Jugendkriminalität und Jugendgewalt geben gegenwärtig Anlass zu medialen und politischen Debatten. Ein repressiveres Jugendstrafrecht sowie eine andere, härtere Pädagogik werden gefordert. Bei diesen Forderungen handelt es sich jedoch um eine Dramatisierung und machtpolitische Inszenierung. Sie soll den Politikerinnen und Politikern erlauben, sich als jene Akteure darzustellen, die die Bevölkerung und ihre Sorgen ernst nehmen. Arbeitslosigkeit, Armut, Furcht vor sozialem Abstieg und krisenhafte Ereignisse führen zu Sicherheitspaniken. So wird die aus den Veränderungsdynamiken bedingte Unsicherheit, stellvertretend als Angst vor Jugendkriminalität thematisiert. Als ein Symptom dieser Entwicklung zeigt sich zum Beispiel das Vorhaben der Bundesregierung, die nachträgliche Sicherheitsverwahrung für jugendliche Straftäter gesetzlich zu ermöglichen. Damit soll eine ohnehin grundrechtlich hoch problematische Form der strafrechtlichen Sanktionierung auf junge Straftäter ausgeweitet werden (vgl. Scherr 2008, S. 325f).
Ich möchte mit meiner Arbeit nicht an dem Sicherheits- und Kontrolldiskurs der Medien und Politik teilnehmen. Im Vordergrund meines Beitrages steht die Nutzbarmachung einer pädagogischen Alternative zu den derzeitigen Möglichkeiten des Jugendstrafvollzugs und der Jugendhilfe. Meine Ausarbeitungen zum Konzept der konfrontativen Pädagogik der Glen Mills Schools und des Verhältnisses zum deutschen Jugendstrafvollzug soll weder den Jugendstrafvollzug noch bestehende pädagogische Behandlungsmaßnahmen oder Maßnahmen der Jugendhilfe ersetzen. Mein Anliegen besteht darin, aufzuzeigen, dass die konfrontative Pädagogik eine geeignete Möglichkeit darstellt, die Ziele des Jugendstrafvollzugs zu verwirklichen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist es neben der Darstellung des Konzeptes der Glen Mills Schools, der konfrontativen Pädagogik und der Realisierbarkeit dieses Konzepts im deutschen Kriminalrechtssystem notwendig, die Veränderungen der Gesetzmäßigkeiten des Jugendstrafvollzugs aufzuzeigen.
Dabei bilden die gesetzlichen Grundlagen den Rahmen, in dem gehandelt werden darf und muss.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2 Jugendstrafvollzug in Deutschland
2.1 Zur Situation des Jugendstrafvollzugs
2.2 Verfassungsrechtliche Anforderungen an den Jugendvollzug
2.2.1 Vollzugsbedingungen
2.2.2 Soziale Integration
2.2.3 Der Schutz der Allgemeinheit
2.2.4 Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen
2.2.5 Die Befähigung zu einer straffreien Lebensführung
2.2.6 Rechtsschutz
2.2.7 Evaluierung gesetzlicher Bestimmungen
3 Die konfrontative Pädagogik
3.1 Begriffsklärung
3.2 Erziehungsziel
3.3 Konfrontationsdefizit
3.4 Zielgruppen
3.5 Methoden
3.5.1 Das Anti-Aggressivitäts-Training
3.5.2 Das konfrontative Interventionsprogramm
3.5.3 Der Täter - Opfer - Ausgleich
3.6 Die Konfrontative Pädagogik in der Praxis
3.7 Kritik
4 Die Glen-Mills-Schools
4.1 Die Klientel
4.2 Der theoretische Rahmen
4.2.1 Die „structural/strain“-Theorie
4.2.2 Die „culture“-Theorie
4.2.3 Die „control“-Theorie
4.2.4 Theorien des differentiellen Lernens
4.2.5 Der „Labeling Approach“
4.3 Die konzeptionellen Grundlagen
4.3.1 Die normative Kultur des Personals
4.3.2 Die normative Kultur der Schüler
4.3.3 Die „Seven Levels of Confrontation“
4.3.4 Die “Guided Group Interaction”
4.4 Die Organisationsstruktur
4.4.1 Die Abteilung für Wohngruppen
4.4.2 Die Sportabteilung
4.4.3 Die Zulassungsabteilung
4.4.4 Die Abteilung für Berufsausbildung
4.4.5 Die Abteilung für Schulbildung
4.4.6 Die Abteilung für Supportdienste
4.4.7 Der Battling Bulls Club
4.5 Glen Mills statistisch
4.6 Die soziale Reintegration
4.7 Kritik
5 Die Adaption der konfrontativen Pädagogik der Glen Mills Schools in das deutsche Jugendkriminalrechtssystem
5.1 Jugendstrafvollzug in Deutschland und den USA
5.2 Zur Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Justiz
5.3 Glen Mills im Focus des Betriebserlaubnisverfahrens gemäß §§ 45 ff. SGB VIII
5.4 Der Einsatz konfrontativer Pädagogik im deutschen Jugenddelinquenzrecht
5.5 Das Konzept der Glen Mills Schools in einer deutschen Einrichtung
5.6 Erfahrungen aus Deutschland
6 Fazit
6.1 Zusammenfassung
6.2 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit der konfrontativen Pädagogik, wie sie in den US-amerikanischen Glen Mills Schools praktiziert wird, auf das deutsche Jugendkriminalrechtssystem. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch ein solches ganzheitliches, normatives Konzept eine effektivere Resozialisierung delinquenter Jugendlicher erreicht werden kann, um den Herausforderungen des heutigen Jugendstrafvollzugs besser zu begegnen.
- Analyse der aktuellen Situation und gesetzlichen Grundlagen des deutschen Jugendstrafvollzugs
- Einführung und theoretische Herleitung der konfrontativen Pädagogik
- Detaillierte Darstellung des Konzepts und der Organisationsstruktur der Glen Mills Schools
- Diskussion der Möglichkeiten und Hürden bei der Adaption dieses Modells in Deutschland
Auszug aus dem Buch
3.6 Die Konfrontative Pädagogik in der Praxis
In Deutschland ist das Konzept der „Konfrontation“ in der Strafjustiz bekannt. Die konfrontative Pädagogik wird allerdings unterschiedlich in die Praxis umgesetzt. Ein erfolgreiches Umsetzungsbeispiel, auf welches ich später noch näher eingehen werde, ist das Konzept der Glen Mills Schools in den USA. Das Konfrontationsprogramm besteht hier darin, auf kleine Regelverstöße massiv zu reagieren, damit größere vermieden werden. Eine in Deutschland beliebte und weit verbreitete Umsetzungsform der konfrontativen Pädagogik stellt zum Beispiel das Anti-Aggressivitäts-Training dar. Wie sieht aber Grenzziehung bei gewaltbereiten Jugendlichen aus? 1984 arbeitete der Verfasser des nachfolgenden Zitates, zusammen mit seiner Frau, auf dem Glen - Mills- Campus. Daher stammt das folgende Beispiel:
„Todd ist 17 und war richtungsweisendes Mitglied einer Vorstadtgang. Er war in Glen Mills ermahnt worden, niemanden zum Kampf herauszufordern bzw. das Kämpfen zu erwähnen. Dennoch schnappt Pedro, ein langjähriger Mitarbeiter, Wortfetzen über mögliche Kämpfe auf. Er winkt Todd auf Zentimeter zu sich heran und übertritt damit bewusst die Schwelle von Nähe und Distanz. Mit seinem sofortigen Ruf nach Unterstützung ("support"), dem Mitarbeiter und Jugendliche zu folgen haben, überspringt er die ersten vier Konfrontationslevel, weil Todd zum wiederholten Male ermahnt worden war. "Schau mir in die Augen und steh’ gerade, du kleiner tough guy", fährt er ihn leise, aber bedrohlich an. "Hör mir genau zu: Wir brauchen hier keine rauhen Kerle, verstehst du mich? Wir mögen keine rauhen Typen..." Diesen Satz wiederholt er seelenruhig, den Jungen konzentriert fixierend, ein dutzend Mal. Eine Sechsergruppe unterstützt mittlerweile Pedros Konfrontation. Im Kreis stehend verunsichern sie Todd mit barschen Verhaltensanweisungen: "Hey man, schau in Pedros Augen, wenn er spricht. Steh gerade für deine Drohungen und deine Angstmacherei!" Todd ist irritiert. Er steckt in einer so genannten Normkrise, denn in seiner Gang wäre diese Geschichte ganz anders abgelaufen. Er entschuldigt sich und entgeht damit einer Konfrontationssteigerung. Pedro akzeptiert: "O.K., aber wenn du hier ein Bein auf die Erde kriegen willst, ändere deine Themen." Die jetzt dreizehnköpfige Menschentraube löst sich auf. Pedro geht zum nächsten Telefon, um Todds Betreuer zu informieren und um sicherzustellen, dass der Junge den Vorfall zur Sprache bringt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Kritik am derzeitigen Jugendstrafvollzug und skizziert die konfrontative Pädagogik als pädagogische Alternative zur Resozialisierung.
2. Jugendstrafvollzug in Deutschland: Es wird die rechtliche Situation nach der Föderalismusreform analysiert, insbesondere die Notwendigkeit verfassungsrechtlich fundierter Gesetze für den Jugendvollzug.
3. Die konfrontative Pädagogik: Dieses Kapitel erläutert den konfrontativen Handlungsstil, seine Abgrenzung zu anderen Erziehungsstilen und spezifische Methoden wie das Anti-Aggressivitäts-Training.
4. Die Glen-Mills-Schools: Hier wird das US-amerikanische Konzept detailliert vorgestellt, wobei der Fokus auf der normativen Schulkultur, der Organisationsstruktur und dem „Battling Bulls Club“ liegt.
5. Die Adaption der konfrontativen Pädagogik der Glen Mills Schools in das deutsche Jugendkriminalrechtssystem: Es wird diskutiert, unter welchen Bedingungen und mit welchen Herausforderungen das Glen Mills Modell in deutsche Einrichtungen integriert werden kann.
6. Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und die These bestätigt, dass pädagogische Maßnahmen an die Klientel und nicht umgekehrt angepasst werden müssen.
Schlüsselwörter
Jugendstrafvollzug, konfrontative Pädagogik, Glen Mills Schools, Resozialisierung, Delinquenz, Mehrfachauffällige, Jugendkriminalität, Anti-Aggressivitäts-Training, normative Kultur, Gruppendruck, Jugendhilfe, Jugendgerichtsgesetz, Täter-Opfer-Ausgleich, Grenzziehung, soziale Integration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem deutschen Jugendstrafvollzug und der Frage, inwieweit pädagogische Alternativen, konkret das Konzept der US-amerikanischen Glen Mills Schools, zur Verbesserung der Resozialisierung beitragen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der deutsche Jugendstrafvollzug, die konfrontative Pädagogik, die Funktionsweise der Glen Mills Schools sowie die rechtlichen und praktischen Möglichkeiten einer Adaption dieser Ansätze in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die konfrontative Pädagogik eine wirksame Möglichkeit darstellt, um die Ziele des Jugendstrafvollzugs bei mehrfach auffälligen Jugendlichen besser zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, dem Studium gesetzlicher Rahmenbedingungen und der Auswertung pädagogischer Konzepte sowie statistischer Daten der Glen Mills Schools.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse des deutschen Jugendstrafvollzugs, eine theoretische und praktische Einführung in die konfrontative Pädagogik sowie eine detaillierte Untersuchung des Modells der Glen Mills Schools.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Resozialisierung, konfrontative Pädagogik, Jugendstrafvollzug, Delinquenzprävention und die Adaption internationaler pädagogischer Modelle charakterisiert.
Was ist das Besondere am Konzept der Glen Mills Schools?
Das Besondere ist die Nutzung eines subkulturfreien, normativen Milieus, in dem mittels eines „Battling Bulls Club“ und durch das Prinzip „Jugend erzieht Jugend“ Gruppendruck positiv zur Verhaltensänderung eingesetzt wird.
Warum ist die Adaption in Deutschland so herausfordernd?
Herausfordernd ist die Diskrepanz zwischen dem in Deutschland konservativen Justizsystem und dem Bedürfnis nach einer pädagogisch innovativen, „offenen“ Struktur, die ohne starre Einschließungs-Kriterien auskommt.
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- Jan Glawe (Author), 2009, Der Jugendstrafvollzug in Deutschland unter der Berücksichtigung der konfrontativen Pädagogik der Glen Mills Schools, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133600