Diese Bachelorarbeit untersucht, inwiefern Goethe in seinem Werk "Iphigenie auf Tauris" Geschlechterkonzeptionen entwirft. Dabei werden folgende Leitfragen diskutiert: Wie wird die Rolle der Frau und ihre Weiblichkeit im Drama dargestellt? Inwieweit lassen sich geschlechterspezifische Motive feststellen? Von weitergehendem Interesse ist in Bezug auf das Forschungskonzept der Intersektionalität die Frage, inwieweit die Herkunft der Protagonistin mit der Geschlechterdifferenz zusammenhängt.
Die Arbeit beginnt mit einer Erklärung der theoretischen Grundlagen. Dabei werden themenspezifische Theorien der Gender Studies sowie der Postcolonial Studies beleuchtet. Anhand der genannten Theorien werden die verschiedenen Deutungsansätze gestützt bzw. kritisch hinterfragt. Nach der theoretisch-methodischen Verortung wird als nächstes auf den Entstehungskontext der Tragödie eingegangen, da sich das Werk insgesamt durch einen weiten mythologischen Hintergrund kennzeichnet. Im Anschluss daran widmet sich die Autorin den Gattungsmerkmalen der Tragödie, um der in der Forschung als Repräsentation des klassischen Weltbildes erachteten Auffassung nachzugehen. Goethe selbst charakterisierte sein Werk in einem Briefwechsel mit Schiller sogar als „verteufelt human“.
Das nächste Kapitel widmet sich der Analyse der Frauenkonzeptionen. Neben den Rollen als Schwester, Tochter und Verehrte, gilt es, den Motivkomplex rund um Iphigenie als „weiße“ Ikone zu verstehen. Die sich stets wiederholenden Motive der Jungfräulichkeit, Reinheit, Moral und der Humanität sind hier zentral. Bezüglich des Deutungsschwerpunkts der Iphigenie als Schwester, wird ein allgemeiner Rahmen um das Frauenbild Goethes gezeichnet, wobei diese Arbeit in erster Linie auf seine Biografie eingeht. Um den Analyseteil abzurunden, wird in Bezug auf die unterschiedlichen weiblichen Rollen, die Iphigenie einnimmt, zusätzlich differenziert, wie diese Rollen zueinanderstehen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. GENDER STUDIES UND POSTCOLONIAL STUDIES
3. ENTSTEHUNGSKONTEXT
3.1. MYTHOLOGISCHER HINTERGRUND: IPHIGENIE AUF TAURIS UND IPHIGENIE BEI DEN TAURERN
3.2 GATTUNGSMERKMALE DER TRAGÖDIE
4. DIE FRAUENKONZEPTION: ANALYSE UND DEUTUNG
4.1 DIE FIGUREN UND IHRE KONSTELLATION
4.2 DEUTUNGSANSÄTZE DER IPHIGENIE
4.2.1 Iphigenie als Schwester
4.2.2 Iphigenie als Jungfrau
4.2.3 Iphigenie als Priesterin
4.2.4 Iphigenie als „weiße“ Ikone
4.3 IPHIGENIES ROLLENKONFLIKTE
5. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konzeptionen des Weiblichen in Johann Wolfgang Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“. Das Hauptziel besteht darin, die Rolle der Protagonistin und ihr Geschlechtsverständnis im Kontext von zeitgenössischen Rollenmodellen sowie modernen Forschungskonzepten zu analysieren, wobei insbesondere die Verschränkung von Geschlecht, Herkunft und Machtverhältnissen im Zentrum steht.
- Analyse des Frauenbildes im 18. Jahrhundert im Spiegel Goethes Werk.
- Anwendung der Gender Studies und Postcolonial Studies zur Aufdeckung intersektionaler Machtstrukturen.
- Untersuchung der zentralen Rollenbilder der Hauptfigur (Schwester, Jungfrau, Priesterin).
- Einordnung des Werkes als Musterdrama der Weimarer Klassik unter Berücksichtigung des humanistischen Ideals.
Auszug aus dem Buch
4.2.4 Iphigenie als „weiße“ Ikone
Iphigenies Identitätsentwicklung wird durch die männlichen Akteure beeinflusst. Ausgehend von den erörterten Deutungsansätzen definiert sich Iphigenies Weiblichkeit durch ihre Reinheit, Jungfräulichkeit und ihre Nützlichkeit gegenüber dem anderen Geschlecht. Von weitergehendem Interesse für diese Untersuchung ist, inwiefern ihre griechische Herkunft mit ihrem Weiblichkeitskonzept zusammenhängt. So ist neben den Differenzierungskategorien Geschlecht und Menschen-Götter-Verhältnis die Herkunft als Dritte zu untersuchen.
In der modernen Forschung gilt für Goethes Iphigenie-Fassung, dass die kulturellen und sexuellen Differenzen strukturbildend sind. Uerlings definiert in seiner umfangreichen Untersuchung die kulturelle Differenz durch den Gegensatz von Skythen und Griechen sowie die sexuelle Differenz zwischen Iphigenie und Thoas, einer Griechin und einem Skythen. Diesen Ansatz greift auch Kißling auf und führt ihn weiter aus. Ihre These stützt sich dabei auf der Annahme, dass sich in Goethes Drama eine eurozentrische Diskurslogik wiederholt, wodurch eine weiße Norm konstituiert wird. Die Grundlage ihrer Auffassung bilden frühe anthropologische Konzepte, wonach sich der Mensch aus seinem Naturzustand als homme sauvage stufenweise zum zivilisierten Subjekt fortbilden kann, einem homme civilisé. Bekannte Vertreter dieses Konzepts waren beispielsweise Charles-Louis De Secondat Montesquieu, Voltaire und Immanuel Kant, die zur Kategorisierung und Typisierung von Kulturen biologische Merkmale heranzogen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Stellung der Frau in Goethes „Iphigenie auf Tauris“ unter Berücksichtigung moderner Forschung wie Gender und Postcolonial Studies.
2. GENDER STUDIES UND POSTCOLONIAL STUDIES: Theoretische Grundlegung der Arbeit durch die Verknüpfung von Geschlechterkonstruktionen mit postkolonialen Diskursen zur Analyse von Machtverhältnissen.
3. ENTSTEHUNGSKONTEXT: Beleuchtung der mythologischen Ursprünge der Iphigenie-Erzählung und der formalen Besonderheiten des Dramas als geschlossene Tragödie der Weimarer Klassik.
4. DIE FRAUENKONZEPTION: ANALYSE UND DEUTUNG: Detaillierte Untersuchung der Figurenkonstellation und der spezifischen weiblichen Rollenbilder von Iphigenie.
5. FAZIT: Zusammenfassende Beantwortung der Leitfrage hinsichtlich der weiblichen Ambivalenzen im Werk und des Humanitätsideals der Klassik.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang Goethe, Weiblichkeit, Gender Studies, Postcolonial Studies, Intersektionalität, Weimarer Klassik, Frauenbild, Humanitätsideal, Priesterin, Tantaliden, ethnische Überlegenheit, Literaturwissenschaft, Rollenkonflikte, Aufklärung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Johann Wolfgang Goethe in seinem Drama „Iphigenie auf Tauris“ das Weibliche konzipiert und welche Rollenbilder der Protagonistin zugeschrieben werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Geschlechterrollen im 18. Jahrhundert, die Bedeutung der Herkunft und kulturellen Identität sowie das Zusammenspiel von Macht und Moral innerhalb des Werkes.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Leitfrage lautet, in welcher Weise die Rolle der Frau und ihre Weiblichkeit im Drama dargestellt werden und inwieweit geschlechterspezifische Motive dabei zum Einsatz kommen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin oder der Autor?
Die Untersuchung nutzt eine kulturwissenschaftliche Herangehensweise, wobei insbesondere theoretische Ansätze aus den Gender Studies und den Postcolonial Studies angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der mythologische und klassische Kontext analysiert, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Frauenkonzeption Iphigenies als Schwester, Jungfrau, Priesterin und „weiße“ Ikone.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Intersektionalität, Weimarer Klassik, Geschlechterdiskurse, eurozentrische Diskurslogik und das klassische Humanitätsideal.
Wie beeinflusst die Figur der Cornelia Goethe die Analyse?
Die Arbeit zieht Parallelen zwischen Iphigenie und Goethes eigener Schwester Cornelia, um die im Drama dargestellte Geschwisterbeziehung und die Einschränkung weiblicher Lebensentwürfe durch patriarchale Strukturen zu erklären.
Warum wird Iphigenie als „weiße“ Ikone bezeichnet?
Der Begriff hinterfragt die eurozentrische Perspektive des Werkes, in der Iphigenie als zivilisierte Griechin gegenüber der als „barbarisch“ markierten Bevölkerung von Tauris eine moralische und kulturelle Überlegenheit verkörpert.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Goethes "Iphigenie auf Tauris". Konzeptionen des Weiblichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1338061