Welchen Stellenwert hat Lehrer_in-Autorität heutzutage überhaupt noch? Welche Situationen führen zu einer sogenannten Entgleisung der Lehrerrolle und welche Folgen für die Klasse lassen sich beobachten?
Dazu wird in dieser Hausarbeit zunächst die Problemstellung theoretisch diskutiert, wobei besonders auf die Gedanken der Soziologen Talcott Parsons, Johannes Twardella, Helmut Fend und Werner Helsper eingegangen wird. Im zweiten Teil wird eine spezifische Fallsequenz nach der Methode der objektiven Hermeneutik analysiert und interpretiert und in einem letzten Teil auf die Problemstellung rückbezogen. Die Ergebnisse werden dann im anschließenden Fazit abgerundet und zusammengefasst.
Im Leben eines jungen Heranwachsenden gibt es häufig zwei vorherrschende soziale Systeme: die Familie auf der einen, die Gesellschaft auf der anderen Seite. In beiden Systemen gelten gewisse Regeln, sie sind jedoch weitgehend isoliert voneinander. Eine zentrale Instanz steht zwischen diesen beiden Systemen, und das ist das soziale System Schule. Sie ist durch Erziehung und Bildung der Schlüssel in das gesellschaftliche Leben, damit verbunden ergeben sich jedoch auch jede Menge Anforderungen. Leistung und Bildung sind konfrontiert mit Erziehung und Individualität, alle Bereiche müssen in der Schule für jeden Einzelnen zusammenkommen. Lehrer und Lehrerinnen orientieren sich in ihrem Verhalten an allgemein gesellschaftlich anerkannten Regeln – genau wie in anderen Berufen gibt es auch für sie spezifische Verhaltensmuster. Die Trennung von Privatem und Beruf kann nur gewährleistet werden, wenn Lehrkräfte in der Schule rollenförmig auftreten und eben nicht ihre ganze Person in Konflikten gefordert wird.
Diese idealisierte Annahme der Trennung von Körper und Rolle scheint schon in der bloßen Vorstellung an ihre Grenzen zu stoßen. Der zunehmende Wandel der Gesellschaft trägt zudem auch zu einem Umdenken in der Schule bei, immer größere Partizipationsansprüche der jüngeren Generation fordern eine Enthierarchisierung des Lehrer_in-Schüler_in-Verhältnis.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Diskussion der Problemstellung
3. Fallrekonstruktion
4. Interpretation der Fallrekonstruktion hinsichtlich der Problemstellung
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Herausforderungen der Lehrerrolle im Spannungsfeld zwischen funktionalen, rollenkonformen Anforderungen und der Notwendigkeit, als ganze Person zu agieren, um in einem modernen, durch Enthierarchisierung geprägten Schulumfeld authentische Autorität zu etablieren.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Lehrerrolle und individueller Persönlichkeit
- Diskussion soziologischer Konzepte zur Lehrerautorität (u.a. Parsons, Helsper, Twardella)
- Objektive hermeneutische Analyse einer spezifischen Fallsequenz aus einem Schulpraktikum
- Untersuchung der Entgleisung der Lehrerrolle vs. situativem pädagogischen Handeln
- Reflexion der Auswirkungen von Modernisierung und Demokratisierung auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis
Auszug aus dem Buch
3. Fallrekonstruktion
Das nachfolgende Protokoll entstammt meinem vierwöchigen Schulpraktikum an der kooperativen Gesamtschule Ronnenberg im März 2021. Aufgrund von Coronamaßnahmen fanden nur Abschlusskurse statt, das Protokoll wurde in einer 13. Klasse eines Gymnasiums im Fach Deutsch erhoben. Die Schüler und Schülerinnen hatten als Hausaufgabe eine Abituraufgabe zu bearbeiten, welche dann im Unterricht besprochen werden sollte.
Lehrer: (nachdem niemand sich am Unterrichtsgespräch beteiligt) Basti. Was meinst du denn dazu?
Schüler: Ich habe es leider auch nicht gemacht.
Lehrer: Mann, Leute. Das ist jetzt echt mit Abstand die schlechteste Zeit für faulenzen. Ihr schreibt bald Abi! (bedrückende Ruhe)
Lehrer: Schwänzt doch lieber Mathe! (alle lachen erleichtert)
Das Protokoll entstammt einer typischen ‚Leerlauf‘-Situation im Unterricht nachdem sich niemand am Unterrichtsgespräch beteiligt. Der Lehrer versucht im Unterrichtsstoff weiterzukommen, allerdings sind die Schüler_innen zu schlecht vorbereitet und erschweren den geplanten Stundenverlauf. Die Tatsache, dass die Schüler_innen kurz vor ihren Abiturprüfungen standen, erhöht den Druck auf den Lehrer, seinen geplanten Unterrichtsverlauf einzuhalten, damit sie vor den wichtigen Abschlussprüfungen den vorgesehenen Unterrichtsstoff auch durchbekommen. Er ist daher unmittelbar auf die Kooperation seiner Klasse angewiesen und muss das Unterrichtsgespräch stets vorantreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Spannungsfeld zwischen dem sozialen System Schule, der Lehrerrolle und gesellschaftlichen Wandelprozessen ein und stellt die Forschungsfrage nach dem Stellenwert von Lehrerautorität in modernen Klassenzimmern.
2. Diskussion der Problemstellung: Dieses Kapitel erörtert theoretische Ansätze zur Lehrerrolle und zur Krise der Autorität, wobei insbesondere das Konzept der funktionalen, rollenförmig auftretenden Lehrkraft im Vergleich zur menschlichen Interaktion analysiert wird.
3. Fallrekonstruktion: Hier wird ein konkretes Unterrichtsprotokoll eines Schulpraktikums dokumentiert, das eine Situation der Hausaufgabenkontrolle und das anschließende Lehrerverhalten als Grundlage für die nachfolgende Analyse beschreibt.
4. Interpretation der Fallrekonstruktion hinsichtlich der Problemstellung: In diesem Teil wird die dokumentierte Situation auf Basis der theoretischen Konzepte interpretiert, wobei der Grenzgang zwischen professioneller Rolle und persönlichem Handeln reflektiert wird.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, das Verständnis von Lehrerautorität angesichts einer sich demokratisierenden Gesellschaft und der wachsenden Bedeutung personaler Authentizität neu zu denken.
Schlüsselwörter
Lehrerrolle, Autorität, Lehrerautorität, Schule, Pädagogisches Handeln, Schüler-Lehrer-Verhältnis, Objektive Hermeneutik, Fallrekonstruktion, Professionalisierung, Erziehung, Bildung, moderne Schule, Demokratisierung, Rollenhandeln, Unterrichtsinteraktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den modernen Herausforderungen der Lehrerrolle und der Frage, wie Lehrkräfte in einem gesellschaftlich gewandelten Umfeld gleichzeitig professionell rollenkonform agieren und als authentische Personen Autorität ausstrahlen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Ambivalenz der Lehrerautorität, die Auswirkungen der zunehmenden Demokratisierung im Schulkontext sowie das Spannungsfeld zwischen institutionell vorgegebenem Rollenhandeln und individuell-emotionalem Interagieren mit Schülern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Stellenwert von Lehrerautorität in der heutigen Zeit zu ergründen und zu untersuchen, welche Situationen zu einer "Entgleisung" der Lehrerrolle führen können und welche Konsequenzen dies für das Unterrichtsgeschehen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der objektiven Hermeneutik, um eine spezifische Fallsequenz aus einem Schulpraktikum detailliert zu analysieren und zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Diskussion der Problemstellung auf Basis einschlägiger soziologischer Literatur sowie eine praktische Anwendung dieser Erkenntnisse durch die Rekonstruktion und Interpretation einer Unterrichtssequenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Lehrerrolle, Lehrerautorität, pädagogisches Handeln, Enthierarchisierung, Fallrekonstruktion und das Spannungsfeld zwischen spezifischem Rollenhandeln und diffuser, menschlicher Interaktion.
Wie bewertet die Autorin das Verhalten des Lehrers in der Fallsequenz?
Das Verhalten wird als Abweichung vom klassischen, starren Rollenbild bewertet, die jedoch – trotz anfänglicher Unprofessionalität – durch den gezielten Einsatz von Humor und Menschlichkeit zu einer Entspannung der Lage und einer Stärkung der emotionalen Verbundenheit beiträgt.
Warum wird die Situation im Fallbeispiel als kritisch angesehen?
Sie gilt als kritisch, da der Lehrer durch das Animieren zum Schwänzen in einer Abitursituation die professionelle Grenze zur Institution Schule scheinbar überschreitet, was einer traditionellen Auffassung von Lehrerfunktion widerspricht.
Welche Rolle spielt das Abitur für die Analyse in dieser Arbeit?
Das Abitur fungiert als druckerzeugender Kontext, der die angespannte Grundstimmung in der Klasse maßgeblich beeinflusst und sowohl das Lehrer- als auch das Schülersystem in Zugzwang bringt, was die untersuchte Interaktion erst möglich macht.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Arbeit im Fazit?
Die Arbeit schließt mit dem Erkenntnisgewinn, dass der Verlust von Strenge nicht zwangsläufig einen Verlust von Autorität bedeutet; moderne Lehrkräfte müssen vielmehr bereit sein, starre Muster zu verlassen, um auf die komplexen Anforderungen der Schülerschaft angemessen zu reagieren.
- Quote paper
- Klara Santel (Author), 2021, Diffusität versus Spezifität. Herausforderungen der Lehrerrolle im modernen Klassenzimmer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1339400