„Ich und noch einmal ich und als Erfüllungshilfe Du. Und wenn nicht Du, dann Du.“ So oder so ähnlich könnte unser derzeitiges Miteinander umschrieben werden – treffend und doch betroffen machend. Immer mehr Nachrichten ereilen uns, die ein Durchsetzen von Individualinteressen auf Kosten der Gemeinschaft zum Inhalt haben. So werden Steuern hinterzogen, indem sie, am deutschen Fiskus vorbei, in sogenannte „Steueroasen“ verlagert werden. Hier spricht sich das Ziel der Geldmaximierung des Einzelnen aus. Was allerdings im Unterton mitschwingt, ist der Missstand unserer Gesellschaft. Jener, der soziale Bindungen aushöhlt und schwächt, Pflichten vergessen und moralische Werte relativ erscheinen lässt. Das kann dann soweit führen, dass eine Gesellschaft unfähig wird, äußeren wie inneren Angriffe standzuhalten. Nun stellt sich die Frage, worin dieser Missstand besteht? Ist es die Überbetonung des Individuums und dessen Rechte, die an dem Desinteresse an Staat, Politik und Gesellschaft Schuld hat? Einen solchen Zusammenhang sieht der K o m m u n i t a r i s m u s jedenfalls als gegeben an. Entstanden in den frühen achtziger Jahren in den USA, findet diese politische Philosophie ihren Ausgangspunkt in der theoretischen Debatte um die Vertragstheorie John Rawls`. Das anhaltende Interesse an jener politisch-philosophischen Strömung erscheint angesichts der bereits erwähnten Schieflage unserer Gesellschaft bzw. der Westlichen im Allgemeinen verständlich und ist daher Grund genug, sich mit dem kommunitären Denken auseinander zu setzen. Im Rahmen der Frage, was den Kommunitarismus in seiner Gesamtheit als politische Philosophie auszeichnet, soll diese Darstellung dreigeteilt werden. Beginnend mit der theoretisch-philosophischen Debatte um die Konstitution des Individuums, wird mithilfe der Überlegungen Michael Walzers eine Brücke zu der praktisch-politischen Relevanz des Kommunitarismus geschlagen. Ohne eine Vollständigkeit beanspruchen zu wollen, soll zumindest bewusst gemacht werden, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen dem übersteigerten Individualismus und der Auflösungstendenz sozialer Bindungen in unserer Gesellschaft gibt.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die kommunitaristische Kritik am Liberalismus
1.1 Michael J. Sandel und das Schicksal des ungebundenen Selbst
1.2 Charles Taylor und das Paradox des Atomismus
2. Der kommunitaristische Liberalismus
2.1 Michael Walzer und die Kunst der Trennung
2.2 Amitai Etzioni und der responsive Kommunitarismus
Fazit, Kritik und Ausblick
Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert den Kommunitarismus als politische Philosophie, die als Reaktion auf die durch einen übersteigerten Individualismus verursachte Auflösung sozialer Bindungen in westlichen Gesellschaften entstand. Dabei wird untersucht, wie kommunitaristische Ansätze das liberale Menschenbild kritisieren und welche Bedingungen für eine lebendige Demokratie und ein responsives Gemeinwesen notwendig sind.
- Kritik am liberalen Verständnis des "ungebundenen Selbst"
- Das Paradox des Atomismus in der modernen Gesellschaft
- Die "Kunst der Trennung" und die Sphären der Gerechtigkeit
- Das Konzept des responsiven Kommunitarismus nach Amitai Etzioni
- Die Balance zwischen individueller Autonomie und sozialer Ordnung
Auszug aus dem Buch
1.1 Michael J. Sandel und das Schicksal des ungebundenen Selbst
Welche politische Philosophie liegt den heutigen Praktiken und Institutionen zugrunde? Es ist die liberale Vorstellung, welche Gebote der Gerechtigkeit, Fairness und des individuellen Rechts besonders akzentuiert – ja beinahe überakzentuiert. Der hierbei innewohnende Hauptgedanke ist der, dass eine gerechte Gesellschaft ihren Bürgern ermöglichen sollte, eigene Ziele zu verwirklichen, anstatt selbst besondere Ziele zu formulieren, zu verfolgen und zu fördern. Das setzt wiederum die Aufgabe einer bestimmten Konzeption des Guten voraus, da jeder Bürger, laut der liberalen Argumentation, eigene Vorstellungen vom Guten hat. Solange die Ziele eines Bürgers die Freiheit eines anderen nicht einschränken oder verletzen, können diese auch ohne Abstriche realisiert werden.
Die Vertreter des Liberalismus rechtfertigen dies mit der Begründung, dass so, eine Übereinstimmung mit dem Begriff Recht am besten gewährleistet werden kann. Die Gerechtigkeit einer Gesellschaft hängt also davon ab, inwieweit sie auf eine Wahl zwischen konkurrierenden Zwecken und Zielen verzichtet. Ein telos Gedanke muss demzufolge ausgeschlossen werden. Einzig der Rahmen, indem die Bürger ihre Zielvorstellungen verwirklichen können, soll mithilfe des Gesetzes und der Verfassung von einer Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Die Folge ist, dass einerseits, die individuellen Rechte vor dem Druck des Allgemeinwohls geschützt werden müssen und andererseits, darf und kann das hierfür zugrundliegende Gerechtigkeitsprinzip keine besondere Vorstellung des guten Lebens haben. Letztendlich räumt der Liberalismus dem Recht eine Vorrangstellung gegenüber dem Guten ein. Die moralische Dimension, welche daraus erwächst, gerät nun ins Visier der folgenden Autoren.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Individualisierung in westlichen Gesellschaften und führt den Kommunitarismus als philosophische Antwort auf den damit einhergehenden sozialen Werteverlust ein.
1. Die kommunitaristische Kritik am Liberalismus: Dieses Kapitel erörtert die fundamentale Kritik an der liberalen Vertragstheorie, insbesondere an deren Menschenbild, das den Einzelnen als losgelöstes Atom betrachtet.
1.1 Michael J. Sandel und das Schicksal des ungebundenen Selbst: Hier wird Sandels Auseinandersetzung mit John Rawls analysiert, wobei das "ungebundene Selbst" als anthropologische Fehlannahme identifiziert wird.
1.2 Charles Taylor und das Paradox des Atomismus: Taylor untersucht das Paradoxon, dass das Bestehen auf unbedingten Individualrechten paradoxerweise genau die sozialen Voraussetzungen zerstört, die notwendig sind, um diese Rechte überhaupt auszuüben.
2. Der kommunitaristische Liberalismus: Dieser Teil widmet sich den konstruktiven Ansätzen der kommunitaristischen Philosophie, die nicht den Liberalismus überwinden, sondern ihn durch Gemeinschaftswerte korrigieren will.
2.1 Michael Walzer und die Kunst der Trennung: Walzer entwickelt seine Theorie der Sphären der Gerechtigkeit, in der unterschiedliche soziale Güter in jeweils spezifischen Kontexten bewertet werden müssen.
2.2 Amitai Etzioni und der responsive Kommunitarismus: Etzioni plädiert für einen "dritten Weg", der Autonomie und soziale Ordnung durch Verantwortung und bürgerschaftliches Engagement in Einklang bringt.
Fazit, Kritik und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass der Kommunitarismus ein notwendiges Korrekturinstrument zur liberalen Denkweise darstellt und zeigt die Notwendigkeit auf, den sozialen Zusammenhalt in einer komplexen Welt neu zu denken.
Bibliographie: Dieses Kapitel listet die verwendeten Quellen und Primärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Kommunitarismus, Liberalismus, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Individuum, Atomismus, Soziale Bindungen, Michael J. Sandel, Charles Taylor, Michael Walzer, Amitai Etzioni, Bürgergesellschaft, Politische Philosophie, Autonomie, Verantwortung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der politischen Philosophie des Kommunitarismus auseinander und untersucht dessen Antwort auf die Krise der sozialen Bindungen in liberalen westlichen Gesellschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Kritik am liberalen Menschenbild, das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, das Konzept der sozialen Gerechtigkeit und die Frage der politischen Partizipation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Kommunitarismus in seiner Gesamtheit als politische Philosophie darzustellen und zu zeigen, wie er als Korrektiv zum übersteigerten Individualismus dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt primär philosophische Analyse- und Interpretationsmethoden, um die Ansätze der kommunitaristischen Hauptvertreter im Kontext der liberalen Theorie zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Phase, die sich mit den Theorien von Sandel und Taylor befasst, sowie eine konzeptionelle Phase, die Walzers Sphärenmodell und Etzionis responsiven Kommunitarismus vorstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Kommunitarismus, Liberalismus, soziale Gerechtigkeit, Gemeinschaft und die Konzepte der zentralen Autoren Sandel, Taylor, Walzer und Etzioni.
Welche Bedeutung hat das "ungebundene Selbst" in der Argumentation?
Es dient als zentraler Kritikpunkt der Kommunitaristen an der liberalen Theorie, da ein solches, rein rationales und losgelöstes Selbst keine moralische Substanz in einer Gemeinschaft bilden kann.
Warum hält Taylor das "Atomismus-Modell" für gefährlich?
Taylor argumentiert, dass das Beharren auf individuellen Rechten ohne die Anerkennung von Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft zur Selbstzerstörung der Gesellschaft führen kann.
- Quote paper
- Conrad Maul (Author), 2008, Die politische Philosophie des Kommunitarismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133673