Um den Daoismus als chinesische Religionstradition verstehen zu können, müssen zunächst die Wurzeln dieser Tradition und die in der Gedankenwelt der vorhistorischen Chinesen wichtigen Begriffe im historischen Kontext ihrer Kultur betrachtet werden. Geschichtlich gesehen folgt der religiöse Daoismus in der Wahl der Begriffe, ihrer Deutungen und vor allem in dem ritualisierten Nachvollzug metaphysischer Vorgänge in Form von Kulthandlungen der philosophischen Schule Chinas, die sich vorrangig mit dem „dao“ (oder Tao) auseinandersetzt. Im religiösen Daoismus werden nun viele der von alters her existierenden Begriffe und damit verbundenen Gedankenkonzepte aufgegriffen und in neuen Kontext gesetzt.
Zunächst sollen daher einige chinesische Termini, Denkmuster und Traditionen genannt werden, die teilweise in vorhistorische Zeit zurückreichen und die zu den Wurzeln des philosophischen Daoismus zählen und für sein Verständnis und seine Abgrenzung zu anderen Philosophien gleicher Zeit zentral sind. Auch soll die Übersetzungsproblematik chinesischer Begriffe am Beispiel von „dao“ in diesem Teil der Arbeit angesprochen werden.
Daraufhin wird der philosophische Daoismus in seinen Grundzügen vorgestellt und das „dao“ aus konfuzianischer Perspektive mit der daoistischen verglichen. An dieser Stelle werden die beiden, für die philosophische Schule des Daoismus zentralen Schriften, das „Dao De Jing“ und das „wahre Buch vom südlichen Blütenland“ vorgestellt und einige Textstellen aus ihnen herangezogen.
Die Entwicklung einer religiösen Tradition aus der philosophischen Schule soll daraufhin an dem Wandel des Bildes von Laozi innerhalb seiner Anhängerschaft illustriert werden. Die im sich nun bildenden Kontext verstandenen Konzepte chinesischer Philosophie wandelten sich zu religiösen Praktiken von denen die Alchimie in ihrer inneren wie äußeren Form besonders angesprochen wird. Die Entwicklung des religiösen Daoismus zu seiner heutigen Form wird abschließend an der Rolle des Priesters in der Tradition der „Himmelsmeister“ beschrieben.
Inhaltsverzeichnis
1. Konzept
2. Der philosophische Daoismus
2.1. zentrale Begriffe und Wurzeln
2.2. Das „Dao De Jing“ und „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“
3. Der religiöse Daoismus
3.1. Der Wandel des Laozi-Bildes
3.2. religiöse Praktiken
3.3. Die Tradition der Himmelsmeister
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Transformation des Daoismus von einer frühen chinesischen Herrschaftsphilosophie hin zu einer strukturierten religiösen Tradition. Dabei wird insbesondere analysiert, wie philosophische Konzepte und die Figur des Laozi durch Umdeutungsprozesse und den Einfluss konkurrierender Weltanschauungen den Grundstein für die Etablierung eines religiösen Systems legten.
- Historische Wurzeln und philosophische Grundbegriffe (Dao, Yin-Yang)
- Die Wandlung von Herrschaftsphilosophie zu religiöser Praxis
- Der Wandel des Laozi-Bildes vom Weisen zur vergöttlichten Figur
- Religiöse Praktiken: Alchemie, Meditation und Lebensverlängerung
- Strukturen und synkretistische Einflüsse in der Tradition der Himmelsmeister
Auszug aus dem Buch
2.1. zentrale Begriffe und Wurzeln
Entscheidend ist die Feststellung, dass die Begriffe zur Beschreibung metaphysischer Vorgänge, derer sich Daoisten bedienten und bedienen, nicht exklusiv ihnen zuzurechnen sind, sondern von anderen chinesischen Denkern ebenfalls, oft mit Verschiebung der Schwerpunktlegung, verwendet wurden und werden.
Im Folgenden werden neben den Begriffen „dao“ und „de“ kurz die für den Daoismus wichtigen Vorstellungen der Wandlung und die Grundzüge der Yin-Yang-Lehre vorgestellt. Die aus diesem Wissen direkt ableitbaren Praktiken der Alchemie und Lebensverlängerung sind daraus resultierend konsequente Vorstellungen, die teils in vordaoistischer Zeit schon vorhanden waren, im religiösen Daoismus aber, wie noch zu zeigen sein wird, immer mehr in den Mittelpunkt rückten.
Der Begriff „dao“ bedeutet nach dem Metzler Lexikon Religion „Weg, rechter Weg, Bahn, Prinzip, Urprinzip des Kosmos“.2 Die Übersetzungsprobleme bei klassisch-chinesischen Texten und die Vieldeutigkeit einzelner Begriffe in unterschiedlichen philosophischen Schulen werden bei Richard Wilhelm, dem deutschen Sinologen und Übersetzer unter anderem des „Dao De Jing“, in der Einleitung seiner Übersetzung des Laozi-Textes deutlich:
„Die Begriffe des Tao (dao), von uns übersetzt mit »SINN«, und des Te (de), von uns übersetzt mit »LEBEN«, finden sich ebenfalls in den Konfuzianischen Schriften in kardinaler Stellung. Sie erscheinen dort nur in andrer Beleuchtung, ja man ist vielfach in der Lage, eine direkte gegenseitige Kritik, die die beiden Richtungen aneinander üben, zu beobachten.“ 3
Zusammenfassung der Kapitel
1. Konzept: Dieses Kapitel erläutert die methodische Herangehensweise und beleuchtet die Notwendigkeit, daoistische Wurzeln im historischen Kontext der vorhistorischen chinesischen Gedankenwelt zu betrachten.
2. Der philosophische Daoismus: Es wird die Entstehung des Daoismus in der „Zeit der streitenden Reiche“ beschrieben sowie zentrale philosophische Konzepte und die bedeutenden Schriften analysiert.
2.1. zentrale Begriffe und Wurzeln: Hier werden die metaphysischen Grundlagen wie „Dao“, „De“ und die Yin-Yang-Lehre definiert und ihre Vieldeutigkeit diskutiert.
2.2. Das „Dao De Jing“ und „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“: Dieses Kapitel vergleicht die philosophischen Ansätze der beiden Hauptschriften und arbeitet die Kontraste zur konfuzianischen Lehre heraus.
3. Der religiöse Daoismus: Der Schwerpunkt liegt auf der Transformation philosophischer Texte in eine esoterische, religiöse Praxis und der Bedeutung von Ritualen.
3.1. Der Wandel des Laozi-Bildes: Es wird die Legendenbildung um Laozi und seine zunehmende Personifizierung als Gottheit im Zuge der Han-Dynastie untersucht.
3.2. religiöse Praktiken: Hier wird die Anwendung alchemistischer und meditativer Techniken zur Erlangung der Unsterblichkeit detailliert dargestellt.
3.3. Die Tradition der Himmelsmeister: Die Rolle der Himmelsmeister als bedeutende daoistische Sekte sowie deren synkretistische Beziehungen zum Buddhismus werden erläutert.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Entwicklung des Daoismus als fortlaufenden Prozess der Umdeutung bestehender Konzepte in verschiedenen kulturellen Kontexten zusammen.
Schlüsselwörter
Daoismus, Laozi, Dao De Jing, Zhuangzi, Yin-Yang, Alchemie, Unsterblichkeit, Himmelsmeister, Konfuzianismus, Religiöse Praxis, Philosophie, Wandlung, Wu wei, Religionsgeschichte, Synkretismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung des Daoismus von einer philosophischen Schule der „Zeit der streitenden Reiche“ hin zu einer komplexen, religiösen Tradition in China.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Wandlung metaphysischer Begriffe, die Transformation philosophischer Lehren in religiöse Praktiken sowie die historische Legendenbildung um den mutmaßlichen Begründer Laozi.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den Prozess der Umdeutung daoistischer Texte und Konzepte zu analysieren, um zu verstehen, wie daraus eine gesellschaftlich breit vertretene Volksreligion entstehen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine religionsgeschichtliche Analyse, die den historischen Kontext, den Vergleich zentraler Quellentexte und die Auswertung sekundärwissenschaftlicher Literatur kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse des philosophischen Daoismus, die Untersuchung des religiösen Wandels (einschließlich der Rolle Laozis) und die Darstellung spezifischer Praktiken wie der Alchemie und der Tradition der Himmelsmeister.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Dao, Laozi, Unsterblichkeit, Alchemie, Transformation, Himmelsmeister und der historische Kontext der Han-Dynastie.
Wie vollzog sich die Vergöttlichung von Laozi?
Laozi wandelte sich in der Tradition durch die Personifizierung mit dem „Dao“ und durch visionäre Überlieferungen, was schließlich im zweiten Jahrhundert zu seiner offiziellen Erhebung als Gott führte.
Welchen Einfluss hatte der Buddhismus auf den Daoismus?
Der Buddhismus wirkte sowohl durch synkretistische Tendenzen – wie den Austausch von Konzepten (Boddhisattva/Unsterblicher) – als auch durch strukturelle Einflüsse wie die Bildung zölibatärer Klostergemeinschaften auf den Daoismus ein.
Was unterscheidet die innere von der äußeren Alchemie im Daoismus?
Die äußere Alchemie befasst sich primär mit der Umwandlung von Materie (z.B. Quecksilber zu Elixieren), während die innere Alchemie auf die Transformation des Bewusstseins und die Läuterung des eigenen Körpers abzielt.
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- Florian Illerhaus (Author), 2008, Daoismus - Entwicklung chinesischer Philosophie zur Religion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133841