Die wirtschaftspolitischen Entwicklungen in Lateinamerika

Von der Kolonialzeit bis heute


Vordiplomarbeit, 2002
20 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wirtschaftspolitische Entwicklungen von der Kolonialzeit bis zu den 80er-Jahren
2.1 Von der Kolonialzeit zur Weltwirtschaftskrise
2.2 Die Zeit der Importsubstitution
2.2.1 Politische und gesellschaftliche Entwicklungen nach der Weltwirtschaftskrise

3 Die wirtschaftspolitischen Entwicklungen seit den 80er-Jahren
3.1 Das Ende der Militärdiktaturen
3.2 Die große Schuldenkrise und ihre Folgen
3.3 Der Neoliberalismus als neues wirtschaftspolitisches Paradigma
3.3.1 Politische und soziale Hintergründe
3.4 Regionale Integrationsprojekte

4 Die aktuellen Entwicklungen

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der argentinische Präsident Duhalde spricht vom Ende der neoliberalen Wirtschaftspolitik in seinem Land[1].

Mit der deutlichen Mehrheit von 61,5% ist in Brasilien soeben mit Lula da Silva erstmals ein Sozialist zum Präsidenten gewählt worden.

Zudem tagten in diesem Jahr bereits mehrere Großkonferenzen mit zehntausend Teilnehmern, die den Widerstand gegen die geplante Amerikanische Freihandelszone (ALCA) organisieren wollen, und überall in Lateinamerika kommt es zu Protestveranstaltungen, die sich explizit gegen die neoliberale Wirtschaftsordnung richten. Das Ende des „neoliberalen Traumes“ scheint absehbar zu sein, zumindest wenn man sich die politische Entwicklung in den beiden größten Ländern Lateinamerikas, Brasilien und Argentinien, anschaut.

Der Inhalt dieser Arbeit ist jedoch nicht eine ausschließliche Analyse und Kritik des Neoliberalismus, sondern es geht vielmehr um eine Untersuchung der wirtschaftspolitischen Entwicklungsprobleme in Lateinamerika, wobei der Schwerpunkt auf den letzten zwanzig Jahren liegen soll.

Zu untersuchen sind also die spezifischen Wirtschaftsprobleme Lateinamerikas wie sie sich heute darstellen, sowie die Bedingungen und Faktoren, die zu dieser Entwicklung geführt haben.

Am Anfang der Arbeit steht deshalb das 15.Jahrhundert und damit der Beginn der Kolonisation Lateinamerikas durch die Europäer. Von diesem Ausgangspunkt aus soll die bereits sehr frühe Einbindung Lateinamerikas in den Weltmarkt gezeigt werden, gefolgt von einer Darstellung der weiteren Entwicklung bis zu Beginn der 80er-Jahre.

Darauf folgt eine Analyse der Umstände und Gründe der großen Verschuldungskrise 1982 und der sich daraus ergebenden Folgen, nämlich die Neuorientierung hin zum wirtschaftspolitischen Paradigma des Neoliberalismus.

Dessen Implikationen und Auswirkungen werden anschließend einer weiteren Prüfung unterzogen, um zum Schluss eine Bestandsaufnahme der wirtschaftspolitischen Lage Lateinamerikas bzw. einen Ausblick auf folgende Entwicklungstendenzen geben zu können.

2 Wirtschaftspolitische Entwicklungen von der Kolonialzeit bis zu den 80er-Jahren

Um die wirtschaftspolitischen Probleme Lateinamerikas wie sie sich heute darstellen eingehend analysieren zu können, ist es sinnvoll herauszufinden, wo ihre historischen Wurzeln liegen.

Wo nimmt die Verschuldungskrise ihren Anfang, unter der auch heute noch praktisch alle Staaten Lateinamerikas zu leiden haben? Welche Interessengruppen nehmen Einfluss auf die wirtschaftspolitischen Entwicklungen? Wie ist es zur Herausbildung einer massiven sozialen Ungleichheit gekommen? Was sind die Ursachen für die fortbestehende Unterentwicklung? Welche wirtschaftspolitischen Modelle gab es vor dem Neoliberalismus und warum hat man sich von ihnen abgewendet?

Die Beantwortung dieser Fragen beschreibt die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorbedingungen für die anschließend eingehend untersuchten Entwicklungen von Beginn der 80er-Jahre bis heute.

2.1 Von der Kolonialzeit zur Weltwirtschaftskrise

Die Möglichkeit einer eigenständigen, unabhängigen Entwicklung der Völker Lateinamerikas endete frühzeitig, und zwar mit Beginn der Kolonisation durch die westeuropäischen Länder (Spanien und Portugal) ab dem 15. Jahrhundert[2]. Durch diese Kolonisierung wurden die Einwohner Lateinamerikas schon frühzeitig in einen „Weltmarkt“ eingebunden, dessen internationale Rahmenbedingungen jedoch einseitig von den europäischen Kolonialmächten kontrolliert wurden.

Diese beuteten die menschlichen und natürlichen Ressourcen des neu entdeckten und schnell eroberten Kontinents zunächst rücksichtslos aus.[3]

Der überragende Einfluss der Spanier und Portugiesen auf Lateinamerika endete spätestens mit der Niederlage Napoleons (1814/15) und wurde durch die neue Weltmacht Großbritannien ersetzt. Das wirtschaftlich weitaus dynamischere und aufstrebende Empire wollte diese Stellung insbesondere durch die Stärkung seiner wirtschaftlichen Macht, bzw. durch die Ausweitung seiner Einflusssphäre ausbauen und festigen. Hierin liegt der Grund für die britische Unterstützung der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die nämlich von Befreiungs- und Bürgerkriegen stark geschwächten neuen Staaten mussten Anleihen zu kostspieligen Bedingungen auf dem englischen Kapitalmarkt aufnehmen, was einer Einschränkung ihrer Souveränität gleichkam. Von diesem Zeitpunkt an sollte Lateinamerika in einer Art von „Schuldenfalle“ gefangen sein, aus der sich die einzelnen Staaten bis heute nicht wirklich befreien konnten. Trotz staatlicher Souveränität blieb Lateinamerika also wirtschaftlich und finanziell von den ehemaligen Kolonialmächten, sowie in zunehmenden Maßen von den USA, abhängig.

Die gesellschaftliche und politische Entwicklung eines Landes ist immer wesentlich an die herrschenden ökonomischen Strukturen gebunden. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Um 1870 wurden aus den Industriestaaten vermehrt verbilligte Textil- und ähnliche Waren importiert, was das lokale Handwerk in den Ruin trieb. Aber gerade das lokale Handwerk bietet einem Land die Möglichkeit zu einer eigenständigen Industrialisierung. Diese Chance bestand in Lateinamerika nun nicht mehr[4].

Es wäre jedoch falsch, hierin die alleinige Ursache für die weiterhin bestehende Unterentwicklung des lateinamerikanischen Kontinents zu sehen. Zwar schufen die überlegenen Kolonialmächte ohne Frage die Grundvoraussetzungen, indem sie beispielsweise die Produktion von Gütern, die den spanischen und portugiesischen Exportprodukten Konkurrenz hätten bereiten können, rigoros unterdrückten. Die Entstehung der Latifundienwirtschaft durch den Ausbau von Plantagen ließ eine reiche Oberschicht entstehen und bildet den Grundstein für die noch heute bestehende radikale Ungleichheit der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums[5]. Diese monokausale Dependenztheorie ist jedoch nicht haltbar, da sie die bedeutende Rolle und Verantwortung der nationalen Eliten völlig außer Acht lässt[6].

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Lateinamerika verstärkt in den Weltmarkt eingebunden, insbesondere durch vermehrte Direktinvestitionen, z. B. in Minen, Plantagen, oder den Ausbau des Eisenbahnnetzes, die dadurch allerdings unter Kontrolle des ausländischen Kapitals gerieten. Nach Ende des 1. Weltkriegs schwand der Einfluss Großbritanniens auf die lateinamerikanischen Staaten. An seine Stelle traten nun die USA als die neue Weltmacht mit dem stärksten Einfluss in Lateinamerika[7].

Bis ins Jahr 1929 wurde der Welthandel bestimmt von den Theorien des Freihandels und der möglichst schrankenlosen internationalen Arbeitsteilung. Der Liberalismus versprach, dass die unregulierten Kräfte des Marktes sich schon selbst regulieren und letztendlich zum „Wohlstand für alle“ führen würden. Diese Ideologie brach allerdings mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zusammen. Auch die Staaten Lateinamerikas wurden hiervon nicht verschont. Die Nachfrage nach Waren aus Lateinamerika sank, es kam zu Massenentlassungen, starker Deflation und massiven Währungsabwertungen, ausländisches Kapital wurde abgezogen, weshalb die Preise für Importe stiegen.[8]

2.2 Die Zeit der Importsubstitution

Diese schwere Krise führte zu einem tiefen Schock und leitete einen weitreichenden wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel in Lateinamerika ein.

Die Regierungen der lateinamerikanischen Länder nahmen in der Folge alle mehr oder weniger deutlich Abstand vom Freihandel und verfolgten nun die Politik einer staatlich gestützten Importsubstitution gepaart mit hohen Schutzzöllen gegenüber ausländischen Importprodukten. Unter Importsubstitution versteht man Investitionen in Branchen, die geeignet sind teure Importe durch Eigenproduktion gewinnbringend zu ersetzten[9].

Die Phase der Importsubstitution dauerte in Lateinamerika etwa von 1930 bis zur großen Verschuldungskrise 1982 und brachte zunächst Erholung. Eine Fortsetzung der staatlich geförderten Industrialisierung gestaltete sich jedoch nach Beendigung des 2. Weltkrieges als immer schwieriger, da benötigte Kredite aus dem Ausland ausblieben und zudem die USA, denen es gelungen war ihre Macht nach dem Krieg vor allem in Lateinamerika noch stärker auszubauen, vehemente Forderungen nach uneingeschränktem Zugang für ausländisches Kapital zu den lateinamerikanischen Märkten stellten. Diesem Druck folgten schließlich alle Regierungen, was einen Abbau des staatlichen Einflusses auf die Wirtschaft sowie einen Rückgang des Ausbaus der heimischen Industrie bzw. der Exportausdehnung nach sich zog[10].

Mitte der 50er-Jahre wurde dann deutlich, dass die Importsubstitution wenig grundlegende Veränderungen gebracht hatte. Die Bedeutung des Industriesektors blieb gering, wohingegen die Ungleichheit in der Einkommens- und Machtverteilung weiter fortbestand.

Trotz des wachsenden chronischen Haushaltsdefizits machten die Regierungen Lateinamerikas den Fehler an ihrem Modell festzuhalten. Die immer deutlicher werdenden Widersprüche ihres Wirtschaftssystems wurden von ihnen aber eventuell auch aufgrund der durchaus beachtlichen Erfolge der Importsubstitution übersehen. Zum Beispiel wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Lateinamerikas von 1950 bis 1980 um 5,5% im Jahr und das Pro-Kopf-Einkommen um 2,7%, womit Lateinamerika eindeutig an der Spitze der Länder der 3. Welt rangierte[11]. Um die Probleme zu überdecken, nahmen die lateinamerikanischen Staaten in den 70er-Jahren ständig neue Kredite bei internationalen Großbanken auf, die in dieser Zeit zu sehr günstigen Konditionen auf dem Weltfinanzmarkt angeboten wurden. Die Grundlage für die Verschuldungskrise 1982 war gelegt.

[...]


[1] iz3w, Risse im Gebäude, Nr. 264, 2002

[2] V. Sukup, Zeitbombe Südamerika, 1988, S. 15

[3] Ebenda, S. 15

[4] V. Sukup, Zeitbombe Südamerika, 1988, S. 19

[5] M. Escher, Die wirtschaftlichen u. sozialen Probleme Lateinamerikas, 1990, S. 21

[6] M. Wöhlcke, Der Fall Lateinamerika, 1989, S. 18

[7] Auf eine tiefergehende Untersuchung des bedeutenden Einflusses der USA auf Lateinamerika muss im

Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden. Vgl. aber Informationen zur politischen Bildung, Lateinamerika II,

1994, insbesondere „Der Einfluß der USA“, S. 13-15

[8] So sank z.B. in Chile das Pro-Kopf-Einkommen von 1929 bis 1932 um 30%, die Exporterlöse um 80%.

Siehe D. Boris, Zur Politischen Ökonomie Lateinamerikas, 2001, S. 27-28

[9] Ebenda, S. 29

[10] D. Boris, Zur Politischen Ökonomie Lateinamerikas, 2001, S. 34

[11] Ebenda, S. 47-48

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die wirtschaftspolitischen Entwicklungen in Lateinamerika
Untertitel
Von der Kolonialzeit bis heute
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V133829
ISBN (eBook)
9783640415755
ISBN (Buch)
9783640407910
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungen, Lateinamerika, Kolonialzeit
Arbeit zitieren
Diplom Sozialwissenschaftler Tammo Grabbert (Autor), 2002, Die wirtschaftspolitischen Entwicklungen in Lateinamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133829

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