Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das deutsche Bildungssystem


Seminararbeit, 2008

8 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gründe im Bildungssystem für die Reproduktion sozialer Ungleichheit

3. Mögliche Maßnahmen zur sozialeren Gestaltung des Bildungssystems

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das deutsche Bildungssystem besteht in seiner theoretischen Dreigliedrigkeit mit Haupt- und Realschule sowie Gymnasium (die weiteren Schulformen der Sekundarstufe I – Gesamtschule und Sonder-/Förderschule – werden hier aus verschiedenen Gründen häufig nicht separat betrachtet) schon seit langer Zeit. Es geht im Grunde zurück auf eine nicht mehr zeitgemäße Vorstellung der Standesgesellschaft, in der jede Schulform einer gesellschaftlichen Schicht zu-geordnet wurde. Die Kinder (damals dem Zeitgeist entsprechend nur die Söhne) aus der Oberschicht gingen aufs Gymnasium mit eigenen Vor-bereitungsschulen, die Kinder aus der Mittelschicht gingen auf die Realschule bzw. Mittelschule und für die breite Unterschicht war die Volksschule (ent-sprechend der heutigen Grund- und Hauptschule) vorgesehen (vgl. Gill 2005, S. 108f). „Dieses ständische Denken hat sich, in modifizierter Form, sehr lange gehalten und ist auch heute noch in den Grundelementen der konservativen Bildungspolitik präsent“ (Ebd., S. 111).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daran anknüpfend mit der Frage nach den Gründen im deutschen Bildungssystem für die Reproduktion sozialer Ungleichheit sowie den Möglichkeiten zur sozialeren Gestaltung des Systems. Denn mittlerweile dürfte klar sein, dass es spezifisch deutsche Probleme gibt, die über die allgemeine Problematik der Chancenungleichheit in Bildungs-systemen hinausgeht. „Wahrscheinlich sind Kinder aus niedrigeren Sozial-schichten überall auf der Welt in ihren Bildungschancen benachteiligt, in Deutschland ist dieser Effekt aber besonders stark. Die PISA-Studie zeigt, dass in keinem anderen Teilnehmerland dieser Zusammenhang so ausgeprägt ist wie in Deutschland“ (Ebd., S. 123).

Als besonders benachteiligte Gruppen ('Risikogruppen') werden in der Literatur vor allem Jungen, Migranten und Sonderschüler genannt. So hat etwa im Jahr 2003 mit 39,2% der 18- bis 21-jährigen der bisher prozentual höchste Anteil junger Erwachsener Abitur gemacht, während im gleichen Jahr mit fast einer halben Million Schülerinnen und Schülern an Sonder-/Förderschulen auch dort ein (trauriger) Rekord erreicht wurde (vgl. Brenner 2006, S. 128).

2. Gründe im Bildungssystem für die Reproduktion sozialer Ungleichheit

Der erste Aspekt von Bildungsbenachteiligung tritt bereits in der Familie auf. Aufgrund der strukturellen Organisation des deutschen Bildungssystems fällt ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bildungsaufgaben (z.B. Vermittlung vor-schulischer Grundkenntnisse, Hausaufgabenbetreuung u.a.) der Familie zu. Je nach sozialem, ökonomischem und finanziellem Hintergrund der Familie gibt es hier bereits gro1,e Differenzen, die zu völlig unterschiedlichen Vorkenntnissen beim Schulstart führen und die gesamte Schulkarriere begleiten können (vgl. Brenner 2006, S. 131 & Merten 2006, S. 32).

Das ökonomische Kapital der Familie wird entscheidend, wenn es darum geht wie lange Kinder überhaupt zur Schule gehen können/dürfen, ob Nachhilfe gegeben werden kann oder wie es mit der Wohnungsausstattung in Bezug auf effektives Lernen aussieht. Das kulturelle Kapital bezieht sich auf den Bildungs-anspruch der Eltern, welcher Kindern ein bestimmtes Verständnis von Schule und Bildung vermittelt. Das soziale Kapital meint hier den Einfluss der Eltern über Ansehen, Beziehungen oder den Elternbeirat. Alle drei Kapitalarten gehören nach dem Konzept von Bourdieu zur sozialen Herkunft der Schüler-innen und Schüler und wirken sich auf ihre Bildungschancen aus (vgl. Brenner 2006, S. 130 & Gill 2005, S. 124ff).

Neben den familiären Gründen wirken sich auch die Schulstruktur und Unterrichtsform benachteiligend für einige Schülerinnen und Schüler aus. Die frühe Selektion des dreigliedrigen Schulsystems lässt wenig Zeit für kompen-satorische Ma1,nahmen um etwa Sprachprobleme zu verbessern bzw. zu beseitigen. Au1,erdem findet eine gewisse Stigmatisierung der Schülerinnen und Schüler durch die Aufteilung in verschiedene Schulformen statt. Darüber-hinaus sind in einigen Regionen weiterführende Schulen nur schwer zu erreichen, was für viele abschreckend wirken kann. Ebenfalls ein strukturelles Problem ist die Finanzierung des Bildungswesens. Zum einen wird im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenig investiert, zum anderen wird mehr Geld in die Gymnasien sowie die Ausbildung und Bezahlung der dortigen Lehrerinnen und Lehrer investiert als in die anderen Schulformen. Die Unterrichtsform des lehrerzentrierten Unterrichts ist auf möglichst homogene Leistungsgruppen aus-gerichtet, die auch mit Dreigliedrigkeit und Sitzenbleiben nie erreicht werden kann, und versagt gerade bei der Förderung schwächerer Schüler. Außerdem kann es zu einer (unterbewussten) Bevorzugung von Schülerinnen und Schülern aus der Ober-/Mittelschicht durch die Lehrerinnen und Lehrer kommen, da sie selbst diesen Schichten angehören (vgl. Gill 2005, S. 129ff).

Kommen wir nun zu den eingangs thematisieren 'Risikogruppen' zurück. Der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen zeigt sich am deutlichsten in der Gruppe derer, die nicht einmal einen Hauptschulabschluss erreichen. Unter ihnen sind die Jungen deutlich in der Überzahl. Weiterhin schneiden Jungen im Schlüsselbereich der Lesekompetenz um einiges schlechter ab als Mädchen. Hier zeigt sich, dass Jungen heute tendenziell eher unter dem Aspekt der Bildungsbenachteiligung leiden (vgl. Brenner 2006, S. 134f).

Der Einfluss von Migrationshintergründen auf die Bildungschancen zeigt sich bereits in der Bildungsbeteiligung an den verschiedenen Schulformen. So haben Kinder und Jugendliche aus Familien, wo beide Elternteile in Deutsch­land geboren wurden, weitaus bessere Chancen statt einer Hauptschule eine andere weiterführende Schule zu besuchen als Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien. Diejenigen mit einem in Deutschland geborenen Elternteil liegen dazwischen, tendenziell aber näher an denen mit zwei in Deutschland geborenen Elternteilen. Als größtes Problem für die Migrantenkinder stellt sich dabei die Sprachkompetenz dar. Viele werden mit geringen bis keinen Deutsch-kenntnissen eingeschult und sind demnach kaum in der Lage dem Unterricht zu Beginn ihrer Schulkarriere zu folgen (vgl. Brenner 2006, S. 137ff & PISA 2000, S. 373f).

Als weitere 'Risikogruppe' können die Sonderschüler bezeichnet werden. „Die deutsche Regelschule bietet den Lehrern und Verwaltungsorganen eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich der pädagogischen Verantwortung zu entziehen, indem sie Schüler, die ihr in irgendeiner Form problematisch erscheinen, aus ihrem Verbund ausschließt“ (Brenner 2006, S. 146).

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das deutsche Bildungssystem
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Schule als gesellschaftlicher Ort
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2008
Seiten
8
Katalognummer
V133564
ISBN (eBook)
9783640405107
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reproduktion, Ungleichheit, Bildungssystem
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts (B.A.) Nicolas Sturm (Autor), 2008, Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das deutsche Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133564

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