Die Wissenschaftsbezeichnung Soziologie wurde erstmals 1839 von Auguste Comte zur eindeutigen Bezeichnung jener Wissenschaft eingeführt, die "sich auf das positive Studium der sämtlichen sozialen Erscheinungen zugrundeliegenden Gesetze bezieht."
Ausgehend von dieser Kennzeichnung der Wissenschaft als Soziologie, also als Sociologie, d.h. Wissenschaft des Sozialen zu sein, muss es nicht wenigen Studenten der Soziologie als ebenso kurios wie fragwürdig erscheinen, wenn einer ihrer heutigen Professoren als Verfasser eines Lehrbuches der Soziologie die Frage "Was ist Soziologie?" wie folgt zu beantworten beginnt:
"Die Soziologie ist ein schwieriges Fach und Soziologen sind gewöhnlich nur in wenigen Dingen einer Meinung. Aber die in der Überschrift dieses Kapitels (Was ist Soziologie?) gestellte Frage dürften die meisten von ihnen einhellig beantworten: Sie dürften, wie Raymond Boudon unter Berufung auf Raymond Aron vermutet „in einem Punkt übereinstimmen: in der Schwierigkeit, die Soziologie zu definieren."
Dieses tatsächlich allen Soziologen bekannte Problem ist kein Zufall, sondern die unausweichliche Folge des den Soziologen eigenen Unvermögens, das Wesen der sozialen Erscheinungen und damit auch das des Sozialen zu erfassen.
Weniger provokant formulierte dagegen Max Weber letztere Feststellung so:
"Es ist nun kein Zufall, dass der Begriff des Sozialen, der einen ganz allgemeinen Sinn zu haben scheint, sobald man ihn auf seine Verwendung hin kontrolliert, stets eine durchaus spezifisch gefärbte Bedeutung in sich trägt; das „allgemeine“ beruht bei ihm tatsächlich in nichts anderem als eben in seiner Unbestimmtheit. Er bietet eben, wenn man ihn in seiner allgemeinen Bedeutung nimmt, keinerlei spezifische Gesichtspunkte“, unter denen man die Bedeutung bestimmter Kulturelemente beleuchten könnte."
Webers Feststellung, dass der Begriff des Sozialen stets eine durchaus spezifisch „gefärbte“ Bedeutung in sich trägt, besagt zunächst einmal „nur“, dass der Begriff des Sozialen sozial mehrdeutig, also nicht eindeutig und in diesem Sinn unbestimmt ist. [...]
Gleich, ob man den Begriff des Sozialen als einen bislang unbestimmten oder probleminadäquat bestimmten Begriff diagnostiziert, da auch von den gegenwärtigen, vor allem Webers Auffassungen kolportierenden Zinnen der Profession keine problemadäquate Begriffsbestimmung des Sozialen zu erwarten ist, haben wir uns jetzt mit dem Sozialen selbst zu befassen und hierbei den theoretischen Durchbruch zu leisten. ...
Gliederung
A. Zur Problemstellung
I. Webers Ansicht zur Analyse sozialer Erscheinungen
II. Webers Ansicht zur Qualität eines Vorganges
B. Zur begrifflichen Bestimmung des Sozialen
I. Zum Sachstand
II. Die Notwendigkeit des neuen Begriffs der Soziologie
1. am Beispiel der sozialen Schichten
a. allgemeine Betrachtung
b. soziale Schichten
2. die logische Klasse der sozialen Erscheinungen
3. der soziale Konflikt
4. das Soziale als durch die Gesellschaft bedingt?
a. Ansicht Webers
b. Ansicht Comtes
c. zur Begriffsentstehung
d. kritische Betrachtung
e. Ansicht Tönnies
f. Ergebnis
C. Die Gegenstandsbestimmung der Soziologie durch Simmel
I. die praktische Notwendigkeit des menschlichen Erkennens
II. Simmels Gegenstandsbestimmung der Soziologie
1. Simmels Bestimmung der disziplinären Spezifik der Soziologie
a. die Abstraktion des Gesellschaftsbegriffs
b. das von Simmel gefasste „Soziale“
c. Simmels Begriff der Vergesellschaftung
aa. Ideologische Grundlagen
bb. Wesen der Vergesellschaftung
d. Simmels Prozess der Vergesellschaftung
e. Simmels Formen der Vergesellschaftung
D. Die bloße Umetikettierung der Gesellschaftswissenschaft zur Soziologie durch Weber
I. Webers Begriff des Sozialen
II. zur Wissenschaftsbezeichnung „Soziologie“
E. Die Herausarbeitung des Gesellschaftlichen durch Durkheim
I. zum Bedeutungsunterschied
II. zur fehlerhaften Übersetzung Königs
III. Durkheims Wesensbestimmung des Gesellschaftlichen
1. Durkheims „gesellschaftliche Tatbestände“
2. zum Problem der „Zwänge“
3. die gesellschaftlichen Tatbestände als Verhaltensbedingungen
4. die gesellschaftlichen Tatbestände als Bestandteile der objektiven Realität
5. das äußere gesellschaftliche Milieu
IV. Webers Wesensbestimmung der Soziologie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit kritisiert die Unfähigkeit der Soziologie, ihren Gegenstand adäquat zu bestimmen, und führt dies auf theoretische Inkonsequenzen zurück. Ziel ist es, den Begriff des "Sozialen" wissenschaftlich präzise als das durch die Gesellschaft Bedingte zu fassen, anstatt ihn als bloßes Abstraktum zwischenmenschlicher Beziehungen zu verkennen.
- Kritik an der Unbestimmtheit des soziologischen Gegenstandsbegriffs
- Analyse der Ansätze von Max Weber, Georg Simmel und Émile Durkheim
- Dekonstruktion von Fehlinterpretationen durch fehlerhafte Übersetzungen und Begriffsverständnisse
- Grundlegung einer wissenschaftlich haltbaren Bestimmung des "Sozialen" als "gesellschaftlich Bedingtes"
Auszug aus dem Buch
A. Zur Problemstellung
Die Wissenschaftsbezeichnung Soziologie wurde erstmals 1839 von Auguste Comte zur eindeutigen Bezeichnung jener Wissenschaft eingeführt, die „sich auf das positive Studium der sämtlichen sozialen Erscheinungen zugrundeliegenden Gesetze bezieht.“
Ausgehend von dieser Kennzeichnung der Wissenschaft als Soziologie, also als Sociologie, d.h. Wissenschaft des Sozialen zu sein, muss es nicht wenigen Studenten der Soziologie als ebenso kurios wie fragwürdig erscheinen, wenn einer ihrer heutigen Professoren als Verfasser eines Lehrbuches der Soziologie die Frage „Was ist Soziologie?“ wie folgt zu beantworten beginnt: „Die Soziologie ist ein schwieriges Fach und Soziologen sind gewöhnlich nur in wenigen Dingen einer Meinung. Aber die in der Überschrift dieses Kapitels (Was ist Soziologie?) gestellte Frage dürften die meisten von ihnen einhellig beantworten: Sie dürften, wie Raymond Boudon unter Berufung auf Raymond Aron vermutet „in einem Punkt übereinstimmen: in der Schwierigkeit, die Soziologie zu definieren.“
Dieses tatsächlich allen Soziologen bekannte Problem ist kein Zufall, sondern die unausweichliche Folge des den Soziologen eigenen Unvermögens, das Wesen der sozialen Erscheinungen und damit auch das des Sozialen zu erfassen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Zur Problemstellung: Dieses Kapitel thematisiert die Schwierigkeit, Soziologie als Wissenschaft zu definieren, und identifiziert diese als Folge eines Unvermögens, das Wesen sozialer Erscheinungen zu erfassen.
B. Zur begrifflichen Bestimmung des Sozialen: Hier wird die Notwendigkeit aufgezeigt, Soziologie neu zu begründen, indem das Soziale als durch die Gesellschaft Bedingtes invariant bestimmt wird.
C. Die Gegenstandsbestimmung der Soziologie durch Simmel: Das Kapitel analysiert Simmels Versuch, durch die Unterscheidung von Form und Inhalt die Spezifik der Soziologie als Wissenschaft der Vergesellschaftung zu bestimmen.
D. Die bloße Umetikettierung der Gesellschaftswissenschaft zur Soziologie durch Weber: Hier wird Weber kritisiert, da seine verstehende Soziologie den Gegenstand auf psychologische Intentionen reduziert und somit die soziologische Erklärung verfehlt.
E. Die Herausarbeitung des Gesellschaftlichen durch Durkheim: Abschließend wird Durkheims Methode untersucht, soziale Tatbestände als objektive Verhaltensbedingungen zu fassen, wobei auf Übersetzungsfehler hingewiesen wird.
Schlüsselwörter
Soziologie, das Soziale, Gegenstandsbestimmung, Max Weber, Georg Simmel, Émile Durkheim, Gesellschaft, Vergesellschaftung, Verhaltensbedingungen, soziale Erscheinungen, Wissenschaftstheorie, Kollektivbewusstsein, Handeln, soziale Frage, Gesellschaftswissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum die Soziologie seit ihrer Gründung Schwierigkeiten hat, ihren Gegenstand präzise und konsistent zu definieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Thematisiert werden die begriffliche Unschärfe des "Sozialen", die Kritik an klassischen Soziologen wie Weber, Simmel und Durkheim sowie die wissenschaftstheoretische Fundierung einer objektiven Soziologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der theoretische Durchbruch zu einer wissenschaftlich adäquaten Bestimmung des Sozialen als das durch die Gesellschaft Bedingte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die kritische Analyse soziologischer Basistexte und dekonstruiert deren Begriffsverwendungen vor dem Hintergrund historischer und wissenschaftstheoretischer Zusammenhänge.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ansätze von Comte, Tönnies, Simmel, Weber und Durkheim und zeigt auf, wo deren Begriffsbestimmungen scheitern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Soziologie, das Soziale, Gesellschaft, Vergesellschaftung, soziale Erscheinungen und wissenschaftstheoretische Konsistenz.
Warum bezeichnet der Autor Max Weber als "trojanisches Pferd"?
Der Autor kritisiert, dass Weber zwar Soziologie betrieb, diese aber de facto als allgemeine Gesellschaftswissenschaft konzipierte und durch eine handlungstheoretische Reduktion die soziologische Forschung auf ein falsches Gleis setzte.
Was ist an den Übersetzungen von Durkheims Werk durch René König auszusetzen?
Der Autor bemängelt, dass König den Begriff "fait social" sinnentstellend übersetzte, wodurch Durkheims Fokus auf gesellschaftliche Bedingungen zugunsten einer soziologischen (subjektiven) Interpretation verschleiert wurde.
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- Dr. Holger Michaelis (Author), 2009, Die Soziologie und das Soziale, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133938