Die Selbstverständlichkeit, mit der heute Begriffe wie Erinnerung, Identität, kollektives Gedächtnis und Geschichte im selben Atemzug genannt werden, beruht nicht zuletzt auf einer gewaltigen Zäsur in der Mitte des 20. Jahrhunderts: dem Holocaust. Eng damit verbunden ist das von zahlreichen Überlebenden postulierte Darstellungsverbot des Holocaust mit der Begründung, etwas so Schreckliches und ultimativ Grausames könne niemals in angemessene Worte gefasst, geschweige denn von Nicht-Betroffenen wirklich verstanden werden. Dem steht jedoch die kulturbedingte Notwendigkeit des Erinnerns gegenüber, damit nicht nur die direkt nachgeborenen Generationen, sondern auch die in fernerer Zukunft lebenden Nachkommen von Opfern, Tätern und Zeitgenossen aus diesem historischen Ereignis ihre Lehren ziehen und seine Relevanz im Gedächtnis behalten können.
Die Arten der Darstellung und die hierfür gewählten Medien sind zahlreich und verfolgen unterschiedlichste Zwecke. Populäre Literatur nimmt hierbei einen spezifischen Platz ein, insbesondere dann, wenn es sich um das Schaffen jüdischer Schriftsteller handelt. Ausgehend von zwei zeitgenössischen Romanen jüdisch-amerikanischer Autoren sollen in der vorliegenden Arbeit Rückschlüsse gezogen werden auf die Konstruktion von Identität und kultureller Erinnerung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen zentraler Begriffe
2.1. Erinnerung
2.2. Gedächtnis
2.3. Identität
3. Theoretische Grundlagen
3.1. Maurice Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis
3.2. Pierre Nora: Les lieux de mémoire
3.3. Aleida und Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis
4. Amerika und der Holocaust
4.1. Entwicklung des jüdisch-amerikanischen Romans seit 1945
4.2. Diskurs und Repräsentation des Holocaust in den USA
5. Verdeutlichung einzelner Aspekte an Hand von zwei Beispielen
5.1. Jonathan Safran Foer: Everything is illuminated
5.1.1. Foer als postmoderner Autor
5.1.2. Generationenkonflikte: Zwei Großväter und zwei Enkel auf einer mythischen Reise nach Osteuropa
5.1.3. Jüdischer Humor, magischer Realismus und die Rechtfertigung von Popliteratur als Mittel zur Traumabewältigung
5.1.4. Autobiographisches Schreiben und Authentizität
5.2. Nicole Krauss: History of love
5.2.1. Postmoderne Elemente bei Krauss: Eine Geschichte auf Reisen
5.2.2. Familienbande? Über die blinden Stellen im Leben der Protagonisten
5.2.3. Elemente jüdischen Erzählens und Spiegelung der jüdischen Kultur
5.2.4. Die Bedeutung der Verschriftlichung von Gurskys Erinnerungen
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der zeitgenössischen Romane "Everything is illuminated" von Jonathan Safran Foer und "History of Love" von Nicole Krauss, wie jüdisch-amerikanische Autoren kulturelle Erinnerung konstruieren und Identität im Kontext des Holocaust verhandeln. Dabei wird analysiert, wie diese Werke durch spezifische literarische Techniken eine Brücke zwischen persönlicher Betroffenheit der Enkelgeneration und der historischen Distanz zum Holocaust schlagen.
- Konstruktion von Identität und kulturellem Gedächtnis
- Entwicklung des jüdisch-amerikanischen Romans nach 1945
- Die Rolle von Humor und magischem Realismus in der Traumabewältigung
- Spannungsfelder zwischen Fiktion, Authentizität und Holocaust-Repräsentation
- Literarische Strategien der "Enkelgeneration" im Umgang mit dem Holocaust
Auszug aus dem Buch
Generationenkonflikte: Zwei Großväter und zwei Enkel auf einer mythischen Reise nach Osteuropa
Erinnerung wird in der „Enkelgeneration“ oft zum Akt der Erfindung, obwohl nach Halbwachs’ Theorie des Generationengedächtnisses Zeitzeugen, nämlich die Großeltern, zumindest theoretisch aushelfen könnten. Sie könnten durch ihre Erzählungen und Berichte die zeitliche Kluft der 2. und 3. Generation zum Ereignis ganz wesentlich überbrücken und ihnen helfen, sich zugehörig zu fühlen und eigene Erinnerungen zu entwickeln, obwohl sie nicht dabei gewesen sind. Häufig steht dies aber dem Wunsch der Großeltern entgegen, zu vergessen und abzuschließen mit Erlebnissen, die zu schmerzhaft sind, als dass man sie immer wieder an sich heranlassen möchte. Daraus entsteht ein unauflöslicher Widerspruch: „Some people want to forget where they’ve been; other people want to remember where they’ve never been.“ Diese Problematik, die fast jeder Art von zeitgenössischer Holocaust-Aufarbeitung zu Grunde liegt, ist auch der Auslöser für den Autor Jonathan Safran Foer, in die Ukraine zu reisen, um Augustine zu finden – die Frau, von der er nicht mehr als eine Fotographie besitzt, die aber der Schlüssel zu seiner Vergangenheit und auch zu seiner Identität zu sein scheint – denn hätte sie seinen Großvater Safran nicht gerettet, so könnte auch er selbst nicht existieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Themenkomplexe Erinnerung und Identität im Kontext zeitgenössischer jüdisch-amerikanischer Literatur ein und skizziert die methodische Analyse von Foers und Krauss' Romanen.
2. Definitionen zentraler Begriffe: Dieses Kapitel erläutert die psychologischen und kulturwissenschaftlichen Grundlagen der Begriffe Erinnerung, Gedächtnis und Identität als theoretisches Fundament der Arbeit.
3. Theoretische Grundlagen: Hier werden die maßgeblichen Theorien von Maurice Halbwachs, Pierre Nora sowie Aleida und Jan Assmann zur Gedächtnisforschung und zu Erinnerungsorten detailliert dargestellt.
4. Amerika und der Holocaust: Dieses Kapitel behandelt die Entwicklung des jüdisch-amerikanischen Romans seit 1945 und den sich wandelnden Diskurs zur Repräsentation des Holocaust in den USA.
5. Verdeutlichung einzelner Aspekte an Hand von zwei Beispielen: Der Hauptteil analysiert Jonathan Safran Foers "Everything is illuminated" und Nicole Krauss' "History of love" auf Basis der eingeführten Theorien, wobei insbesondere postmoderne Erzählweisen und generationenübergreifende Erinnerungsprozesse untersucht werden.
6. Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass die untersuchten Romane durch fiktionale Ansätze eine sinnstiftende Form der Holocaust-Verarbeitung bieten, die gerade dort greift, wo historiographische Dokumentationen an ihre Grenzen stoßen.
Schlüsselwörter
Jüdisch-amerikanische Literatur, Holocaust, Kulturelles Gedächtnis, Identitätsbildung, Postmoderne, Jonathan Safran Foer, Nicole Krauss, Erinnerung, Trauma, Traumaverarbeitung, Magischer Realismus, Generationengedächtnis, Authentizität, Fiktion, Narratologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Art und Weise, wie zeitgenössische jüdisch-amerikanische Autoren das kulturelle Gedächtnis und den Holocaust in ihren Romanen verarbeiten und neu konstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die Konzepte des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses, die Identitätsbildung der dritten Generation nach dem Holocaust sowie die literarische Darstellung von Trauma.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu analysieren, wie fiktionale Texte – speziell "Everything is illuminated" und "History of Love" – dazu beitragen, traumatische historische Ereignisse für heutige Generationen greifbar und verarbeitbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische fundierte Analyse, die kulturwissenschaftliche Konzepte zur Gedächtnistheorie auf literarische Texte anwendet, ergänzt durch Ansätze der Narratologie und der postmoderner Literaturdebatte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse der Romane von Foer und Krauss, wobei spezifische Merkmale wie postmoderne Erzählstrukturen, generationelle Konflikte und die Bedeutung der Sprache im Zentrum stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Jüdisch-amerikanische Literatur, Holocaust, Kulturelles Gedächtnis, Identitätsbildung, Postmoderne und Traumaverarbeitung sind die zentralen Begriffe.
Wie setzt Foer den magischen Realismus ein, um den Holocaust zu thematisieren?
Foer nutzt den magischen Realismus, um reale historische Schrecken mit märchenhaften Elementen zu verweben, wodurch die Distanz zur Geschichte überwunden und eine neue, emotionalere Form der Identifikation ermöglicht wird.
Welche Rolle spielt die Schriftlichkeit für Leo Gursky in "History of Love"?
Für Gursky ist das Verschriftlichen seiner Erinnerungen ein existenzieller Akt, der ihm hilft, seine Identität zu bewahren, Einsamkeit zu überwinden und seinem Leben nach dem Verlust seiner Familie und seines Sohnes einen Sinn zu geben.
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- Christina Dersch (Author), 2009, Kulturelles Erinnern im jüdisch-amerikanischen Roman der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133644