Diachrone Syntax: Zur Wortstellung im Althochdeutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vorläufer des Althochdeutschen
2.1. Die indogermanische Sprachfamilie
2.2. Die altgermanischen Dialekte

3. Begriffsbestimmung Althochdeutsch
3.1. Inner- und außersprachliche Kriterien
3.2. Die schriftliche Überlieferung

4. Zur Wortstellung im Indogermanischen
4.1. Haupttendenzen des Satzbaus in den indogermanischen Sprachen
4.2. Die Stellung der finiten Verbform

5. Zur Wortstellung im Germanischen

6. Zur Wortstellung im Althochdeutschen
6.1. Haupttendenzen in der strukturellen Entwicklung des Satzes
6.2. Die Stellung des finiten Verbs im Hauptsatz
6.2.1. Die Stellung der nominalen Verbalglieder der zusammengesetzten Verbformen
6.3. Die Stellung des finiten Verbs im Nebensatz
6.4. Die ausgeklammerten Satzglieder

7. Analyse eines Textbeispiels aus dem „Tatian“
7.1. Tatian, 87, 1 (Christus und die Samariterin)
7.2. Textanalyse
7.3. Schlussfolgerungen

8. Analyse eines Textauszug aus „Christus und die Samariterin“
8.1. Christus und die Samariterin
8.2. Textanalyse
8.3. Schlussfolgerungen

9. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Diachronen Syntax des Deutschen, d.h. mit der Veränderung syntaktischer Strukturen innerhalb des Satzes im Hinblick auf die historische Dimension und den Sprachwandel. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Periode des Althochdeutschen. Diese älteste, schriftlich bezeugte Stufe der deutschen Sprache soll zunächst in Bezug auf inner- und außersprachliche Kriterien näher charakterisiert werden, um eine Abgrenzung von vorhergehenden und nachfolgenden Etappen vorzunehmen. Im Anschluss daran soll die Syntax dieser Sprachstufe im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Der Begriff „Syntax“ kommt aus dem Griechischen („syntaxis“) und bedeutet soviel wie „Zusammenordnung“ bzw. „Wortfügung“. Auf die gesamte Bandbreite dieses Begriffs, sowie auf die verschiedenen Syntaxtheorien, kann und soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Diese Arbeit beschränkt sich auf die oberflächensyntaktische Sichtweise, d.h. auf die lineare Abfolge von sprachlichen Ausdrücken (Wörtern und Wortverbindungen) innerhalb des Satzes. Da für die Strukturierung des Satzes in den meisten Sprachen die Stellung des finiten Verbs eine entscheidende Rolle spielt (vgl. DÜRSCHEID, 2000: 11f.), soll vor allem dieser Aspekt der althochdeutschen Syntax näher untersucht werden.

2. Die Vorläufer des Althochdeutschen

2.1. Die indogermanische Sprachfamilie

Der größte Teil der gegenwärtig in Europa existierenden Sprachen geht auf die Sprachfamilie des Indogermanischen oder auch Indoeuropäischen[1] zurück. Der Begriff Sprachfamilie wird von der historisch – vergleichenden Sprachwissenschaft als „[e]ine Gruppe von Sprachen, die aufgrund grammatischer und lexikalischer Parallelen als miteinander verwandt bezeichnet werden können […] definiert.“ (BERGMANN / PAULY / MOULIN-FRANKHÄNEL, 1999: 131) Neben dem Indogermanischen unterscheidet man derzeit über 280 weitere Sprachfamilien. (MEINEKE, 2001: 22)

Das Verbreitungsgebiet der indogermanischen Sprachen reicht vom einen genannten Punkt (indisch) bis zum anderen (germanisch). Als zeitlicher Rahmen wird die Periode von 5000 – 1500 v. Chr. angenommen. (MEINEKE, 2001: 21)

Sprachzweige des Indogermanischen sind das Keltische, das Italische, das Germanische, das Baltische, das Slawische, das Albanische, das Griechische, das Armenische, das Iranische und das Indische, die sich wiederum in viele Einzelsprachen unterteilen. Ausgestorbene Sprachzweige des Indogermanischen sind das Tocharische und das Hethitische. (BERGMANN / PAULY / MOULIN-FRANKHÄNEL, 1999: 132f.)

Die Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen zeigt sich sowohl auf lexikalischer als auch auf morphologischer Ebene. Durch den Vergleich von Wortschatz, Flexionssystemen und Lautstand lassen sich die verschiedenen Einzelsprachen systematisch aufeinander beziehen. (MEINEKE, 2001: 22)

2.2. Die altgermanischen Dialekte

Die deutsche Sprache hat sich aus der Gruppe der germanischen Sprachen entwickelt. Das Germanische wird nach geographischen Kriterien in Nordgermanisch, Ostgermanisch und Westgermanisch unterteilt, aus denen im Lauf der Zeit viele der heute in Europa existierenden Sprachen hervor gegangen sind. Eine Ausnahme bildet dabei das Gotische, das als ältester, überlieferter germanischer Stammesdialekt keine Fortsetzer kennt. Zum Germanischen zählen folgende Sprachen:

Ostgermanisch: Gotisch (Ostgotisch, Westgotisch), Burgundisch

Nordgermanisch: Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Färöisch, Isländisch

Westgermanisch: Deutsch, Jiddisch, Niederländisch, Afrikaans, Friesisch, Englisch

(vgl. BERGMANN / PAULY / MOULIN-FRANKHÄNEL, 1999: 128)

Innerhalb der westgermanischen Sprachen lassen sich die altgermanischen Dialekte unterscheiden, die sich aus den Stammessprachen spätgermanischer Großstämme (Alemannen, Franken, Langobarden, Bayern, Sachsen, Thüringer) entwickelt haben. Zu diesen altgermanischen Dialekten gehören: das Althochdeutsche (ab Anfang des 8. Jh.), das Altsächsische (= Altniederdeutsch, ab Anfang des 9. Jh.), das Altfriesische (mit spätem Überlieferungsbeginn im 13. Jh.), das Altenglische (ab dem 8. Jh.) und das Altniederländische (mit spärlicher Überlieferung ab dem 9. Jh.). (BERGMANN / PAULY / MOULIN-FRANKHÄNEL, 1999: 129f.)

3. Begriffsbestimmung Althochdeutsch

3.1. Inner- und außersprachliche Kriterien

Das Althochdeutsche hat sich im Verlauf des frühen Mittelalters aus den Stammesdialekten der Franken, Baiern, Alemannen und Langobarden herausgebildet. Der Beginn dieser Periode fällt mit dem Beginn der schriftlichen Überlieferung am Anfang des 8. Jahrhunderts zusammen.

Das Althochdeutsche grenzt sich durch folgende innersprachliche Kriterien von den germanischen Stammesdialekten ab (nach SONDEREGGER, 1987: 34):

>> zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung

>> Umgestaltung des Vokalsystems durch teilweise Monophtongierung von germ. ai und au > ē und ō, durch Diphtongierung von germ. ē und ō und uo, ua und durch den Beginn der Umlautwirkung (i -Umlaut durch i der Endsilben auf a > e der Stammsilben)

>> langsame, aber kontinuierliche Schwächung der frühahd. und normalahd. noch fast ausnahmslos vokalisch vollen Nebensilbenvokale

>> weitgehender Einfluss des Lateinischen auf den Wortschatz und die Wortbildung und auf die damit verbundene Erneuerung und Ausweitung des Wortvorrates

>> Nebeneinander von verschiedenen Mundarten, ohne schriftsprachliche Einigung, doch mit fränkischem Einfluss auf das Oberdeutsche und mit gewissen Vereinheitlichungstendenzen

Außersprachliche Kriterien betreffen die „äußere“ Geschichte der Sprache, d.h. den geographischen, politischen, und kulturellen Rahmen. So kann das Althoch-

deutsche erst vor dem Hintergrund der karolingischen Reformen[2] und deren Nachwirkungen verstanden werden.

Zusammenfassend kann mit der Definition MEINEKES gearbeitet werden, die besagt, dass „[d]er Begriff Althochdeutsch […] eine kontinentalwestgermanische Sprachvarietät, die in der Mitte und im Süden des karolingischen Ostfrankenreichs ungefähr ab der zweiten Hälfte des 8. Jhs. Auftritt und bis in das späte 11. Jh. Bestand hat […]“ bezeichnet. (MEINEKE, 2001: 21)

Auf die Periode des Althochdeutschen folgt die Epoche des Mittelhochdeutschen, für das im Allgemeinen der Zeitraum von 1050 – 1350 angegeben wird. (siehe u.a. ADMONI, 1990: 80ff.)

3.2. Die schriftliche Überlieferung

Untersuchungen zur Syntax des Althochdeutschen lassen sich nur anhand der schriftlichen Überlieferung anstellen. Diese setzt zu Beginn des 8. Jahrhunderts ein und ist fast ausschließlich auf klösterliche Überlieferungsorte wie Fulda, Trier, Mainz, Lorsch, Weißenburg und St. Gallen beschränkt. Geht man davon aus, dass die Schriftlichkeit im frühen Mittelalter vorrangig durch das Lateinische geprägt ist, so stellt die schriftliche Niederlegung von Texten in althochdeutscher Mundart etwas Besonderes dar. Da das Althochdeutsche keine einheitliche, überregionale Schriftsprache kennt, entsprechen die in den klösterlichen Skriptorien geschriebenen Formen den gesprochenen Volkssprachen des jeweiligen Ortes. (ADMONI, 1990: 22) Jedoch bleibt auch bei diesen Texten der Einfluss des Lateinischen erhalten. Zum Einen sind viele der althochdeutschen Sprachdenkmäler Übersetzungen aus dem Lateinischen. Gerade bei diesen, meist im christlichen Kontext stehenden Texten, ist die Syntax stark durch die lateinische Syntax beeinflusst. Zum Anderen erfolgte die Niederlegung althochdeutscher Texte mit Hilfe des lateinischen Alphabets. (SONDEREGGER, 1987: 267f.)

Obwohl das Schrifttum des Althochdeutschen begrenzt ist, gibt es eine Vielzahl verschiedener Überlieferungsformen, von denen hier die wichtigsten genannt werden sollen. Die gewählte Reihenfolge ist nicht ausschließlich chronologisch zu verstehen, da die verschiedenen Formen der Überlieferung sich nicht gegenseitig ablösen, sondern über einen längeren Zeitraum auch nebeneinander Bestand haben.

So ist die Einzelwortüberlieferung, bei der volkssprachige Wörter entweder in althochdeutscher Form oder mit lateinischen Endungen in den lateinischen Text eingegliedert wurden, vor allem für den Bereich des Rechtswortschatzes bekannt. Vom 8. Jh. an sind die althochdeutschen Glossen als Wörter oder Wortgruppen, die als Einträge am Rand oder zwischen den Zeilen der lateinischen Handschriften geschrieben wurden, überliefert. Die Glossen zu bestimmten Texten sind oft als Wortlisten aus dem Text heraus gezogen und in so genannten Glossaren vereinigt. (Bsp. Abrogans; Ende des 8. Jhs.) Glossen und Glossare sind vor allem wortsemantisch analysierbar und weisen nur gelegentlich syntaktische Bezüge auf, die über das Einzelwort hinaus gehen.

Neben der mehr oder weniger vollständigen Glossierung lateinischer Texte existieren so genannte Interlinearversionen, bei der die gesamte althochdeutsche Übersetzung zwischen die Zeilen des Originaltextes geschrieben wurde. Der Text konnte auch von vornherein zweispaltig angelegt sein. Ein Beispiel für diese Form der Übersetzung ist der „Tatian“[3] vom Beginn des 9. Jh. Zur lateinisch - christlichen Übersetzungsliteratur zählen auch der „Isidor“[4] (Wende 8./9. Jh.) und das Übersetzungswerk Notker III. Teutonicus von St. Gallen (Wende 10./11. Jh.).

Im Gegensatz zu den Übersetzungen ist als erstes großes Dichtungswerk in Endreimform[5] die in Versen verfasste „Evangelienharmonie“ von Otfrid von Weißenburgs (um 870 entstanden) zu nennen. In der germanisch tradierten Form der Stabreimdichtung sind u.a. das Wessobrunner Schöpfungsgedicht (Anfang 9. Jh.) und der Muspilli (zweite Hälfte des 9. Jh.) überliefert. In eben dieser Form ist auch das um 830 in Fulda niedergeschriebene Hildebrandslied verfasst.

(vgl. BERGMANN / PAULY / MOULIN- FRANKHÄNEL, 1999: 143 – 153)

Ist die Syntax der Übersetzungen stark durch die Syntax der lateinischen Vorlage beeinflusst, unterliegen die syntaktischen Strukturen innerhalb der Dichtung oftmals den Anforderungen von Reim und Rhythmus. (ADMONI, 1990: 22) Eine genuin althochdeutsche Syntax kann auf Grund der Vielfalt der Mundarten des Althochdeutschen, auf Grund des Einflusses der lateinischen Vorlage oder des Einflusses von Reim und Rhythmus auf den althochdeutschen Text nicht rekonstruiert werden.

[...]


[1] Die beiden Begriffe werden in dieser Arbeit alternierend verwendet. In der vergleichenden Sprachwissenschaft

außerhalb Deutschlands hat sich der Begriff indo-europäisch durchgesetzt. (MEINEKE, 2001: 21)

[2] Gemeint ist die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts, die Regierungszeit Karls des Großen (768-814). Die

angesprochenen Reformen betreffen vor allem den religiösen und den kulturellen Bereich. So wird z.B. eine an

antike Vorbilder anknüpfende Kleinbuchstabenschrift (karolingische Minuskel) entwickelt, die die verschie-

denen regionalen Varianten der lateinischen Schrift ablöst. (BERGMANN / PAULY / MOULIN-FRANK-

HÄNEL, 1999: 146f.)

[3] „Tatian“: um 830 in Fulda in ostfränkischer Sprache als Gemeinschaftswerk übersetzt; ursprünglich in

lateinischer Sprache verfasste Evangelienharmonie; benannt nach dem Syrer Tatian, der im 2. Jh. lebte

[4] „Isidor“: theologische Abhandlung des Bischofs Isidor von Sevilla († 636) über die Trinität

[5] Der Endreim ist im Gegensatz zum auf Alliteration beruhenden Stabreim keine ursprünglich germanische

Versform.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Diachrone Syntax: Zur Wortstellung im Althochdeutschen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Grundprobleme der diachronen Sprachwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V13375
ISBN (eBook)
9783638190480
ISBN (Buch)
9783638642842
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diachrone, Syntax, Wortstellung, Althochdeutschen, Hauptseminar, Grundprobleme, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Hendrikje Schulze (Autor), 2003, Diachrone Syntax: Zur Wortstellung im Althochdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13375

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