In den letzten fünfzehn Jahren – insbesondere bei der letzten Erweiterungsrunde – sorgte die Fragestellung eines EU-Beitritts der Türkei für kontrovers geführte Debatten innerhalb der Europäischen Union. Die Aufnahme von zwölf neuen Staaten verschlechterte die Lage der Türkei augenscheinlich, da so genannte Verteilungsdebatten und verschiedenartige patriotische Vorlieben in der Europäischen Union ließen taktische Überlegungen, die in Europa seit jeher weniger Gewicht haben als etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika, faktisch in den Hintergrund treten.
Die vorliegende Bachelorarbeit geht der Frage nach, wer von den beiden Hauptakteuren (Türkei, EU) wen dringender braucht. Nach einem geschichtlichen Abriss der Entwicklung der Türkei und des türkisch-europäischen Verhältnisses – als Ausgangspunkt für die Eigenwahrnehmung der Türkei und ihre denkbare Rolle im „europäischen Konzert“ – folgt eine Auswahl ungleichartiger Interpretationen, das keineswegs nebensächliche Problem und die Definition der Minderheiten. Anschließend werden die aktuellen Vor- und Nachteile eines möglichen türkischen EU-Beitritts aus europäischer bzw. türkischer Sicht erläutert. Die weiteren Kapitel widmen sich der geostrategischen und -politische Bedeutung der Türkei, ihrer Rolle als Energieträgerin auf der Achse Mittelmeer-Kaukasus-Mittlerer Osten und als Vermittlerin zwischen der arabisch-islamischen Staatenwelt und Europa sowie ihrer Vorbildfunktion für eben diese Staaten.
Darüber hinaus wird die Doppelzüngigkeit der EuropäerInnen in historischen, religiösen, geografischen und wirtschaftlichen Streitfragen kritisch untersucht.
Abschließend wird hervorgehoben, dass die Arbeit mit einigen Schaubildern versehen wurde, in denen die Türkei, Deutschland, Rumänien und Bulgarien verglichen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitende Worte
1 Assoziierungsabkommen von Ankara
2 Über die Kopenhagener Kriterien
3 Verschiedene Auslegungen des Minderheitenbegriffs
3.1 Minderheitenbegriff im Osmanischen Reich
3.2 Minderheitenbegriff in der Türkei
3.3 Minderheitenbegriff in Europa
3.3.1 Die LazInnen
3.3.2 Die GeorgierInnen
3.3.3 Die Roma
4 Pro und Kontra einer eventuellen türkischen EU-Mitgliedschaft
4.1 Vorteile der türkischen EU-Mitgliedschaft aus türkischer Sicht
4.2 Vorteile der türkischen EU-Mitgliedschaft aus europäischer Sicht
4.2.1 Zusammenarbeit durch Überwindung religiöser und kultureller Konflikte
4.2.2 Signalwirkung auf die restliche islamische Welt
4.2.3 Garant der Friedenssicherung
4.2.4 Zukünftige demografische Entwicklung der EU
4.3 Nachteile der türkischen Mitgliedschaft aus türkischer Sicht
4.4 Nachteile der türkischen EU-Mitgliedschaft aus europäischer Sicht
4.4.1 Sicherheit
4.4.2 Menschenrechte
4.4.3 Integration
4.4.4 Kosten
5 Die Rolle der Türkei in ihrem Umfeld
5.1 Geostrategische und -politische Bedeutung der Türkei
5.2 Energieträgerin zwischen dem Kaspischen Meer und Europa
5.3 Vermittlerrolle und Vorbildfunktion im Nahen Osten
6 Stereotype in der EU bezüglich der Türkei
6.1 Stereotype
6.1.1 TürkInnen in Europa
6.1.2 Islam und Christentum – Ist die EU ein ChristInnenverein?
6.1.3 Geografische Lage – Wo sind die Grenzen Europas?
6.1.4 Soziökonomische Aspekte
6.2 Doppelzüngigkeiten der EU
6.2.1 Volksabstimmungen
6.2.2 Aufnahmekapazitäten
6.2.3 Privilegierte Partnerschaft
7 Bedeutsame Kernproblematiken in der Türkei
7.1 Das KurdInnenproblem und die PKK
7.2 Der Zypernkonflikt
7.3 Die Rolle des Militärs – Hüter der Republik
8 Persönliches Schlussresümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht die komplexe und langwierige Beziehung zwischen der Türkei und der Europäischen Union mit dem Ziel zu klären, wer von beiden Akteuren den anderen dringender benötigt. Dabei wird analysiert, wie sich historische Entwicklungen, Minderheitenfragen, geostrategische Interessen und demografische Herausforderungen auf die Beitrittsdebatte auswirken.
- Historische Analyse des türkisch-europäischen Verhältnisses und Minderheitenbegriffe
- Pro- und Kontra-Argumente für einen EU-Beitritt aus Sicht beider Parteien
- Geostrategische Bedeutung der Türkei als Energieträgerin und Vermittlerin
- Kritische Auseinandersetzung mit europäischen Stereotypen und innenpolitischen Problemen der Türkei
Auszug aus dem Buch
5.1 Geostrategische und -politische Bedeutung der Türkei
Ein Blick auf die Landkarte genügt, um festzustellen, dass die Türkei an der Schnittstelle zwischen Nahem Osten, Kaukasus und Südosteuropa liegt. Durch diese geografisch äußerst günstige Lage kann das Land mit dem Halbmond in der Flagge den westlichen Zugang zu dem als „strategische Energieellipse“ definierten Raum kontrollieren. Dieser wird im Osten von Afghanistan und Zentralasien begrenzt und seinen Hauptscheitel bilden das Kaspische Meer und der Persische Golf.
Global gesehen ist diese Region von Bedeutung, da sich hier knapp sieben Zehntel der weltweiten Energiequellen befinden. Nach den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001 rückten dieses Gebiet und seine Randgebiete unter sicherheitspolitischen Betrachtungsweisen als Schauplatz des weltweiten Territoriums, in den Dreh- und Angelpunkt der Weltpolitik.
Der Irakkrieg 2003, der als „Wendepunkt des regionalen Sicherheits- und Stabilitätssystems“ gilt, brachte eine Zunahme des internationalen Interesses mit sich. Da die Türkei in ihrem geostrategischen und -politischen Umfeld so wichtig ist, könnte sie in den bevorstehenden Jahrzehnten im Mittelpunkt „europäischer und amerikanischer Ordnungsbemühungen“ stehen. Da in dieser Region die Türkei der einzige islamisch geprägte Staat mit einer einigermaßen stabilen (wenn auch mit Defiziten behafteten) Demokratie ist, kann sie im Demokratisierungsprozess der angrenzenden Nachbarstaaten gewiss eine Vorbildrolle übernehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Assoziierungsabkommen von Ankara: Dieses Kapitel erläutert die historischen Anfänge der vertraglichen Beziehungen zwischen der Türkei und der EWG seit 1963.
2 Über die Kopenhagener Kriterien: Hier werden die politischen und wirtschaftlichen Beitrittsvoraussetzungen definiert, die ein Staat erfüllen muss, um EU-Mitglied zu werden.
3 Verschiedene Auslegungen des Minderheitenbegriffs: Das Kapitel vergleicht das Minderheitenverständnis im Osmanischen Reich und der modernen Türkei mit den europäischen Standards.
4 Pro und Kontra einer eventuellen türkischen EU-Mitgliedschaft: Es werden die gegensätzlichen Positionen beleuchtet, inklusive wirtschaftlicher, sicherheitspolitischer und demografischer Argumente.
5 Die Rolle der Türkei in ihrem Umfeld: Dieses Kapitel thematisiert die geostrategische Bedeutung der Türkei als Brückenstaat sowie ihre Funktion als Energielieferant.
6 Stereotype in der EU bezüglich der Türkei: Eine kritische Untersuchung über Vorurteile und die als doppelzüngig wahrgenommene Haltung der EU gegenüber der Türkei.
7 Bedeutsame Kernproblematiken in der Türkei: Hier werden interne Herausforderungen wie die Kurdenfrage, der Zypernkonflikt und die Rolle des Militärs behandelt.
8 Persönliches Schlussresümee: Der Verfasser fasst seine Erkenntnisse zusammen und bezieht dezidiert Stellung gegen einen EU-Beitritt bei gleichzeitiger Fortführung der Verhandlungen.
Schlüsselwörter
Türkei, Europäische Union, EU-Beitritt, Ankara-Abkommen, Kopenhagener Kriterien, Minderheitenbegriff, Geopolitik, Energieträgerin, Nahostkonflikt, Kurdenfrage, Zypernkonflikt, Militär, Kemalismus, Doppelzüngigkeit, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der komplexen Beziehung zwischen der Türkei und der EU, wobei untersucht wird, inwieweit ein Beitritt für beide Seiten vorteilhaft oder problematisch ist.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Neben historischen Verträgen stehen Minderheitenrechte, geostrategische Interessen, demografische Aspekte und die Rolle der Türkei im Nahen Osten im Mittelpunkt.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage lautet, wer von den beiden Hauptakteuren, der Türkei oder der EU, den jeweils anderen dringender benötigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse, die historische Hintergründe, aktuelle Umfragedaten und Expertenmeinungen zu geopolitischen Fragestellungen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Beitrittsvoraussetzungen, eine Analyse der Vor- und Nachteile eines Beitritts sowie eine tiefgehende Betrachtung der Rolle der Türkei als geostrategischer Akteur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind EU-Beitritt, Türkei, Geopolitik, Minderheitenrechte, Zypernkonflikt und Energieträgerschaft.
Wie steht die türkische Armee zur EU-Mitgliedschaft?
Die Armee betrachtet die Beitrittsbemühungen mit Skepsis und sieht sich selbst als Hüterin der laizistischen Republik, wobei sie kulturelle und nationale Interessen vor EU-Forderungen stellt.
Wie bewertet der Autor die "privilegierte Partnerschaft"?
Der Verfasser lehnt diese als unzureichende Alternative ab, da sie keine Mitspracherechte bietet und die geopolitische Realität ignoriert.
- Quote paper
- Orkun Aktuna (Author), 2009, Die Türkei und die EU. Eine unendliche Geschichte mit ungewissem Ausgang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133583