Der Aphorismus als philosophische Form in Nietzsches 'Fröhlicher Wissenschaft'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Aphorismus
2.1. Historische Entwicklung und Bedeutung
2.2. Der Aphorismus bei Nietzsche
2.3. Stilmittel und Sprache
2.4. Der Aphorismus als philosophische Form

3. Nietzsches Aphorismen in der Fröhlichen Wissenschaft
3.1. Aphorismus 52: „Was andere von uns Wissen“
3.2. Aphorismus 62: „Liebe“
3.3. Aphorismus 84: „Vom Ursprunge der Poesie“
3.4. Aphorismus 189: „Der Denker“
3.5. Aphorismus 342: „Incipit tragoedia“
3.6. Aphorismus 367: „Wie man zuerst bei Kunstwerken zu unterscheiden hat“

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Aufwärts

„Wie komm ich am besten den Berg hinan?“

Steig nur hinauf und denk nicht dran![1]

Nietzsche entwickelt seine philosophischen Thesen in verschiedenen Werken. Ein großer Teil davon stellen Aphorismus-Sammlungen wie die Fröhliche Wissenschaft und Also sprach Zarathustra. Diese Bücher gehören mit zu den Gründen, warum in heutiger Zeit Studenten Sprüche wie „Gott ist tot“ auf ihren Autoscheiben und Heftmappen kleben haben und somit immer noch von der Durchschlagskraft Nietzsches Philosophie zeugen.

Auf welche Art und Weise hat Nietzsche aber seine Philosophie überliefert und dargestellt? Die literarische Gattung des Aphorismus zeugt von verschiedenen Problemen der Definition – wie auch in der Namensgebung. So wurden Aphorismen in der Geschichte mit verschiedenen Namen bezeichnet und auch Nietzsche verwandte in seiner Frühzeit nicht den Begriff des Aphorismus. Im ersten Teil dieser Arbeit wird versucht Klarheit über den Aphorismus zu bekommen. Weiterhin werden verschiedene Merkmale des Aphorismus bei Nietzsche herausgearbeitet.

Die Philosophie Nietzsches ist in Form literarischer Werke und nicht in Form wissenschaftlicher Abhandlungen überliefert. Im zweiten Teil der Arbeit werden einzelne Aphorismen aus der Fröhlichen Wissenschaft im Hinblick auf die vorher erarbeiteten Merkmale untersucht. Hierbei wird auch die Wirkung des Aphorismus und dessen Merkmale betrachtet.

2. Der Aphorismus

2.1. Historische Entwicklung und Bedeutung

Um den Aphorismus als philosophische Form bei Nietzsche untersuchen zu können, muss man sich einen Begriff bilden und sich klar werden, was unter dem in der Geschichte sehr unterschiedlich und ungenau bestimmten Begriff Aphorismus zu verstehen ist. Das Metzler-Literaturlexikon bietet als Bestimmung des Aphorismus eine

prägnant knappe, geistreiche oder spitzfindige Formulierung eines Gedankens, eines Urteils, einer Lebensweisheit. Nach Inhalt und Stil anspruchsvoller als das Sprichwort; ausgezeichnet durch effektvolle Anwendung rhetor. Stilmittel (Antithese, Parallelismus, Chiasmus, Paradoxon).[2]

Eine weitere kurze Definition des Aphorismus findet sich im Brockhaus wieder:

Aphorismus [grch. ‚Abgesondertes’], ein mit eindrucksvoller Schlagkraft geformter, in sich geschlossener Sinnspruch in Prosa. A. vermitteln überraschend eine Erkenntnis durch Vergleich, Gegensatz oder Widerspruch und regen zum Nachdenken an.[3]

Wenn man diese knapp gefasste Bedeutung des Begriffs Aphorismus zugrunde legt, ist es hilfreich, sich über die Entstehung und Entwicklung des Aphorismus ein Bild zu machen. So wird allgemein Hippokrates als der erste genannt, der Aphorismen verfasste. Er war ein Mediziner und verwandte Aphorismen, um medizinische Einzelerkenntnisse zu beschreiben. Weiterhin wurde der Aphorismus in der Antike auch von Seneca oder Marc Aurel verwendet, um Lebenserfahrungen und Lehren sentenzenartig aufzuzeichnen. In der Renaissance wird der Aphorismus im englischen und französischen Raum verwendet, wo er durch Bacon als wissenschaftliche Mitteilungsform und von Larochefoucauld unter den Bezeichnungen „maximen, réflexions, sentences, penséres“[4] verwandt wird. Der Aphorismus wird auch als „humorvolle und satirische Menschenbeurteilung“[5] benutzt.[6]

Der deutsche Aphorismus beginnt bei Georg Christoph Lichtenberg und wendet sich „nach innen und außen“[7] ; er sucht die Selbsterkenntnis und die Abgründe in der menschlichen Natur. Schlegel und Novalis führen die Tradition in die Romantik und reflektieren über „Philosophie, Bildung, Kunst und Poesie“[8], wobei diese Fragmente vom Stil her als eine eigenständige Art gesehen werden könnten. Goethe schließlich verwendet seine Maximen und Reflexionen für Feststellungen über „die Ordnungen des Seins und des Handelns“[9]. Im 19. Jahrhundert schließlich wird der Aphorismus von Schopenhauer, Hebbel und Nietzsche als Vehikel für philosophische Betrachtungen und Erkenntnisse verwendet: „Unter dem Einfluß Nietzsches tritt der A. in eine tiefere literar. Schicht und verbreitet sich als ‚Gedankensplitter’ in Zeitungen und Zeitschriften“[10]. Betrachtet man diese Entwicklung in der Geschichte, so stellt man fest, dass der Aphorismus stets zum pointierten Festhalten eines Gedankens oder einer Idee – ohne jeglichen größeren Zusammenhang – verwendet wurde.

2.2. Der Aphorismus bei Nietzsche

Welche Bedeutung hat nun der Aphorismus bei Nietzsche selbst? Laut Nietzsche-Wörterbuch stammt der Begriff Aphorismus aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „‚begrenzen’, ‚abgrenzen’ und [...] besonders in medizinischen Kontexten auch ‚umschreiben’, ‚definieren’“[11]. Man kann den Aphorismus also als eine Art Diagnose über einen Zustand ansehen; der Aphorismus beschreibt „durch seine Kürze, Tiefe und Plötzlichkeit“[12] einen Zusammenhang, der „das Resultat einer langen Entwicklung, in der der Denker riskante Wege gegangen ist, experimentiert hat und sich furchtlos mit dem eingelassen hat, was verboten ist und was als Tabu verborgen bleiben muss“[13] ist. Wie bei einer medizinischen Diagnose, wird der Leser zwar über den Zusammenhang, wie er schließlich erkannt wurde, unterrichtet, doch ist für den Laien eine medizinische Diagnose ohne weitere Erläuterung und ohne sein eigenes Handeln, ohne dass er sich selbst weiter informiert, unverständlich. So bleiben auch bei den Aphorismen die zuvor gegangenen Wege im Dunkeln und Nietzsche erreicht sein Ziel:

Der Leser, dem sich die Aphorismen um so besser einprägen, je mehr sie sein aktives Mit- und Selbstdenken erfordern, wird auf diese Weise in ein Verweisungsspiel einbezogen, das ihm die Arbeit der „Auslegung“ aufbürdet, „zu der es einer Kunst der Auslegung bedarf“.[14]

Zwei weitere Momente sind bei Nietzsches Wahl des Aphorismus zu erkennen. Laut Ottmanns Handbuch sprengt die „Gestaltungskraft und vermeintliche Geschlossenheit [der Gattung des Aphorismus] experimentell und spielerisch das Korsett des Systemzwangs“[15]. Diese Widersprüchlichkeit deutet auf die Bedeutung des Denkens in Nietzsches Aphorismen hin:

Mit der Reflexion seiner formalen, d. h. bei N. genauer sprachlichen, tropischen und grammatikalischen, Bedingtheit wendet das Denken sich kritisch gegen sich selbst und begibt sich dabei in eine Reihe von Aporien [...] denen das Paradoxe des Aphorismus sprachkritisch korrespondiert.[16]

Nietzsche sieht also die Stärken des Aphorismus darin, den Leser zu verstören. Der Leser soll zum Denken gebracht werden und dies geschieht durch Widersprüche und dem Vorbehalten von Informationen. Somit ist der Aphorismus in seiner ungewöhnlichen Art ein ausgezeichnetes Medium für Nietzsches Gedanken. In seiner Eigenschaft als Philologe kann man auch einen Grund für die Verwendung der Aphorismen sehen:

Die Sprache ist logisch und dieselbe mit der auch Systeme gebaut werden, aber die Denkform, die darin zum Ausdruck kommt, ist der des Systgemdenkens entgegengesetzt. Der Aphorismus erscheint als eine Parodie der Sprache mit dem Ziel, sich darüber zu erheben. Vorbedingung ist ein enger Kontakt mit der Sprache, der gleichzeitig eine gewisse Distanz einschließt.[17]

[...]


[1] Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Stuttgart: Reclam 2006 (Reclams Universalbibliothek Nr. 7115), S. 19. Zitate aus diesem Buch werden im weiteren Verlauf mit Seitenzahl in Klammer im Text angegeben).

[2] Günther und Irmgard Schweikle (Hg.): Metzler-Literatur-Lexikon: Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart: Metzler 1984, S. 20.

[3] Der grosse Brockhaus. Erster Band A-Beo. 16. völlig neubearb. Aufl. in 12 Bd., Wiesbaden 1952, S. 333.

[4] Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. 2. Aufl. Berlin: de Gruyter 1958, S. 95.

[5] Ebd., S. 95.

[6] Vgl. Reallexikon, S. 94 f.

[7] Ebd. S. 95.

[8] Ebd., S. 95.

[9] Ebd., S. 95.

[10] Ebd., S. 96.

[11] Paul van Tongeren u.a. (Hg.): Nietzsche-Wörterbuch. Band 1: Abbreviatur – einfach. Berlin, New York: de Gruyter 2004, S. 77.

[12] Ebd., S. 76.

[13] Nietzsche-Wörterbuch., S. 76.

[14] Henning Ottmann (Hg.): Nietzsche-Handbuch: Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2000, S. 186.

[15] Ebd., S. 186.

[16] Ebd., S. 186.

[17] Nietzsche-Wörterbuch, S. 80.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Aphorismus als philosophische Form in Nietzsches 'Fröhlicher Wissenschaft'
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich II Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Friedrich Nietzsches Fröhliche Wissenschaft. Zum Verhältnis von Philosophie und Literatur.
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V134020
ISBN (eBook)
9783640416493
ISBN (Buch)
9783640412020
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
[...] Die Auswahl der exemplarisch untersuchten Aphorismen der 'Fröhlichen Wissenschaft' im Kapitel 3 ist überlegt und zeigt einiges vom Facettenreichtum der Aphoristik Nietzsches. Insbesondere in diesem Kapitel gelingen [...] einige treffliche Beobachtungen zu Stil und Aussagefunktion dieser besonderen Art der Kurzprosa. [...]
Schlagworte
Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus, Friedrich Wilhelm Nietzsche, Also sprach Zarathustra, philosophische Form, literarische Form, Philosophie, Literatur
Arbeit zitieren
Christoph Höbel (Autor), 2007, Der Aphorismus als philosophische Form in Nietzsches 'Fröhlicher Wissenschaft', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134020

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