sollten die Seminarteilnehmer während der Vermittlungssituation durch verschiedene praktische Übungen sammeln. Wie kann man Blindheit simulieren? Was passiert, wenn wir plötzlich einen unserer Sinne verlieren und nicht mehr sehen können? Wie orientieren wir uns und wie handeln wir? Welche Rolle spielen Konzentration, Wahrnehmung, Sprache und Kommunikation?
Die Experimente stellten eine Einstimmung auf das Thema „Kunst und Blindheit“ und die abschließende Diskussion dar. Die Seminarteilnehmer sollten eine spezielle Ästhetische Erfahrung durchleben, durch die sie neue Erkenntnisse gewinnen können. Im weiteren Verlauf werden die Begriffe der Ästhetischen Erfahrung, des Erlebens, Empfindens, Wahrnehmens, Spürens und der künstlerischen/ ästhetischen Verarbeitung (Gestaltung) genauer erläutert und definiert. Sie stellen die Grundlage für meine Vermittlungssituation und deren Experimente dar.
Blindheit wird oftmals zu den schwersten aller Behinderungen gezählt. Sie wird als „[…] Stilmittel, Grausamkeiten und Folter, Elend und Krankheit […]“ , als „[…] Phänomen vom Dasein in ewiger Nacht […]“ umschrieben. Blinde Menschen kennen ihre eigene Welt, die ihnen vertraut ist. Mit Hand, Kopf und Ohr erfahren sie diese auf eine ganz andere Art und Weise. Sie entwickeln Ängste gegenüber Unbekannten, Überraschungen, Hindernissen, Verletzungen und gesellschaftlicher Isolation.
Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung / Kunstpädagogischer Kontext
2. Ablaufplan der Vermittlungssituation
2.1 Verlauf und Methode
2.2 Fotografische Dokumentation der Vermittlungssituation und Arbeitsergebnisse
3. Diskussion ausgewählter Aspekte und Begriffe
4. Reflexion der Vermittlungssituation
5. Offene Fragen / Ausblick
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Erprobung und Reflexion einer kunstpädagogischen Vermittlungssituation, die das Thema „Kunst und Blindheit“ durch experimentelle Selbsterfahrung für Sehende zugänglich macht.
- Simulation von Blindheit zur Sensibilisierung der Wahrnehmung
- Bedeutung von Sprache, Tastsinn und Kommunikation
- Künstlerische Verarbeitung und ästhetische Erfahrung
- Die Rolle des Künstlers Eşref Armağan
- Diskurs über Kunstmarkt und Behinderung
- Transfermöglichkeiten in den schulischen Kontext
Auszug aus dem Buch
Verlauf und Methode
Zu Beginn der Vermittlungssituation wird das Gedicht „Der Blinde und die Milch“ von Leo Tolstoi vorgelesen. Hier scheiterte der Versuch, einem Blinden die Farbe der Milch zu beschreiben.
Dieser Versuch wird als erstes Experiment im Seminar durchgeführt. Die Teilnehmer sollen ihrem Sitznachbarn ihre Lieblingsfarben beschreiben, jedoch ohne die Verwendung von Farbwörtern. Hierzu werden die Augen mit den mitgebrachten Tüchern verbunden, sodass die Fähigkeit des Sehens verschwindet.
Die Beschreibung der Farben hätte man auch noch sehend durchführen können. Allerdings wollte ich, dass man sich mehr auf das Sprechen und Gesprochene konzentriert. Die Teilnehmer sollten beginnen, ihr Umfeld auszublenden und sich auf ihre anderen Sinne konzentrieren - sozusagen eine Aufwärmphase für die darauffolgenden Experimente. Für mich war es ebenfalls wichtig, selbst eine Augenbinde zu tragen. So konnte auch ich als Lehrender die Erfahrung machen, wie es ist, nicht zu sehen und gleichzeitig eine Vermittlungssituation zu leiten. Wie funktioniert Kommunikation? Was muss beachtet werden, damit die Gruppe sich verständigen kann? Mir war es außerdem wichtig, dass die Teilnehmer sich von mir nicht beobachtet fühlten, und sich somit stärker auf die Aufgaben und Experimente konzentrieren konnten. Ich wollte ihnen die Möglichkeit bieten, sich der alltäglichen Bilderflut, die unsere Reize zur Überforderung bringen kann, zu entfliehen.
Bei der Auswertung im anschließenden Klassengespräch wurde die Bedeutung von Sprache klar zum Ausdruck gebracht. Wie geht man vor, damit der Partner die eigene Lieblingsfarbe errät? Welche Begriffe verwendet man? Oftmals wurde mit Vergleichen gearbeitet, um Assoziationen herzustellen und zu erweitern. Die Farben wurden jedoch nicht nur mit Gegenständen verglichen, sondern auch mit Gefühlen und Stimmungsbildern. So war beispielsweise für eine Studentin „Weinrot“ eine warme und weiche Farbe, die sich in bestimmten persönlichen Situationen wiederspiegelte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fragestellung / Kunstpädagogischer Kontext: Es werden die theoretischen Grundlagen zu Ästhetischer Erfahrung und Wahrnehmung sowie die Relevanz des Themas „Kunst und Blindheit“ dargelegt.
2. Ablaufplan der Vermittlungssituation: Dieser Abschnitt beschreibt die methodische Gestaltung des Seminars, inklusive der Einleitung und der praktischen Experimente zur sensorischen Selbsterfahrung.
3. Diskussion ausgewählter Aspekte und Begriffe: Hier werden die Ergebnisse der Diskussionsrunde reflektiert, wobei besonders auf die Vermarktung von Kunst behinderter Künstler eingegangen wird.
4. Reflexion der Vermittlungssituation: Der Autor bewertet den Erfolg der durchgeführten Vermittlungssituation auf Basis von Teilnehmerfeedback und eigenen Beobachtungen.
5. Offene Fragen / Ausblick: Es werden Anregungen für die schulische Praxis sowie weiterführende Fragestellungen zur Inklusion und Zugänglichkeit von Kunst diskutiert.
6. Literatur: Auflistung der verwendeten fachliterarischen Quellen und Internetverweise.
Schlüsselwörter
Kunst und Blindheit, Vermittlungssituation, Ästhetische Erfahrung, Wahrnehmung, Empfinden, Gestaltung, Tastsinn, Haptik, Kommunikation, Inklusion, Esref Armagan, Kunstpädagogik, Sinnentätigkeit, Formtätigkeit, Experimentelle Erfahrung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Thema „Kunst und Blindheit“ und untersucht, wie man Sehenden durch experimentelle Vermittlungssituationen einen Zugang zur Welt blinder Menschen sowie zu deren künstlerischem Schaffen ermöglichen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung von Sinneswahrnehmung (Empfinden, Wahrnehmen), die praktische Durchführung von Blindheits-Simulationen in einem Seminar sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Behinderung im Kunstbetrieb.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch praktische Versuche – wie das Beschreiben von Farben ohne Farbwörter oder das Tasten von Objekten – eine „ästhetische Erfahrung“ bei den Teilnehmern auszulösen und deren Verständnis für nicht-visuelle Kunst zu schärfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine Kombination aus fachliterarischer Herleitung (u.a. Gert Selle, Erwin Straus) und einer handlungsorientierten, kunstpädagogischen Praxis, die durch Reflexion und Feedback-Auswertung evaluiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Beschreibung der durchgeführten Experimente, die Vorstellung des blinden Künstlers Eşref Armağan sowie eine Diskussionsrunde über die Bedingungen künstlerischer Produktion bei Beeinträchtigungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Ästhetische Erfahrung, Wahrnehmung, Tastsinn, Inklusion, Kunstvermittlung und die Reflexion über den Stellenwert von Behinderung in der Kunst.
Wie spielt die Sprache eine Rolle bei der Beschreibung von Farben für Blinde?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Sprache bei Blindenersatz-Situationen als zentrales Medium dient, um über Vergleiche, Assoziationen und emotionale Stimmungsbilder abstrakte visuelle Begriffe wie „Farbe“ subjektiv erfahrbar zu machen.
Welche Bedeutung kommt dem Tastsinn bei der Vermittlung zu?
Der Tastsinn dient als primäres Werkzeug, um die Umwelt „zu begreifen“. Die Arbeit zeigt, dass haptische Erlebnisse den Teilnehmern helfen, sich auf wesentliche Details zu konzentrieren und die alltägliche „Bilderflut“ auszublenden.
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- Anonym (Author), 2016, Vermittlung von Sehen und Blindheit durch Kunst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1335590