Daoismus - Entwicklung chinesischer Philosophie zur Religion


Hausarbeit, 2008

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Konzept

2. Der philosophische Daoismus
2.1. zentrale Begriffe und Wurzeln
2.2. Das „Dao De Jing“ und „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

3. Der religiöse Daoismus
3.1. Der Wandel des Laozi-Bildes
3.2. religiöse Praktiken
3.3. Die Tradition der Himmelsmeister

4. Fazit

5. Anhang
5.1. Literaturverzeichnis
5.2. Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Laozi und Konfuzius im Gespräch

1. Konzept

Um den Daoismus als chinesische Religionstradition verstehen zu können, müssen zunächst die Wurzeln dieser Tradition und die in der Gedankenwelt der vorhistorischen Chinesen wichtigen Begriffe im historischen Kontext ihrer Kultur betrachtet werden. Geschichtlich gesehen folgt der religiöse Daoismus in der Wahl der Begriffe, ihrer Deutungen und vor allem in dem ritualisierten Nachvollzug metaphysischer Vorgänge in Form von Kulthandlungen der philosophischen Schule Chinas, die sich vorrangig mit dem „dao“ (oder Tao) auseinandersetzt. Im religiösen Daoismus werden nun viele der von alters her existierenden Begriffe und damit verbundenen Gedankenkonzepte aufgegriffen und in neuen Kontext gesetzt.

Zunächst sollen daher einige chinesische Termini, Denkmuster und Traditionen genannt werden, die teilweise in vorhistorische Zeit zurückreichen und die zu den Wurzeln des philosophischen Daoismus zählen und für sein Verständnis und seine Abgrenzung zu anderen Philosophien gleicher Zeit zentral sind. Auch soll die Übersetzungsproblematik chinesischer Begriffe am Beispiel von „dao“ in diesem Teil der Arbeit angesprochen werden. Daraufhin wird der philosophische Daoismus in seinen Grundzügen vorgestellt und das „dao“ aus konfuzianischer Perspektive mit der daoistischen verglichen. An dieser Stelle werden die beiden, für die philosophische Schule des Daoismus zentralen Schriften, das „Dao De Jing“ und das „wahre Buch vom südlichen Blütenland“ vorgestellt und einige Textstellen aus ihnen herangezogen.

Die Entwicklung einer religiösen Tradition aus der philosophischen Schule soll daraufhin an dem Wandel des Bildes von Laozi innerhalb seiner Anhängerschaft illustriert werden. Die im sich nun bildenden Kontext verstandenen Konzepte chinesischer Philosophie wandelten sich zu religiösen Praktiken von denen die Alchemie in ihrer inneren wie äußeren Form besonders angesprochen wird. Die Entwicklung des religiösen Daoismus zu seiner heutigen Form wird abschließend an der Rolle des Priesters in der Tradition der „Himmelsmeister“ beschrieben.

2. Philosophischer Daoismus

Der philosophische Daoismus entstand in der „Zeit der streitenden Reiche“ (ab ca. 550 v.Chr.), also vor der Reichseinigung im Jahre 221 v.Chr. in einer Zeit philosophischer Blüte in ganz China. Konkurrierende Philosophen zogen mit ihren Anhängern durchs Land und versuchten die Herrscher von ihren Prinzipien der Staatslenkung zu überzeugen. In dieser Zeit politischer Unruhen zwischen dem 5. Jhd. v.Chr. und dem Aufstieg der Han-Dynastie sind also verschiedene Weltanschauungen verbreitet, von denen der Konfuzianismus und Legalismus große wechselseitige Beeinflussungen mit dem philosophischen Daoismus aufweisen.1

Der Daoismus ist in diesem historischen Kontext in seiner frühen Form ebenfalls als eine Herrschaftsphilosphie zu betrachten, ausformuliert in dem Laozi zugeschriebenen „Dao De Jing“ und dem „wahren Buch vom südlichen Blütenland“, nach chinesischer Tradition auch unter dem Namen des Autors, Zhuangzi (auch Dschuang Dsï), bekannt. Jedoch sind bestimmte Elemente des religiösen Daoismus, beispielsweise Asketentum, bereits in diesen beiden wichtigsten Texten daoistischer Philosophie, besonders im Zhuangzi, enthalten; viele der verwendeten Begriffe sind nicht ausschließlich daoistischen Ursprungs, sondern in der chinesischen Geistesgeschichte oft zentrale Bausteine sich teils widersprechender philosophischer Schulen.

2.1. zentrale Begriffe und Wurzeln

Entscheidend ist die Feststellung, dass die Begriffe zur Beschreibung metaphysischer Vorgänge, derer sich Daoisten bedienten und bedienen, nicht exklusiv ihnen zuzurechnen sind, sondern von anderen chinesischen Denkern ebenfalls, oft mit Verschiebung der Schwerpunktlegung, verwendet wurden und werden.

Im Folgenden werden neben den Begriffen „dao“ und „de“ kurz die für den Daoismus wichtigen Vorstellungen der Wandlung und die Grundzüge der Yin-Yang-Lehre vorgestellt. Die aus diesem Wissen direkt ableitbaren Praktiken der Alchemie und Lebensverlängerung sind daraus resultierend konsequente Vorstellungen, die teils in vordaoistischer Zeit schon vorhanden waren, im religiösen Daoismus aber, wie noch zu zeigen sein wird, immer mehr in den Mittelpunkt rückten.

Der Begriff „dao“ bedeutet nach dem Metzler Lexikon Religion „Weg, rechter Weg, Bahn, Prinzip, Urprinzip des Kosmos“.2 Die Übersetzungsprobleme bei klassisch-chinesischen Texten und die Vieldeutigkeit einzelner Begriffe in unterschiedlichen philosophischen Schulen werden bei Richard Wilhelm, dem deutschen Sinologen und Übersetzer unter anderem des „Dao De Jing“, in der Einleitung seiner Übersetzung des Laozi-Textes deutlich:

„Die Begriffe des Tao (dao), von uns übersetzt mit »SINN«, und des Te (de), von uns übersetzt mit »LEBEN«, finden sich ebenfalls in den Konfuzianischen Schriften in kardinaler Stellung. Sie erscheinen dort nur in andrer Beleuchtung, ja man ist vielfach in der Lage, eine direkte gegenseitige Kritik, die die beiden Richtungen aneinander üben, zu beobachten.“3

Wilhelm erklärt seine Wortwahl „Sinn“ mit der Textstelle aus Goethes Faust, in der Faust den Anfang des Johannesevangeliums mit „im Anfang war der Sinn“ übersetzt.4 Nicht unbegründet ist daher der Vorwurf des Eurozentrismus und der stark christlichen Prägung seiner Übersetzung von Seiten zeitgenössischer Sinologen. Wilhelm rechtfertigt seine freie Übersetzung im Kommentar zum „I Ging“, dem „Buch der Wandlungen“, einem der fünf von Konfuzius kompilierten Werke vordaoistischer Herkunft, das sich vorallem metaphysischen Diskussionen über die Wandelbarkeit von Dingen widmet. Das chinesische „dao“ wurde, seiner Auffassung nach, selbst als „Lehnwort Tao = Weg, Lauf […] gewählt, der ja auch nichts in sich selber ist und doch alle Bewegungen regelt“.5 Demnach ist das Wort „dao“ auch nur eine Umschreibung eines nicht in Worte zu fassenden Prinzips, die Benennung im Chinesischen wie im Deutschen kann niemals treffend sein. Der Vorwurf des Eurozentrismus an Wilhelm ist dennoch nicht einfach zu ignorieren. Aus diesem Grund werden in dieser Arbeit direkte Zitate aus dem „Dao De Jing“ der philosophischen Übersetzung Geldsetzers entnommen. Das Problem des richtigen Namens wird bereits im ersten Kapitel des „Dao De Jing“ erörtert. Geldsetzer lässt den Begriff „dao“ in seiner Übersetzung des Laozi-Textes konsequent unübersetzt und so den Text für sich sprechen:

„Kann das Dao Dao sein, wenn es nicht das immerwährende Dao ist? Können Namen bezeichnen, wenn sie nicht die immerwährend-richtigen Namen sind?“ (Kapitel 1)

Schütte erklärt das „dao“ als „inneres Gesetz, dem jedes Ding in seinem Wirken und Wandel folgt“ und stellt gleichzeitig heraus, dass es sich nicht um einen ausschließlich daoistischen Begriff handelt.6

Das von ihm angesprochene Begriffspaar „Wirken und Wandel“ ist ein Ausdruck für die typische Weltsicht chinesischer Philosophen. Der Glaube an den stetigen Wandel aller Dinge von einem Zustand in einen anderen und die Erforschung der dabei stattfindenden Prozesse gehört dabei zu den Traditionen, die für den philosophischen - und später den religiösen - Daoismus eine zentrale Rolle spielen. Die Anwendung dieses Wissens, genannt Alchemie, also der Versuch der bewussten Einflussnahme auf diese Wandlung ist eine der vorhistorischen chinesischen Traditionen, die sich bis in die moderne Zeit praktiziert wurden und noch heute werden.

Eng verbunden mit dem Konzept der Wandlung ist die Yin-Yang-Lehre. Auch die mit ihr vertretenen Denkmuster, „eine bipolare Weltanschauung“ und „ein zyklisches Bild der Zeit“7 gehören zur chinesischen Gedankenwelt in der Zeit der streitenden Reiche, die zu den Wurzeln der daoistischen Philosophie gezählt werden. Das Taiqi-Symbol (auch Tai Gi, Taiji oder Tai Chi), die bekannte bildliche Darstellung von Yin und Yang, kann als für das „dao“ stehend gedeutet werden, das um sich in der Welt zu verwirklichen einer Entscheidung bedarf, das Potential für alle Dinge aber in sich selbst trägt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das Taiqi-Symbol

Der Kreis stellt Wu Qi, den Uranfang und die Einheit dar, in ihm sind Yin und Yang, wörtlich die schattige bzw. sonnige Seite eines Berges, als entgegengesetzte Kräfte dargestellt. Insgesamt stellt das Taiqi, aus daoistischer Perspektive gesehen, das, was vor der Einheit ist, symbolisch dar: „wer einmal das Dunkle und einmal das Lichte hervortreten läßt, das ist der SINN.“8

Als weitere für den Daoismus wichtige Konzepte chinesischer Philosophen gelten der Glaube an die Einheit von Mikro- und Makrokosmos und die (magisch) erreichbare Möglichkeit des Menschen zu Lebzeiten Unsterblichkeit erlangen zu können. Auf die Ausprägung dieser Gedanken innerhalb der religiösen daoistischen Tradition wird weiter unten eingegangen.

[...]


1 Die nur kurz herrschende Qin-Dynastie der Reichseinigung war beispielsweise legalistisch geprägt.

2 Bumbacher. S.451.

3 Wilhelm. 1952. S.10.
Schütte übersetzt „de“ mit „Wirkkraft“.

4 ebd. S.14.
“Geschrieben steht: “Im Anfang war das Wort!“ Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.“ Goethe: Faust. Z. 1224-1229.

5 Wilhelm. 2000. S.279.

6 Schütte. S.187.

7 ebd. S.186.

8 Da Dschuan bei Wilhelm. 2000. S.278.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Daoismus - Entwicklung chinesischer Philosophie zur Religion
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Allgemeine Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Religionsgeschichte im Überblick: Einführung in die Vielfalt der Religionen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V133841
ISBN (eBook)
9783640415816
ISBN (Buch)
9783640407972
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Daoismus, Entwicklung, Philosophie, Religion
Arbeit zitieren
Florian Illerhaus (Autor), 2008, Daoismus - Entwicklung chinesischer Philosophie zur Religion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133841

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