"Visionen für die Arbeitsgesellschaft von morgen" - davon gibt es viele. Das gewaltige und in seiner sozialen Sprengkraft kaum überschätzbare Problem einer sich nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland seit 25 Jahren zunehmend verfestigten Sockelarbeitslosigkeit braucht aber mehr als Denkmodelle und Visionen. Diese waren notwendig und brauchten ihre Zeit, um von Menschen mit politischer und sozialer Phantasie entwickelt zu werden. Doch muß sich der am politisch-sozialen Diskurs Beteiligte verantworten vor einer nicht unbegrenzt zur Verfügung stehenden Zeit, vor Menschen, die unter nichts mehr leiden als unter der bekümmernden Realität, keine Arbeit (mehr) zu haben. „Alles hat seine Stunde, ... eine bestimmte Zeit“, wie uns der griechische Weisheitslehrer Kohelet zu ermahnen weiß. So können eine planvolle und zielgerichtete Evaluation der maßgeblichen Ausgangslage eines Problems und die entwickelten, theoretisch denkbaren Lösungsstrategien auch in ihrer Unvollständigkeit nicht davon dispensieren, allmählich in eine pragmatische Phase überzugehen. Dies gebietet zum einen die zunehmende Bedrängnis, in die der Sozialstaat durch steigende Erwerbslosenzahlen geraten ist, dann die Angst jedes Menschen, der abhängig beschäftigt ist, davor, arbeitslos zu werden und die generationsübergreifenden Folgen, die eine Gesellschaft unter dem bedrückenden Vorzeichen anhaltender Dauerarbeitslosigkeit zu erwarten hat. Aufbrüche in eine neue Arbeitswelt, die der wirtschaftlichen wie demographischen Realität näherkommen unter der Berücksichtigung dynamischer familiärer und familienähnlicher Lebensformen, sie wollen einerseits gut überlegt sein, andererseits wird erst die Konfrontation mit der Realität zeigen, wie nachhaltig sie dazu beitragen, Arbeitslosigkeit zu vermindern. Der Blick in andere europäische Länder, nach Dänemark, in die Niederlande oder auch nach Irland kann helfen, an Erfahrungen mit einzelnen Projekten zu partizipieren.
Inhaltsverzeichnis
0)Exposition
1)Armut und Arbeitslosigkeit: Die „verdeckte Armut“ der 'working poor' in der (wiedervereinigten) Bundesrepublik Deutschland 1983-1990 (1991 & 1995)
2)Von Strukturmodellen zu konkreten Initiativen zur Abschmelzung von verfestigter Dauer und Sockelarbeitslosigkeit in der BRD
2.1) „Bürgergeld“ und „negative Einkommensteuer“ als grundlegendes Element einer pekuniären Grund(ab)sicherung und eines sozialstrukturellen Wandels
2.2) Das sog. „Mainzer Modell“- Wege aus dem Mißbrauch geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse
2.3) Monetäre und nichtmonetäre Formen der Anerkennung von gemeinnütziger Arbeit
2.4) Das „Sero-System“ der Abfallwirtschaft in der ehemaligen DDR: Nachhaltigkeit als Prinzip ökologisch- bewußter Zukunftsgestaltung und Quelle neuer Arbeitsplätze
3)Die unverändert hohen Ressourcen gesellschaftlichen Engagements in der BRD: Eine gesellschaftlich unterschätzte und oft verkannte Größe
4) Epilog
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel von einer reinen Erwerbsgesellschaft hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft und entwickelt auf Basis ausgewählter Modelle Lösungsansätze zur Bekämpfung der langjährigen Sockelarbeitslosigkeit unter sozialethischen und ökonomischen Gesichtspunkten.
- Analyse der verdeckten Armut bei erwerbstätigen Haushalten ("working poor")
- Evaluation alternativer sozialer Sicherungsmodelle wie Bürgergeld und negative Einkommensteuer
- Untersuchung der "Triade der Arbeit" zur Aufwertung außererwerbswirtschaftlicher Tätigkeiten
- Diskussion des gesellschaftlichen Engagements als Ressource in der Bundesrepublik Deutschland
Auszug aus dem Buch
2.1) „Bürgergeld“ und „negative Einkommensteuer“ als einheitlicher Weg einer sozialen Grundsicherung
„Wenn allen Menschen eine Wirtschaftsperspektive geboten werden soll, dann muß man ein Tabu brechen: jenes nämlich, daß nur ein Einkommen erzielt, wer erwerbstätig ist.“
Bürgergeld oder negative Einkommensteuer sind zwei Seiten der im Grunde gleichen Medaille, die Modelle für Wege einer sozialen Grundabsicherung für alle Bürger eines Landes sind, unabhängig vom Grad ihrer Erwerbsfähigkeit und –tätigkeit. Gleichzeitig wollen sie die Prinzipien des Leistungsanreizes und der Leistungsgerechtigkeit im Blick behalten. Wie dies anhand eines konkreten Modells aussehen kann, will ich im folgenden zeigen.
Der existentielle Grundbedarf, den das Bürgergeld decken soll (im folgenden sei die negative Einkommensteuer immer mitgemeint), setzt sich aus der Bestreitung elementarster Lebensbedürfnisse des einzelnen zusammen: Monatliche Miete, Wasser, Strom, Nebenkosten, Verpflegung etc.. Mehrbedarfsanprüche könnten in das Modell integriert werden beispielsweise für Haushalte mit schulpflichtigen Kindern oder Kindern in Ausbildung, oder aber für Pflegefamilien.
Zusammenfassung der Kapitel
0)Exposition: Einführung in die Problematik der Sockelarbeitslosigkeit und die Notwendigkeit pragmatischer Visionen für eine neue Arbeitswelt.
1)Armut und Arbeitslosigkeit: Die „verdeckte Armut“ der 'working poor' in der (wiedervereinigten) Bundesrepublik Deutschland 1983-1990 (1991 & 1995): Darstellung der prekären Lebenslage von Erwerbstätigen, deren Einkommen zur Sicherung des Existenzminimums nicht ausreicht.
2)Von Strukturmodellen zu konkreten Initiativen zur Abschmelzung von verfestigter Dauer und Sockelarbeitslosigkeit in der BRD: Untersuchung verschiedener Modelle zur sozialen Grundabsicherung und Arbeitsmarktflexibilisierung.
2.1) „Bürgergeld“ und „negative Einkommensteuer“ als grundlegendes Element einer pekuniären Grund(ab)sicherung und eines sozialstrukturellen Wandels: Analyse der finanziellen Modellrechnungen für ein Bürgergeld zur Existenzsicherung.
2.2) Das sog. „Mainzer Modell“- Wege aus dem Mißbrauch geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse: Erläuterung des Mainzer Modells zur Überführung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse.
2.3) Monetäre und nichtmonetäre Formen der Anerkennung von gemeinnütziger Arbeit: Diskussion der "Triade der Arbeit" und Möglichkeiten der Aufwertung bürgerschaftlichen Engagements.
2.4) Das „Sero-System“ der Abfallwirtschaft in der ehemaligen DDR: Nachhaltigkeit als Prinzip ökologisch- bewußter Zukunftsgestaltung und Quelle neuer Arbeitsplätze: Analyse der Übertragbarkeit von Recycling-Konzepten als arbeitsplatzinnovative Maßnahme.
3)Die unverändert hohen Ressourcen gesellschaftlichen Engagements in der BRD: Eine gesellschaftlich unterschätzte und oft verkannte Größe: Auswertung von Studien zur Bedeutung und Entwicklung freiwilligen Engagements in Deutschland.
4) Epilog: Zusammenfassende Reflexion über die Bedeutung eines neuen Tätigkeitsverständnisses zur Linderung der Folgen von Arbeitslosigkeit.
Schlüsselwörter
Arbeitslosigkeit, Sockelarbeitslosigkeit, Erwerbsgesellschaft, Tätigkeitsgesellschaft, Bürgergeld, negative Einkommensteuer, Mainzer Modell, verdeckte Armut, Working Poor, bürgerschaftliches Engagement, Triade der Arbeit, Sozialethik, soziale Sicherung, Nachhaltigkeit, Sero-System.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Übergang von der Erwerbs- zur Tätigkeitsgesellschaft und sucht nach Wegen, der anhaltenden Sockelarbeitslosigkeit in Deutschland durch neue sozialpolitische Konzepte zu begegnen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Armut trotz Erwerbstätigkeit, der Evaluation von Grundsicherungsmodellen, der Aufwertung ehrenamtlicher Tätigkeiten und der ökologischen Zukunftsgestaltung der Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung alternativer, nachhaltiger Arbeitsmodelle, die den "fatalen Konnex" zwischen Arbeitslosigkeit und Armut entschärfen und die Würde sowie die sinnvoll gestaltete Lebenszeit der Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozialethische und ökonomische Analyse, die auf der Evaluation vorhandener Strukturmodelle, aktueller Forschungsergebnisse zur Armutsberichterstattung sowie theoretischer Konzepte zur Arbeitsmarktgestaltung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in konkrete Modellentwürfe wie das Bürgergeld, das Mainzer Modell zur Bekämpfung von Minijob-Missbrauch, das Mutz'sche Modell der "Triade der Arbeit" sowie die Untersuchung des Sero-Systems als ökologisches Innovationsmodell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Arbeitslosigkeit, Bürgergeld, Tätigkeitsgesellschaft, Working Poor, soziale Gerechtigkeit und bürgerschaftliches Engagement.
Wie bewertet der Autor den Beitrag von ehrenamtlichem Engagement zur Lösung der Arbeitslosigkeit?
Der Autor warnt vor überzogenen Erwartungen an den Dritten Sektor als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit, betont jedoch seine zentrale Bedeutung für die Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins und die Förderung der Lebensqualität.
Warum ist die Analyse der "verdeckten Armut" von Bedeutung?
Die Analyse zeigt, dass eine signifikante Gruppe von Erwerbstätigen trotz Arbeit unterhalb des Existenzminimums lebt, aber aus verschiedenen Gründen keine Sozialhilfe in Anspruch nimmt, was die Notwendigkeit einer neuen sozialen Grundsicherung unterstreicht.
- Quote paper
- Markus Stutzenberger (Author), 1999, Skizzen des Übergangs von der Erwerbsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13401