Jürgen Habermas und die Öffentlichkeit – 30 Jahre später.
In seiner 1961 geschriebenen Habilitationsschrift entwickelt Jürgen Habermas – einer der großen deutschen Denker – eine tiefgehende Analyse der Öffentlichkeit und ihrer Weiterentwicklung, ihres Wandels in den letzten Jahrhunderten. Er beschreibt die historischen und theoretischen Zusammenhänge, in denen sich die aktuelle Sphäre der Öffentlichkeit, Publicity und Öffentlicher Meinung ausbilden konnte. Seine Analyse hat einige kritische Tendenzen und eine pessimistische Auffassung der Situation Anfang der 60er Jahre, trotzdem wurde das Werk viel rezipiert und kommentiert.
Bevor das Buch 1990 neu aufgelegt wurde, verfasste Habermas ein weiteres Vorwort, in dem er einige der zuvor aufgebrachten Punkte revidiert und ergänzt. Aus diesen formuliert er dann Ansätze eines theoretischen Modells der öffentlichen Deliberation.
Mit dieser Arbeit versuche ich aufzuzeigen, welche Punkte er widerlegt und welchen Einfluss diese auf sein Demokratiekonzept haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Strukturwandel der Öffentlichkeit – ein Überblick
2.1 Begriffsgeschichte ‚Öffentlichkeit’
2.2 Genese bürgerlicher Öffentlichkeit
2.3 Der Idealtypus Bürgerlicher Öffentlichkeit
2.4 Strukturwandel und Funktionswandel
2.4.1 Strukturwandel
2.4.2 Politischer Funktionswandel
2.5 Schlussfolgerungen
3. Revisionen 1990
3.1 Grundlagen privater Autonomie
3.2 Struktur der Öffentlichkeit
3.3 Legitimation der Massendemokratie
4. Demokratiekonzeption
5. Die Rolle der Zivilgesellschaft
6. Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wesentlichen Revisionen und Ergänzungen, die Jürgen Habermas in seinem Vorwort zur Neuauflage seines Werkes "Strukturwandel der Öffentlichkeit" von 1990 vorgenommen hat, um aufzuzeigen, wie diese Anpassungen seine Demokratietheorie maßgeblich beeinflusst und weiterentwickelt haben.
- Historische Analyse des Strukturwandels der Öffentlichkeit
- Kritik an der ursprünglichen pessimistischen Sichtweise des Autors
- Etablierung der deliberativen Demokratietheorie
- Rolle der Zivilgesellschaft im modernen Rechtsstaat
- Funktionswandel der Massenmedien und deren Einfluss auf den Diskurs
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Strukturwandel
Die Übernahme neuer Aufgaben von Seiten des Staates bringen die Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft zunehmend zum Aufweichen, damit ist der Raum, in dem sich die bürgerliche Öffentlichkeit bildet, nicht mehr eindeutig. Es kommt zur Ausbildung einer repolitisierten Sozialsphäre, in der keine Unterscheidungen zwischen privat und öffentlich mehr stattfinden. Mit einer zunehmenden Entwicklung hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft, konzentriert sich gesellschaftliche Macht zunehmend in der Hand einiger weniger Privatleute (vgl. Habermas 1990: 228).
Durch neue Funktionen, die der Staat übernimmt – wie zum Beispiel die Erweiterung der Sozialgesetzgebung – und somit Eingreifen des Staates in private Bereiche, verschwimmen die Sphären. Der Staat gewinnt zudem neue Funktionen, es findet ein Wandel statt, vom Ordnen zum Gestalten, hierzu zählen die schon erwähnte Sozialgesetzgebung, Eingriffe in die Konjunkturpolitik und Ausbau von Dienstleistungen (vgl. Habermas 1990: 231). Privatinteressen werden zunehmend kollektiv formuliert, um so die Meinungen auch aus einer schwächeren Position heraus äußern zu können.
Im Zuge des Kapitalismus kommt es zu einem erneuten Unterordnungsverhältnis der Lohnarbeiter unter die Kapitalisten – es entwickeln sich konkurrierende gesellschaftliche Kräfte. Der daraus resultierende Zusammenschluss in Verbänden und Gewerkschaften, kann aber nicht als Form der öffentlichen Meinung angesehen werden, da es sich hierbei um ein Delegationsprinzip handelt und nicht, wie von Habermas angestrebt, um ein deliberatives Prinzip. Auch das Rechtssystem ändert sich und genau wie die Verschmelzung gesellschaftlicher Bereiche, kommt es zu einer Verzahnung des Privatrechts mit dem öffentlichen Recht (vgl. Habermas 1990: 234/235).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Komplexität des Begriffs Öffentlichkeit ein und erläutert das Ziel der Arbeit, die theoretische Entwicklung von Jürgen Habermas’ Habilitationsschrift im Kontext der Neuauflage von 1990 aufzuarbeiten.
2. Strukturwandel der Öffentlichkeit – ein Überblick: Dieses Kapitel liefert einen Abriss über Habermas' ursprüngliche Analyse, die den historischen Aufstieg und den anschließenden Zerfall der bürgerlichen Öffentlichkeit als deliberative Instanz beschreibt.
2.1 Begriffsgeschichte ‚Öffentlichkeit’: Hier wird der etymologische Ursprung des Begriffs im 18. Jahrhundert erläutert, der die Herausbildung der Sphäre des Öffentlichen und den Aufstieg des Bürgertums markiert.
2.2 Genese bürgerlicher Öffentlichkeit: Dieses Kapitel beschreibt den Übergang von der repräsentativen Öffentlichkeit der Feudalzeit hin zu einer durch Vernunft und Publizität geprägten neuen Gesellschaftsordnung.
2.3 Der Idealtypus Bürgerlicher Öffentlichkeit: Hier wird das Habermas’sche Idealbild einer Öffentlichkeit definiert, in der Privatleute als Publikum durch öffentliches Räsonnement die bestehende Herrschaft kontrollieren.
2.4 Strukturwandel und Funktionswandel: Dieses Kapitel analysiert den Prozess, in dem die Öffentlichkeit durch Marktmechanismen und staatliche Eingriffe zunehmend in ihrem ursprünglichen Zweck ausgehöhlt wird.
2.4.1 Strukturwandel: Hierbei werden die Erosion der Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft sowie der Verlust der eigenständigen Rolle der bürgerlichen Öffentlichkeit durch kollektive Interessensgruppen beschrieben.
2.4.2 Politischer Funktionswandel: Dieses Unterkapitel untersucht, wie sich die Presse von einem unabhängigen Medium des Diskurses hin zu einem kommerziellen Instrument der Meinungsmanipulation wandelte.
2.5 Schlussfolgerungen: Dies fasst zusammen, warum eine bürgerliche Öffentlichkeit nach liberalem Modell unter den Bedingungen des modernen Sozialstaates in der ursprünglichen Form nicht mehr existieren kann.
3. Revisionen 1990: Dieses Kapitel beleuchtet die kritischen Anpassungen, die Habermas in seinem Vorwort von 1990 vornahm, um sein Konzept für die zeitgenössische Demokratietheorie zu schärfen.
3.1 Grundlagen privater Autonomie: Hier wird Habermas’ Abkehr von einem holistischen Gesellschaftsbegriff hin zu einer funktional ausdifferenzierten Sichtweise der bürgerlichen Gesellschaft analysiert.
3.2 Struktur der Öffentlichkeit: Dieses Kapitel diskutiert die Revisionen hinsichtlich der pessimistischen Einschätzung des Publikums und die Bedeutung der Medien für die öffentliche Kommunikation.
3.3 Legitimation der Massendemokratie: Hier steht die Frage im Mittelpunkt, wie in der modernen Massendemokratie durch kritische Publizität Legitimität jenseits bloßer Interessenvertretung geschaffen werden kann.
4. Demokratiekonzeption: Dieses Kapitel erläutert Habermas’ weiterentwickeltes Konzept der deliberativen Demokratie und die Abkehr von sozialistischen Idealvorstellungen zugunsten prozeduraler Diskurse.
5. Die Rolle der Zivilgesellschaft: Hier wird die zentrale Funktion zivilgesellschaftlicher Akteure als Träger nicht-staatlicher Kommunikation zur Stärkung der deliberativen Demokratie hervorgehoben.
6. Schlussteil: Dieser Schlussteil fasst die Relevanz der Habermas’schen Ansätze für die moderne Politik- und Kommunikationswissenschaft zusammen und betont seine Rolle als zeitgenössischer Denker.
Schlüsselwörter
Strukturwandel der Öffentlichkeit, Jürgen Habermas, Deliberative Demokratie, Öffentliche Meinung, Zivilgesellschaft, Kritische Publizität, Massenmedien, Politischer Funktionswandel, Rechtsstaat, Deliberation, Diskurs, Legitimität, Repolitiserung, Privatautonomie, Kommunikationswissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Standardwerk "Strukturwandel der Öffentlichkeit" von Jürgen Habermas unter besonderer Berücksichtigung der kritischen Revisionen, die der Autor für die Neuauflage 1990 verfasste.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der historische Wandel der Öffentlichkeit, die Rolle der Massenmedien, das Konzept der deliberativen Demokratie sowie die Funktion der Zivilgesellschaft im modernen Staat.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, an welchen Punkten Habermas seine ursprünglichen Thesen korrigiert hat und welchen Einfluss diese neuen Überlegungen auf seine moderne Demokratietheorie ausüben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt eine textnahe Inhaltsanalyse und vergleicht das ursprüngliche Habilitationswerk von 1962 mit den Ergänzungen und Kontextualisierungen des Vorworts von 1990.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen Überblick über den Strukturwandel, eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Revisionen von 1990, die Demokratiekonzeption und die Bedeutung der Zivilgesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Strukturwandel, Deliberation, Öffentlichkeit, Zivilgesellschaft und kritische Publizität definiert.
Wie bewertet Habermas den Einfluss der Medien im Jahr 1990 im Vergleich zu 1962?
Habermas differenziert seine Sichtweise und erkennt an, dass er das Potenzial eines aktiven Massenpublikums teils unterschätzt hatte, während er gleichzeitig vor der manipulativen Macht von Public Relations und der Medialisierung privater Belange warnt.
Warum ist die Zivilgesellschaft laut dieser Arbeit für den Rechtsstaat so wichtig?
Die Zivilgesellschaft dient als Basis für den herrschaftsfreien Diskurs und ermöglicht es, dass gesellschaftliche Interessen in den politischen Prozess einfließen, ohne vollständig vom administrativen System des Staates absorbiert zu werden.
Was bedeutet "Refeudalisierung der Öffentlichkeit" in diesem Kontext?
Dies beschreibt den Prozess, in dem Öffentlichkeit nicht mehr durch offene Debatte entsteht, sondern durch Öffentlichkeitsarbeit inszeniert wird, ähnlich wie ein Herrscher am Hofe sein Image repräsentierte.
- Arbeit zitieren
- Katharina Werner (Autor:in), 2008, Jürgen Habermas. Strukturwandel der Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134125