Essayismus in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg"


Hausarbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Essay und Essayismus
2.1 Kernmerkmale des Essays
2.2 Essayismus
2.3 Essayismus im Roman

3 Essayismus in Thomas Manns Zauberberg
3.1 Essayhafte Passagen im Zauberberg
3.2 Essayistische Passagen im Zauberberg
3.3 Essayistisches in der Anlage des Zauberberg

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Thomas Mann ist nicht nur als Autor fiktionaler Texte bekannt, sondern auch als Ver-fasser zahlreicher Essays zu politischen und gesellschaftlichen Themen1. In dieser Ar-beit soll die These vertreten werden, dass essayistische Schreibweisen sich auch im Roman „Der Zauberberg“ (Mann 2007) finden lassen.

Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ war zur Zeit seines Erscheinens (1924) gera-de aufgrund des von vielen Kritikern bemängelten diffusen „Essayismus“ so neuartig, dass er vom Publikum zunächst ablehnend aufgenommen wurde. Zu ungewohnt war die Zurückstellung der äußeren Handlung gegenüber den reflexiven Schilderungen geistiger Konflikte (vgl. Neumann, 2002, S. 112). Erstaunlicherweise gibt es in der Forschung zum Zauberberg aber kaum konkrete Nennungen dessen, was an dem Ro­man denn nun essayistisch sei. Zwar gelte „Thomas Mann seit dem Zauberberg“ als „prototypischer Repräsentant“ „der forcierten Verschränkung von epischer Fiktion und essayistischem Diskurs“ (Goltschnigg, 2006, S. 108), aber es verblüfft, dass nur sehr knapp und selten ausgeführt wird, wo genau sich das zeigt.

In dieser Arbeit wird es daher zunächst nötig sein, sich mit der Frage zu befassen, was ein Essay ist und was unter „Essayismus“ verstanden werden kann. Neben der Form des Essays gibt es auch ein Schreibverfahren des Essayismus, das auch in anderen Formen, Gattungen und Genres als dem Essay Verwendung finden kann.

Nachdem typische Kennzeichen von Essay und Essayismus festgestellt worden sind, können diese Merkmale schließlich an Thomas Manns Zauberberg angelegt werden (Kapitel 3). Dabei soll geprüft werden, inwiefern und auf welche Weise im Zauberberg „Essayismus“ zu finden ist.

Es ist naheliegend, dabei eine Unterscheidung zu treffen: Gibt es Passagen, die essay-artig sind? Gibt es essayistische Teile? Oder ist gar der ganze Roman essayistisch oder ein „Essayroman“? Aufgrund des beschränkten Umfangs einer Seminararbeit können hier nur exemplarisch einzelne Beispiele herausgegriffen werden, die die Bandbreite der essayistischen Anteile im Roman nicht abbilden können, aber eine Idee davon vermitteln, wie Thomas Mann wissenschaftliche und geistige Exkurse in den Roman einbettet.

2 Essay und Essayismus

Was ein Essay genau ist, ist nicht klar definiert1, bekannt ist aber die Geschichte dieser Form, und unzählige wissenschaftliche Arbeiten und Essays wurden zur Theorie des Essays verfasst.

Im Folgenden soll kurz auf die Geschichte des Essays sowie einige Definitionsversuche dessen, was ein Essay sei, eingegangen werden. Darauf aufbauend erfolgt anschlie-ßend eine Ausweitung der Merkmalssuche auf den Begriff des „Essayismus“ oder des „Essayistischen“.

Schließlich stellt sich die Frage, wie es um den Zusammenhang zwischen Essay und Roman steht. Welche Wechselbeziehungen gibt es, auf welche Weisen und in welchem Kontext kommt es zu einer Einbeziehung essayistischer Elemente in die epische Form des Romans?

2.1 Kernmerkmale des Essays

Im Wesentlichen geht die literarische Form des Essays zurück auf2 Michel de Mon­taigne (1533–1592), der unter dem Titel „Essais“ (frz. für „Versuche“) kurze Abhand-lungen, inhaltlich meist persönliche Beobachtungen und Kommentare, niederschrieb. Schärf (1999, S. 40) zufolge gelte Montaigne „als derjenige, der den Essay als schrift-stellerisches Verfahren installiert“ habe, der Engländer Francis Bacon (1561–1626), der in Kenntnis von Montaignes Texten eine ganz ähnliche Form für (philosophisch-) wissenschaftliche und politische Abhandlungen wählte, „jedoch als derjenige, der ihn zu einer literarischen Form ausgestaltet habe“. Wichtig seien beide Begründer des Essay, zumal die beiden unterschiedlichen Urformen des Essays zwei verschiedene Richtungen darstellten. Vom Tenor des Inhalts her habe sich vor allem „der lebens-bejahende Relativismus Montaignes“ durchgesetzt (ebd.), aber man müsse Bacon „in stilistischer Hinsicht [. . . ] eine innovative Dimension bescheinigen.“ (Schärf, 1999, S. 41)

Die freie Form des Essays wird sowohl von Schriftstellern wie auch Wissenschaftlern gewählt, was eine Einordnung als „vierte Gattung“ neben Prosa, Lyrik und Dramatik, wie sie gelegentlich vorgeschlagen wird, schwierig macht.

Nicht nur lässt sich der Essay nicht klar den Disziplinen Wissenschaft oder Literatur zuordnen, er ist auch inhaltlich nicht auf spezielle Themengebiete festgelegt und zu-dem nicht an besondere formale Anforderungen gebunden. Er ist im Allgemeinen kurz, kann aber auch verhältnismäßig lang sein3, er kann einen Gedanken geordnet entwi-ckeln oder ihn unter Verwendung von Dialogen, Brief-Elementen, Zitaten und allen erdenklichen weiteren Stilmitteln umkreisen.

Ludwig Rohner versucht in seinem 1966 erschienenen (vielkritisierten) Buch „Der deutsche Essay“ (Rohner, 1966) eine „synthetische Definition des Essays“:

„Der (deutsche) Essay, eine eigenständige literarische Gattung, ist ein kürzeres, geschlossenes, verhältnismäßig locker komponiertes Stück betrachtsamer Prosa, das in ästhetisch anspruchsvoller Form einen einzigen, inkommensurablen Gegen-stand meist kritisch deutend umspielt, dabei am liebsten synthetisch, assoziativ, anschauungsbildend verfährt, den fiktiven Partner im geistigen Gespräch virtuos unterhält und dessen Bildung, kombinatorisches Denken, Phantasie erlebnishaft einsetzt.“ (Rohner, 1966, S. 672)

In dieser Definition ist vieles enthalten, was für viele Essays tatsächlich zutrifft, durch die Wörter „meist“ und „am liebsten“ wird aber schon deutlich, dass der Essay eine Form ist, die ihren Autoren sehr viele Freiheiten lässt.

Dies zeigt sich auch in einer häufig persönlichen Sichtweise, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Anstatt ein Thema wie in einer wissenschaftlichen Arbeit systematisch und analytisch zu behandeln, nähert sich der Essay ihm, indem er das Thema oder Einzelaspekte des Themas aus mehreren Perspektiven betrachtet, kann sich aber auch wieder entfernen und seine Gedanken aus der Distanz, aus einem grö-ßeren und oft auch unerwarteten oder untypischen Zusammenhang neu einordnen (vgl. Braungart/Kauffmann, 2006, S. X). Es geht dabei nicht primär um die Schluss-folgerung am Ende, das große Resultat, sondern vor allem darum, dem Leser4 die Gedanken- und Erkenntniskette des Essayisten zu verdeutlichen.

2.2 Essayismus

Braungart/Kauffmann (2006, S. VIII) finden Definitionsversuche wie den von Rohner (s. Abschnitt 2.1, S. 4) zu unscharf und halten das auch für den Grund, warum in jün-gerer Zeit „weniger die Literaturgattung des Essays als die Denk- und Schreibverfahren des Essayismus“ wissenschaftlich behandelt werden.

Essayismus löst sich ab von der Form des Essays und ist ein „die Gattungen und Genres übergreifendes Denk- und Schreibverfahren“ (Parr, 2006, S. 1). Als Denkverfahren macht es sich die Entstehung von Gedankenketten, das Beleuchten von Details aus verschiedenen Perspektiven und auch das Springen zwischen Themen und Kontexten zunutze, als Schreibverfahren wendet er die Vorteile der Methode auch auf andere schriftliche Formen an.

Rutschky (1990) thematisiert ironisch die Schwierigkeit, essayistische Schrifterzeug-nisse von alltäglicher Umgangssprache zu unterscheiden, die häufig orientiert ist an der offenen Form und analog zu Prozessen des Gedankenaneinanderreihens verläuft, wie sie beim Essayismus als Denkverfahren verwendet werden:

„Jeder Bürger ist Essayist: die alte Dame, die sich am Telefon bei ihrer alten Freun-din über das Wetter beschwert; der Angestellte, der abends seiner Frau erzählt, wie es im Büro war; die Liebenden, die jene Interpenetration der Weltdeutung vornehmen, welche ihnen die moderne Gesellschaft aufgibt, damit sie es zur Liebe bringen – sie alle produzieren unablässig Essay, eine spezifische Mischung aus lyrischer Selbstdarstellung, Erzählprosa und Argumentationsdrama.“ (Rutschky, 1990, S. 210)

Damit gibt Rutschky gleichzeitig eine neue, knappe Definition des Essays als „spe-zifische Mischung aus lyrischer Selbstdarstellung, Erzählprosa und Argumentations-drama“. Das Wort „lyrisch“ verweist auf die ästhetische Form des Essays, auf seine Durchgearbeitetheit und (meist) Pointiertheit, die „Selbstdarstellung“ verweist auf die hochgradig subjektive Sichtweise im Essay, „Erzählprosa“ erinnert an den prosaischen und am Alltagserzählen orientierten Stil, den er auch mit „plaudern“ und „schwatzen“ (Rutschky, 1990, S. 205) charakterisiert und dem Schweigen gegenüberstellt. Es handelt sich um ein „Argumentationsdrama“, weil die Gedanken aufeinander aufbauen müssen, also argumentativ aneinander gekettet werden müssen, und dies mitunter unter der Einnahme verschiedener, konträrer Positionen geschieht.

[...]


1 beispielsweise „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918), „Goethe und Tolstoi“ (1923), „Von detu-scher Republik“ (1923) u.v.m.

1 Es ist möglicherweise auch nicht klar definierbar; dies soll aber nicht das zentrale Thema dieser Arbeit sein.

2 Dieser Abschnitt orientiert sich inhaltlich weitgehend an Schärf 1999

3 wie etwa die Essays Thomas Manns

4 In dieser Arbeit wird der leichteren Lesbarkeit zugute darauf verzichtet, im Fließtext jeweils die männlichen und weiblichen Formen aufzugreifen; die Verwendung der männlichen Form dient der Einfachheit und meint implizit stets die weibliche Form mit.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Essayismus in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg"
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Kulturtheorie, Kulturforschung und Künste)
Veranstaltung
Thomas Mann
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V134009
ISBN (eBook)
9783640416448
ISBN (Buch)
9783640628575
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Essay, Essayismus, Zauberberg
Arbeit zitieren
Stefan Großmann (Autor), 2009, Essayismus in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134009

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