Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über den anlaufenden Abtreibungsdiskurs zu geben. Zudem erfolgt eine Annäherung an eine mögliche Klärung des Abtreibungsverbotes bei der Betrachtung von sowohl konservativen als auch liberalen Argumenten. Im Mittelpunkt steht hierbei der moralische Status von Embryonen. ‚Autonomieargumente‘, die für die körperliche Autonomie der Schwangeren argumentieren, sind ebenfalls ein wichtiger und bedeutender Teil der Abtreibungsdebatten, können allerdings aufgrund des inhaltlichen Schwerpunktes in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden.
Seit den 1970er-Jahren gibt es eine große Zahl von Philosophinnen und Philosophen, die sich an der Abtreibungsdebatte beteiligt haben. Im Zentrum dieser Debatten stehen dabei Fragen, wann das menschliche Leben beginnt und welchen moralischen Status ein Embryo hat. Diese Fragen sind von Bedeutung, da bei einer Abtreibung das Leben des Embryos beendet wird und dies mit dem Tötungsverbot, welches in der Ethik wohl als das wichtigste Gut betrachtet wird, nicht vereinbar ist.
In dieser Hausarbeit werden die klassischen SKIP-Argumente aufgegriffen und vorgestellt. Diese Argumente stehen dabei exemplarisch für eine konservative Position, die sich für ein Abtreibungsverbot ausspricht. Es wird geprüft, wie überzeugend diese Position in Bezug auf ein Abtreibungsverbot sein kann, indem sie mit einer liberalen Position verglichen wird. Die liberale Position soll dabei Kritik an den SKIP-Argumenten üben und auch reflektiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Konservative Position
2.1 Speziesargument
2.2 Kontinuumsargument
2.3 Identitätsargument
2.4. Potentialitätsargument
3 Liberale Position
3.1 Singer zur Person
3.2 Singer zur Spezies
3.3 Kritik an den SKIP-Argumenten
4 Reflexion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethische Kontroverse um Schwangerschaftsabbrüche, indem sie klassische konservative Argumente (SKIP-Argumente) einer kritischen Prüfung durch die liberale Position, insbesondere nach Peter Singer, unterzieht. Das Ziel besteht darin, den aktuellen philosophischen Diskurs zu strukturieren und die Überzeugungskraft der Argumente hinsichtlich der Zuschreibung moralischer Schutzrechte für Embryonen zu bewerten.
- Analyse der vier SKIP-Argumente (Spezies, Kontinuum, Identität, Potentialität).
- Einführung in den Präferenzutilitarismus nach Peter Singer.
- Gegenüberstellung von konservativen Schutzansprüchen und liberalen Personenbegriffen.
- Kritische Reflexion der moralischen Grundlagen der Abtreibungsdebatte.
Auszug aus dem Buch
2.4. Potentialitätsargument
Das Potentialitätsargument besagt, dass ein Embryo gewisse charakteristische Eigenschafen, wie z. B. Zukunftsgerichtetheit oder Bewusstsein, noch nicht besitzt, aber das Potenzial besitzt, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Die syllogistische Form dieses Arguments lautet: (1) Jedes Wesen, das potenziell Φ ist, hat Würdeм. (2) Jeder menschliche Embryo ist ein Wesen, das potenziell Φ ist. Also: (3) Jeder menschliche Embryo hat Würdeм
Anders als beim Identitätsargument, stehen beim Potentialitätsargument nicht die aktuellen, sondern die potenziellen Eigenschaften im Mittelpunkt der Beurteilung. Es lassen sich dabei zwei Dimensionen des Argumentes unterscheiden: Die erste umfasst eine starke und eine schwache Unterscheidung des Argumentes. Bei der starken Fassung wird angenommen, dass, wenn ein Embryo ein potenzieller Mensch ist, für ihn dieselbe Schutzansprüche gelten müssen wie für Erwachsene. Es gibt also keinerlei Abstufungen innerhalb des Potenzials. Im Gegensatz dazu ist es möglich, eine vernachlässigte Schutzwürdigkeit bei der schwachen Fassung zu vertreten.
Auf den Embryo angewandt würde dies bedeuten, dass z.B. ein Kind eine stärkere Schutzwürdigkeit besitzt, obwohl die Schutzwürdigkeit des Embryos trotzdem nicht vernachlässigbar sein darf. Die zweite Dimension umfasst die Unterscheidung von aktiven und passiven Potenzial. Unter aktiven Potenzial versteht man in diesem Kontext, dass, wenn ein Embryo das Potenzial sich zu einem Menschen entwickeln besitzt, dies auch ohne äußere Eingriffe oder Manipulationen geschehen wird. Bei passivem Potenzial hingegen müsste der Embryo erst zu einem Menschen „gemacht werden“, um dieses zu erreichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die aktuelle politische und philosophische Relevanz der Abtreibungsdebatte ein und skizziert das Ziel, SKIP-Argumente gegen liberale Positionen abzuwägen.
2 Konservative Position: Dieses Kapitel stellt die vier SKIP-Argumente (Spezies, Kontinuum, Identität, Potentialität) vor, die das Ziel verfolgen, dem Embryo Schutzrechte zuzusprechen.
3 Liberale Position: Das Kapitel erläutert die liberale Perspektive anhand von Peter Singers Präferenzutilitarismus und kritisiert die konservativen Argumentationsmuster.
4 Reflexion: Der abschließende Teil reflektiert die Stärke der SKIP-Argumente unter Berücksichtigung der liberalen Kritik und untersucht, ob diese ein Abtreibungsverbot legitimieren können.
Schlüsselwörter
Abtreibung, Ethik, SKIP-Argumente, Lebensrecht, Personenstatus, Peter Singer, Präferenzutilitarismus, Speziesismus, Potentialität, moralischer Status, Embryo, Selbstbewusstsein, Kontinuumsargument, Identitätsargument, Schutzwürdigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Es geht um eine vergleichende Analyse philosophischer Argumente zur Abtreibung, insbesondere um die Auseinandersetzung zwischen konservativen Schutzansprüchen für den Embryo und liberalen Positionen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit behandelt den moralischen Status des Embryos, die Definition von Personsein und die kritische Auseinandersetzung mit Tierrechten und Speziesismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen Überblick über den Abtreibungsdiskurs zu geben und die Überzeugungskraft der klassischen SKIP-Argumente durch einen Vergleich mit liberalen Ansätzen zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine analytische Herangehensweise, bei der Argumente in syllogistische Formen übersetzt und anschließend unter Einbeziehung philosophischer Literatur kritisch reflektiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der konservativen SKIP-Argumente und deren detaillierte Kritik durch eine liberale, utilitaristisch geprägte Perspektive.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind SKIP-Argumente, Personenbegriff, Präferenzutilitarismus, moralischer Status und Speziesismus.
Was unterscheidet bei Peter Singer eine "Person" von anderen Wesen?
Singer definiert eine Person über Merkmale wie Selbstbewusstsein, Autonomie und die Fähigkeit, sich als Entität in der Zeit wahrzunehmen.
Wie wird das "Potentialitätsargument" in der Arbeit kritisiert?
Die Kritik fokussiert sich unter anderem auf die Analogie zu Prinz Charles, der noch nicht die Rechte eines Königs besitzt, nur weil er das Potenzial dazu hat, sowie auf die Problematik fehlender diachroner Identität.
- Quote paper
- Jonas Kahler (Author), 2022, Philosophische Positionen zur Abtreibung. Das Abtreibungsverbot im Hinblick auf konservative und liberale Argumente, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1336919