Das Gewissen gilt bei Kant als „Flammenauge, das ins Innere blickt“. Das Innere des Menschen ist für die Aufklärer ein Raum, der durch das Licht der Vernunft ergründet werden kann. Der tugendhafte Mensch wägt seine Handlungen vorher nach eigenem Ermessen ab und ist auf keine zweite Person, wie auf seinen Vorgesetzten angewiesen. Überirdische Instanzen wie Gott und die Religion sind reiner Aberglauben und können das Leben in der Gesellschaft nicht weiter beeinflussen. Doch wie löst sich das Problem der unausweichlichen menschlichen Begrenztheit in Wissen und Erkenntnis sowie des Anspruchs der absoluten Willensfreiheit?
Vertreter des Sturm und Drangs halten dagegen, der Mensch handle nie nur vernünftig, sondern aufgrund seiner Gefühle, unbewusster Triebe oder auch Wünschen für die Zukunft. Was für eine Rolle spielt dabei das Gewissen und was geschieht, wenn man es auf reine Vernunft beschränkt? Friedrich Schiller greift diese Problematik in seinem ersten Drama Die Räuber auf und stattet dabei alle Figuren mit unterschiedlichen Gewissensvorstellungen aus. In diesem untersucht er die Folgen der Wechselwirkung von Seele und Körper, verweist auf die Ernsthaftigkeit der Religion und die Bedeutung des Unbewussten. Seiner idealisierten Vorstellung des Gewissens als ‚moralischer Sinn‘ und seiner Überzeugung der Liebesanthropologie stellt er den Bösewicht Franz Moor entgegen, welcher Gedanken der Aufklärung aufgreift und so verdreht, dass er am Ende zwei Morde rechtfertigen kann. Der fromme Diener Daniel hält trotz aufgeklärter Zeiten stark an Gott und seinem Glauben fest und richtet auch sein Gewissen danach aus – abergläubisch, würde ein aufgeklärter Bürger denken. Doch was bedeutet es, dass gerade und ausschließlich Figuren des unteren Standes mit diesem moralischen Sinn ausgestattet sind?
Diesbezüglich soll zunächst die generelle Veränderung des Gewissens in der Aufklärung dargelegt werden, bei der es besonders um Schillers eigene Auffassung und seine Philosophie im Allgemeinen geht. Diese wird in einem weiteren Schritt an seinen Räuberfiguren weiter analysiert und letztlich in Bezug auf seine Kritik an der Aufklärung vertieft. Wie inszeniert Schiller das Gewissen, wenn der langsamere Gang der Vernunft nicht hinterherkommt? Kann man wirklich von Schillers ‚Abrechnung mit der Aufklärung‘ sprechen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Gewissen in der Aufklärung
3. Schiller und das Gewissen
4. Schillers Räuberfiguren im Gewissenskonflikt
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik des menschlichen Gewissens im Kontext der Aufklärung und analysiert, inwiefern Friedrich Schillers Drama "Die Räuber" diese philosophischen Strömungen kritisch hinterfragt. Dabei steht die Gegenüberstellung von vernunftbasierter Moral und affektgeleitetem Gewissen durch die unterschiedlichen Charakterzeichnungen im Werk im Zentrum der Betrachtung.
- Die Veränderung des Gewissensbegriffs während der Epoche der Aufklärung.
- Schillers spezifische Auffassung des Gewissens im Spannungsfeld zwischen Seele, Körper und Religion.
- Die Analyse der Figur Franz Moor als "umgekehrter Aufklärer" und dessen Scheitern an der eigenen Rationalität.
- Die Rolle moralischer Instinkte und unbewusster Affekte bei verschiedenen Räuberfiguren.
- Schillers Kritik am französischen Materialismus und die Korrektur durch ästhetische Erziehung.
Auszug aus dem Buch
4. Schillers Räuberfiguren im Gewissenskonflikt
Wie und wo lassen sich diese Gedanken in Schillers erstem Drama wiederfinden? In einem Aufsatz über die Wirkmacht der Schaubühne betont Schiller die Bedeutung dieser als einzige Institution, welche Gesetze, Moral und Tugend weisen kann. Dabei seien die weltlichen Gesetze wie das Gericht oder auch die Religion zwar gültig, aber falsch, nur in der Darstellung des ‚Lasterhaften‘ auf der Bühne könne das Publikum eigenständig ein moralisches Urteil fällen. Eben dieses Laster löst in Franz Moor die „verworrenen Schauer des Gewissens aus“, so Schiller in seiner Vorrede zu den Räubern. Der Bösewicht scherze nicht nur über die Religion, sondern auch über die Menschen. Schiller betont „beide Welten sind nichts in seinen Augen“, weshalb Franz schon in seiner Einstellung den größtmöglichen Gegensatz zu ihm selbst darstellt.
Die Komposition des kalt rationalen Franz Moors verdeutlicht Schillers starke Abneigung des ‚Maschinenmenschen‘ des französischen Materialismus ohne jegliche ästhetische oder emotionale Erziehung. Franz muss sich lediglich die aufklärerischen Vorurteilskritiken zunutze machen und schafft es so, eine gesamte Philosophie umzudrehen. Er bedient sich dabei schließlich lediglich zur Mündigkeit des Selbstdenkens. Der umgekehrte Aufklärer geht jedoch weiter, indem er auch zeitgenössische medizinische Überlegungen, die gerade den philosophischen Arzt Schiller stark beschäftigten, instrumentalisiert und zur Waffe umschmiedet. Er erkennt die Auswirkungen seelischer und psychischer Belastungen auf den Körper und missbraucht dieses Wissen für seine eigenen Zwecke, Herr im Schloss zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik des Gewissens im Sturm und Drang ein und legt das Ziel fest, Schillers Kritik an der aufklärerischen Vernunft in "Die Räuber" zu analysieren.
2. Das Gewissen in der Aufklärung: Hier wird der Wandel des Gewissensbegriffs erläutert, weg vom religiösen "Gewitter" hin zur säkularen Verantwortung vor der Gesellschaft.
3. Schiller und das Gewissen: Dieses Kapitel befasst sich mit Schillers anthropologischer Sichtweise, die den Menschen als Einheit von Affekten und vernunftbegabtem Willen begreift.
4. Schillers Räuberfiguren im Gewissenskonflikt: Im Hauptteil wird detailliert untersucht, wie Franz Moor als kalt rationaler Gegenspieler an der Macht des Unbewussten und seinem eigenen Gewissen scheitert.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Schiller die Grenzen der vernunftbasierten Aufklärung aufzeigt und das Gewissen als tief im menschlichen Herzen verankerte Instanz bewahrt.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Die Räuber, Aufklärung, Gewissen, Sturm und Drang, Franz Moor, Vernunft, Moral, Affekte, Leib-Seele-Wechselwirkung, Materialismus, Anthropologie, Moraltheologie, Schillers Kritik, Menschliche Natur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophische Auffassung des Gewissens und wie Friedrich Schiller diese im Drama "Die Räuber" nutzt, um die Grenzen der aufklärerischen Vernunft aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Gewissen, die Spannung zwischen Rationalität und Emotion (Affekten), das Verhältnis von Mensch und Religion sowie die Kritik des Autors am französischen Materialismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit das Licht der Vernunft tatsächlich alle Winkel menschlichen Handelns ergründen kann und wie Schiller das Scheitern des rein rationalen Menschen inszeniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl den Dramentext als auch einschlägige philosophische und fachwissenschaftliche Sekundärliteratur zur Aufklärung heranzieht.
Was wird im umfangreichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konträren Gewissensvorstellungen der Charaktere, wobei insbesondere die Figur des Franz Moor auf ihre psychologische und philosophische Dimension hin untersucht wird.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind "Gewissen", "Aufklärung", "Sturm und Drang", "Leib-Seele-Wechselwirkung" und "Franz Moor".
Warum spielt die Figur des Dieners Daniel eine so entscheidende Rolle für die Argumentation?
Daniel repräsentiert das traditionelle, religiös geprägte Gewissen, das Schiller als wirkungsvollen Gegenpol zur kalten Rationalität des Franz Moor einsetzt, um die Begrenztheit der Vernunft zu verdeutlichen.
Wie interpretiert die Autorin den Suizid von Franz Moor im Kontext von Schillers Philosophie?
Der Selbstmord wird als das endgültige Scheitern der "umgedrehten Aufklärungsphilosophie" gewertet, da Franz gezwungen wird, die unbewusste Kraft seiner Gefühle und seines Gewissens anzuerkennen, die er zuvor zu rationalisieren versuchte.
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- Klara Santel (Autor:in), 2020, Die Problematik des Gewissens in der Aufklärung anhand der Figuren Franz Moor und Daniel in "Die Räuber" von Friedrich Schiller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1339300