In der vorliegenden Arbeit werde ich die Frage nach dem Ziel menschlichen Handelns mithilfe der "Nikomachischen Ethik" von Aristoteles versuchen zu beantworten. Die "Nikomachische Ethik" (EN) ist die dritte der drei Ethiken des Aristoteles (Magna Moralia, Eudemische Ethik, Nikomachische Ethik) und beschäftigt sich mit der Frage wie ein gutes Leben aussieht und welche Bedingungen damit verbunden sind. Sie enthält ein umfassendes Modell, welches sich mit der Theorie des Glücks als Lebensziel, den Tugenden und deren Zusammenhang mit dem Glück und der Frage nach dem richtigen Handeln auseinandersetzt. Da eine Handlung an sich erst in den Bereich der Ethik fällt, wenn eine Wahlsituation vorliegt, muss der Handlung ein Ziel vorausgehen. Die Frage nach einem guten Leben geht daher einher mit der Frage: „Welches Ziel verfolgen wir?“
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Was ist das höchste Gut?
2 Kann es nicht andere Lebensziele geben?
3 Hat der Mensch eine Aufgabe?
4 Woher weiß ich, ob eine Handlung gut ist?
5 Was ist die Mitte?
6 Wer ist für eine Handlung verantwortlich?
7 Wie sieht ein glückseliges Leben aus?
Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Ziel menschlichen Handelns unter Anwendung der „Nikomachischen Ethik“ von Aristoteles. Dabei wird analysiert, wie ein gelingendes Leben definiert wird, welche Rolle die Tugend dabei spielt und wie das Konzept des Glücks als höchstes Lebensziel begründet ist.
- Die Bestimmung des höchsten Gutes (Eudaimonia)
- Die Interpretation des Ergon-Arguments zur Feststellung menschlicher Funktionen
- Die Lehre von der Mitte als Maßstab für tugendhaftes Handeln
- Die Bedeutung der Verantwortlichkeit und der Vernunft für moralische Entscheidungen
- Differenzierung zwischen dem handelnden Leben und dem Leben der Betrachtung
Auszug aus dem Buch
1 Was ist das höchste Gut?
Zunächst erfahren wir im ersten Buch der Nikomachischen Ethik das „Gut“ das ist, wonach alles strebt. Der Begriff ist in diesem Kontext mit einem Ziel oder Zweck gleichzusetzen. Es gibt jedoch unterschiedliche Arten von Zielen, die erlangt werden können. Aristoteles unterscheidet hier zwischen zwei Arten von Zielen. Dies kann eine Tätigkeit (energeia) sein, wenn sie um ihrer selbst willen ausgeführt wird (z.B. musizieren, philosophieren) oder auch ein Produkt, welches aus den Tätigkeiten entsteht (kinesis; z.B. Kuchen backen, Sattel herstellen).
„Da es nun viele Arten des Handelns, Herstellungswissens (technē) und der Wissenschaft (epistēmē) gibt, gibt es auch viele Ziele; so ist das Ziel der Medizin die Gesundheit, dasjenige des Schiffsbaus das Schiff, das der Strategik (Heerführung) der Sieg, das der Haushaltsführung der Reichtum.“ (EN 1094a)
Es existiert also scheinbar eine Hierarchie zwischen den Zielen. Nehmen wir beispielsweise den Sattler, dessen Ziel es ist, Reitzeug herzustellen, was wiederum der Reitkunst unterliegt, welche die Kriegskunst zum Zweck hat. Die Kriegskunst verweist auf weitere Zwecke. Letztendlich müssen diese zu einem Endziel führen. Denn ständig neue Zwecke würden in einen Regress führen und das streben wäre leer und vergeblich (vgl. EN 1094a). Aristoteles erkennt, dass die Ziele je nach Art des Handelns und Herstellungswissens verschieden sind und versucht diese auf einen gemeinsamen Punkt zu bringen (vgl. EN 1097a).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung nach dem Ziel menschlichen Handelns sowie in das Werk der Nikomachischen Ethik ein.
1 Was ist das höchste Gut?: Dieses Kapitel bestimmt Eudaimonia als das höchste, autarke Gut, nach dem alles menschliche Streben ausgerichtet ist.
2 Kann es nicht andere Lebensziele geben?: Hier werden andere Lebensziele wie Lust oder Ehre kritisch diskutiert und als nicht ausreichend für ein vollkommenes Leben verworfen.
3 Hat der Mensch eine Aufgabe?: Das Kapitel erläutert das Ergon-Argument, welches die spezifisch menschliche Funktion in der vernunftbegabten Tätigkeit sieht.
4 Woher weiß ich, ob eine Handlung gut ist?: Es wird dargelegt, wie die Charaktertugend durch Einübung entsteht und welche Bedingungen für eine tugendhafte Handlung erfüllt sein müssen.
5 Was ist die Mitte?: Die Tugend wird hier als eine Disposition bestimmt, die in der Mitte zwischen den Laster-Extremen des Mangels und des Übermaßes liegt.
6 Wer ist für eine Handlung verantwortlich?: Das Kapitel untersucht die Bedingungen von Freiwilligkeit und Vorsatz, die eine moralische Zurechenbarkeit von Handlungen begründen.
7 Wie sieht ein glückseliges Leben aus?: Hier stehen sich das Leben der theoretischen Betrachtung (göttliches Leben) und das Leben des tugendhaften Handelns (sekundäres Glück) gegenüber.
Resümee: Das Resümee fasst die zentrale Rolle der Eudaimonia zusammen und bewertet die Systematik der aristotelischen Ethik kritisch.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Eudaimonia, Glück, Tugend, Ergon-Argument, Aretê, Mitte, Vernunft, Handeln, Charakter, Klugheit, Praxis, Ethik, Philosophie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Frage des menschlichen Strebens nach dem guten Leben und analysiert dazu die philosophischen Konzepte des Aristoteles aus der Nikomachischen Ethik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung umfasst die Bestimmung des höchsten Gutes, die Rolle der Vernunft, die Lehre der Charaktertugenden sowie die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit des Handelnden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, was Eudaimonia (Glückseligkeit) bedeutet und unter welchen Bedingungen ein Mensch ein glückliches Leben führen kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wendet eine textinterpretative Methode an, die sich primär auf die Analyse der „Nikomachischen Ethik“ stützt und durch Sekundärliteratur zur historischen und fachphilosophischen Einordnung ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in sieben Kapitel, die sukzessive das Ergon-Argument, die Lehre von der Mitte, die Bedeutung von Klugheit und die verschiedenen Formen des Glücks beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Eudaimonia, Tugend (Aretê), Handlungsziel, Vernunft, Klugheit und das Ergon-Argument einordnen.
Warum spielt die Unterscheidung von „Tätigkeit“ und „Produkt“ für Aristoteles eine Rolle?
Aristoteles nutzt diese Unterscheidung, um aufzuzeigen, dass es eine Hierarchie der Ziele gibt, die letztlich in einem Endziel münden muss, das nicht bloßes Mittel zum Zweck ist.
Wie definiert Aristoteles die moralische Verantwortlichkeit?
Verantwortlichkeit besteht für den Handelnden dann, wenn eine Handlung freiwillig, bewusst und aus einer festen charakterlichen Disposition heraus vollzogen wird.
Warum wird das Ergon-Argument in der Fachdiskussion kritisiert?
Die Kritik entzündet sich häufig an einem mutmaßlichen naturalistischen Fehlschluss, bei dem von einer biologischen Funktion des Menschen (dem Sein) direkt auf moralische Normen (dem Sollen) geschlossen wird.
Was macht ein Leben laut Autor „glückselig“?
Ein glückseliges Leben ist durch die Ausübung der vernunftgemäßen Tätigkeit und ein Handeln innerhalb der „Mitte“ charakterisiert, wobei das theoretische, philosophische Leben die höchste Form darstellt.
- Arbeit zitieren
- Matthias Jähnichen (Autor:in), 2013, Eudaimonia in der Nikomachischen Ethik. Exkurs über das Ziel menschlichen Handelns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1337166