Die Erforschung des immer noch rätselhaften, schwierigen Odenwald-Namens ist das Thema dieser sprachwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Untersuchung. Zunächst einmal wird erarbeitet, dass am meisten für die Deutung ‚Odin geweihter Wald‘, also eine Benennung nach dem germanischen Gott spricht. Durch vertiefte Analysen wird sich aber ergeben, dass im Wort Odin das Wort Wasser und auch die Bezeichnung der Wassermutter Europas enthalten sind. Deshalb ist der Odenwald überraschend als "Quellenwald" zu lesen.
Der Autor wird zunächst die bisherigen Erklärungsversuche sichten und z. B. auch eine römische Benennung des Gebirges in Erwägung ziehen. Nach Überprüfung der urkundlich überlieferten Wortformen gelangt er mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Benennung nach dem germanischen Gott. Für die Übertragung der nordischen Form ‚Odin‘ nach Süddeutschland werden die Kimbern ausfindig gemacht. Dies zeigen römische Weiheinschriften. Weitere Belege in naheliegenden Orts- und Bergnamen sichern die Interpretation ab. Im Odenwald selbst finden sich Kultorte Wodans und Spuren germanischer Haine.
Ist bis dahin bereits eine Argumentationslinie für die Deutung des Namens gefunden, so bleibt der Autor nicht bei diesem Ergebnis stehen. In den Kapiteln 4 und 5 skizziert er den matriarchalen Ursprung im Namen und die Spaltung der Religiosität, die durch die Indoeuropäisierung Alteuropas erfolgt ist. Im gedanklich entscheidenden 6. Kapitel wird dann herausgearbeitet, dass ein indoeuropäisches Wort für Wasser im Namen Odins enthalten ist. Darüber hinaus kann die These aufgestellt werden, dass der Name der alten Wassermutter Europas, der uns im Wort ‚Donau‘ überliefert ist, eine weitere sprachliche Wurzel darstellt. Der Autor interpretiert den Namen Odin daher als maskulinisierte Transformation des Namens der alteuropäischen Wassermutter Dana.
Denn der Odenwald steht in der Tradition des europäischen Quellenkultes, der aus der Kelten- und Römerzeit überliefert ist. Nachgewiesenermaßen existieren im Gebirge zehn Quellheiligtümer, wahrscheinlich sind es aber noch mehr. Sie liefern den kulturhistorischen Hintergrund für die sprachlich erarbeitete Wortanalyse, die zu der neuen Erklärung des Odenwald-Namens führt. Er ist jetzt als ‚Name der Wassermutter Dana‘ zu lesen, er ist ihr ‚Quellenwald‘.
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel: Einführung und Methodik
2. Kapitel: Bisheriges zum Namen des Odenwalds
2.1 Die urkundlichen Überlieferungen
2.2 Verschiedene Erklärungsversuche
Eine Vielfalt sprachlicher Ableitungen
Ein römischer Name des Gebirges?
3. Kapitel: Die Bedeutung ‚Odin geweihter Wald‘
3.1 Der germanische Gott Odin
Wodan oder Odin – ein Problem?
Indoeuropäischer Ursprung Odins
3.2 Verbreitung Odins/Wodans in Europa
Ortsnamen in den Nordischen Ländern
Ausbreitung nach Mittel- und Westeuropa
Auswertung der Untersuchungen
Odin auf dem Odenberg und weitere Beispiele
3.3 Wo sich Odin/Wodan im Odenwald zeigt
Die Wilde Jagd spiegelt Germanenzüge
Kultorte und Haine im Odenwald
Zwischenbilanz: Weiter zurückblicken lohnt sich
4. Kapitel: Der matriarchale Ursprung im Namen
4.1 Die Große Mutter im Odenwald
Bergheiligtümer
Sagen der ‚Weißen Frau‘
4.2 Quellheiligtümer im Odenwald
Quellenreichtum
Keltische Quellgöttinnen
Wurzeln der Quellheiligtümer
Von der Quellgöttin zur Muttergottes
5. Kapitel: Indoeuropäisierung Alteuropas
5.1 Spaltung der Religiosität
Odin will Weisheit erlangen
Indoeuropäer überlagern die Mutterreligion
5.2 Vor-germanische Göttinnen
Die Zeit: Drei Nornen an drei Quellen
Die Erde: Jörd oder Erda
Die Liebe: Freyja
6. Kapitel: Der Odenwald ein ‚Quellenwald‘
6.1 Das Wasser ist im Namen Odins enthalten
Das Wasser, die Oder und der Göttername
Wald der Wasser- und Quellengöttin
6.2 Wassermutter Europas und Odenwald
Die uranfängliche Göttin Dana
Ved-ava der Wolga-Finnen
Odin und Odenwald neu gesehen
6.3 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die etymologische Herkunft des Namens „Odenwald“ mit dem Ziel, das Rätsel seiner Bedeutung durch eine interdisziplinäre Analyse zu lösen. Die zentrale Forschungsfrage hinterfragt die populäre Deutung als „Wald des Odin“ und prüft stattdessen die Hypothese eines matriarchalen Ursprungs verbunden mit dem indogermanischen Wortstamm für Wasser.
- Kritische Aufarbeitung bisheriger Namensdeutungen
- Analyse germanischer und vor-germanischer Götterkulte
- Bedeutung von Quellheiligtümern und der Großen Mutter
- Sprachgeschichtliche Herleitung von „Odin“ und „Odenwald“
- Die Rolle der Indoeuropäisierung bei der Verdrängung der Mutterreligion
Auszug aus dem Buch
Die uranfängliche Göttin Dana
In welchem Verhältnis stehen der Wasserkult und die germanischen Götter? Wenn wir vom Animismus reden, vom Glauben an belebte und beseelte Natur, an lebendige Quellen, dann sind wir in einer sehr alten Glaubensschicht: Uno Holmberg hat für Estland klar herausgearbeitet, dass „die Anbetung des Donners ... den unmittelbaren Wasserkult verdrängen will“. Jedoch haben sich „in den Vorstellungen und Bräuchen in einigen Gegenden bis auf unsere Tage auch Spuren von der älteren Denkweise erhalten.“ Hier war es der germanische Donnergott Donar/Thor, der das Alte verdrängen wollte. An anderen Orten war es der germanische Gott Odin, der sich anheischig machte, den Glauben an die Erdgöttin zurückzudrängen, obwohl, wie es Heide Göttner-Abendroth formuliert, „die Verehrung der mütterlichen Erde Jahrtausende vorher bestand, als es noch keinen Odinglauben gab“. Die germanischen Götter Odin, Donar usw. wurden also erst später erfunden und mit List und Tücke gegen den alten Wasserkult oder die Verehrung der Muttergöttin gesetzt.
Dieses Wissen um die Bedeutung des Wassers und seines Ursprungs spiegelt auch die nordgermanische Mythologie in der Quelle Hvergelmir: Sie ist „die Quelle, die alle Flüsse der Welt mit Wasser speist. Sie liegt unter dem Weltenbaum Yggdrasil, der die Schöpfung in seiner Gesamtheit verkörpert...“ Im Hinduismus gibt es einen ähnlichen Gedanken: „Laut der indischen Mythologie wurde der Fluss [Ganges] den Menschen von der Fruchtbarkeitsgöttin Ganga geschenkt. Er verkörpert daher die Kraft der Götter und sein Wasser ist heilig.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kapitel: Einführung und Methodik: Der Autor führt in die Bedeutung von Orts- und Gebirgsnamen ein und erläutert seine methodische Herangehensweise, die auf dem Verständnis von Kulturgeschichte durch sprachliche Analysen basiert.
2. Kapitel: Bisheriges zum Namen des Odenwalds: Es erfolgt eine Sichtung der historischen Quellen und bisherigen Deutungsansätze, wobei die wissenschaftliche Unsicherheit bezüglich der Bedeutung des Namens herausgearbeitet wird.
3. Kapitel: Die Bedeutung ‚Odin geweihter Wald‘: Das Kapitel setzt sich kritisch mit der geläufigen These auseinander, dass der Wald nach dem Gott Odin benannt sei, und untersucht dessen Rolle in der germanischen Mythologie und Ortsnamenforschung.
4. Kapitel: Der matriarchale Ursprung im Namen: Hier wird der Fokus auf vorchristliche, mutterzentrierte Kulte gelegt, wobei insbesondere Quellheiligtümer und die Verehrung der „Großen Mutter“ analysiert werden.
5. Kapitel: Indoeuropäisierung Alteuropas: Der Autor beschreibt den historischen Wandel von matriarchalen, friedlichen Bauerngesellschaften hin zu patriarchalen Strukturen durch eingewanderte Steppenvölker und die Auswirkungen auf die Religion.
6. Kapitel: Der Odenwald ein ‚Quellenwald‘: Das abschließende Kapitel führt die Erkenntnisse zusammen und stellt die These auf, dass der Name des Gebirges auf die indogermanische Wurzel für Wasser zurückgeht und Odin eine Transformation der ursprünglichen Wassermutter-Verehrung darstellt.
Schlüsselwörter
Odenwald, Odin, Wodan, Wassermutter, Dana, Quellheiligtümer, Matriarchat, Indoeuropäisierung, Ortsnamenforschung, germanische Mythologie, Wasserverehrung, Kulturgeschichte, Große Mutter, Sirona, Etymologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit widmet sich der etymologischen Erforschung des Namens „Odenwald“ und versucht, dessen bis heute umstrittene Bedeutung durch eine Kombination aus Namensforschung, Archäologie und Religionsgeschichte zu entschlüsseln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentral sind die Verbindungen zwischen dem germanischen Gott Odin/Wodan, der vorindoeuropäischen Verehrung der Großen Mutter, der Bedeutung von Quellkulten und der sprachgeschichtlichen Herleitung des Gebirgsnamens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die herkömmliche Auffassung, der Odenwald sei ein „dem Gott Odin geweihter Wald“, zu hinterfragen und die neue These zu untermauern, dass der Name seinen Ursprung in einer uralten Wasserverehrung der „Wassermutter Dana“ hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine interdisziplinäre Methode: Er sichtet historische Urkunden, analysiert die Wortgeographie von Ortsnamen, zieht mythologische Sagenbestände heran und bezieht Ergebnisse der archäologischen Forschung sowie der modernen Matriarchatsforschung ein.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der bisherigen, meist unbefriedigenden Erklärungsversuche, die Untersuchung der Verdrängung matriarchaler Religionen durch patriarchale Götterkulte und die sprachwissenschaftliche Herleitung von Odin als Wassergottheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Odenwald, Odin/Wodan, Wassermutter, Dana, Quellheiligtümer, Matriarchat, Indoeuropäisierung und Sprachgeschichtliche Herleitung charakterisiert.
Welche Rolle spielen die Quellheiligtümer im Odenwald konkret?
Der Autor führt die hohe Dichte an Quellheiligtümern im Odenwald als archäologischen und kulturhistorischen Beleg dafür an, dass die Region ein Zentrum einer uralten, vorchristlichen Wasser- und Muttergöttinnenverehrung war, die durch spätere christliche Kapellen nur überformt wurde.
Wie erklärt der Autor die Verbindung zwischen Odin und Wasser?
Durch eine etymologische Analyse zeigt der Autor, dass der Name Odin/Wodan eine Lautung für „Wasser“ enthält. Er deutet Odin als eine spätere, männliche Umformung bzw. Transformation der urursprünglichen Wasser- und Schöpfergöttin Dana.
- Arbeit zitieren
- Gert Heinz Kumpf (Autor:in), 2023, Der Name des Odenwaldes. Von Odin zur Wassermutter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1340443