Die Gegenwartssatire

Kreatives Schreiben mit modernen Medien


Hausarbeit, 2008

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gegenwartssatire
2.1. Die Gegenwartssatire – Eine Begriffssuche
2.2. Die Gegenwartssatire als bloße Unterhaltungsform
2.3. Merkmale der Gegenwartssatire
2.4. Fazit

3. Kreatives Schreiben
3.1. Die Themenfindung
3.2. Stilistik und Sprache
3.3. Die Korrektur
3.3.1. Die Eigenkorrektur
3.3.2. Die Korrektur durch Erstleser

4. Das Internet als Publikationsplattform
4.1. Wie können unbekannte Autoren gelesen werden? Das Weblog
4.2. Das Weblog als Sprungbrett in die Riege bekannter Autoren?
4.3. Myspace und Co – Mitmach-Internet in Zeiten des Web
4.3.1. Myblog.de und Blogger.com
4.3.2. Neon.de und Jetzt.de
4.3.3. Myspace

5. Abschluss

6. Literaturangaben

1. Einleitung:

>>Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.<<1

Mit diesen Worten drückte es Kurt Tucholsky vor knapp neunzig Jahren aus. Die Landknechtstrommel allerdings ist veraltet, denn heutzutage ist das Tippen auf dem Computer lauter zu vernehmen als jede Trommel der Welt. Beißen, lachen und pfeifen kann die Satire jedoch wie eh und je, nur ihre Anliegen und ihr Ton haben sich verändert.

Diese Arbeit soll sich mit der Gegenwartssatire beschäftigen und dabei ihre Funktion und ihre Merkmale in den Fokus der Betrachtung rücken. Ebenfalls soll sie dieser Arbeit als Grundlage des kreativen Schreibprozesses dienen, der wiederum seine Anwendung in den modernen Medien finden wird. Ein aktuelles Thema erfordert aktuelle Darstellungsformen. Diese soll in dieser Arbeit das Internet, genauer gesagt: das Weblog sein.

Die Gegenwartssatire legt ihren Wert nicht mehr zwangsläufig auf das Verändern der Gesellschaft und der Politik, wie es die ursprüngliche Form tat. Sie ist zu einem Unterhaltungsmedium geworden und durch diese Wandlung haben sich Inhalte, Zielpublikum als auch das Autorenimage geändert.

Eine Vielzahl der heutigen Satiriker genießen einen Kultstatus, der dem eines Popstars gleichkommt, nur mit dem Unterschied, dass die Leser bzw. Zuhörer ihrer Pubertät bereits entsprungen sind und sich zwischen Spätadoleszenz und – um es mit soziologischen Modewörtern auszudrücken – >>Generation Golf<< bewegen.

Diese Arbeit stellt im ersten Teil den Versuch dar, das Terrain der >> Gegenwartssatire<< zu bestimmen. Aus diesem Grund wird es nötig sein, den Blick in verschiedene Subkulturen und moderne Erscheinungsformen der Literatur schweifen zu lassen.

Die Auseinandersetzung mit den Satirikern der Gegenwart wird sich auf einige ausgewählte Autoren beschränken. Da es sich bei der Gegenwartssatire um eine aktuelle Erscheinungsform der Literatur handelt, ist die Zahl der aktiven Autoren verhältnismäßig hoch. Die Arbeit wird sich deshalb auf die erfolgreichsten Autoren dieses Genres beziehen.

Das zweite Kapitel wird sich mit dem kreativen Schreiben einer (Gegenwarts-)Satire auseinandersetzen und dabei besonders auf die Themenfindung eingehen, indem einige Techniken und Herangehensweisen vorgestellt werden. Ebenfalls sollen die nötige Sprache und Stilistik für satirisches Schreiben thematisiert werden sowie der Korrekturprozess, der sich in die selbst durchzuführende »Eigenkorrektur« und in die Fremdkorrektur durch Erstleser aufteilen wird.

Die modernen Medien – mit dem Schwerpunkt Weblogs – sollen das Anliegen des dritten Teils sein. Erörtert sollen hierbei die Fragen werden, was die Möglichkeiten und Chancen der modernen Medien sind, inwiefern sie einem unbekannten Autor helfen einen Bekanntheitsgrad zu erringen und publizieren zu können. Auch der Nutzen des Weblogs in Bezug auf die Publikation eigener Texte soll untersucht werden. In einem letzten Unterpunkt sollen einige ausgewählte Internetseiten auf ihre Funktionalität geprüft werden, dabei spielen Chancen auf Leserschaft, der persönliche Lernprozess als auch die Benutzerfreundlichkeit die entscheidenden Rollen.

2. Die Gegenwartssatire:

2.1. Die Gegenwartssatire – Eine Begriffssuche:

Die Gattung, mit der sich diese Arbeit befasst, ist Gegenstand des gegenwärtigen Literaturgeschehens. Aus diesem Grund ist es äußerst schwer , für die hier vorliegenden Autoren und Werke eine Bezeichnung zu finden, da sich eine Bezeichnung erst in den kommenden Jahren finden wird.

Es handelt sich hierbei vorrangig um Kolumnisten und Satiriker des feuilletonistischen Zeitalters, deren Publikationen vorrangig in Zeitschriften und Zeitungen zu finden sind. Das ist auch der Grund, warum sie vielen >>Kontrolleuren des Literaturbetriebs<<2 noch unbekannt sind, wie Schütz feststellt. Das hat sich mittlerweile geändert. Dennoch werden diese Autoren vielfach in der literarischen Diskussion ausgespart. Was bleibt ist ein >>interessiertes, kundiges und vor allem breites Publikum.<<3. Die Namen der Autoren, von denen in dieser Arbeit die Rede sein soll , lauten u. a. Max Goldt, Wiglaf Droste, Peter Glaser, Erwin Dietz, Thomas Gsella, Gerhard Henschel, Uwe Kopf, Markus Peichel, Klaus Bittermann oder Jürgen Roth4,5.

Thomas Ernst bezeichnet sie in seiner Abhandlung zur Popliteratur als die >>Zweite Generation der Neuen Frankfurter Schule<<6 und macht sie somit zu Erben von unter anderem Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, Friedrich Karl Waechter und Clodwig Poth.

Schütz hingegen bezeichnet sie als die Nachfahren der >>Dichter-Journalisten<<7 und proklamiert sie in seinem Titel schon als >>Tucholskys Erben<<8 beziehungsweise als >>Wiener

Wiederkehr<<9 und meint damit die Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts – die Literatur des Feuilletons, die als >>Ergebnis der Gemeinschafts- und Konkurrenzproduktion von Wien und Berlin<<10 zu sehen ist. Namentlich erwähnt er unter anderem Erich Kästner, Egon Erwin Kisch, Hans Natonek und eben Kurt Tucholsky.

>>Diese Literatur bewegt sich in der Nähe zur Politik, diese suchend oder flüchtend. Sie ist Pamphlet oder Programm, ätzende Satire oder erodierende Ironie. [...] Aber sie ist weit mehr. Das signalisiert ihre Vielfalt, das Changieren zwischen Kritik und

Dialog, Chanson und Parodie, Skizze und Anekdote, Essay und Polemik, Feuilleton und Reportage.<<11

Sowohl Schütz, Ernst als auch Baßler12 ist jedoch gemein, dass sie die Autoren der Pop- und Jugendkultur zuordnen.

Die geschaffenen Werke jedoch deshalb als >>jugendkulturelle Satire<< zu bezeichnen, wäre bei Jahrgängen, die Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre das Licht der Welt erblickten, irreführend. Doch auch der Versuch sie als >>popliterarische Satire<< zu betiteln, wäre – mit Blick auf die Autoren und den aktuellen Diskurs zu der Popliteratur – nicht die optimale Lösung. Zumal sich nicht ausnahmslos alle Satiriker dieser Gattung mit Popkultur beschäftigen. Dennoch: Ende der achtziger Jahre wäre das noch eine durchaus vorstellbare Begrifflichkeit gewesen, aber in >>den neunziger Jahren kippte der Begriff der Popliteratur<<13. Die subversive Kraft und Fortschrittlichkeit ging verloren. Denn galt die Popliteratur bisher als >>Programm einer Außenseiterszene, die sich auf die populäre Kultur bezog und darauf Versatzstücke für die eigene Identität ableitete, so ging nun der rebellische Gestus verloren. Popliteratur wurde zu einer Unterhaltungsdienstleistung innerhalb der Kulturindustrie [...].<<14

Oder um es mit den Worten Wiglaf Drostes auszudrücken:

>>Pop ist im Gegenteil eins dieser Wörter geworden, die von der Kulturindustrie auf alles geklebt wird, das exakten Kriterien nicht genügt, aber als irgendwie-jung-und-geil auf den Markt gekloppt beziehungsweise eben gepopt werden muss<<15

Und auch Diederichsen fordert >>vom Konzept Jugendkultur mit allen angegliederten Unter-Ideen wie Pop, Underground, Dissidenz [...] zunächst mal Abschied zu nehmen<<16.

Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit der Begriff >>Gegenwartssatire<< seine Benutzung finden, da diese Form der satirischen Aufarbeitung seit den achtziger Jahren einen enormen Aufschwung erlebte und zu der aktuellsten Form der Satire zählt. Gleichwohl lässt der Begriff Definitionsspielraum für die nicht ganz so klar einzugrenzenden Formen dieser gegenwärtigen Satireform mit ihren Differenzen und Gemeinsamkeiten. Auch erlaubt er die

unterschiedlichen Ausprägungen – im Gegensatz zu dem Begriff >>popliterarische Satire<< – weiter zu fassen und ihn nicht nur auf die Autoren zu beziehen, die sich primär an Popkultur und Popmusik orientieren. Somit werden in dieser Arbeit auch Kolumnisten wie Klaus Bittermann, Jürgen Roth und Fritz Tietz zu der Gegenwartssatire gezählt. Doch was zeichnet die Gegenwartssatire aus? Das zu klären, soll das nächste Anliegen sein.

2.2. Die Gegenwartssatire als bloße Unterhaltungsform?

Ernst hält in seiner Abhandlung zur Popliteratur fest, dass die >>Neue Frankfurter Schule<<, wie er sie bezeichnet, >>immer wieder auf unterhaltende Comedy reduziert<< wurde. >>Im Unterschied dazu schreiben hier jedoch Autoren, die sich entlarvend oder polemisch kritisch mit der deutschen Politik und Kultur, den Medien oder dem Alltag auseinander setzen.<<17

Hier gilt es Ernst beizupflichten. Dennoch hat diese Form der Literatur einen unterhaltenden Wert, der auch keine untergeordnete Rolle spielt. Die Satire soll und muss unterhalten. Heutzutage mehr denn je. Das Publikum möchte unterhalten werden, wenn man Gehör finden möchte. Das ist mittlerweile auch in Untergrundkulturen wie dem Poetry-Slam angekommen, der heute vielfach durch humoristische, polemische und kuriose Beiträge dominiert wird. Zwar gibt es kritische Texte, doch sind diese meist unterhaltend aufgearbeitet.

>>Auch die Untergrund-Popliteratur hat den Zorn durch den Spaß ersetzt. Nur selten finden sich hier noch Debatten oder Autoren, die die rebellischen und kritischen Wurzeln der Popliteratur bewahren und weiterentwickeln. Oft, wie z.B. bei den Poetry Slams, dient diese Literatur nur noch der Belustigung.<<18

Auch der Slammer Christian Ritter hat diese Entwicklung in seinem Text >>Schizo-Slam<<19 verarbeitet:

>>Ich weiß/ Ihr wollt den Text/ Doch wer will den Texter?/ Ihr, die Horde jenseits des Spotlights/ Seid doch nur scharf/ Auf den Rausch der Worte/ Doch den, der die Worte erdacht hat/ Verachtet ihr [...]

Wie Schweine seht Ihr aus von hier oben/ [...] Wie gierige Schweine mit Handtaschen und Bierflaschen und keinen/ Erwartungen, außer gelegentlich zu lachen/ [...] Ihr Gierigen sehnt Euch nach der schmierigen Welt/ [...] Nach Sex and Crime und dem sechsten Schlagreim/ Nach finalen Abrechnungen und hungrigen Kannibalen/ Nach Zwergen und Riesen, fiesen Tricks und fiktiven Ficks/ Nach dem ultimativen Kick, dem Seelentrip/ Nach dem Text, nicht nach dem Texter<<

Diese Entwicklung im Poetry Slam ist kongruent mit der in der Gegenwartssatire. Natürlich stehen hinter den Satirikern keine bloßen Unterhaltungskünstler, dennoch ist der Unterhaltungswert gerade ein wichtiges Faktum.

Klaus Bittermann veröffentlicht seine Polemiken über das >>Who Is Who peinlicher Persönlichkeiten<< unter dem Titel >>Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht<<. Jürgen Roth nimmt sich des >>Sprachmülls der Medien<<20 an und gab die Sammlung >>Öde Orte<< heraus, die viel Kritik wegen der drastischen Abrechnungen mit Städten und Gemeinden erntete. Gerhard Henschel gilt als der größte Gegner der BILD, Thomas Gsella ist Autor für die >>Titanic<< und veröffentlichte mehrere Gedichtbände und Wiglaf Droste gilt als der >>Kraftprotz unter den Kolumnisten<<21 – >>hemmungslos pointenverliebt, sottisensatt, ohne Scheu vor Kalauern und Geschmacklosigkeiten<<22,23. Fritz Tietz ist der Sportfachmann unter den Kolumnisten mit seiner Kolumne >>Herr Tietz macht einen weiten Einwurf<< in der FAZ, in welcher er sich mit Kuriositäten und wichtigen Ereignissen des Sports auseinandersetzt, aber auch andere Themen aufgreift, die ihm wichtig erscheinen.

Der Theoretiker, besonders im Bereich Popkultur, ist Diedrich Diederichsen, der eigentlich nicht in die Riege der Satiriker zählt. Dennoch verfasst er satirische Essays, die auf ihrem theoretischen Hintergrund beispielsweise eine Abrechnung mit der >>Unterschicht<<24 sind.

>>Von fast allen Kollegen respektiert, ja geliebt<<25, wird Max Goldt, der es wie kein zweiter schafft die >>Absurditäten und Banalitäten des Alltagslebens<<26 zu beobachten und zu karikieren. Goldt ist in dieser >>möglichst bösewichtigen Szene zum Gutewicht<<27 avanciert. Schütz begründet dies mit seiner >>leiseren Tonart, seiner eher dezenten Distanziertheit und spöttischen Milde, sanften Ironie und freundlichen Belehrung<<28.

Goldt gelingt es mit dem Aufgreifen seiner Erlebnisse, mit einem liebevollen Fingerzeig auf die Mängel der Gesellschaft zu weisen. Gold ist nicht auf >>Bloßstellen und Blamieren aus. Er wirkt durch milde Beschämung oder stille Verstörung<<29. In seiner monatlichen Kolumne der Titanic gelingt es Goldt so seit Jahren, seine Leser mit >>warmen Unterhaltungsregen und coolen Verhaltensregeln<<30 zu beliefern.

2.3. Merkmale der Gegenwartssatire:

Wie in dem Kapitel zuvor erörtert wurde, soll die Gegenwartssatire unterhalten. Das gelingt ihr, indem sie >>Phänomene des Alltagslebens in den Blickwinkel<< rückt und sich >>ironisch oder kritisch<< absetzt31. Durch den feuilletonistischen Ton gewinnt der Autor eine Überlegenheit gegenüber seines >>Opfers<<. Auf der anderen Seite wirkt die Sprache alltäglich und leicht verständlich. Dieser schmale Grat, der begangen wird, ist ebenfalls in den divergierenden Lebenswelten der Autoren wieder zu finden. So besteht ihre Lebenswelt aus Popmusik und Kultur, ihre innerliche Kindlichkeit trifft auf das zu kultivierende Individuum ihrer selbst und ihr Lebensstil ist eine Mischung Rebell und Bohème32.

<<Es ist ein Schreiben im Anspruch auf Eleganz und Glaubwürdigkeit, die zu definieren nicht möglich, die zu erfüllen aber unbedingter Prüfstein ist.<<33

Das könnte als Leitmotiv für die Autoren der Gegenwartssatire gelten. Ihre Sprache – so alltäglich wie sie klingt – zeugt doch immer wieder von äußert großer Wortgewandtheit und auch die Beobachtungen, die die Satiriker im Alltag in Zusammenhang mit der Sprache tätigen, zeugen von dieser Eleganz, die Schütz erwähnt. So ist es weniger verwunderlich, dass Goldt von dem Deutschlandradio als >>zuverlässiger Beobachter sprachlicher Verwerfungen<<34 betitelt wird und die TAZ ihn als schlendernden >>Spaziergänger im Landschaftspark der Sprache<<35 bezeichnet. Für die Zeitschrift >>Spex gilt Goldt gar als ›einer der größten deutsche Dichter‹<<36 und für Literaturtheoretiker ist Goldt ein >>begnadeter

Stilist<<37. Fehler in der Sprache entdeckt und entlarvt er. Oder wie Baßler es formuliert >>Jedes Sprachspiel, sobald es als solches ausgestellt wird, hat irgendwelche Stellen, an denen es leicht müffelt – und Goldt findet sie.<<38

>>Wirklich schön findet er [Goldt; Anmerkung A.W.] hingegen das Wort ›Rohlingspindel<, weil es aus zwei alten Begriffen – der eine erinnert an Heinz Rühmann in ›Charleys Tante<, der andere an Dornröschen – einen neuen gewinnt, der eine Lieferform für eine unbespielte CD bezeichnet<<39

>>Nicht schön ist es, wenn Kinder nichtdeutscher Eltern, bloß weil man sie nicht Ausländer nennen möchte, als ›Jugendliche mit Migrationshintergrund< bezeichnet werden<<. Die FAZ nennt den >>Migrationshintergrund<< mit Bezug auf Goldt, eine >>scheußliche Bürokratenphrase<<40

Auf einer Demonstration von Schülern, Eltern und Lehrern sah Goldt den Slogan >>Wir sind nicht die Sparschweine der Nation, Herr Schröder!<<41 Über den Bannerspruch resümiert er wie folgt:

Die Demonstranten drücken >>mit ihrem Vergleich Kind – Sparschwein genau das Gegenteil von dem aus, was sie beabsichtigen. Sie verlangen ja gerade, daß man Geld in Kinder steckt, und wollen kritisieren, daß dies nicht ausreichend geschieht. Sie wünschen eigentlich durchaus, daß Kinder Sparschweine sind, und hätten genaugenommen allenfalls zu tadeln, daß das Geld in andere Schweine Schlitze gesteckt wird [...]. Insofern ist der Satz ›Kinder sind keine Sparscheine< sachlich gar nicht falsch – die Demonstranten benutzen ihn aber in der Bedeutung ›Kinder sollten keine Sparschweine sein<, obwohl sie eigentlich meinen ›Kinder sind leider keine Sparschweine<. Das ist alles sehr interessant.<<

Ein weiteres Merkmal, von dem die Satiren der Autoren immer wieder durchsetzt sind, ist das der Popmusik. Ein Blick in die Biographien der zwei bekanntesten Vertreter bestätigt die Wichtigkeit der Musik. So ist Wiglaf Droste selbst Sänger des Spardosen-Terzetts und er veröffentlichte 1989 zusammen mit Bela B. (>>Die Ärzte<<) die Single-Vinyl >>Grönemeyer kann nicht tanzen<<, die über Weserlabel erschien. Max Goldt war Bestandteil des Pop-Duos >>Foyer des Arts<<, das in das Umfeld der Neuen Deutschen Welle zu zählen ist. So ist es wenig verwunderlich, dass sich sowohl Droste als auch Goldt immer wieder zu Popmusik äußern, sei es allgemein42 oder zu bestimmten Musikern wie Tomte43, Grönemeyer44 oder

Blumfeld45. Auch die Satire-Zeitschrift >>Titanic<< geht oft genug auf moderne Erscheinungen der Popkultur ein, die zu verstehen oftmals für junge Rezipienten leichter ist, als für ältere. So fanden sich allein in einer Ausgabe folgende Kurztexte, die sich auf Musik bzw. teilweise sehr aktuelle Thematiken und Modeerscheinungen bezogen:

>> Sagt mal, Britpopper: Wen dürfen wir nach Franz Ferdinand und den Kaiser Chiefs denn noch erwarten: The Bismarcks? Wilhelm Zwo Generator? Hermann Göring and the Mothers of Invasion?<<46

>>Ich kann mir nicht helfen. Der Hut, den Jan Delay seit neuestem zugunsten seines Funk-Images zu tragen pflegt, wirkt für mich irgendwie aufgesetzt<<47

Die Aussagen sind stimmig und für das Zielpublikum bzw. für den Popkonsumenten ohne Probleme verständlich. Natürlich bedarf es für die letzten beiden Beispiele eines Wissens über nationale und internationale Musikkünstler, aber ein großer Teil der >>älteren<< Rezipienten beschäftigt sich beruflich oder aus Interesse mit den aktuellen Musikgeschehnissen und wird so vor keinem Verständnisproblem stehen.

Allerdings werden auch immer wieder Phänomene aus der Pop- und Musikkultur aufgegriffen, die kein oder kein großes Musikwissen bedürfen:

>> Nun sag aber mal, mp3-Portal track4 (Hannover): ›Talentierte Newcomerbands ohne Plattenvertrag können mit Coke ganz groß rauskommen‹ – findest Du nicht, daß das der zweite Schritt vor dem ersten ist?<<48

>>Immer wenn ich als alter Showbusiness-Hase durch die Suburbanität schlendere, einen dieser illegalen Plakatierer mit gehetztem Blick sein schrecklich periodisches Handwerk verrichten sehe und gleichzeitig auch die beschissenen Bandnamen auf den Ankündigungen, frage ich mich immer, warum sich keine Combo einfach mal

PLAKATE ANKLEBEN VERBOTEN! nennt. Das ist catchy, und, äh, über die Funktionalität sprachen wir ja bereits<<49

In dem Artikel mit dem Titel >>Der Überwachungsstaat ist wieder da<< setzte sich der Titanic-Autor Lino Wirag mit verschieden Möglichkeiten auseinander wie >>Schäuble und seine Verfassungsschützer [...] weiterhin unsere privatesten Dateien unter die Lupe nehmen<< können:

>>Die gespeicherte Musikauswahl [auf dem MP3-Player; Anmerkung A.W.] wird genutzt, um ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen. Dadurch sollen Straftaten vorhergesagt werden: So führen Rammstein-Hörer wahrscheinlich Angriffskriege,

Tokio Hotel-Girlies belasten die Umwelt durch Nagellackgift und Fans der R&B-Sängerin Brandy fahren besoffen Auto.<<50

Wenn die Musik mal nicht thematisiert wird, dann wird zumeist aus der eigenen Erfahrungswelt berichtet. Der Alltag bietet genug Schreibanlässe mit seinen Kuriositäten und Geschmacksverirrungen. Fritz Tietz berichtet in seinen Kolumnen auch gern über seine eigene Vergangenheit. Besonders oft werden dort seine sportlichen Erlebnisse herangezogen. So erfahren seine Leser wie Tietz mit >>viel zu kurzer Leihhose und einem Paar ausgelatschter Turnschuhe<< zu den Bielefelder >>Leichathletikmeisterschaften der Schulen<< antreten musste, weil die >>Sportcracks<< >>Wagemann, Niedergerke usw.<< eine Klassenarbeit schreiben mussten. Auch das peinliche Erlebnis, dass Tietz >>dreimal die Anfangshöhe<< riss und >>höhnisches Gelächter<<51 erntete, enthält er dem Leser nicht vor.

Komik entsteht nicht allein durch sein Versagen in der Kolumne, sondern auch durch das detaillierte Aufzählen der Namen der >>Sportcracks<<. Ähnlich resümiert Tietz über seine Handballvergangenheit bei dem >>TG Schildesche<<, die ihm jedoch keine >>nennenswerten Erfolge bescherte<<. Was wenig verwunderlich war, wie Tietz meint, da die Handballer >>lieber Fußball spielten, als wie es der Trainer immer wieder vergeblich anregte<< die Wurftechnik zu verbessern.

Weiter oben wurden die Rezipienten dieser Satireformen erwähnt, doch um was für einen Personenkreis handelt es sich hierbei? Wer ist das Zielpublikum der Autoren?

Die >>hingebungsvollst behandelten Opfer ihrer Kolumnen finden sie im Umfeld ihrer Adressaten: Ökofundamentalisten und Alt-Achtundsechziger, Selbsterfahrungsunkultur und sozialdemokratischer Sparkassen-Chic, spätberufene Weißweintrinker wie jede Form der organisierten Bewegung, sei’s religiös, feministisch oder schwul.<<52

Immer wieder verspotten sie die >>Intellektuellen<<.

>>Kabarettisten. Ihre Existenz verdanken sie der merkwürdigen Erscheinung, dass es Menschen gibt, nennen wir sie ruhig vereinfachend Lehrer und Buchhändler, die zu dumm sind, abends in ein nettes Konzert zu gehen oder sich manierlich vollaufen zu lassen [...]<<53

[...]


1 Wrobel 1919: Was darf die Satire?

2 Schütz 1995, S. 103

3 Ebd.

4 Vgl. Ernst 2005, S. 56

5 Vgl. Schütz 1995, S. 103

6 Ernst 2005, S. 56-57

7 Schütz 1995, S. 101

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Schütz 1995, S. 101

11 Schütz 1995, S. 102

12 Vgl. Baßler, S. 15

13 Baßler, S. 8

14 Ebd.

15 Droste 2006, URL: http://www.taz.de/pt/2006/07/29/a0201.1/text

16 Diederichsen 1994, S. 259

17 Ernst 2005, S. 57

18 Ernst 2005, S. 83

19 Ritter 2006, S. 86

20 Ernst 2005, S. 57

21 Schütz 1995, S. 109

22 Ebd.

23 >>Du [Kardinal Ratzinger; Anmerkung A.W.] willst sein wie Jesus Christus?/ Nimm den Hammer, und dann bist du’s!/ Vergiss die langen Nägel nicht/ Denn du bist kein Leichtgewicht./ Vorbildlich für alt und jung/ Ist die Eigenkreuzigung.<< In: Droste 2007, S. 95

24 Diederichsen: Ihr geht mir am Arschgeweih

25 Schütz, 1995, S. 116

26 Ernst, 2005, S. 57

27 Schütz 1995, S. 116

28 Ebd.

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Ernst 2005, S. 90

32 >>[...] Brote mit Snofrisk essen – das ist ein relativ neuer dreieckiger Ziegenkäse aus Norwegen. [...] Es ist mitunter leicht, ein schönes Leben, sprich eine noble Existenz zu führen<<. In: Goldt 2007, S. 154 – 155.

33 Schütz 1995. S. 107

34 Deutschlandradio. In: Pressemappe Rowohlt Berlin zu Goldts Buch >>QQ<< (ohne Quellenangaben)

35 Magenau 2007

36 Schütz 1995, S. 116

37 Schütz 1995, S. 118

38 Baßler 2005, S. 20

39 NZZ am Sonntag. In: Pressemappe Rowohlt Berlin zu Goldts Buch >>QQ<< (ohne Quellenangaben)

40 Ebd.

41 Goldt 2007, S. 78

42 Vgl. Droste:

43 Vgl. Droste: Tomste mit nach du bist Deutschland?

44 Vgl. Bittermann 2007: >>Es war gar nicht so einfach, so schnell zu trinken wie ich Grönemeyer [...] vergessen wollte.<<

45 Vgl. Goldt: „Schnittblumen sind camp“

46 Titanic 4/2007, S. 11

47 Ebd.

48 Titanic 4/2007, S. 10

49 Titanic 4/2007, S. 42-43

50 Titanic 4/2007, S. 32

51 Vgl. Tietz: Meinhofs Höhenflug

52 Schütz 1995, S. 108

53 Droste 1991, S. 114

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die Gegenwartssatire
Untertitel
Kreatives Schreiben mit modernen Medien
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Institut für Sprachen)
Veranstaltung
Texte produzieren
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
42
Katalognummer
V134175
ISBN (eBook)
9783640416998
ISBN (Buch)
9783640412624
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Popliteratur, Satire, Max Goldt, Wiglaf Droste
Arbeit zitieren
Alexander Willrich (Autor:in), 2008, Die Gegenwartssatire, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134175

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