'La tierra de Alvargonzález' von Antonio Machado

Die Romanze in der modernen spanischen Dichtung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Romanze als literarische Gattung
2.1 Terminus und Ursprung
2.2 Metrik
2.3 Einteilung der Romanzen anhand thematischer Gesichtspunkte

3. Die Wiederentdeckung der Romanzendichtung
3.1 Die Romanzenforschung
3.2 Die Wiederentdeckung der Romanze durch die Generación del 98

4. La tierra de Alvargonzález von Antonio Machado
4.1 Das Romanzenverständnis Antonio Machados
4.2 La tierra de Alvargonzález
4.2.1 Strukturelle Aspekte von La tierra de Alvargonzález
4.2.2 Einordnung der Romanze in das Schaffen Machados
4.2.3 Inhaltliche Aspekte der Romanze
4.2.4 Die besondere Rolle der Erde in La tierra de Alvargonzález

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des Seminars "Spanische Romanzendichtung" angefertigt, welches im Sommersemester 2008 unter der Leitung von Prof. Dr. Hartmut Köhler an der Universität Trier abgehalten wurde. Wie der Titel dieser Arbeit aussagt, wird sie sich mit den Nachwirkungen der Romanze in der neueren spanischen Literatur befassen. Aufgrund des in einer Seminararbeit begrenzten Platzes, wird dies exemplarisch an einem Werk einer der Hauptgestalten der Generación del 98 geschehen. Die Rede ist von Antonio Machado (* 26. Juli 1875 Sevilla - † 22. Februar 1939, Collioure, Südfrankreich), der als Übersetzer, Französischlehrer und freier Schriftsteller in Paris, Soria, Baeza, Madrid, Segovia und Rocafort bei Valencia lebte. Zur Einordnung seines lyrischen Schaffens findet sich der folgende Satz in Kindlers Literaturlexikon: "Die Lyrik Antonio Machados zählt nach weitgehend übereinstimmender Einschätzung zu den bedeutendsten und einflussreichsten Manifestationen der spanischen Lyrik im 20. Jahrhundert."[1] Als bedeutendste Werke des Schriftstellers können Soledades (entstanden 1899-1907), Campos de Castilla (1907-1917), Nuevas canciones. Cancionero apócrifo (1924-1936) und Poesías de la guerra (1936-1939) gelten.

In der Mitte April 1912 erschienenen Erstauflage von Campos de Castilla (CC), die Machado unmittelbaren Erfolg und Lob von Autorenkollegen wie José Ortega y Gasset, José Martínez Ruiz („Azorín“) und Miguel de Unamuno einbrachte, nimmt eine Romanze einen großen Platz ein, um welche es in dieser Arbeit gehen soll: La tierra de Alvargonzález (LtdA). Diese Romanze ist seit 1912 fester Bestandteil der

CC.

Bevor es jedoch an eine eingehende Analyse dieser Romanze, oder vielmehr dieser Serie von Romanzen, geht, sollen im nächsten Teil der Arbeit zunächst einige Grundcharakteristika der Romanzengattung erarbeitet werden, um im darauf folgenden Teil eine Antwort auf die Fragestellung finden zu können, wie Antonio Machado die traditionelle Romanzenform durch LtdA in seine Zeit überführt hat. Behält er bei seinem Versuch, einen neuen „Romancero“ zu schreiben eher Traditionelles bei, oder dominieren in LtdA moderne Züge?

2. Die Romanze als literarische Gattung

2.1 Terminus und Ursprung

Das Wort Romance stammt vom Lateinischen romance fabulari, was soviel bedeutet wie „das in der romanischen Volkssprache Erzählte“. Im Diccionario de la Lengua Española finden sich folgende Definitionen unter dem Stichwort Romance:

1. Aplícase a cada una de las lenguas modernas derivadas del latín, como el español, el italiano, el francés, etc.
2. Idioma español.
3. Novela o libro de caballerías, en prosa o en verso.
4. Combinación métrica de origen español, que consiste en repetir al fin de todos los versos pares una misma asonancia y en no dar a los impares rima de ninguna especie.
5. Sin calificativo, romance de versos octosílabos.
6. Composición poética escrita en romance.
7. Bachillerías, excusas. Venirle a uno con romances. Romance corto. El que se compone de versos de menos de ocho sílabas. Romance de ciego. Romance poético sobre un suceso o historia, que cantan o venden los ciegos por la calle. Romance de gesta. Según antigua denominación, romance popular en que se referían hechos de personajes históricos, legendarios o tradicionales. Romance heroico o real. El que se compone de versos endecasílabos. (...)[2]

Es lässt sich also eine Entwicklung von der bloßen Beschreibung der spanischen Volkssprache, also des spanischen Romanisch, weiter zur Bezeichnung der Dichtung in dieser Sprache und letztlich hin zum Terminus für literarische Gattungselemente (octosílabos, assonierend in den geraden Versen) konstatieren. Allein schon etymologisch zeigt sich somit für die Romance eine "besondere Verwurzelung im Boden der spanischen Sprache"[3].

Der bedeutendste Erforscher der spanischen Romanzen, Ramón Menéndez Pidal, definiert diese folgendermaßen: "Los romances son poemas épico-líricos breves que se cantan al son de un instrumento, sea en danzas corales, sea en reuniones tenidas para recreo simplemente o para el trabajo en común."[4] Neben diesem Charakteristikum als eng mit der Sphäre der Musik verbundene "episch-lyrische Mischgattung"[5] kann die Romanze laut Pedro Salinas ferner als "más pura expresión del carácter poético español"[6] gelten.

Zum Ursprung der Romanze stellt Ludwig Pfandl fest: "Die Geschichte der spanischen Romanze ist weit davon entfernt, klar und eindeutig, frei von Zweifeln und Problemen zu sein."[7] Als wahrscheinlich kann jedoch den "großen Drei" der spanischen Romanzenforschung zufolge - Manuel Milá y Fontanals, Marcelino Menéndez Pelayo und Ramón Menéndez Pidal - der Ursprung der Romanzen als kollektiv gesungene Heldenepik gelten. Demnach habe im 14. und 15. Jahrhundert die nationale Heldendichtung auf die gesellschaftlichen Veränderungen - vorwiegend den Verfall des Adels und den Aufstieg des Standes der Bürger, Bauern und Handwerker - reagiert und die alten cantares de gesta erneuert und umgearbeitet, so dass sie zu einer "wahren und nationalen volkstümlichen Dichtung"[8] wurden. Die Überlieferung vollzog sich im Wesentlichen auf mündlichem Wege, indem das gemeine Volk die Spielleute („juglares“) der damaligen Zeit darum bat, Stellen der Geschichten, die sie besonders mochten, zu wiederholen - bis sich diese „Epen-Fragmente“ in das imaginäre kollektive Gedächtnis hinein brannten. Beim Weitertragen der Stücke wurden die Epen-Fragmente teilweise natürlich erheblich verändert, sei es durch falsches Erinnern, oder durch bewusste Modifikationen.

Nachdem die Romanzen wohl erstmals im 15. Jahrhundert als Einzeldrucke („pliegos sueltos“), quasi als günstige Alternative zu den viele Seiten umfassenden, und damit teureren, Ritterromanen, auftauchten, wurden sie im 16. Jahrhundert in umfangreichen Cancioneros und Romanceros gesammelt. Beispielhaft seien an dieser Stelle der Cancionero general (herausgegeben von Hernando del Castillo, 1511), der Cancionero de romances (Martin Nucio, Antwerpen, ohne Jahr) und der Romancero general (1600) genannt.

2.2 Metrik

Metrisch gesehen, lässt sich die Romanze vom spanischen Epos, von dem sie ja abstammen soll, eindeutig abgrenzen, da das Versmaß des letzteren in der Regel ein unregelmäßiges ist. In Bezug auf die Romanze besteht zwar Uneinigkeit darüber, ob der Vers ursprünglich 16- oder achtsilbig war, die gesamte Druckgeschichte dagegen spricht dafür, dass bei der Romanze - eventuell eben auch aus drucktechnischen Gründen - die ursprünglich 16silbigen Langzeilen mit starker Mittelzäsur, in zwei achtsilbige Kurzzeilen getrennt wurden.[9]

Im Allgemeinen können laut Böhmer folgende zentrale Grundcharakteristika für die Romanzengattung festgestellt werden:

1. der trochäische Achtsilber,
2. die durchgehende Assonanz in den Versen gerader Zahl, während die Verse ungerader Zahl nicht gereimt sind,
3. die beliebige Länge.[10]

Über die metrischen Gesichtspunkte hinaus, sollte an dieser Stelle aber nochmals vor allem die der Romanze immanente epische, sprich narrative, Tendenz, die von ihrer wahrscheinlichen Verwurzelung in den vor allem mündlich weiter getragenen Epen-Teilen, meist begleitet von Musik, herrührt, hervorgehoben werden. Der Ursprung in mündlicher Überlieferung und Umgestaltung macht die Romanze zu einer urspanischen Gattung - einer wahrhaften Gattung des Volkes also: Nur durch das Volk sind Romanzen zu Romanzen geworden.

2.3 Einteilung der Romanzen anhand thematischer Gesichtspunkte

Beispielhaft soll an dieser Stelle eine Einteilung der Romanzen von Menéndez Pelayo als grobes Raster genannt sein. Er teilt die alten Romanzen folgendermaßen anhand behandelter Themenkreise ein:

a) Historische Romanzen: Zersungene Heldenepik. Epische Themen: König Rodrigo, Bernardo del Carpio, Graf Fernán González, Infantes de Lara, Cid, später Maurenromanzen (Kämpfe der Reconquista).
b) Romanzen des karolingisch-bretonischen Sagenkreises. Im Mittelpunkt stehen Roland, Karl der Große, die Artusrunde.
c) Novelleske Romanzen sentimentalen Inhalts.
d) Lyrische Romanzen mit Liebeshandlung.[11]

3. Die Wiederentdeckung der Romanzendichtung

Nun wird an dieser Stelle ein Zeitsprung vonnöten sein, da der Rahmen dieser Arbeit nicht ausreicht, die gesamte Entwicklung der Romanzengattung bis zu LtdA von Antonio Machado nachzuzeichnen: Von den romances viejos / tradicionales, die vorwiegend „das ständig von den Mauren bedrohte Leben an den christlichen Höfen mit seinen geheimnisvollen Wegen, menschlichen Schwächen, Leidenschaft, Ehrgeiz, Verführung arglistiger Täuschung und Verrat an den maurischen Erzfeind“[12] thematisierten, und die auch über die Einführung des Druckes hinaus insbesondere mündlich tradiert wurden, fand die Dichtungsform ihren Weg in Form von vorwiegend literarisch überlieferter Kunstromanzen, die auch neue Themen aufgriffen, in das siglo de oro (16./17. Jahrhundert) (zum Beispiel bei Lope de Vega, Luis de Góngora oder Francisco de Quevedo). Wiederentdeckt wurde die Kunstromanze schließlich in der Romantik zur Verarbeitung mittelalterlicher Themen (beispielsweise bei José Zorrilla). Mehr als dieser minimalistische Überblick ist im Rahmen der Arbeit nicht möglich und führte auch an der Fragestellung vorbei.

[...]


[1] Ulrich Prill, Das lyrische Werk Antonio Machados, in: Kindlers neues Literaturlexikon, CD-Rom, 1999.

[2] Diccionario de la Lengua Española, Romance, RAE (Hg.), Editorial Cantábrica, Bilbao 1982, S.1408.

[3] Ursula Böhmer, Die Romanze in der spanischen Dichtung der Gegenwart, Bonn 1965, S.8.

[4] Ramón Menéndez Pidal, Flor nueva de romances viejos, Madrid 1976, S.9.

[5] R.L. Wildbolz, Romanze, in: Otto Knörrich, Lexikon lyrischer Formen, Stuttgart 1992, o.S.

[6] Leo Spitzer, Los romances españoles, in: Asomante 1 (1945), S.7-29, S.29, zitiert nach: Ursula Böhmer, Die Romanze, a.a.O. , S.8.

[7] Ludwig Pfandl, Spanische Romanzen, Halle 1933, S.1.

[8] Ebd., S.3.

[9] Vgl. ebd., S.16f.

[10] Vgl. Ursula Böhmer, Die Romanze, a.a.O., S.10.

[11] nach Martin Franzbach, Geschichte der spanischen Literatur im Überblick, Stuttgart 2002 [1993], S.58.

[12] Olaf Deutschmann, Spanische Romanzen, Eurpäische Hochschulschriften, Frankfurt am Main 1989, S.9.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
'La tierra de Alvargonzález' von Antonio Machado
Untertitel
Die Romanze in der modernen spanischen Dichtung
Hochschule
Universität Trier  (Romanistik)
Veranstaltung
Spanische Romanzendichtung
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V133980
ISBN (eBook)
9783640416318
ISBN (Buch)
9783640413089
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alvargonzález, Antonio, Machado, Romanze, Dichtung
Arbeit zitieren
Pierre Dombrowski (Autor), 2008, 'La tierra de Alvargonzález' von Antonio Machado, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133980

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: 'La tierra de Alvargonzález' von Antonio Machado


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden