Die vorliegende Forschungsarbeit führt zu einer Neubewertung des Ortsnamens einer der berühmtesten Städte Deutschlands, nämlich Heidelbergs. Dabei wird zunächst der Stand der Forschung referiert, der hauptsächlich darin besteht, den Stadtnamen als ‚Siedlung beim Heidelbeerberg‘ oder ‚Siedlung an einer Heidelandschaft‘ zu interpretieren.
Da beide Deutungen des Ortsnamens Heidelberg nicht sicher belegbar sind, wird eine neue Sichtweise dieser schwierigen Frage durchdacht. Der Autor ist überzeugt, dass dies nicht allein mit der Methode der Namenforschung zu lösen ist. Deshalb werden zusätzlich zur sprachlichen Analyse des Bestimmungsworts Heidel- zwei neue Forschungswege eingeschlagen: der geografische mit Untersuchung von Lage und Siedlungsanfängen und der kulturgeschichtliche mit Betrachtung der christlichen Mission im Frühmittelalter.
Zuerst wird die Vegetationsentwicklung, die auffällige geografische Lage der Stadt und ihre Anfänge in der Römer- und Frankenzeit erforscht und eine siedlungsgeografische Raumanalyse vorgenommen. Dann ist sprachwissenschaftlich die Frage der -el-Endung zu reflektieren, wobei überraschenderweise die Verbreitung des Heidenkorns in Mitteleuropa, die nach dem Ersten Kreuzzug erfolgte, eine Rolle spielt. Schließlich ist zu überlegen, ob die drastische Zurückdrängung des Heidentums durch Karl den Großen nicht auch am unteren Neckar eine Rolle gespielt hat. Insbesondere der Heiligenberg steht hier im Fokus: die Gründung des Michaelsklosters oben auf dem heidnischen Kultort und die Gründung der Peterskirche unten im Angesicht dieses Berges.
Der Autor schließt damit, dass die Maßnahmen der christlichen Mission nicht nur den römischen Merkurberg in Heiligenberg, sondern auch die gegenüberliegende Siedlung am ‚Heidenberg‘ in das unverfänglichere ‚Heidelberg‘ umbenannt haben. Durch den Einsatz vielfältiger Hilfswissenschaften in der Forschung kann der Mangel des fehlenden urkundlichen Belegs *Heidenberg von anderer Seite ausgeglichen werden und es dürfte damit gelungen sein, das etymologische Rätsel zu lösen. Die These lautet daher: Der Ortsname Heidelberg ist aus einer älteren, erschlossenen Bezeichnung *Heidenberg hervorgegangen, die in einem engen geografischen Bezug zum gegenüberliegenden Heiligenberg steht.
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel: Was hinter Namen liegen kann
1.1 Namenforschung, Geographie und Kulturgeschichte
1.2 Aufbau und Methodik dieser Studie
2. Kapitel: Bisherige Erklärungen des Namens Heidelberg
2.1 Eine Vielzahl an Deutungsversuchen
2.2 Derweins ‚Siedlung beim Heidelbeerberg‘
2.3 Udolphs ‚Siedlung bei der Heidelandschaft‘
3. Kapitel: Drei Wege zu einer neuen Sicht
3.1 Raumbezug und Siedlungsanfänge
Geographische Lage Heidelbergs
Römerzeit, fränkische Gründungen und Obere Burg
Siedlungsgeographische Raumanalyse
3.2 Sprachuntersuchung des Determinans
Bedeutungsspektrum ‚Heide‘
Funktion, Sinn und Alter der Form ‚Heidel‘
Semantik der Toponymfamilie ‚Heidenberg‘
3.3 Christliche Mission im Frühmittelalter
Peterskirche vis-à-vis vom Merkurtempel
Michaelskloster auf dem Platz des Merkurtempels
Namenswechsel des Aberinsbergs und der Burgsiedlung
4. Kapitel: Heidelberg als ‚Siedlung beim Heidenberg‘
4.1 Urkunde des Plebanus Cunradus
4.2 Entwicklungsstufen der Stadt bis heute
4.3 Zusammenstellung der Argumentation
4.4 Versuch ein etymologisches Rätsel zu lösen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Ursprung des Ortsnamens "Heidelberg" kritisch unter Einbeziehung geographischer, sprachwissenschaftlicher und kulturgeschichtlicher Fakten. Das primäre Ziel ist es, die herkömmlichen Deutungen (Heidelbeere oder Heidelandschaft) zu hinterfragen und eine neue, fundierte These zu etablieren, die den Namen als christlich motivierte Verschleierung einer älteren, heidnischen Ortsbezeichnung deutet.
- Kritische Analyse bisheriger Etymologien des Stadtnamens.
- Siedlungsgeographische Raumanalyse des Neckartals und seiner Berge.
- Untersuchung der sprachlichen Herkunft und Entwicklung des Determinans "Heidel-".
- Betrachtung der Rolle der christlichen Mission bei der Umbenennung heidnisch geprägter Orte.
- Zusammenhang zwischen dem Heiligenberg und der frühen Siedlungsentwicklung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Raumbezug und Siedlungsanfänge
Schon im Jahr 1595 wird von Abraham Saur der Heiligenberg als Hauptcharakteristikum der Lage Heidelbergs hervorgehoben: „Heidelberg / ... da ist ein Berg vbern Necker der heilig Berg / oder zu allen Heiligen genannt / darauff ist etwa ein Tempel / wie zu Rom / in der Ehr aller Götter geweyhet / gestanden / wie man jetzunder noch reliquias darvon siehet“37. Dieses beschriebene Bild ist bei Matthäus Merian 1645, also 50 Jahre später noch zu sehen (auf Abb. 1).
Um 1801 verfasste der Dichter Friedrich Hölderlin seine Ode ‚Heidelberg‘, in der es heißt: „Freundliche Wälder rauschten über die Burg herab“, und lange vergessen waren damals die Zeiten, als Heidelberg noch von kahlen oder nur schütter bewachsenen Bergen, dem Heiligenberg im Norden, dem Königstuhl im Süden, umgeben war. Denn in der Tat war noch im Frühmittelalter der Heiligenberg mit seiner keltischen Wallanlage und seinem römischen Merkur-Heiligtum weithin bis zum Rhein nach Worms und Speyer zu sehen. Eine Heidelandschaft prägte seinen Gipfel, das war auch in der Barockzeit nicht anders.
Nun gab es schon im Frühmittelalter um den Siedlungsplatz Heidelberg herum viele Heidelandschaften, und die umliegenden Berge waren damals im Gipfelbereich alle kahl oder nur schütter bewachsen: nördlich vom Neckar der Heiligenberg, der Michelsberg, das Heidenknörzel, südlich des Neckars der Gaisberg, der Königstuhl und der Auerhahnkopf.
Die Gründe für die Kahlheit der Gipfel sind vielfältig. In der Eiszeit lagen alle Odenwaldgipfel im Periglazial und blieben auch nach dem Rückgang der Gletscher in der Jungsteinzeit noch weitgehend unbewaldet. Die Kelten hatten dann das früheste Bergheiligtum auf dem Heiligenberg durch eine große Siedlung mit Steinwällen und Holzpalisaden ausgebaut und dafür die allmählich aufwachsenden Wälder als Bauholz genutzt. Auch die Römer holten ihr Bauholz für Kastelle und Neckar-
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kapitel: Was hinter Namen liegen kann: Diese Einleitung zeigt die Bedeutung der Namenforschung als interdisziplinäre Schnittstelle von Philologie, Geschichte, Geographie und Archäologie auf.
2. Kapitel: Bisherige Erklärungen des Namens Heidelberg: Das Kapitel bietet einen kritischen Überblick über die verbreiteten Deutungsansätze, wie die Ableitung von der Heidelbeere oder einer Heidelandschaft, und weist auf deren Unplausibilität hin.
3. Kapitel: Drei Wege zu einer neuen Sicht: Hier wird der methodische Ansatz der Untersuchung dargelegt: die geographische Analyse der Siedlungsanfänge, die sprachgeschichtliche Untersuchung des Wortstamms und die Betrachtung des Einflusses christlicher Missionsarbeit.
4. Kapitel: Heidelberg als ‚Siedlung beim Heidenberg‘: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse, unterstreicht die These einer Umbenennung aus christlich-ideologischen Gründen und formuliert die Schlussfolgerung des Autors.
Schlüsselwörter
Heidelberg, Namenforschung, Etymologie, Heiligenberg, Heidenberg, Odenwald, Siedlungsgeschichte, Frühmittelalter, Christliche Mission, Kulturgeschichte, Ortsnamen, Toponymie, Buchweizen, Diminutiv, Merkurtempel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die etymologische Herkunft des Stadtnamens "Heidelberg" und stellt die gängigen Theorien in Frage, um eine neue, historisch begründete Deutung zu präsentieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Namenforschung mit siedlungsgeographischen Analysen, lokaler Geschichte und einer kulturwissenschaftlichen Betrachtung der Auswirkungen christlicher Missionierung im Mittelalter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass "Heidelberg" nicht von der "Heidelbeere" abstammt, sondern ursprünglich eine "Siedlung beim Heidenberg" bezeichnete, deren Name im Zuge der Christianisierung verharmlost wurde.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt, der die Raumanalyse, historische Quellenkritik und vergleichende Sprachwissenschaft integriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die geographische Lage, die Siedlungsanfänge, die Analyse des Namensbestandteils "Heidel-" und die historische Rolle von Klöstern am Heiligenberg detailliert erforscht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentral sind Begriffe wie Heidenberg, Heidelberg, Siedlungsgeschichte, Christianisierung, Namenforschung und kulturgeschichtliche Analyse.
Welche Rolle spielte das Michaelskloster bei der Namensgebung?
Der Autor argumentiert, dass die Errichtung des Klosters auf einem vormals heidnischen Kultplatz ein gezielter Akt war, um heidnische Traditionen zu unterdrücken und den Heiligenberg symbolisch umzudeuten.
Wie erklärt der Autor das "l" im Namen Heidelberg?
Der Autor deutet das "l" nicht als Teil einer ursprünglichen Bezeichnung für Heidelbeeren, sondern als sprachliches Diminutiv (Verkleinerungsform), das aus bayrischen Dialekteinflüssen stammt und zur Verschleierung des Wortes "Heiden-" diente.
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- Gert Heinz Kumpf (Autor:in), 2023, Zum Namen der Stadt Heidelberg. Forschungen unter Einbezug von Geographie und Kulturgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1336175