Es ist die Unauslöschlichkeit, die unstreitbar den Reiz oder sogar die Magie von Tätowierungen ausmacht. Will man sich tätowieren lassen, muss man eine Entscheidung fürs Leben treffen, die man nicht mehr oder nur schwer rückgängig machen kann. Ein bisschen schwanger gibt es nicht und das trifft auch auf Tätowierungen zu. Es gibt untätowierte und tätowierte Haut und der Schritt von einem zum anderen ist mit einer gewissen Dramatik verbunden, denn es gibt kein Ausprobieren für ein paar Jahre und kein Probetragen, wie man es mit einer Jacke machen kann, mit einem Tattoo besitzt man ein Hautbild fürs Leben.
Im Jahr 2004 lebten in Deutschland circa 2 Millionen tätowierte Menschen und es ist davon auszugehen, dass diese Zahl bis heute noch gestiegen ist. Kaum ein Spaziergang im Sommer, ein Besuch im Schwimmbad oder ein Tag am Strand, bei dem einem keine geschmückten oder verzierten Körper ins Auge fallen. Diese Entwicklung ist, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht zu übersehen. Ob in Form von künstlich gebräunten, mit künstlichem Haar geschmückten oder mit Tätowierungen verzierten, modifizierte und verschönerte Körper sind so allgegenwärtig, dass sie kaum noch Aufmerksamkeit erregen. Und schon lange sind die Körperbilder kein Phänomen der Unterschicht und der Außenseiter, sowohl namenhafte deutsche Sportler, wie Franzi van Almsick oder Stefan Kretschmar als auch Medienprofis wie Robbie Williams oder Heidi Klum bekennen sich zu ihrer Körperverzierung. [...]
In ersten Teil dieser Arbeit wird die Tätowierung
als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen betrachtet. Dabei möchte ich mich der Geschichte, der bisherigen Literatur zur Thematik und dem Vergleich mit anderen Formen der Körpermodifikation ebenso zuwenden, wie den Fragen ob tätowieren zu
einer Sucht werden kann oder als Methode der Selbstverletzung eingesetzt werden kann. Im empirischen Teil dieser Arbeit kommen in Form von Fragbögen und Interviews die Träger der "Hautbilder" zu Wort. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINFÜHRUNG
2. FRAGESTELLUNG
3. DIE TÄTOWIERUNG ALS KULTURELLES ERBE
3.1 ETYMOLOGIE DES WORTES `TÄTOWIERUNG´
3.2 HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER TÄTOWIERUNG
3.3 BEGRIFFSKLÄRUNG
4. SOZIOLOGISCH-PSYCHOLOGISCHE EINORDNUNG DER TÄTOWIERUNG IN DIE WELT DER KÖRPERMODIFIKATIONEN
4.1 FORMEN VON KÖRPERMODIFIKATIONEN UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG VON TÄTOWIERUNG UND PIERCING
4.1.1 Implants
4.1.2 Dermal Anchor
4.1.3 Body-Suspension
4.1.4 Skarifizierungen
4.1.5 Spaltungen
4.1.6 Piercing
4.1.7 Tätowierungen
4.2 BESONDERHEITEN DER TÄTOWIERUNG UND VERGLEICH MIT DEM PIERCING
5. DIE HAUT ALS TRÄGER DER TÄTOWIERUNG
5.1 DIE HAUT AUS BIOLOGISCHER SICHT
5.3 DIE BEDEUTUNG DER HAUT FÜR DAS TÄTOWIEREN
6. SCHMERZ ALS BESTANDTEIL DER TÄTOWIERUNG
7. TÄTOWIEREN UND SUCHT
8. TÄTOWIEREN UND SELBSTVERLETZUNG
9. METHODISCHE VORÜBERLEGUNGEN UND VORBEREITUNG DER EMPIRISCHEN ERHEBUNGEN
10. DURCHFÜHRUNG DER EMPIRISCHEN ERHEBUNG
10.1 FRAGEBOGENERHEBUNG
10.2 DURCHFÜHRUNG DER INTERVIEWS
11. ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG
11.1 FRAGEBOGENAUSWERTUNG
11.2 AUSWERTUNG DER NARRATIVEN INTERVIEWS
11.2.1 Transkription
11.2.2 Gedächtnisprotokolle
11.2.3 Inhaltsanalytische Globalauswertung
11.2.4 Inhaltsanalyse
12. METHODENKRITIK
13. ERGEBNISDARSTELLUNG
13.1 MOTIVE FÜR TÄTOWIERUNGEN
13.1.1 Attraktivität
13.1.2 Gruppeneinfluss und Gruppenzugehörigkeit
13.1.3 Abgrenzung
13.1.4 Strukturierung der Biografie
13.1.5 Identitätsgenerierung und Identitätssicherung
13.1.6 Spiritualität
13.1.7 Schmerz
13.2 FUNKTIONEN VON TÄTOWIERUNGEN
13.2.1 Schaffung von Individualität
13.2.2 Grenzziehung
13.2.3 Schaffung von Dauerhaftigkeit und Sicherheit
13.2.4 Kommunikation
14. SCHLUSSBETRACHTUNGEN
15. EXKURS - AKTUELLE GESELLSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGEN - DAS DILEMMA DER MITTELSCHICHT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das soziale Phänomen der Tätowierung und hinterfragt die verbreitete Annahme einer Verbindung zu Kriminalität und Psychopathologie. Ziel ist es, mittels einer Kombination aus Fragebogenuntersuchungen und qualitativen narrativen Interviews ein differenzierteres Verständnis der individuellen Motive und Funktionen von Körpermodifikationen zu gewinnen, wobei die Lebensläufe der Probanden im Fokus stehen.
- Die Tätowierung als Ausdruck von Individualität und Attraktivität
- Die Bedeutung von sozialen Einflüssen und Gruppenzugehörigkeit
- Die Rolle von Schmerz und die Abgrenzung zur Selbstverletzung
- Die Funktion der Tätowierung als biographischer Anker und Kommunikationsmittel
- Das "Dilemma der Mittelschicht" im Kontext sozialer Stigmatisierung
Auszug aus dem Buch
3.2 Historische Entwicklung der Tätowierung
Der folgende historische Überblick ist lediglich ein Ausschnitt der umfangreichen Geschichte der Tätowierung, allerdings liefert er vielleicht einige Erklärungsansätze für die heute noch oft vertretenen stigmatisierenden Ansichten über diese Körperkunst. Den Körper zu verschönern und zu schmücken ist eines der frühesten Bedürfnisse der Menschen, allerdings sind die Ursprünge des Hautbildes, aufgrund seiner Vergänglichkeit mit dem Träger, schwer ausfindig zu machen.
Die prähistorischen Belege zeigen, dass die Körperbemalung auf die gleiche Zeit zurückzureichen scheint wie die Höhlenmalerei. Der Ursprung der Bemalung liegt laut Buschan (1910) in dem Bestreichen mit Erden zur Kühlung und Abwehr von Insekten oder zur Tarnung. Erste Beweise für die frühe Praxis des Tätowierens stellen die ägyptischen Mumien zweier tätowierter Mädchen aus der 11. Dynastie (2000 v. Chr.) dar (vgl. Winlock, zitiert nach Ruhnke 1974: 17). Den wohl bekanntesten Fund stellt der prähistorische `Ötzi´ dar, der 1991 in einer Gletscherspalte im Ötztal in der Schweiz gefunden wurde und auf dem Wissenschaftler über 50 Tätowierungen gefunden haben.
Nach langer Zeit der Spekulationen sind sich die Forscher heute über den Zweck dieser Tätowierungen fast alle einig. So befinden sich nahezu 100% der Strichtätowierungen auf Akupunkturpunkten, die für Rückenleiden und Verdauungsprobleme verwendet werden, weshalb die Wissenschaftler davon ausgehen, dass `Ötzi´ akupunktiert wurde. Das Alter wird mittlerweile auf Grundlage wissenschaftlicher Tests auf 5300 Jahre geschätzt (vgl. Feige 2003).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINFÜHRUNG: Die Arbeit beleuchtet die zunehmende Verbreitung von Tätowierungen in der Gesellschaft und hinterfragt die bestehende Diskrepanz zwischen veralteten, stigmatisierenden Vorstellungen und der heutigen Realität.
2. FRAGESTELLUNG: Die Arbeit zielt darauf ab, die soziologische Forschung zur Körpermodifikation zu ergänzen und zu klären, wie Tätowierte ihr Hautbild in ihre Biografie integrieren, ohne dabei eine moralische Wertung vorzunehmen.
3. DIE TÄTOWIERUNG ALS KULTURELLES ERBE: Es werden die etymologischen Wurzeln und die geschichtliche Entwicklung der Tätowierung von prähistorischen Funden bis zur Moderne dargelegt sowie eine klare Begriffsdefinition erarbeitet.
4. SOZIOLOGISCH-PSYCHOLOGISCHE EINORDNUNG DER TÄTOWIERUNG IN DIE WELT DER KÖRPERMODIFIKATIONEN: Dieses Kapitel differenziert zwischen verschiedenen Formen der Körpermodifikation und ordnet die Tätowierung begrifflich und funktionell ein.
5. DIE HAUT ALS TRÄGER DER TÄTOWIERUNG: Die Haut wird sowohl aus biologischer als auch aus soziopsychologischer Sicht als zentrales Medium der menschlichen Kommunikation und Identitätsbildung analysiert.
6. SCHMERZ ALS BESTANDTEIL DER TÄTOWIERUNG: Hier wird der Schmerz als elementarer, subjektiv unterschiedlich wahrgenommener Teil des Tätowiervorgangs untersucht, unter Einbeziehung psychologischer Erklärungsmodelle.
7. TÄTOWIEREN UND SUCHT: Es wird diskutiert, ob das Bedürfnis nach weiteren Tätowierungen als Suchtverhalten interpretiert werden kann oder ob eher psychologische Lernprozesse wie die operante Konditionierung zugrunde liegen.
8. TÄTOWIEREN UND SELBSTVERLETZUNG: Das Kapitel grenzt impulsive Selbstverletzung bei Borderline-Erkrankungen scharf von der geplanten, ästhetisch motivierten Tätowierung ab.
9. METHODISCHE VORÜBERLEGUNGEN UND VORBEREITUNG DER EMPIRISCHEN ERHEBUNGEN: Hier wird das methodische Vorgehen der Arbeit – eine Kombination aus Fragebögen und narrativen Interviews – begründet und die Hypothesen werden formuliert.
10. DURCHFÜHRUNG DER EMPIRISCHEN ERHEBUNG: Es wird beschrieben, wie die Datenerhebung durch Fragebögen auf einer Tattoo-Expo und die Durchführung der narrativen Tiefeninterviews ablief.
11. ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG: Die durch Fragebögen und Interviews gewonnenen Daten werden ausgewertet und strukturell aufgearbeitet.
12. METHODENKRITIK: Eine kritische Reflexion des methodischen Vorgehens wird vorgenommen, um die Grenzen der Untersuchung und die Herausforderungen der qualitativen Analyse zu verdeutlichen.
13. ERGEBNISDARSTELLUNG: Die gewonnenen Erkenntnisse zu Motiven (Attraktivität, Zugehörigkeit, Biografie, Spiritualität) und Funktionen (Individualität, Grenzziehung, Kontinuität, Kommunikation) werden detailliert diskutiert.
14. SCHLUSSBETRACHTUNGEN: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei betont wird, dass Tätowierungen heute ein multifunktionales Mittel zur Identitätsarbeit in einer schnelllebigen Gesellschaft darstellen.
15. EXKURS - AKTUELLE GESELLSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGEN - DAS DILEMMA DER MITTELSCHICHT: Es wird das "Dilemma der Mittelschicht" untersucht, bei dem Tätowierte zwischen sozialem Status und der persönlichen Ausdrucksform ihres Hautbildes abwägen müssen.
Schlüsselwörter
Tätowierung, Körpermodifikation, Soziologie, Psychologie, Identität, Biografie, Schmerz, Grenzziehung, Individualität, Kommunikation, Stigmatisierung, empirische Forschung, narrative Interviews, Selbstinszenierung, Mittelschicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert soziologisch und psychologisch das Phänomen der Tätowierung und untersucht die Diskrepanz zwischen veralteten Stigmata und der modernen Bedeutung von Tätowierungen für die Träger.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Kernbereichen gehören die historische Entwicklung der Körperkunst, die Bedeutung der Haut als Medium, die Rolle des Schmerzes, die psychologische Abgrenzung zu Sucht und Selbstverletzung sowie die identitätsstiftende Funktion von Tätowierungen.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Ziel ist es, durch die Einbeziehung von Betroffenen (Fragebögen und Interviews) ein unvoreingenommenes Verständnis für die individuellen Motive und Lebensgeschichten hinter tätowierten Körpern zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt ein triangulierendes methodisches Vorgehen: quantitative Fragebogenerhebungen zur Strukturdatenanalyse kombiniert mit qualitativen, narrativen Interviews zur tiefenpsychologischen und biografischen Untersuchung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit der Körpermodifikation und eine empirische Ergebnisdarstellung, in der die Motive der Befragten detailliert analysiert und mit psychologischen Modellen verknüpft werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Identität, Biografie, Stigmatisierung, Individualität, Kommunikation und Schmerz sind die zentralen Begriffe, die den theoretischen Rahmen und die empirischen Befunde definieren.
Warum unterscheidet die Autorin scharf zwischen Piercing und Tätowierung?
Die Autorin argumentiert, dass eine pauschale Untersuchung aller Körpermodifikationen problematisch ist, da sich Tätowierungen durch ihre Permanenz und ihre spezifischen kommunikativen sowie identitätsstiftenden Funktionen deutlich von kurzlebigeren Formen wie Piercings abgrenzen.
Welche Erkenntnis wird zum "Dilemma der Mittelschicht" gewonnen?
Das Dilemma beschreibt den Spannungszustand von Personen aus der Mittelschicht, die einerseits ihren sozialen Status bewahren wollen, andererseits durch Tätowierungen ein Bedürfnis nach Individualität und biographischer Beständigkeit ausdrücken.
Welche Rolle spielt der Schmerz bei den Befragten?
Der Schmerz wird höchst unterschiedlich bewertet: Während manche ihn als unangenehmes, aber nötiges Übel sehen, empfinden andere ihn als angenehm oder gar essentiell, um eine Verbindung zum biographischen Ereignis der Tätowierung herzustellen.
Inwiefern beeinflusst das Alter die Sicht auf Tätowierungen?
Die Arbeit zeigt, dass Tätowierungen für die Befragten auch im höheren Alter eine bedeutende Rolle spielen können, da sie als biographische Marker fungieren, die unabhängig von ästhetischen Trends oder dem körperlichen Alterungsprozess an Bedeutung gewinnen.
- Quote paper
- Lydia Rüger (Author), 2009, Biographien, die unter die Haut gehen. Die Tätowierung als Ausdruck und Spiegel sozialer Entwicklungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133933